Shinmiyangyo-Expedition

Die Shinmiyangyo-Expedition (koreanisch 신미양요 Hanja 辛未洋擾; wörtlich: Westliche Provokation im Shinmi-Jahr), in den USA Korea-Expedition genannt, war ein Angriff des US-Asiengeschwaders gegen die koreanische Festungsinsel Ganghwado im Jahr 1871.

Historischer Hintergrund

Seit der Invasion der Qing-Dynastie 1636–1637 verfolgte Korea eine strenge Isolationspolitik. Bis auf einige Grenzübergänge in Nordwestkorea und eine japanische Niederlassung bei Busan war es für Ausländer verboten, das Land zu betreten. Die Isolation war 1801 noch einmal zusätzlich verschärft worden, als ein Brief an den katholischen Bischof in Peking abgefangen wurde, in dem die koreanischen Christen um militärische Unterstützung gegen religiöse Verfolgung baten.[1] Im Jahr 1866 war die General Sherman, ein zum Handelsschiff umfunktioniertes Panzerschiff aus dem Sezessionskrieg, während einer Fahrt auf dem Taedong-Fluss verschwunden. Bereits zuvor hatten amerikanische Marineoffiziere gezielte Provokationen vorgenommen, indem sie die koreanischen Küstengewässer mit Kriegsschiffen befuhren und damit die Souveränität des Landes verletzten.[2]

Koreanische Regierungsbeamte hatten wiederholt Briefe an den amerikanischen Botschafter in China geschickt, in denen sie gegen das Eindringen amerikanischer Schiffe in koreanisches Hoheitsgebiet protestierten und den Botschafter darüber informierten, dass die General Sherman auf Grund gelaufen war und ihre Besatzung Zivilisten beschossen hatte, die sich dem Schiff näherten. Im daraufhin ausgebrochenen Gefecht sei das Schiff versenkt und die Besatzung getötet worden.[3] Der Gouverneur der Insel Ganghwado schickte als Entschädigungsangebot Nutztiere und Eier, was der amerikanische Botschafter als unzureichend und beleidigend betrachtete und daher zurückwies. Nachdem ein Ultimatum für eine offizielle Entschuldigung seitens der koreanischen Behörden verstrichen war, erhielt die amerikanische Marine den Auftrag für eine Strafexpedition.

Erstes Aufeinandertreffen

Das amerikanische Kontingent bestand aus etwa 650 Soldaten, 500 Seeleuten und 100 Marines, sowie fünf Kriegsschiffe:[4] die Colorado, die Alaska, die Palos, die Monocacy, und die Benicia. Auf der Colorado waren Konteradmiral John Rodgers, und Frederick F. Low, der US-Botschafter in China eingeschifft.[5] Die koreanischen Truppen, unter denen sich auch Angehörige der "Tigerjäger"[6] befanden, wurden von General Eo Jae-yeon angeführt.

Den Amerikanern gelang es Ende Mai 1871 zunächst, friedlichen Kontakt zur Bevölkerung der Insel Ganghwado aufzunehmen. Als sie gegenüber den hinzugekommenen Beamten nach der General Sherman fragten, versuchten diese, dem Gespräch auszuweichen, um eine erneute Entschädigungsforderung zu vermeiden. Die Amerikaner versicherten, dass sie ausschließlich in friedlicher Absicht gekommen seien und nun die Gegend erkunden wollten. Dies wurde wiederum von den koreanischen Beamten als Drohung aufgefasst, da die Insel in der Mündung des Han-Flusses lag. Gemäß den koreanischen Gesetzen war das Befahren dieses Flusses, der direkt in die Hauptstadt Hanyang und somit zum königlichen Palast führte, für ausländische Schiffe verboten. Zur Durchsetzung des Verbots waren auf Ganghwado mehrere Festungen errichtet worden.[7] Die Beamten untersagten den Schiffen daher die Weiterfahrt und diese zogen sich fürs Erste zurück.[8]

Am 1. Juni beschoss die Besatzung einer koreanischen Festung auf Ganghwado die amerikanischen Schiffe, als sie die Insel von Osten umfuhren und somit mutmaßlich entgegen ihrer ursprünglichen Zusage versuchten, in den Han-Fluss einzudringen. Der Beschuss verursachte keinen nennenswerten Schaden an den Schiffen, da er nach Angaben von Admiral Rodgers zu unkoordiniert erfolgte.[9] Die USA verlangten eine Entschuldigung binnen zehn Tagen. Nachdem diese ohne koreanische Antwort verstrichen, befahl Rodgers einen Vergeltungsangriff auf die Festung, aus der seine Schiffe beschossen worden waren.[10]

Schlacht von Ganghwado

Am 10. Juni eröffnete das amerikanische Geschwader die Invasion mit einem Angriff auf die Choji-Garnison an der Südostspitze der Insel. Da die Verteidiger mit veralteten Waffen ausgerüstet waren, wurden sie überrannt und die amerikanischen Truppen konnten die Ostküste entlang nach Norden auf die Deokjin-Festung vorstoßen. Die dortigen Verteidiger wurden mit Artilleriefeuer am Gegenangriff gehindert und mussten die Festung aufgeben. Das Fort wurde geschleift[11] und die amerikanischen Truppen setzten ihren Marsch in Richtung der Gwangseongbo-Festung fort. In diesen Bereich hatte sich die verbleibende Besatzung der Deokjin-Festung zurückgezogen und sich dort mit weiteren koreanischen Einheiten neu gruppiert. Die Gwangseongbo-Festung war zwischen 1233 und etwa 1270 von der Goryeo-Dynastie als letzte Bastion gegen die Mongoleninvasion errichtet und seitdem immer wieder ausgebaut worden.[12] In der Nähe der Festung versuchten vereinzelte koreanische Einheiten, die Amerikaner in der Flanke zu attackieren, wurden aber erneut durch Artilleriebeschuss daran gehindert. Während des Anmarschs blieben die amerikanischen Truppen mehrmals im Unterholz stecken und hatten Ausfälle durch Hitzschlag und Sonnenstich zu beklagen.[13]

Die Festung war am 12. Juni von Süden durch amerikanische Bodentruppen belagert und die Monocacy beschoss sie von Osten mit ihren Bordgeschützen. Auf einem Hügel im Westen formierten sich ca. 550 Seeleute und 100 Marineinfanteristen und stürmten unter der Führung von Lieutenant Hugh McKee die Festung, nachdem die Schiffsartillerie das Feuer eingestellt hatte. Aufgrund der schlechteren Feuerrate ihrer Luntenschlossgewehre gegenüber den amerikanischen Hinterladern gingen die koreanischen Verteidiger in der letzten Phase des Gefechts dazu über, die Angreifer im Nahkampf mit Schwertern und Speeren zu bekämpfen.[13] Der Kommandant der Festung, General Eo, wurde von dem Gefreiten James Dougherty erschossen, anderen Berichten zufolge beging er Suizid, indem er sich selbst die Kehle durchschnitt.[13] In dem fünfzehnminütigen Gefecht fielen 243 Koreaner und drei Amerikaner. Der Adjutant von General Eo wurde verwundet und gefangen genommen. Admiral Rodgers und Botschafter Low rechneten damit, die Gefangenen als Verhandlungsmasse gegen die koreanische Regierung einsetzen zu können. Diese Hoffnung wurde jedoch enttäuscht, da der koreanische Regent Heungseon Daewongun die Gefangenen als "Feiglinge" betrachtete, die "die Amerikaner gerne behalten durften". Vor ihrer Abfahrt ließen die Amerikaner sie allerdings wieder frei.[14] Das US-Asiengeschwader ankerte noch bis zum 3. Juli vor der Insel Jakyakdo bei Chemulpo, ehe es nach China zurückfuhr.[15]

Folgen

Auch nach der deutlichen militärischen Niederlage auf Ganghwado rückte die koreanische Regierung unter Heungseon Daewongun nicht von ihrer ablehnenden Haltung gegenüber dem Ausland ab. Die Invasion hatte den Regenten vielmehr weiter in seiner Ansicht bestärkt, dass es sich bei den Amerikanern um böswillige Barbaren handelte. Er ließ daher Stelen im ganzen Land errichten, die die Bevölkerung ermahnten, dass jegliches Zugeständnis gegenüber dem Ausland als Hochverrat zu werten sei.[16] Außerdem mobilisierte er ein größeres und besser bewaffnetes Kontingent, um die Eindringlinge zurückzuschlagen. Als das US-Geschwader von den herannahenden Truppen erfuhr, beschloss es, sich nach China zurückzuziehen.[17] Obwohl die Invasion eindeutig zugunsten der USA ausgegangen war und die technologische Überlegenheit ihres Militärs gegenüber Korea demonstriert hatte, betrachtete sich die koreanische Regierung wegen des Rückzugs als Sieger. Diese Sichtweise wird zum Teil bis heute in Korea vertreten, beispielsweise vom nationalen Geschichtslehrerverband.[18]

Nach dem Vorfall kam es zu keinem weiteren Angriff auf ausländische Schiffe. 1876 schloss Korea einen Handelsvertrag mit Japan, nachdem japanische Truppen die bereits beschädigten Befestigungen auf Ganghwado besetzt und alle koreanischen Häfen blockiert hatten.[19] In den 1880er Jahren folgten ähnliche Verträge mit europäischen Staaten und den USA.

Siehe auch

Literatur

  • Gordon H. Chang: "Whose 'Barbarism'? Whose 'Treachery'? Race and Civilization in the Unknown United States-Korea War of 1871," Journal of American History, Band. 89, Nr. 4 (März 2003), S. 1331–1365 in JSTOR
  • Douglas Edward George: The Low-Rodgers Expedition: A Study in the Foundations of U.S. Policy in Korea. Hrsg.: Naval Postgraduate School. Monterey, California Juni 1988, S. 150.
  • Marion Eggert, Jörg Plassen (2023): Kleine Geschichte Koreas. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. ISBN 978-3-406-80908-8
  • Lee, Ki-baek (1984): A new history of Korea. ISBN 978-0674615762
  • Donald G. Southerton (2005): Intrepid Americans: Bold Koreans-Early Korean Trade, Concessions, And Entrepreneurship: Early Korean Trade, Concessions, and Entrepreneurship. ISBN 978-0-595-81470-1
Commons: Shinmiyangyo-Expedition – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Min-gu Yun: Hanʼguk Chʻŏnju kyohoe ŭi kiwŏn (Die Ursprünge der koreanischen katholischen Kirche) (= Hanʼguksa yŏnʼgu chʻongsŏ. Nr. 40). Chʻopʻan Auflage. Kukhak Charyowŏn, Seoul 2002, ISBN 978-89-8206-694-8, S. 46–47.
  2. Sebastien Roblin: In 1871, America 'Invaded' Korea. Here's What Happened. In: The National Interest. 18. Januar 2018, abgerufen am 14. April 2021 (englisch).
  3. Donald G. Southerton: Intrepid Americans: Bold Koreans-Early Korean Trade, Concessions, and Entrepreneurship: Early Korean Trade, Concessions, and Entrepreneurship. iUniverse, 2005, ISBN 978-0-595-81470-1, S. 23–34 (google.de [abgerufen am 14. November 2025]).
  4. Lee, Ki-baek: A new history of Korea, 1984, S. 264.
  5. Wayback Machine. Archiviert vom Original am 18. Juli 2025; abgerufen am 14. November 2025.
  6. The tiger hunters - The Korea Times. 12. Oktober 2019, abgerufen am 14. November 2025 (englisch).
  7. Christoph Nitschke: The U.S.-Korean Conflict of 1871 and Imperial Commonality in the East Asian Arena. In: Diplomatic History. Band 46, Nr. 5, 18. Oktober 2022, ISSN 0145-2096, S. 929–959, hier S. 937, doi:10.1093/dh/dhac055 (oup.com [abgerufen am 14. November 2025]).
  8. Korean History Dictionary Compilation Society: 신미양요. In: terms.naver.com. 10. September 2005, abgerufen am 6. Juni 2021 (koreanisch).
  9. "Report of Rear Admiral John Rodgers In Reports of the Secretary of the Navy and of the Postmaster General. Washington: Government Printing Office. 1871. S. 277.
  10. Ian Murray: Sewards True Folly: American Diplomacy and Strategy during “Our Little War With the Heathens,” Korea, 1871. In: Penn History Review (2011). 2011, archiviert vom Original am 18. Juli 2025; abgerufen am 14. November 2025 (englisch).
  11. The Guardian of Hanyang at the Mouth of West Sea: Ganghwado Island. Archiviert vom Original am 5. September 2025; abgerufen am 15. November 2025 (koreanisch).
  12. Cultural Heritage Administration: Gwangseongbo Fort, Ganghwa - Heritage Search. Abgerufen am 15. November 2025 (englisch).
  13. a b c Douglas Edward George: The Low-Rodgers Expedition: A Study in the Foundations of U.S. Policy in Korea. Hrsg.: Naval Postgraduate School. Monterey, California Juni 1988, S. 150.
  14. Kim Young-Sik, PhD: Association for Asia Research - The early US-Korea relations. Asianresearch.org, archiviert vom Original am 23. September 2015; abgerufen am 18. Juli 2014.
  15. Bericht von Konteradmiral John Rodgers an den amerikanischen Marineminister, 5 Juli 1871
  16. Annalen der Joseon-Dynastie, 8. Regierungsjahr von König Gojong, 25. April, Artikel 1. In: VERITABLE RECORDS of the JOSEON DYNASTY. National Institute of Korean History, abgerufen am 15. November 2025 (kor).
  17. TWE Remembers: The Korean Expedition of 1871 and the Battle of Ganghwa (Shinmiyangyo). In: Council on Foreign Relations. Abgerufen am 15. April 2021 (englisch).
  18. A Korean history for International readers: what do Koreans talk about their own history and culture? Humanist, Seoul, Korea 2010, ISBN 978-89-5862-363-2, S. 198.
  19. Peter Duus: Abacus and the Sword: The Japanese Penetration of Korea, 1895-1910 (= Twentieth Century Japan: The Emergence of a World Power). University of California Press, Berkeley, CA 1996, ISBN 978-0-520-92090-3, S. 43.