Silberaltar (Baptisterium San Giovanni)

Der Silberaltar aus dem Baptisterium San Giovanni in Florenz ist ein herausragendes Werk der Goldschmiedekunst, das Merkmale aus italienischer Renaissance und Gotik vereint. Er befindet sich heute in der „Sala del Tesoro“ des Museo dell’Opera di Santa Maria del Fiore in Florenz. Das Werk ist dem Schutzpatron der Stadt, Johannes dem Täufer, gewidmet und stellt Szenen aus dessen Leben dar.

Entstehung

Die Entstehung des Silberaltars erstreckte sich über einen ungewöhnlich langen Zeitraum von über 100 Jahren, von 1367 bis etwa 1482.[1] Der Auftraggeber war die Arte di Calimala, eine bedeutende Zunft in Florenz, die für die künstlerische Ausstattung des Baptisteriums San Giovanni zuständig war. Die Arbeiten begannen 1367 mit der Altarfront, wurden jedoch aufgrund anderer Projekte der Calimalazunft, wie den beiden von Lorenzo Ghiberti für das Baptisterium geschaffenen Bronzetüren, verzögert und schließlich eingestellt. Erst 1477 beschloss die Dombauhütte, die fehlenden Seitenteile zu ergänzen und das Werk zu vollenden.[2]

Beteiligte Künstler

Aufgrund der langen Entstehungszeit waren mehrere bedeutende Goldschmiede und Künstler an der Fertigstellung des Altars beteiligt. Zu den frühen Künstlern, die an der Altarfront arbeiteten, gehören Leonardo di Ser Giovanni und Betto di Geri, wobei Leonardo di Ser Giovanni als Hauptkünstler der acht frontalen Reliefs gilt. Weitere frühe Mitwirkende waren Michele di Monte und Cristofano di Paolo.

Für die späteren Seitenreliefs, die ab 1477 entstanden, waren Andrea del Verrocchio, Antonio Pollaiuolo, Bernardo Cennini, Antonio di Salvi und Francesco di Giovanni verantwortlich. Verrocchio fertigte Relief mit der Enthauptung Johannes des Täufers, Pollaiuolo das Relief der Geburt Johannes des Täufers, Cennini das Relief der Verkündigung an Zacharias und Mariä Heimsuchung, und Antonio di Salvi und Francesco di Giovanni gemeinsam das Gastmahl des Herodes.[3] Die 62 cm große zentrale Hauptfigur des Johannes des Täufers wurde 1452 von Michelozzo di Bartolomeo geschaffen.

Beschreibung und Funktion

Der Silberaltar misst 115,7 cm in der Höhe, 268,4 cm in der Breite und 71,3 cm in der Tiefe, wiegt etwa 200 kg Silber und ist mit über 1.050 emaillierten Platten verziert.[4] Er besteht aus einer zentralen Nische mit der Figur Johannes des Täufers und zwölf Reliefs, welche die drei Schauseiten der Mensa verzieren. Diese Reliefs haben einheitliche Maße von etwa 30 cm Höhe und 42 cm Breite und sind durch ein architektonisches Rahmengerüst mit Fialen, Balustraden, Strebepfeilern, Säulen und Galerien mit Figuren von Heiligen und Propheten gegliedert.

Ursprünglich diente die Silberfront als Antependium des steinernen Altars im westlichen Chor des Baptisteriums. Später wurde sie auf einen beweglichen Altar in der Mitte des Baptisteriums verlagert und nur zweimal im Jahr, am Fest des Schutzpatrons, am 24. Juni und am Feiertag der Taufe Christi, am 13. Januar, ausgestellt, um den Reichtum und die Macht der Stadt Florenz zu demonstrieren. Nach der Vervollständigung der Seitenwände im späten 15. Jahrhundert wurde der Silberaltar zu einem eigenständigen Altar. Seit 1892 befindet sich der Silberaltar in der Schatzkammer, der Sala del Tesoro, des Dommuseums von Florenz, wo er dauerhaft ausgestellt ist.[5]

Leserichtung der Reliefs

Trotz der thematischen Anordnung der Reliefs nach dem Leben Johannes des Täufers gibt es in der Forschung keine eindeutige und allgemeingültige Leserichtung des Zyklus. Während die chronologische Abfolge der dargestellten Ereignisse prinzipiell gegeben ist, erschwert die über lange Zeit verteilte Entstehung durch verschiedene Künstler und die spätere Umgestaltung des Altars eine durchgängige ikonografische Lesart. Dadurch kann die Verortung einzelner Szenen variieren, und es bestehen unterschiedliche kunsthistorische Auffassungen darüber, wie der Betrachter die Erzählung rezipieren sollte. Diese Unklarheiten spiegeln die komplexe Entstehungsgeschichte und die mehrfache Umgestaltung des Silberaltars wider.

Restaurierung und Veränderungen

Seit seiner Entstehung sind vier Restaurierungen des Altars dokumentiert, die von der Dombauhütte beauftragt wurden. Die erste Restaurierung fand 1892 statt, vor der Überführung in das Dommuseum. Dabei könnte es zu einer Vertauschung von den zwei übereinanderliegenden Tafeln an der Frontseite gekommen sein. Diese zeigen Johannes den Täufer vor Herodes und seine Erklärung vor den Priestern. Weitere Restaurierungen erfolgten von 1946 bis 1948 sowie nach der Hochwasserkatastrophe von 1966. Bei der letzten Restaurierung von 2006 bis 2012 wurde der Altar in etwa 1500 Einzelteile zerlegt und aufwendig gereinigt.[6] Der Altar wird heute in einer mit Stickstoff als Inertgas gefüllten Vitrine aufbewahrt, um seine Erhaltung zu gewährleisten.

Erzählzyklus über Johannes den Täufer

Der Silberaltar zeigt einen Zyklus von zwölf Reliefs, die wichtige Ereignisse aus dem Leben Johannes des Täufers darstellen. Die Relieffolge orientiert sich an der vermuteten chronologischen Abfolge der biblischen Ereignisse. Nach der von Timothy Verdon rekonstruierten Reihenfolge zeigen die Reliefs die folgenden Szenen:[7]

  1. Die Verkündigung des Engels an Zacharias und Mariä Heimsuchung
  2. Die Geburt von Johannes dem Täufer
  3. Der Heilige Johannes verlässt als Kind seine Eltern und geht in die Wüste
  4. Der Heilige Johannes predigt zu den Menschen
  5. Der Heilige Johannes tauft Jesus
  6. Der Heilige Johannes stellt Jesus den Jüngern vor
  7. Der Heilige Johannes teilt den aus Jerusalem entsandten Priestern und Leviten mit, dass er nicht der Messias ist
  8. Der Heilige Johannes in Gefangenschaft sendet seine Jünger zu Jesus
  9. Die Jünger des Heiligen Johannes fragen Jesus, ob er der Messias ist
  10. Johannes der Täufer predigt vor Herodes
  11. Die Enthauptung des Heiligen Johannes
  12. Das Gastmahl des Herodes

Einzelnachweise

  1. Timothy Verdon: La croce e l'altare d'argento del tesoro di San Giovanni. Modena 2012, S. 13.
  2. Andrea Niehaus: Florentiner Reliefkunst von Brunelleschi bis Michelangelo. München/Berlin 1998, S. 130–139.
  3. Franziska Windt: Verrocchios Enthauptung des Johannes. In: Mitteilungen des Kunsthistorischen Institutes in Florenz. Band 37, Heft 1, 1993, S. 130–139.
  4. Opera Magazine: The silver altar of San Giovanni. Masterpiece of silver, gold and enamels of Gothic and Renaissance art. 2022, abgerufen am 30. August 2024.
  5. Arnolfo: Catalogo unico dell´Opera di Santa Maria del Fiore: Antependio d'altare, detto "Altare d'argento" del Battistero. Abgerufen am 13. November 2024.
  6. Timothy Verdon, Ghigo Roli: La croce e l'altare d'argento del tesoro di San Giovanni. Modena 2012, S. 115.
  7. Timothy Verdon: The new Opera del Duomo Museum. Firenze 2015, S. 130.