Software-definierte Verteidigung
Software-definierte Verteidigung (SdV; englisch Software Defined Defense/Defence) bezeichnet einen seit den 2020er-Jahren verwendeten strategischen Begriff im sicherheits- und verteidigungspolitischen Diskurs, der eine stärkere Ausrichtung militärischer Fähigkeiten auf Software, Daten und digitale Infrastruktur beschreibt.[1][2] In diesem Verständnis wird Software nicht nur als Bestandteil einzelner Systeme betrachtet, sondern als eigenständiger Entwicklungs- und Fähigkeitsbereich, der über unterschiedliche Plattformen hinweg genutzt und aktualisiert werden kann.[3]
SdV ist nicht mit Software-defined Networking (SDN) gleichzusetzen, das einen spezifischen Ansatz zur Steuerung von Netzwerken beschreibt.
Begriffs- und Konzeptgeschichte
Als technische Vorläufer „software-definierter“ Ansätze werden in der Fachliteratur unter anderem Konzepte wie das Software Defined Radio (SDR) genannt, bei denen Funktionen von spezialisierter Hardware in softwarebasierte Komponenten verlagert werden.[4] Darüber hinaus wird in der Forschung seit längerem über „programmierbare Plattformen“ und Architekturkonzepte diskutiert, die eine Entkopplung von Hardware und Software anstreben.[5]
Der Begriff „Software-definierte Verteidigung“ wird in deutschsprachigen Quellen insbesondere im Zusammenhang mit der Modernisierung und Digitalisierung militärischer Fähigkeiten sowie mit Beschaffungs- und Entwicklungsprozessen diskutiert.[6][7]
Inhaltliche Einordnung
In Beiträgen zur SdV wird häufig betont, dass moderne militärische Systeme in zunehmendem Maße von Software abhängen, etwa für Sensorintegration, Datenverarbeitung, Kommunikation und die Koordination mehrerer Teilsysteme.[8] Als Zielsetzung wird dabei unter anderem genannt, Software in kürzeren Zyklen entwickeln und aktualisieren zu können, ohne in gleicher Weise von hardwaregebundenen Entwicklungszyklen abhängig zu sein.[9]
Als Software-Eigenschaften, die in diesem Zusammenhang angeführt werden, gelten etwa Anpassbarkeit und Portabilität; entsprechende Untersuchungen zu Portabilität und Echtzeitfähigkeit in softwaredefinierten Systemen finden sich auch in der allgemeinen Informatik-Fachliteratur.[10]
Zusammenhang mit digitalisierten Einsatzkonzepten
In der sicherheitspolitischen Literatur wird SdV teilweise im Kontext von digitalisierten Einsatz- und Führungsformen sowie von Multi-Domain-Ansätzen diskutiert, bei denen Informationsaustausch und Interoperabilität zwischen unterschiedlichen Systemen als zentrale Voraussetzung beschrieben werden.[11][12] In diesem Zusammenhang wird argumentiert, dass die Fähigkeit zur Verarbeitung großer Datenmengen und zur schnellen Anpassung softwarebasierter Komponenten die militärische Führungs- und Wirkfähigkeit beeinflussen kann.[13]
Umsetzung und Akteure in Deutschland
In Deutschland wird SdV in Positions- und Diskussionspapieren im Umfeld von Bundeswehr, Bundesministerium der Verteidigung und Verbänden der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie thematisiert.[14][15] Dabei werden u. a. Fragen der Softwareentwicklung, IT-Sicherheit, der Beschaffungsprozesse und der Architekturgestaltung angesprochen.[3]
Kritik und Grenzen
Kritische Analysen verweisen darauf, dass eine stärkere Abhängigkeit von Software auch Risiken mit sich bringt, etwa im Bereich von Lieferketten und Abhängigkeiten von Zulieferern (Software-Lieferkette).[16] Zudem wird diskutiert, dass sicherheitskritische Systeme häufig strengen Entwicklungs- und Zertifizierungsanforderungen unterliegen, was die Übertragung von Vorgehensweisen aus der zivilen Softwareentwicklung (z. B. sehr kurze Release-Zyklen) erschweren kann.[3] Weitere Punkte betreffen den Schutz vernetzter Systeme gegen Cyberangriffe sowie organisatorische und rechtliche Rahmenbedingungen von Entwicklung, Zulassung und Betrieb.[17]
Siehe auch
- Agile Softwareentwicklung
- Cyberkrieg
- Elektronische Kampfführung
- Interoperabilität
- Multi-Domain Operations
- Softwarequalität
- Systems Engineering
Weblinks
- Cyber Innovation Hub der Bundeswehr. Abgerufen am 3. November 2025.
Literatur
- PlgABw, BMVg, W. Gäbelein: Multi-Domain Operations für die Bundeswehr. Eine kurze Einführung. Planungsamt der Bundeswehr, Berlin 2023 (bundeswehr.de [PDF]).
- CIH, BWI: CIHBw Positionspapier Software Defined Defence. Cyber Innovation Hub der Bundeswehr, Berlin 2025 (cyberinnovationhub.de [PDF]).
- Whitney M. McNamara, Peter Modigliani, Tate Nurkin: Commission on Software-Defined Warfare: final report. Atlantic Council, Washington, DC 2025, ISBN 978-1-61977-365-3 (englisch, atlanticcouncil.org).
Einzelnachweise
- ↑ Software-defined Defence: Algorithms at War. Abgerufen am 3. November 2025 (englisch).
- ↑ Leistungsfähige Streitkräfte: Positionspapier fordert Software Defined Defence. 24. Oktober 2025, abgerufen am 3. November 2025.
- ↑ a b c CPM Defence Network: Software Defined Defence. Cpm communication presse marketing, 7. Dezember 2024, abgerufen am 3. November 2025.
- ↑ John Chapin: Software radio: a broad change in RF communications systems design. ACM, 2009, ISBN 978-1-60558-630-4, S. 1–1, doi:10.1145/1882486.1882487 (englisch, acm.org [abgerufen am 3. November 2025]).
- ↑ A. Lock, R. Camposano, H. Meyr: The programmable platform: does one size fit all? In: Proceedings of the conference on Design, automation and test in Europe (= DATE '01). IEEE Press, Munich, Germany 2001, ISBN 978-0-7695-0993-8, S. 226–227, doi:10.5555/367072.367192 (englisch, acm.org [abgerufen am 3. November 2025]).
- ↑ Software Defined Defence: Das Update für unsere Siegfähigkeit. BWI GmbH, 17. Februar 2025, abgerufen am 3. November 2025 (deutsch).
- ↑ IT NEWS – Software Defined Defence Schnellere Softwareentwicklung für die Bundeswehr mit der „Platform42“. In: Europäische Sicherheit & Technik. Mittler Report Verlag GmbH, 19. März 2024, abgerufen am 3. November 2025.
- ↑ Nand Mulchandani, Lt General (Ret ) John N. T. “Jack” Shanahan: Software-Defined Warfare: Architecting the DOD's Transition to the Digital Age. 6. September 2022 (englisch, csis.org [abgerufen am 3. November 2025]).
- ↑ Software-defined Defence: Algorithms at War. Abgerufen am 3. November 2025 (englisch).
- ↑ Matt Spencer, Matteo Maria Andreozzi: Real-Time Portability in Software-Defined Systems. ACM, 2023, ISBN 979-84-0070049-1, S. 177–178, doi:10.1145/3576914.3587504 (englisch, acm.org [abgerufen am 3. November 2025]).
- ↑ Multi Domain Operations. Eine kurze Einführung, hrsg. vom Planungsamt der Bundeswehr
- ↑ Multi-Domain Operations, in: Field Manual (FM) 3-0, Headquarters, Department of the Army, 01.10.2022
- ↑ Software Defined Defence, Stephan Ursuleac, Sonderveröffentlichung Handelsblatt zum Thema Sicherheit und Verteidigung, Februar 2024, Seite 9.
- ↑ Positionspapier "Software Defined Defence". Abgerufen am 3. November 2025.
- ↑ Leistungsfähige Streitkräfte: Positionspapier fordert Software Defined Defence. 24. Oktober 2025, abgerufen am 3. November 2025.
- ↑ Alexandra Paulus: Eine Achillesferse moderner Streitkräfte: Risiken der Software-Lieferkette und Schutzmöglichkeiten. Stiftung Wissenschaft und Politik, German Institute for International and Security Affairs, Oktober 2025, doi:10.18449/2025s14 (swp-berlin.org [abgerufen am 3. November 2025]).
- ↑ Alexandra Paulus: Eine Achillesferse moderner Streitkräfte: Risiken der Software-Lieferkette und Schutzmöglichkeiten. Stiftung Wissenschaft und Politik, German Institute for International and Security Affairs, Oktober 2025, doi:10.18449/2025s14 (swp-berlin.org [abgerufen am 3. November 2025]).