Sigfrido Ranucci
Sigfrido Ranucci (* 24. August 1961 in Rom)[1] ist ein italienischer Investigativjournalist. Er ist in seinem Heimatland unter anderem bekannt als Moderator der Sendung Report des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders Rai 3.[2]
Leben und Wirken
Ranucci studierte Literaturwissenschaft an der Universität La Sapienza in seiner Heimatstadt Rom.[3] Nach dem Laurea-Abschluss begann er seine Karriere als Journalist bei der Tageszeitung Paese Sera.[4] 1989 begann er für die öffentlich-rechtliche Rundfunkgesellschaft Rai – Radiotelevisione Italiana zu arbeiten.[3] Dort war er für TG3, die Nachrichtensendung des öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramms Rai 3, und für den Spartensender Rai News tätig. Ab 1999 war er Auslandskorrespondent für Rai auf dem Balkan und in New York,[4] wo er die Berichterstattung zu den Terroranschlägen am 11. September 2001 leistete.[3]
Er hat zahlreiche investigative Rechercheprojekte durchgeführt, unter anderem über die Mafia – darunter das letzte Interview des Richters Paolo Borsellino vor dessen Ermordung –, über illegalen Abfallhandel und über die Verwendung nichtkonventioneller Waffen,[4] insbesondere die 2005 produzierte Dokumentation Fallujah la strage nascosta („Falludscha, das verborgene Massaker“), in der er die USA bezichtigte, beim Angriff und der Eroberung der irakischen Stadt Falludscha 2004 massive Kriegsverbrechen begangen zu haben. Die US-Regierung musste, nachdem sie anfänglich die Vorwürfe bestritten hatte, schließlich zugeben, bei der Eroberung chemische Waffen eingesetzt zu haben.[3]
Seit 2006 arbeitete er gemeinsam mit Milena Gabanelli für das Investigativmagazin Report auf Rai 3. Im Jahr 2017 übernahm er die Leitung der Sendung. 2024 veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel La scelta („Die Auswahl“).[4]
Seit 2021 steht Ranucci unter ständigem Polizeischutz, wie etwa 20 weitere Journalisten in Italien.[3]
Am Abend des 16. Oktober 2025 gegen 22 Uhr wurde auf Ranuccis Auto, das er vor seinem Wohnhaus in Campo Ascolano, einem Ortsteil der Stadt Pomezia im Großraum Rom, abgestellt hatte, ein Sprengstoffanschlag verübt.[5] Das Fahrzeug brannte vollständig aus, ebenso wurden das Auto von Ranuccis Tochter zerstört und ein Nachbarhaus beschädigt.[3] Personen kamen nicht zu Schaden.[2]
Der Bombenanschlag wurde am Jahrestag des Mordanschlags auf die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia im Jahr 2017 verübt. Der Journalist erklärte, er habe im Jahr zuvor bereits vor seinem Haus „zwei Kugeln aus einer P38“ gefunden. Die deutsche Pistole Walther P38 ist in Italien als Waffe bekannt, die für viele Anschläge in der Zeit des Terrorismus der 1970er Jahre (Anni di piombo, „bleierne Jahre“) verwendet wurde. Die französische Tageszeitung Le Monde ordnete das Attentat in den Kontext einer Situation der italienischen Medien ein, die sich seit dem Regierungsantritt von Giorgia Meloni drastisch verschlechtert habe und von Einschüchterung durch die Regierung in verschiedener Weise geprägt sei. In der Rangliste der Pressefreiheit hat sich die Position Italiens seit Anfang der 2020er Jahre deutlich verschlechtert; 2025 stand es auf Platz 49 und damit an drittletzter Stelle aller EU-Länder; schlechter waren nur Rumänien und Ungarn eingestuft. Ranucci sei auch innerhalb der Rai aufgrund seiner investigativen Recherche zunehmend isoliert. Meloni erklärte ihre „volle Solidarität“ mit Ranucci.[6]
Ehrungen und Auszeichnungen
Für seine investigativen Recherchen wurde Ranucci mehrfach ausgezeichnet, darunter mit den italienischen Journalismuspreisen Premio Ilaria Alpi und Premiolino.[4]
Schriften
- (mit Nicola Biondo:) Il patto. Da Ciancimino a Dell’Utri. La trattativa Stato e mafia nel racconto inedito di un infiltrato. Chiarelettere, Mailand 2010, ISBN 978-88-6190-074-5 (italienisch, 338 S.).
- Siebte, aktualisierte Neuauflage: Chiarelettere, Mailand 2022, ISBN 978-88-329-6580-3 (368 S.)
- La scelta. Bompiani, Mailand 2024, ISBN 978-88-301-0264-4 (italienisch, 324 S.).
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Sigfrido Ranucci. In: pordenonelegge.it. Abgerufen am 18. Oktober 2025 (italienisch).
- ↑ a b Anschlag auf Auto von italienischem Investigativ-Reporter. In: tagesschau.de. 17. Oktober 2025, abgerufen am 17. Oktober 2025.
- ↑ a b c d e f Agnès Rotivel: Italie : qui est Sigfrido Ranucci, le journaliste d’investigation visé par un attentat à la bombe ? In: la-croix.com. 17. Oktober 2025, abgerufen am 17. Oktober 2025 (französisch).
- ↑ a b c d e Ranucci, Sigfrido. In: Enciclopedia on line. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom. Abgerufen am 17. Oktober 2025.
- ↑ Sprengstoffanschlag auf Auto des italienischen Investigativjournalisten Sigfrido Ranucci. In: spiegel.de. 17. Oktober 2025, abgerufen am 17. Oktober 2025.
- ↑ Olivier Bonnel, Allan Kaval: L’explosion de la voiture du journaliste Sigfrido Ranucci intervient à un moment où la situation des journalistes en Italie s’est dégradée. In: lemonde.fr. 17. Oktober 2025, abgerufen am 17. Oktober 2025 (französisch).