Sekundärmigration

Als Sekundärmigration wird in der Migrationsforschung das Weiterziehen eines oder mehrerer Auswanderer in ein anderes (Bundes-)Land oder einen anderen Staat bezeichnet. Die Sekundärmigration kann innerhalb eines Landes als Binnenwanderung oder grenzüberschreitend als internationale Wanderung erfolgen.[1] Der erste Migrationsvorgang, also die Auswanderung aus dem Heimatland, wird in Gegenüberstellung hierzu als Primärmigration bezeichnet.

Länder und Ländergruppen

UNHCR

Im „International Thesaurus of Refugee Terminology“ der UNHCR wurde der Begriff festgehalten, als eine freiwillige Bewegung von Migranten oder Flüchtlingen innerhalb ihres Aufnahmelandes weg von der Gemeinschaft, in der sie ursprünglich lebten.[2]

EU

Die Europäische Union definiert Sekundärmigration wie folgt: „Die Wanderung von Migranten, einschließlich Flüchtlingen und Asylbewerbern, die aus unterschiedlichen Gründen aus dem Land, in dem sie zuerst eingereist sind, abwandern, um Schutz oder dauerhafte Neuansiedlung (Niederlassung) anderswo zu suchen.“[3]

Im Zusammenhang mit dem Gemeinsamen Europäischen Asylsystem (GEAS) wird die Sekundärmigration teils enger definiert, indem die Betrachtung auf die Weiterwanderung von Flüchtlingen von einem Staat in einen anderen, um dort Asyl zu beantragen, begrenzt wird.[4] Mit irregulärer Sekundärmigration ist im GEAS das unkontrollierte Weiterziehen in andere EU-Mitgliedstaaten gemeint.[5]

Flüchtlinge werden bei Ankunft registriert und ihnen werden im Prozess der Primärmigration zur Versorgung und Unterbringung Zielorte/-regionen zugewiesen, an denen auch die Eingewöhnung erfolgen soll. Sobald sie einen Aufenthaltstitel ohne Bewegungsrestriktion erhalten haben, können sie sich im Prozess der Sekundärmigration legal in einer anderen Kommune oder einer anderen Region niederlassen oder in einen anderen Staat weiterwandern. Die Entscheidung für eine Sekundärmigration hängt stark von den Zielen der Migranten (wie z. B. Verdienstmöglichkeiten, ethnische oder familiäre Beziehungen, entstandene Bindungen während der Primärmigration) ab.[6]

Laut dem Eurodac-Bericht 2016 beantragten 30 % der 1.018.074 Asylbewerber in einem Staat der Europäischen Union Asyl, nachdem sie zuvor bereits Asyl in einem anderen Mitgliedsstaat beantragt hatten.[7] Die bevorzugten Staaten waren Deutschland (48 %) gefolgt von Frankreich (12 %) und Italien (8 %).[7]

Um einen Missbrauch zu vermeiden, sieht das Dubliner Übereinkommen vor, dass ein Asylbewerber seinen Asylantrag in dem Land der EU stellen muss, das er zuerst betritt.[8] Asylbewerber sollen in jene Länder zurückgebracht werden, wo sie zum ersten Mal in der Europäischen Union registriert und Fingerabdrücke abgenommen wurden.[9] Das Fingerabdruck-Identifizierungssystem EURODAC wird verwendet, um falsche oder mehrfache Asylanträge zu verhindern.[10]

Nordamerika

Vereinigte Staaten

Die Einwanderung in die USA besteht zu einem (kleinen) Teil aus Sekundärmigration: Im Jahr 2000 hatten 12,5 % derjenigen, die sich in den USA um eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis bewarben, unmittelbar vor ihrer Ankunft in den USA einen Wohnsitz in einem anderen Land als das, in dem sie geboren wurden. Im Vergleich zu anderen Einwanderern sind sie statistisch betrachtet höher gebildet, verdienen mehr und geben an, höhere Englischkenntnisse zu haben. Dies gilt noch stärker für diejenigen, die eine Beschäftigung als Einwanderungsgrund agaben, sowie für diejenigen, die über mehrere Länder eingewandert sind. Sie sind statistisch betrachtet geringfügig älter und mit etwas höherer Wahrscheinlichkeit mit einem ebenfalls in den USA lebenden Ehepartner verheiratet.[11]

Für das klassische Einwanderungsland USA gibt es mehrere Studien zum Ausmaß, den Gründen und Wirkungen der (Binnen-)Sekundärmigration innerhalb des Landes.[12] Mit Bezug auf die Asylpolitik wird der Begriff der Sekundärmigration als die (Binnen-)Sekundärmigration von einem US-Bundesstaat in einen anderen US-Bundesstaat verwendet (dem Begriff der secondary migration in einen anderen Bundesstaat wird der Begriff relocation für einen Umzug innerhalb eines Bundesstaates gegenübergestellt).[13]

Kanada

Für Kanada liegt eine quantitative Studie von Haan und Prokopenko vor,[14] und ein Vergleich der Sekundärmigration von Flüchtlingen mit der von Einwanderern aus wirtschaftlichen Gründen zeigt, dass die Sekundärmigration bei Flüchtlingen zwar höher ist, aber für beide Gruppen die Größe der Wegzugsstadt ähnlich wichtig für die Entscheidung zur Sekundärmigration ist, während die Größe der Zielstadt keinen Einfluss zu haben scheint.[15]

Politisches Schlagwort

In der politischen Diskussion wird insbesondere der Fall thematisiert, dass Flüchtlinge aus Sicheren Drittstaaten in ein weiteres Zielland einreisen, um dort Asyl zu beantragen. Dieser Sachverhalt wird im Englischen informell und mit negativer Konnotation auch als asylum shopping bezeichnet.[16] In der Deutschen Sprache wird davon abgeleitet Asyl-Shopping,[17] auch Asyltourismus,[18] als ein politisches Schlagwort verunglimpft, um kritisch die Auswahl eines bestimmten Staates durch Asylbewerber zu bezeichnen, welcher bessere Asylbedingungen oder höhere Sozialleistungen bietet.[19] Jakob Biazza kritisierte in der Süddeutschen Zeitung, dass der Begriff Asyltourismus „die Flucht vor Gewalt, Krieg, Folter, Verfolgung, Hunger oder Armut zur Quasi-Urlaubsreise“ umdeute.[20][21] Die Schriftstellerin Dagmar Leupold nannte die Verwendung solcher Begriffe in der ZEIT „infame Rhetorik“ und sprach von der „verrohten Sprache“ der „Hetzparolenindustrie“.[22]

Historische Definition und Beispiele

Der englische Ethnologe Robert Gordon Latham definierte in seinem 1851 veröffentlichen Werk Man and His Migrations wie folgt:[23] Solange noch unbesiedelte Gebiete auf der Erdoberfläche existieren, - solange der Migrationsstrom diese noch nicht erreicht hat -, dauert die primäre Migration an; und wenn alle Gebiete besiedelt sind, ist die primäre Migration abgeschlossen. Während dieser primären Migration befand sich der Mensch (der es als seine Aufgabe ansieht, die Erde zu unterwerfen, und dies in vollem Umfang, frühzeitig und schuldlos ausübt) im Konflikt mit physischen Hindernissen und dem Widerstand der Natur.[23] Doch nach wenigen Generationen ist alles überfüllt, so dass die Menschen ihre Grenzen auf Kosten ihrer Mitmenschen erweitern müssen: Die nun stattfindenden Migrationen sind sekundär und unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von der primären Migration: Sie verlaufen langsamer, da der Widerstand nun von Mensch zu Mensch ausgeht; sie sind gewaltsam, da die Vertreibung das Ziel ist. Sie sind partiell, erfolglos und führen entweder zur Verschmelzung verschiedener Bevölkerungsgruppen oder, je nach Fall, zu deren Ausrottung.[23] 1908 stellte Laurence Gomme fest, dass diese bereits 1841 verfasste Passage noch immer auf die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft anwendbar sei, es bliebe lediglich hinzuzufügen, dass die Wanderung des Menschen in alle Teile der Welt, wo das Leben schwierig war, aus einer großen wirtschaftlichen Notwendigkeit heraus unternommen worden sein muss und durch eine große Kraft ermöglicht wurde, die nur der Mensch besaß.[24]

Primär- und anschließende Sekundärmigration fand exemplarisch vor allem in der Konfessionsmigration statt:

  • Die Hugenottische Diaspora entstand zunächst in den protestantischen Länder Europas. Eine sekundäre Wanderung führte in das niederländische Südafrika, in die USA (Boston, New York und Charleston), in das französische Kanada und nach Russland.
  • Bei den Böhmischen Brüdern setzte die Sekundärmigration bereits um 1457 mit der Entstehung der Glaubensgemeinschaft ein und innerhalb der nächsten 200 Jahre wanderten sie in immer wieder neue Zufluchtsorte.[25]
  • Im 19. Jahrhundert kam es zu einer Auswanderung der Ruhrpolen in die Industriegebiete an Ruhr und Rhein. Diese Migration war dadurch erleichtert, dass es sich rechtlich um eine Binnenmigration handelte, da sowohl Aus- als auch Einwanderungsgebiet Teil des Königreichs Preußen waren. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs änderte sich die wirtschaftliche und politische Lage. Nun war Polen als eigener Staat entstanden und die Wirtschaftslage in Deutschland schlecht. In der Folge kam es im Laufe der 1920er Jahre einerseits zu einer Rückwanderung eines Teils der Ruhrpolen nach Polen und zu einer Sekundärmigration in die nordfranzösischen Kohlereviere von Lille und Lens.[26]

Literatur

  • Julius Becker: Flüchtlinge ohne Rechte – das Problem der Sekundärmigration in Deutschland. In: Kritische Justiz. Band 53, Nr. 4, 2020, S. 569–572, JSTOR:27140866.
  • Eda Kiriscioglu: Moving, Staying, or Returning: Risk‑taking Attitudes and Secondary Migration Aspirations. In: Journal of International Migration and Integration. Springer, 10. Oktober 2025, doi:10.1007/s12134-025-01301-w.

Einzelnachweise

  1. Nadia El-Shaarawi, Stéphanie Larchanché: Migration and Health: Challenging the Borders of Belonging, Care, and Policy. Berghahn Books, 2022, ISBN 978-1-80073-501-9, S. 5.
  2. Jean Aitchison: International Thesaurus of Refugee Terminology. Martinus Nijhoff Publishers, 2024, ISBN 978-90-04-64205-8, S. 82 (google.es [abgerufen am 7. November 2025]).
  3. Europäisches Migrationsnetzwerk: Glossar zu Asyl und Migration, Version 5.0. 2018, S. 303, abgerufen am 3. November 2025.
  4. „Kontrolle, Kurs und klare Kante muss für ganz Europa gelten!“ (Abschnitt „Was ist Sekundärmigration?“). BMI, 9. Oktober 2025, abgerufen am 6. November 2025: „Als Sekundärmigration wird bezeichnet, wenn Flüchtlinge aus sicheren Drittstaaten in ein weiteres Zielland einreisen, um dort Asyl zu beantragen.“
  5. Das Gemeinsame Europäische Asylsystem (GEAS). Bundesministerium des Inneren, archiviert vom Original am 12. Januar 2025; abgerufen am 2. November 2025 (deutsch).
  6. Birgit Glorius. Birte Nienaber: Locational Choice and Secondary Movements from the Perspective of Forced Migrants: A Comparison of the Destinations Luxembourg and Germany. In: Comparative Population Studies. Nr. 47, 11. April 2022, ISSN 1869-8980, S. 156 f. (comparativepopulationstudies.de).
  7. a b European Parliamentary Research Service: Secondary movements of asylum - seekers in the EU asylum system. (PDF) April 2017, S. 4, abgerufen am 13. August 2018 (englisch).
  8. Jim Yardley, Gaia Pianigiani: Out of Syria, Into a European Maze. New York Times, 29. November 2013, abgerufen am 25. Juni 2018.
  9. Fact Sheet on the Dublin Convention. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 25. Juni 2018.
  10. Why is EU struggling with migrants and asylum? BBC, 3. März 2016, abgerufen am 25. Juni 2018.
  11. Ayumi Takenaka: Secondary Migration: Who Re-Migrates and Why These Migrants Matter. In: migrationpolicy.org/. Migration Policy Institute, 26. April 2007, abgerufen am 6. November 2025 (englisch).
  12. Jamie Goodwin-White: The Shaping of Selection: Secondary Migration, Scale and Changing Immigrant Geographies. Hrsg.: Department of Geography California Center for Population Research University of California, Los Angeles. S. 3–8, doi:10.1002/psp.2158.
  13. Stevan M. Weine, Yael Hoffman, Norma C. Ware, Toni Tugenberg: Secondary Migration and Relocation Among African Refugee Families in the United States. In: Family Process. Band 50, Nr. 1, März 2011, S. 27–46, doi:10.1111/j.1545-5300.2010.01344.x, PMID 21361922, PMC 5322815 (freier Volltext) – (researchgate.net [abgerufen am 6. November 2025]).
  14. Michael Haan, Elena Prokokempo: Overview of Secondary Migration of Immigrants to Cannada. Pathways to Prosperity, Februar 2016, abgerufen am 4. November 2025 (englisch).
  15. Lisa Kaida, Feng Hou, Max Stick: Are refugees more likely to leave initial destinations than economic immigrants? Recent evidence from Canadian longitudinal administrative data. In: Population, Space and Place. Band 26, Nr. 5, 28. Februar 2020, doi:10.1002/psp.2316.
  16. European Commission - Migration and Home Affairs: asylum shopping. Abgerufen am 2. März 2022 (englisch).
  17. Oliver Grimm, Susanna Bastaroli: Wie verhindert man Asylshopping? Die Presse, 21. Juni 2018, abgerufen am 25. Juni 2018.
  18. Thomas Mayer, Fabian Sommavilla, Adelheild Wölfl: EU-Sondergipfel soll Asyltourismus zwischen den Staaten beenden. In: Der Standard. 21. Juni 2018, S. 4–5
  19. Asylum shopping, Glossar auf ec.europa.eu.
  20. Jakob Biazza: Wer "Transitzentren" sagt, sagt auch "Asyltourismus", Süddeutsche Zeitung, 3. Juli 2018
  21. Jakob Biazza: Als wäre Flucht eine Kreuzfahrt mit Piña colada, Die Zeit, 5. Juli 2018
  22. Dagmar Leupold: Hetzparolenindustrie, Die Zeit, 11. Juli 2018
  23. a b c Robert Gordon Latham: Man and his migrations. London : Van Voorst, London 1851, S. 155–157 (archive.org [abgerufen am 3. November 2025]).
  24. George Laurence Gomme: Folklore as an historical science. London : Methuen, 1908, S. 215 (archive.org [abgerufen am 3. November 2025]).
  25. Joachim Bahlcke: Glaubensflüchtlinge: Ursachen, Formen und Auswirkungen frühneuzeitlicher Konfessionsmigration in Europa. LIT Verlag Münster, 2008, ISBN 978-3-8258-6668-6, S. 146.
  26. Geschichte: Die Nazis lösen alle polnischen Vereine auf. In: Die Zeit. Nr. 50, 2010 (zeit.de).