Cormoran (Schiff, 1909)
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Die Cormoran war ein Hilfskreuzer der Kaiserlichen Marine, der zu Beginn des Ersten Weltkrieges eingesetzt wurde. Es handelte sich dabei um das vom Kleinen Kreuzer Emden in den ersten Kriegstagen in der Koreastraße erbeutete russische Passagier-, Fracht- und Postschiff Rjäsan. Das 1909 bei F. Schichau gebaute Schiff gehörte ursprünglich, wie zwei ebenfalls bei Schichau gebaute Schwesterschiffe und zwei etwas kleinere, ähnliche Schiffe, zur Russischen Freiwilligen Flotte (Dobrovolny Flot).
Technik
Die Rjäsan war ein Kombischiff von 3.433 BRT. Sie verfügte über vier Ladeluken. Das Schiff war 104 m lang (Wasserlinie 99,4 m) sowie 13,7 m breit. Bei einer maximalen Verdrängung von 7.250 t betrug der Tiefgang 5,8 m. Die konstruktive Verdrängung lag bei 5.200 t. In den Kajüten der Ersten Klasse konnten 62 Passagiere, in der Zweiten Klasse 20 Passagiere und in der Dritten Klasse 100 Passagiere befördert werden. Die Besatzung bestand aus 95 Mann.
Für einen etwaigen Kriegseinsatz waren Aufstellpunkte für drei 12-cm-Geschütze und die Montage von Schienen vorbereitet, um Minen aus den Laderäumen über das Heck auslegen zu können. Die Innenräume sollten auch die Beförderung von bis zu 600 Mann Landungstruppen ermöglichen.
Die Maschinenanlage des Schiffes bestand aus einer stehenden, dreizylindrigen Verbunddampfmaschine, die 4.750 PSi leistete. Die Maschine trieb eine vierflügelige Schraube mit 5,6 m Durchmesser an. Den nötigen Dampf lieferten vier Zylinderkessel, die einen Dampfdruck von 14,4 atü erzeugten. Die Antriebsanlage beschleunigte die Rjäsan auf eine Höchstgeschwindigkeit von 15 kn. Der vorhandene Brennstoffvorrat von 2.500 t Kohle ermöglichte eine Dampfstrecke von 13.500 sm bei einer Marschgeschwindigkeit von 14 kn.
Ausrüstung in Tsingtau
Während der Ausrüstung zum Hilfskreuzer durch die Tsingtauer Werft Anfang August 1914 erhielt das Schiff eine Bewaffnung von acht 10,5-cm-L/35-Schnellfeuergeschützen. Diese stammten vom nicht mehr kriegstauglichen kleinen Kreuzer Cormoran. Für die Geschütze wurden 1.200 Schuss Munition mitgeführt. Da die Rjäsan bereits seit ihrem Bau für den Einsatz als Hilfskreuzer vorgesehen war, gingen diese Arbeiten zügig voran.
Einsatzgeschichte
Die Rjäsan lief im März 1909 auf der Schichau-Werft in Elbing vom Stapel und wurde am 30. November 1909 in Dienst gestellt. Der Frachter gehörte zur russischen Freiwilligen Flotte und wurde im Liniendienst zwischen dem Schwarzen Meer und der russischen Pazifikküste eingesetzt.[1][2] Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde die Rjäsan die erste Prise der Handelskrieg führenden Emden. Bereits am 4. August 1914 stellte diese das russische Schiff mit 80 Passagieren an Bord in der Koreastraße und brachte es nach Tsingtau, wo die kriegsmäßige Ausrüstung stattfand.
Deutscher Hilfskreuzer
Bereits am 7. August konnte das Schiff durch die Besatzung des ehemaligen Kleinen Kreuzers Cormoran, verstärkt durch die der Iltis und der Vaterland, unter dem Kommandanten der alten Cormoran, Korvettenkapitän Adalbert Zuckschwerdt, in Dienst gestellt werden. Die Besatzung des Hilfskreuzers, der den Namen Cormoran übernahm, bestand aus 22 Offizieren und 334 Mannschaften.
Am 10. August verließ der Hilfskreuzer Tsingtau, wobei ihn anfangs das Torpedoboot S 90 als Aufklärer begleitete. Die Cormoran konnte unbemerkt die chinesischen und japanischen Gewässer verlassen und erreichte mit zwei Kohlendampfern Majuro, wo ein Zusammentreffen mit dem Ostasiengeschwader sowie dem ebenfalls in Tsingtau zum Hilfskreuzer ausgerüsteten Reichspostdampfer Prinz Eitel Friedrich stattfand.
Am 27. August entließ der Befehlshaber des Kreuzergeschwaders, Vizeadmiral Maximilian von Spee, die beiden Hilfskreuzer zum Handelskrieg in australische Gewässer. Beide Schiffe begaben sich zunächst in das ihnen zugewiesene Gebiet und hielten sich vorwiegend vor Neuguinea und im Bismarck-Archipel auf. Ein ständiges Problem für die Cormoran und in noch größerem Ausmaß für die Prinz Eitel Friedrich war die Kohleversorgung. Diese konnte durch die deutschen Häfen im Schutzgebiet nur unzureichend gesichert werden, darüber hinaus bestand nur die Möglichkeit, aus deutschen oder erbeuteten Handelsschiffen zu kohlen. Am 23. September ankerte die Cormoran in Alexishafen, um einen Kohledampfer zu erwarten. Einer Entdeckung durch gegnerische Streitkräfte, die Truppen in Friedrich-Wilhelm-Hafen anlandeten, konnte entgangen werden.
Bis zum 30. September ging der Hilfskreuzer nach Yap, um die Besatzung der Planet und von Peilboot III an Bord zu nehmen.[3] In der Folgezeit wurde weiter versucht, Handelskrieg zu führen und Kohle zu erhalten, jedoch blieb beides erfolglos. Nachdem die Cormoran bis zum 12. Dezember vor der Karolineninsel Lamutrik gelegen hatte, lief sie zwei Tage später Guam an, um dort Kohle zu fassen. Der Hilfskreuzer erhielt jedoch keine ausreichende Menge, um den nächsten neutralen Hafen anlaufen zu können. Aus diesem Grund blieb für Korvettenkapitän Zuckschwerdt nur, sein Schiff internieren zu lassen.
Die Cormoran konnte während ihrer 127-tägigen Unternehmung keine Schiffe aufbringen oder versenken.
Verbleib
Nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten am 7. April 1917 verlangten die US-Behörden eine Übergabe des Schiffes. US-Marines und -Matrosen auf Guam wurden benachrichtigt und machten den alten Schraubenschoner Supply als Hilfsschiff seeklar mit dem Ziel, den nunmehr feindlichen deutschen Hilfskreuzer als Prise zu nehmen oder zu zerstören. Um die Deutschen, mit denen sie zwei Jahre lang zusammengelebt hatten, nicht zu verärgern und die Guamaner nicht unnötigem Schaden auszusetzen, baten die Amerikaner die Deutschen zunächst um eine friedliche Kapitulation. Für den Fall, dass diese sich widersetzten, wurde eine Artilleriebatterie mit drei 17,8-cm-Geschützen an der Westseite des Mount Tenjo auf das Schiff gerichtet. Bevor Kommandant Zuckschwerdt die Kapitulation ablehnte, bemerkte eine Gruppe von Matrosen der US-Marine an Deck der Supply, dass die Deutschen Vorbereitungen zur Versenkung ihres Schiffs trafen, anstatt zu kapitulieren oder zu fliehen.
Die Matrosen alarmierten die Marines, woraufhin einer der US-Amerikaner mit seinem Gewehr einen Schuss vor den Bug des deutschen Schiffes abgab. Dies war der erste Schuss der Vereinigten Staaten auf die Deutschen nach Kriegsausbruch. Der Warnschuss alarmierte die deutsche Besatzung zusätzlich und die Selbstversenkung wurde beschleunigt. Die Deutschen platzierten Sprengsätze und begannen mit der Evakuierung. Die Cormoran explodierte daraufhin und sank innerhalb von vier Minuten auf den Grund des Hafens, wo sie noch heute liegt. Die Supply beteiligte sich in der Folge an der Rettungsaktion, als sie den Rettungsbooten von der Cormoran zu Hilfe kam.
Die Berichte über das Ereignis gehen auseinander. Bekannt ist, dass neun bzw. sieben Deutsche bei der Selbstversenkung der Cormoran ums Leben kamen, entweder durch die Explosion, die das Schiff schwer beschädigte, oder durch US-amerikanische Marinesoldaten, die die Versenkung des Schiffes verhindern wollten. Sie wurden Begräbnis mit militärischen Ehren auf Guam beigesetzt. Die übrige deutsche Besatzung von 346 Mann ging in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft und wurden in das Kriegsgefangenenlager Fort Douglas in Utah[4] verbracht, bis sie nach dem Ersten Weltkrieg 1919 schließlich freigelassen wurden. Die Besatzung der Cormoran waren somit die ersten Kriegsgefangenen des Ersten Weltkrieges, die von US-Streitkräften gefangen genommen wurden.[5]
Das Wrack der Cormoran liegt 34 Meter unter Wasser auf ihrer Backbordseite im Hafen Apra und wurde 1975 aufgrund seiner Verbindung zum Ersten Weltkrieg im National Register of Historic Places der Vereinigten Staaten eingetragen,[6][7] ebenso wie das Wrack des im August 1943 versenkten japanischen Kombischiffs Tokai Maru, neben dem es liegt. Die Position ist 13° 24′ N, 144° 38′ O. Es ist einer der wenigen Orte, an denen Taucher ein Wrack aus dem Ersten Weltkrieg neben einem Schiff aus dem Zweiten Weltkrieg erkunden können.[8]
Literatur
- Erich Gröner, Dieter Jung, Martin Maass: Die deutschen Kriegsschiffe 1815–1945. Band 3: U-Boote, Hilfskreuzer, Minenschiffe, Netzleger, Sperrbrecher. Bernard & Graefe, Koblenz 1985, ISBN 3-7637-4802-4, S. 150 f.
- Hans H. Hildebrand, Albert Röhr, Hans-Otto Steinmetz: Die deutschen Kriegsschiffe. Biographien – ein Spiegel der Marinegeschichte von 1815 bis zur Gegenwart. Band 2: Schiffsbiographien von Baden bis Eber. Mundus Verlag, Ratingen, S. 196.
- Paul Schmalenbach: Die deutschen Hilfskreuzer 1895–1945. Gerhard Stalling AG, Oldenburg, Hamburg 1977, ISBN 3-7979-1877-1.
Weblinks
- Golf Dornseif, SMS Cormoran – Letzter Fluchtort Guam Naval Station (PDF; 819 kB)
- Russian Volunteer Fleet (Dobrolyot) auf theshipslist (abgerufen am 15. Juni 2012)
Fußnoten
- ↑ Kleines Konversations-Lexikon. 5. Auflage. Band 1. Brockhaus, Leipzig 1911, S. 619.
- ↑ Schichau lieferte neben der Rjäsan noch die Schwesterschiffe Orjol und Poltawa (Baunummern 829 und 830), die ab 1909 ebenfalls im Linienverkehr von Odessa am Schwarzen Meer zu den russischen Häfen im Fernen Osten dienten. Daneben baute die Werft mit der Simbirsk und der Pensa (Baunummern 832 und 833) auch zwei kleinere Schiffe von jeweils 2.700 BRT. Diese etwa 10 m kürzeren Zweischornsteiner hatten eine Passagiereinrichtung für 60 Passagiere I. Klasse, 30 II. und 120 III. Klasse, liefen 16 kn und wurden im Liniendienst zwischen Wladiwostok, Japan und Shanghai eingesetzt. Auch diese Schiffe waren für einen Einsatz als Hilfskreuzer oder Truppentransporter vorbereitet.
- ↑ Emil Huning: Der Auslandskreuzerkrieg. In: Eberhard Hendel (Hrsg.): Der Seekrieg. Der Krieg um die Kolonien. Die Kampfhandlungen in der Türkei. Der Gaskrieg. Der Luftkrieg. (= Band 4 von Der grosse Krieg 1914–1918) De Gruyter, Berlin/Boston 2020 (Original: 1922), ISBN 978-3-112-33112-5, S. 330.
- ↑ engl. Artikel über das Lager ( vom 18. Dezember 2012 im Internet Archive)
- ↑ The War Begins: The United States Navy and the German Cruiser Cormoran, 2017.
- ↑ Lt. F.A. Miller & David T. Lotz: National Register of Historic Places Inventory/Nomination: Tokai Maru. National Park Service, abgerufen am 7. Januar 2026 (englisch). und beigefügtes historisches undatiertes Foto des Schiffes und zwei Fotos des Schiffsunglücks von 1978
- ↑ National Register Information System. In: National Register of Historic Places. National Park Service, abgerufen am 9. Juli 2010 (englisch).
- ↑ SMS CORMORAN -TOKAI MARU. Micronesian Divers Association, archiviert vom am 30. September 2007; abgerufen am 27. November 2007 (englisch).