Sonderklasse (Bootsklasse)

Die Entstehung der Sonderklasse geht auf die Initiative des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. zurück. Bereits in jungen Jahren begeisterte er sich für den Segelsport, den er während seiner Besuche bei seiner Großmutter Queen Victoria in England entdeckte. Jährlich nahm er an der Cowes Week auf der Isle of Wight teil, wo ihn die Segelkultur tief beeindruckte. Inspiriert von dieser Tradition strebte Wilhelm II. später danach, eine vergleichbare Segelbewegung auch in Deutschland zu fördern und den Yachtsport gesellschaftlich zu etablieren.[1]

Am 1. Juli 1899, beim traditionellen Bierabend in Travemünde, kam es dann zu einem historischen Ereignis für den Segelsport. Carl Busley, ein deutscher Schiffsmaschinenbauingenieur schlug Kaiser Wilhelm II. vor, den deutsch-englischen Regattasport durch eine neue, kleinere und erschwinglichere Amateurklasse zu revolutionieren, welche leicht mit der Bahn oder größeren Schiffen transportiert werden konnte. Der Kaiser, welcher selbst begeisterter Segler ist, war sofort Feuer und Flamme. Noch am selben Abend zog er Cecil Quentin, ein britischer Dickschiffsegler und Schriftführer des Kaiserlichen Yacht Clubs (K.Y.C.), sowie Adolph Burmester, Vorsitzender des Deutschen Segelverbandes (DSVb) und des Norddeutschen Regattavereines (N.R.V.) als Experten hinzu.[2]

Noch im selben Jahr, am 15. September 1899, wurde in Hamburg das offizielle Gründungsdokument von Quentin, Busley und Burmester unterzeichnet. Damit war der Grundstein für den deutschen Yachtsport gelegt. Eine neue Bootsklasse war geboren – so außergewöhnlich in Konzept und Bauweise, dass sie den Namen Sonderklasse erhielt.

Sie war die erste Rennklasse überhaupt, die als internationale Klasse anerkannt und in verschiedenen Ländern nach einer einheitlichen Formel gebaut und gesegelt wurde. Damit ging die Sonderklasse in die Segelgeschichte ein.

Bauvorschriften und Klassenregeln

Der Vorsitzende des Deutschen Segler-Verbands Adolf Burmester und Schiffbauingenieur Carl Busley erarbeiteten im Jahre 1898 auf Wunsch des segelbegeisterten Kaiser Wilhelm II., die Formel für die Sonderklasseyacht. Als Vorbild für diese Klasse diente ihnen die englische 19-Fuß-Klasse.[3]

Die Formel

WL + B + T = max. 9,75 m

  • WL = Wasserlinienlänge
  • B = größte Breite
  • T = größter Tiefgang

Die Bauvorschrift

Die Bauvorschriften für diese Yachten setzten Limits beim Baupreis (zunächst max. 5100 M, im Jahr 1912 5600 M, ab 1913 durften 6100 M nicht überschritten werden), der Segelfläche (max. 51 m²), Verdrängung (min. 1830 kg), Plankendicke (min. 16 mm) Sitzraumlänge (max. 2,50 m) und Besatzung (3 Mann).

Die Sonderklasse zähle weltweit zur ersten Konstruktionsklasse.[4] Bereits im Sommer 1900, starten 15 Neubauten der Sonderklasseyachten zum Kampf um den vom Kaiser für die Klasse gestifteten Pokal. Bald schon segelten die Yachten auch in Belgien, Dänemark, Frankreich, Spanien und Deutschland gegeneinander.[3]

Die Klassenregeln

Ursprünglich durfte die Mannschaft nur aus drei "Herrenseglern" desjenigen Landes bestehen, in dem die Yacht gebaut wurde. Die Herren durften ihren Lebensunterhalt nicht durch "ihrer Hände Arbeit" verdienen, bezahlte Leute waren verboten. Ebenso waren Damen zu der Zeit bei offiziellen Regatten, nicht nur in der Sonderklasse, nicht zugelassen. Der Kieler Yacht-Club und der Eastern Yacht Club of Marblehead vereinbarten bereits 1906 deutsch-amerikanische Regatten der Sonderklasse vor der Ostküste der USA um den Roosevelt-Pokal. Bei den Segelwettbewerben der Olympischen Sommerspiele dominierten jedoch bis zum Ersten Weltkrieg dennoch die Yachten der Meter-Klassen.

Es gibt in Deutschland und Österreich nur noch wenige dieser Yachten. Besonders am Attersee und Wolfgangsee (Österreich) werden mit diesen Booten noch immer regelmäßig Regatten gefahren.

Regatta und Wettfahrten

Mit der Sonderklasse werden noch immer aktiv Klassenregatten gesegelt. Auch auf diversen Oldtimer- oder Yardstick-Regatten kann man diese schönen und eleganten Yachten bewundern.

  • Chiavenna Pokal – Österreich, Attersee (UYCAs)
  • Lilly Preis – Österreich, Attersee (UYCAs)
  • Halunk-Pokal – Österreich, Attersee (UYCAs)
  • Frühlingsregatta – Schweiz, Zürichsee
  • Cima Pokal – Österreich, Wolfgangsee (UYCWg)

Bekannte Sonderklassen

Segel-Nr. Name Baujahr Revier Werft
S Z 1 Elisabeth 1905 Bodensee Willy von Hacht
S 1 Angela 1904 Traunsee Max Oertz
S 2 Panther 1905 Attersee Max Oertz
S 5 Erlkönig 1905 Attersee Willy von Hacht
S 11 Angela IV 1907 Bodensee Max Oertz
S 12 Oh Mei Oh Mei 1911 Traunsee Engelbrecht Werft
S 18 Frigg 1910 Wolfgangsee Willy von Hacht
S 20 Maharani 1910 Chiemsee Max Oertz
S 31 Chiavenna 1910 Wolfgangsee Willy von Hacht
S 32 Freya 1906 Wolfgangsee Max Oertz
S 39 Hecht 1911 Attersee Willy von Hacht
S 41 Jugend II 1911 Attersee Engelbrecht
S 43 Wolkuse 1908 Max Oertz
S 56 Vidi II 1905 Attersee Max Oertz
S 59 Moby Dick 1912 Attersee Max Oertz
S 66 Tilly XV 1912 Starnbergersee Willy von Hacht
S 67 Lilly 1911 Attersee Naglo
S 68 Marion III 1912 Attersee Steinlechner
S 69 Hedy 1912 Willy von Hacht
S 72 Hagen 1913 Attersee Naglo
S 74 Tilly XVII 1913 Attersee Willy von Hacht
S 77 Tigra 1903 Berlin Max Oertz
S 85 Yavena 1920 Wolfgangsee Naglo
S 116 Pia 1922 Attersee Schiffsgesellschaft Attersee
S 118 Cima 1910 Wolfgangsee Wood & Mac Clure
S 125 Bibelot II 1992 Attersee
S 126 Fima 1994 Attersee Todd French
S 127 Rosenwind 1996 Wolfgangsee Haitzinger

Literatur

  • Klaus Kramer: Segeln für den Kaiser
  • Lübecker Yacht-Club (Hrsg.): Der Lübecker Yacht-Club und 100 wechselvolle Jahre. LYC Marketing, Lübeck 1998.
  • Thomas Richter, Gert Schmidleitner: Sonderklasse, die schönsten Binnenyachten. Klein Publishing, Wien 2014, ISBN 978-3-903015-01-2.

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. Klaus Kramer: Segeln für den Kaiser: die internationale Sonderklasse. 1. Auflage. Delius Klasing, Bielefeld 2003, ISBN 3-7688-1382-7.
  2. Klaus Kramer: Segeln für den Kaiser: die internationale Sonderklasse. 1. Auflage. Delius Klasing, Bielefeld 2003, ISBN 3-7688-1382-7.
  3. a b Rendezvous mit der Sonderklasseyacht „Tilly“. In: Klassiker. yacht.de, abgerufen am 27. Januar 2024.
  4. Im Gegensatz zur Einheitsklasse, bei der die Yachten baugleich sind.