Sektkellerei Schönberger

Die Sektkellerei Schönberger war eine Sektkellerei, die von der jüdischen Familie Schönberger in Mainz betrieben wurde. Die Sektproduktion begann 1906. Ab 1909 produzierte man hochwertige Sekte und Champagner für das In- und Ausland und stand in den 1920er und 1930er Jahren mit an der Spitze der deutschen Sektkellereien. 1938 wurde die Sektkellerei Schönberger arisiert und 1948 wieder an die Unternehmerfamilie zurückgegeben.

Beginn des Familienunternehmens

Abraham Schönberger eröffnete 1876 eine Weinhandlung im Eisgrubweg 7 in der Mainzer Altstadt. Bereits in den 1880er Jahren begann er mit eigenen Versuchen der Schaumweinherstellung. Seine beiden Söhne, Arthur und Eugen Schönberger, besuchten das Realgymnasium in Mainz wurden dann auf eine Mitarbeit im Familienunternehmen vorbereitet. Eugen Schönberger, der zehn Jahre älter als sein Bruder war, absolvierte eine kaufmännische Ausbildung und trat 1892 offiziell der elterlichen Weingroßhandlung Gebrüder Schönberger bei. Arthur machte sich in Frankreich mit der Herstellung von Schaumwein nach der Méthode champenoise vertraut und übernahm ab 1906 technische Aufgaben im Unternehmen. Als Abraham Schönberger 1892 starb, übernahm seine Frau Karoline als Prokuristin das Unternehmen. Eugen stieg in die Geschäftsleitung auf.

Umstieg auf Schaumweinproduktion

Karoline Schönberger schied 1902 aus dem Familienunternehmen aus und die zweite Generation der Familie Schönberger übernahm das Unternehmen. Eugen wurde 1902 Teilhaber, seine Schwester Bertha wurde die neue Prokuristin. Als Arthur 1906 in das Unternehmen einstieg, wurde der Weinhandel aufgegeben und man konzentrierte sich nun ausschließlich auf die Herstellung von Sekt, vorerst im Billigsektor. Die Sektkellerei hatte ihre technischen Anlagen in alten unterirdischen Gewölben und Keller, die sich unter den Häusern der Walpodenstraße entlang zogen. Firmenadresse war die Walpodenstraße Nr. 1, ein Wohnhaus der Familie befand sich in der Walpodenstraße Nr. 5.

1909 stieg man auf die Produktion hochwertiger Sekte und Champagner[1] um. 1911 konnte man umfangreiche neue Kellerräume dazugewinnen. 1922 benannte man das Unternehmen in Schönberger Cabinet-Sektfabrik AG um und gründete gleichzeitig eine Familien-Aktiengesellschaft, deren Aktienkapital im März 1933 1.000.000 Reichsmark betrug. Als einzige Sektkellerei einer jüdischen Inhaberfamilie konkurrierte man damals mit mehr als 100 anderen Unternehmen. Der Sektkellerei Schönberger gelang es dabei, mit dem drittgrößten Flaschenumsatz einen Spitzenplatz in der Branche zu erreichen und war eines der umsatzstärksten Sekthäuser in Deutschland.[2] Mit etwa 150 Mitarbeitern wurden jährlich circa eine Million Flaschen Sekt und Champagner produziert. Arthur starb 1931 und die Sektkellerei wurde nun von Eugen und Bertha Schönberger geleitet. Eugen Schönbergers berufliche Reputation zeigte sich auch in Aufsichtsratssitzen bei den französischen Champagnerhäusern Heidsieck & Co und Métropole-Monopole AG. Zudem war er langjähriges Mitglied der Industrie- und Handelskammer Mainz und ehrenamtlicher Handelsrichter.

Nationalsozialismus und Arisierung

Am 23. März 1933 bescheinigte die Industrie- und Handelskammer Mainz der Firma Schönberger Sekt Cabinet AG in einer Erklärung: „Die Firma ist eine der bekanntesten Sektfabriken Deutschlands, genießt einen guten Ruf und ist durchaus vertrauenswürdig.“. Aufgrund ihres guten Rufes, ihrer Umsatzstärke und auch den vielfältigen beruflichen und persönlichen Verbindungen von Eugen Schönberger blieb die Sektkellerei weitestgehend unbehelligt (allerdings erwähnt Schönberger in einem Brief seit der Machtübernahme 1933 Attacken gegen seine Firma, unter anderem auch Artikel im „Stürmer“) und konnte weiter ihren Geschäften nachgehen. Die Deutsche Bank und Disconto-Gesellschaft schrieb nach Überprüfung der Unternehmensbilanz von 1935 am 4. September 1936 an Eugen Schönberger:

„Wir empfingen die [...] Abschrift der Bilanz und sagen Ihnen für deren Übermittlung unseren Dank. Aus den uns gemachten Angaben bemerkten wir gerne, dass auch im Jahre 1935 Ihr Unternehmen eine weitere erfreuliche Vergrösserung der Umsätze zu verzeichnen hat und dass Ihre Zahlen in überzeugender Weise die gesunde und liquide Lage Ihres Hauses weitergeben.[3]

Dies änderte sich mit den Novemberpogromen 1938. Am 10. November 1938 gegen 15.00 Uhr drangen SA-Männer in die Privatwohnung in der Walpodenstraße 5 ein und zerstörten die Inneneinrichtung. Ein SA-Führer soll Eugen Schönberger mit vorgehaltener Waffe zur Firmenübergabe gezwungen haben.[4] Auch Eugen Schönberger berichtet später, am 5. Oktober 1965, in einem Brief an das Leo Baeck Institut in New York City[5] von der Bedrohung mit der Waffe durch den Gauleiter. Er sei gezwungen worden, „freiwillig“ ein Resignationsdokument zu unterschreiben.

Bei den Novemberpogromen blieben die Betriebsanlagen unangetastet, wahrscheinlich wegen ihres Wertes und der bevorstehenden Arisierung des Unternehmens. Der Kreiswirtschaftsberater Jamin setzte nach den Ereignissen am 10. November Eugen Schönberger stark unter Druck, wobei die Mainzer Industrie- und Handelskammer den Arisierungsprozess tatkräftig unterstützte. Ihm blieb nichts anderes übrig als mit dem Wiesbadener Weinhändler Wilhelm Ruthe einen Kaufvertrag abzuschließen, der danach das Unternehmen als Aufsichtsratsvorsitzender übernahm. Alle jüdischen Mitarbeiter mussten ebenfalls das Unternehmen verlassen.

Das Unternehmen firmierte weiterhin unter dem branchenbekannten Namen „Schönberger Sekt Cabinet AG“. Erst im Juli 1941 wurde die Sektkellerei in „Sektkellerei „Alt Mainz“ AG“ umbenannt.[6] Wilhelm Ruthe war zu diesem Zeitpunkt immer noch als Aufsichtsratsvorsitzender tätig.

Nachkriegszeit

Eugen Schönberger konnte bereits 1948 eine Restitution seines Unternehmens erreichen. Bereits am 15. Juli 1948 beschloss die Hauptversammlung der Sektkellerei und der neue Aufsichtsrat (dem als Vertreterin der Familie Eugen Schönbergers Nicht Edith Schönberger angehörte) die Wiederumbenennung zum alten Namen. Aufgrund eines Restitutionsvergleichs war die Familie Schönberger wieder in ihre alten Besitzrechte gekommen. Eine Restitutionskammer urteilte am 13. Dezember 1948 endgültig zu Gunsten Eugen Schönbergers. Die Spuren der Sektkellerei Schönberger verliert sich in den nächsten Jahren. An gleicher Stelle wurde 1957 die Sektkellerei Goldhand gegründet, die heute noch existiert.

Sortiment und Marke

Die Sektkellerei Schönberger belieferte in den 1920er und -30er Jahren zahlreiche Kunden im In- und Ausland. Der Standardsekt war der „Schönberger Cabinet“. Für das Kempinski-Hotel in Berlin wurde eigens der „Kempinski-Sekt“ produziert. Durch die enge Zusammenarbeit mit der Weinhändlerfamilie Sichel und Fromm in Bingen wurden auch deren Weine als „Sichel Sparklings“ oder „Fromm-Sekt“ versektet. In den Tageszeitungen großer Städte wie Berlin, Hamburg oder Leipzig wurden regelmäßig Werbeanzeigen geschaltet. Eine 1933 erstellte 17-seitige Broschüre in Deutsch, Englisch und Französisch war an die internationale Kundschaft gerichtet. Als Grundweine wurden „Hock Wein“, Riesling aus Weinlagen in Hochheim am Main, Moselweine und Muskatellerweine versektet.

1920 gestaltete der später bekannte Architekt und Designer Carl Fieger im Rahmen eines Wettbewerbs die Sektbanderole der Schönberger-Sekte. Der gewonnene Preis von 200 RM dafür wurde einvernehmlich in Sekt beglichen.[7]

Literatur

  • Markus Würz: Familie Schönberger. in: Renate Knigge-Tesche, Hedwig Brüchert (Hrsg.): Der Neue Jüdische Friedhof in Mainz. Biographische Skizzen zu Familien und Personen, die hier ihre Ruhestätte haben. Verein für Sozialgeschichte Mainz e.V. Mainzer Geschichtsblätter Sonderheft, Mainz, 2013, S. 267–273.
Commons: Sektkellerei Schönberger – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Der Begriff „Champagner“ war Anfang des 20. Jahrhunderts noch nicht geschützt
  2. Pia Nordblom: „Die Brücke von flüssigem Gold“. Weinbau in Rheinhessen in der Zeit des Nationalsozialismus. in: Andreas Wagner (Hrsg.): Weinbau in Rheinhessen. Schriften zur Weingeschichte der Gesellschaft der Geschichte des Weines Nr. 190, Wiesbaden 2016.
  3. Eugen Schönberger Collection - Schreiben der Deutschen Bank vom 4. September 1936 an Eugen Schönberger
  4. Kristallnacht in Mainz - 24-Stunden-Protokoll des Terrors, Allgemeine Zeitung Mainz vom 10. November 2023, abgerufen am 9. Dezember 2025.
  5. Eugen Schönberger Collection
  6. Eugen Schönberger Collection
  7. Werkverzeichnis Carl Fieger, Nummer 6.1 und 6.2