Simon Biesheuvel

Simon Biesheuvel (* 3. April 1908 in Rotterdam; † 3. Juni 1991 in Johannesburg) war ein südafrikanischer Psychologe und emeritierter Professor der Witwatersrand-Universität.[1] Er gilt als der Vater der Arbeitspsychologie in Südafrika.[2][3]

Leben

Er wurde als Ältester von vier Kindern geboren. Sein Vater musste nach dem frühen Tod seiner Frau die Erziehung der Kinder übernehmen. Obwohl der Vater nur einen einfachen Schulabschluss hatte, gelang es ihm durch harte Arbeit zu einem Manager einer internationalen niederländischen Firma aufzusteigen. Das bedingte auch, dass die Familie häufig umziehen musste; Simon Biesheuvel hatte bis zu seinen Teenagerjahren sieben Schulen in fünf Städten (u. a. Amsterdam, Rio de Janeiro, Middelburg) auf drei Kontinenten besucht. 1922 übersiedelte die Familie nach Cape Town in Südafrika. Diese häufigen Umzüge bedeuteten auch, dass er verschiedene Sprachen erlernte (darunter Flämisch, Holländisch, Französisch, Portugiesisch, Englisch und Afrikaans). Afrikaans konnte er so gut sprechen, dass er in die Rondebosh Boys High School aufgenommen wurde und dort als Präfekt arbeiten konnte. Die Abschlussprüfung (Africaans Taalbond Examination) schaffte er als landesweiter Jahrgangsbester und erhielt dafür den Onse Jan Preis. Dadurch konnte er 1927 auch mit einem B.A.-Studium an der University of Cape Town beginnen, das er 1927 mit den Hauptfächern Psychologie und Englisch abschloss. Ein Masterabschluss, ebenfalls mit Auszeichnung, folgte 1930. Danach konnte er mit einem H.B. Webb Begabgtenstipendium an der University of Edinburgh in Schottland studieren und schloss hier 1933 mit einem Ph.D. in Psychologie ab. Seine Dissertation war eine kulturübergreifende Studie über Temperament.

Er kehrte während der Weltwirtschaftskrise nach Südafrika zurück und erhielt von 1934 bis 1935 eine befristete Dozentur für Psychologie an der Universität Stellenbosch. Anschließend war er kurzzeitig als Laborassistent und Tutor an der Universität Kapstadt tätig. 1935 wurde er in Südafrika eingebürgert und zog 1936 nach Johannesburg, um eine Stelle als Dozent für Psychologie an der Witwatersrand-Universität anzutreten, diese behielt er bis 1940.

Mit dem Eintritt Südafrikas in den Zweiten Weltkrieg wurde er Leiter einer von der Regierung gegründeten Einheit innerhalb der südafrikanischen Luftwaffe, deren Aufgabe es war, Flugbesatzungskandidaten auszuwählen und für verschiedene operative Aufgaben zu klassifizieren. Die als Aptitude Test Section bekannte Einheit erweiterte ihre Aufgaben schrittweise um alle Aspekte der Betreuung und Effizienz des fliegenden Personals, darunter Ausbildung, Flugunfälle, Moral, psychische Störungen und flugmedizinische Probleme. Um ein genaues Verständnis der Einsatzbedingungen zu erhalten, erlernte er selbst das Fliegen und verbrachte auch Zeit mit Ausbildungs- und Einsatzeinheiten in Südafrika, dem Nahen Osten und Großbritannien. Auf dem Höhepunkt ihrer Aktivitäten zählte die Einheit über 80 Mitarbeiter. Die Kerndisziplin war die Arbeitspsychologie, aber die Einheit beschäftigte auch medizinisch qualifiziertes Personal, das sich um flugmedizinische Aspekte kümmerte. Nach Kriegsende half die Einheit bei Demobilisierungsproblemen. Er selbst wurde im April 1946 demobilisiert, nachdem er den Rang eines Oberstleutnants erreicht hatte.

Damals wurde von dem Rat für wissenschaftliche und industrielle Forschung (Council for Scientific and Industrial Research, CSIR) die Notwendigkeit einer Abteilung für angewandte Personalpsychologie erkannt, um den Wiederaufbau und die industrielle Entwicklung des Landes nach dem Krieg zu unterstützen. Mit Wirkung vom 1. April 1946 wurde Biesheuvel zum Leiter der neu gegründeten Abteilung mit dem Namen „Büro für Personalforschung des CSIR“ (Council for Scientific and Industrial Research) ernannt. Innerhalb von zwei Jahren wurde die Abteilung zum Nationalen Institut für Personalforschung (National Institute for Personnel Research, NIPR) des CSIR aufgewertet, dessen erster Direktor Biesheuvel war. Zunächst stützte sich das NIPR stark auf die Methoden und Verfahren, die sich in der Eignungsprüfungsabteilung bewährt hatten. Unter seiner Führung entwickelte sich das NIPR über fast 17 Jahre hinweg zu einem diversifizierten Zentrum für Grundlagen- und angewandte Forschung in den Disziplinen, die der Erforschung der Produktivität und des Wohlbefindens des Menschen am Arbeitsplatz zugrunde liegen. Seine Arbeit war aber auch von Konflikten begleitet, z. B. über eine angemessene Terminologie für schwarze Südafrikaner (Druck, die international anerkannte Bezeichnung „Afrikaner“ zu vermeiden) oder die Verhinderung der Veröffentlichung von Daten aus der Doktorarbeit eines seiner Doktoranden über die Einstellung schwarzer Beamter zum Beruf. Auch entstand eine erbitterte Debatte mit dem etablierten Afrikaans-Establishment über die südafrikanische Standardisierung der Wechsler Adult Intelligence Scale, die als Versuch interpretiert wurde, Afrikaans-Sprecher als intellektuell minderwertig zu verunglimpfen. Auch seine Freiheit, an internationalen wissenschaftlichen Tagungen, insbesondere in Afrika, teilzunehmen, wurde eingeschränkt. Zu seinem eigenen Bedauern musste er 1962 aus dem NIPR austreten. Nach seinem Ausscheiden war er stellvertretender Vorsitzender von Van Leer (South Africa) Ltd, einem niederländischen multinationalen Unternehmen im Bereich Verpackungen und Behälter. Durch diese Verbindung wurde er bis 1974 Ehrenberater für Südafrika der Bernard Van Leer Foundation in Den Haag, einer philanthropischen Organisation, die sich hauptsächlich mit der Vorschulbildung sozial benachteiligter Kinder befasst. Danach war er einige Jahre lang als Treuhänder des Cape Educational Trust tätig und verantwortlich für die Finanzierung und Verwaltung der von der Stiftung ins Leben gerufenen Early Learning Resource Unit.

In seinem Hauptberuf war er von 1963 bis 1973 als Personaldirektor im Vorstand der South African Breweries Group (SAB) tätig und blieb dort zwei Jahre über das reguläre Rentenalter hinaus. Hier baute er eine Personalabteilung auf, die auf wissenschaftlich erprobten Personalmanagementverfahren und Organisationsprinzipien basierte. Diese Zeit bot Möglichkeiten für die praktische Umsetzung und Weiterentwicklung von Verfahren und Techniken, die ihren Ursprung am NIPR hatten. Seine Initiativen und seine innovative Arbeit in der Industrie trugen maßgeblich dazu bei, die Personalpraxis in Südafrika von einer administrativen zu einer wissenschaftlich fundierten professionellen Funktion zu transformieren. Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der effektiven Nutzung schwarzer Arbeitskräfte, die den Weg für den Aufstieg schwarzer Arbeitskräfte in Fach- und Führungspositionen ebnete. Am Ende seiner Karriere, wurde er von der Witwatersrand-Universität gebeten, eine Stelle als Professor für Betriebswirtschaftslehre und Direktor der Postgraduate School of Business Administration anzunehmen. Er nahm die Stelle für einen befristeten Zeitraum von drei Jahren an, wurde später aber gebeten, noch ein weiteres Jahr zu bleiben. 1977 ging er endgültig in den Ruhestand. Seine nach 1977 veröffentlichten Artikel und Buchkapitel zeugen aber von seiner Produktivität in dieser Zeit nach seiner Pensionierung.

Werk

An der Witwatersrand-Universität begann er eine empirische Studie über die Einstellungen von Afrikanern zu westlichen ethischen Konzepten. Diese Forschung markierte den Beginn seiner lebenslangen Beschäftigung mit der Psychologie der indigenen Völker Afrikas südlich der Sahara. Weniger direkt diente sie auch als Vorläufer seines späteren Interesses an dem breiten Feld der vergleichenden Arbeitsethik, der Arbeitswerte und -einstellungen sowie der Arbeitsmotivation im Bereich der Arbeitspsychologie. Die Veröffentlichung der empirischen Daten zu afrikanischen ethischen Einstellungen wurde durch die Kriegsjahre unterbrochen und erst viel später vorgelegt.

Ein zweites wichtiges Forschungsthema war seine systematische methodologische Untersuchung zur Messung und Bewertung der Fähigkeiten und Fertigkeiten schwarzer Südafrikaner. Sein Buch „African Intelligence“ war ein internationaler Meilenstein bei der Etablierung einiger der grundlegenden methodologischen und theoretischen Prinzipien der kulturvergleichenden Forschung zur Messung intellektueller Kompetenz. Es begann als kritische Würdigung von M. Laurence Ficks einflussreicher Monographie „The educability of the South African native“[4] und entwickelte sich zu einer eigenständigen Untersuchung der grundlegenden Annahmen von Intelligenztests und ihrer Anwendung auf Rassenvergleiche. Dieses Werk gilt bis heute als Standardwiderlegung von Ficks Behauptungen, die intellektuelle Unterlegenheit südafrikanischer Schwarzer sei bewiesen.

Simon Biesheuvel gilt als einer der bedeutendsten angewandten Psychologen Südafrikas. Sein Hauptanliegen war es, durch die Anwendung seines tiefen psychologischen Verständnisses Lösungen für reale Probleme zu finden.

Ehrungen/Positionen

  • 1986: erster Empfänger der höchsten Auszeichnung des Publishers' Association of South Africa (PASA)-Preises
  • Ehrenpräsidenten auf Lebenszeit der South African Psychological Association
  • Ehrenmitglied auf Lebenszeit des Institute of Personnel Management of Southern Africa
  • Ehrenmitglied der International Association for Cross-Cultural Psychology
  • 1978: Ehrendoktor in Naturwissenschaften von der Universität Witwatersrand
  • 1977: Honorary Professional Research Fellow der University of the Witwatersrand
  • 1963: Ehrendoktor in Sozialwissenschaften der Universität von Natal
  • Präsident der South African Psychological Association (SAPA)
  • 1962: South Africa Medal der SAAAS für herausragende Beiträge zur Förderung der Wissenschaft
  • 1960: Stiftung der Biesheuvel-Medaille von den Mitarbeitern des NIPR, dessen erster Träger Biesheuvel war
  • 1956: Durban Medal der South African Association for Advancement of Science (SAAAS)
  • Mitglied der Military Division des Order of the British Empire (MBE)

Privates

Er war 54 Jahre lang verheiratet mit seiner Frau Erica (geb. Sharpley), die er 1936 an der University of Cape Town kennengelernt hatte. Aus der Ehe gingen die zwei Töchter Mary Ann (Psychologin) und Sally hervor.

Publikationen (Auswahl)

Monografien
Herausgeberschaften
  • Methods for the measurement of psychological performance: A handbook of recommended methods based on an IUPS/IBP working party. Blackwell Scientific Publications, London 1969.
Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge
  • Neutrality, relevance and accountability in psychological research and practice in South Africa. In: South African Journal of Psychology, 1991 21 (3), S. 131–140.
  • The Botanical Society and politics: a member’s comments. In: Veld and Flora, 1990, 76 (3), S. 68–69.
  • A mountaineer’s paradise revisited. In: Journal of the Mountain Club of South Africa, 1990, 93, S. 19–28.
  • Neutrality, Relevance and Accountability in Psychological Research and Practice in South Africa. In: South Africa Journal of Psychology. 1991, 21 (3) doi:10.1177/008124639102100301.
  • A Model for Preschool Education of Environmentally Disadvantaged Children in a Divided Society. In: Gajendra K. Verma; Christopher Bagley (Hrsg.): Cross-Cultural Studies of Personality, Attitudes and Cognition (S. 185–205). Springer Nature, London 1988.
  • Psychology: Science and politics. Theoretical developments and applications in a plural society. In: South African Journal of Psychology, 1987, 17 (1), S. 1–8.
  • The Maslow need-hierarchy theory: A critical reappraisal. In: Psychologia Africana, 1980, 19, 60–110.
  • The development of psychomotor skills: Cross-cultural and occupational implications. In: Journal of Cross-Cultural Psychology, 1979, 10, 271–293.
  • Free enterprise in mixed economy? In: South Africa international. 1977, 8 (2), S. 79–82
  • Work and its effect on personality development in Africans. In: Problems of transition: proceedings of the Social Sciences Research Conference 1962, Natal Univ. Press, Pietermaritzburg 1964, S. 93–101.
  • Some comments on the application of vocational guidance in West Africa. In: Educational and occupational selection in West Africa. Oxford University Press, London 1962, S. 123–126.
  • Personality tests for personnel selection and vocational guidance in Africa. In: Taylor, A. (Hrsg.): Educational and occupational selection in West Africa (S. 139–153). Oxford University Press, London 1962.
  • The measurement of African attitudes towards European ethical concepts, customs, laws, and administration of justice. In: Journal of the National Institute of Personnel Research, 1955, 6, 5–17.
  • The relationship between psychology and occupational science. In: Journal for Social Research, 1954, 5, S. 129–140.

Literatur

  • Professor Simon Biesheuvel. In: International Journal of Psychology, 1991, 26 (5), S. 683, doi:10.1080/00207599108247154.
  • Nicola Taylor: Biesheuvel, Simon. In: Kenneth D. Keith (Hrsg.): The Encyclopedia of Cross-Cultural Psychology. Wiley-Blackwell, Hoboken 2006, ISBN 978-0-470-67126-9.
  • J. McCulloch: African intelligence, sexuality and psyche. In: Colonial Psychiatry and the African Mind (S. 77–90). Cambridge University Press, Cambridge 1995.
  • D. J. W. Strümpfer: Simon Biesheuvel FRSSAf. In: Transactions of the Royal Society of South Africa, 1994, 49 (2), S. 253–255, doi:10.1080/00359199409520313.

Einzelnachweise

  1. J. M. Verster: Simon Biesheuvel (1908–1991), abgerufen am 16. Oktober 2025.
  2. Dries M. G. Schreuder: The development of Industrial Psychology at South African Universities: A historical overview and future perspective. In: SA Journal of Industrial Psychology. 2001, 27(4), (researchgate.net) abgerufen am 17. Oktober 2025.]
  3. Dries Schreuder; Melinde Coetzee: An overview of industrial and organisational psychology research in South Africa: A preliminary study (sajip.co.za), abgerufen am 17. Oktober 2025.
  4. M. Laurence Fick: The educability of the South African native. South African Council for Educational and Social Research (SAERA), Pretoria 1939.