Sehnsucht in Sangerhausen

Film
Titel Sehnsucht in Sangerhausen
Produktionsland Deutschland
Originalsprache Deutsch
Erscheinungsjahr 2025
Länge 90 Minuten
Altersfreigabe
Stab
Regie Julian Radlmaier
Drehbuch Julian Radlmaier
Produktion Kirill Krasovski
Kamera Faraz Fesharaki
Schnitt Julian Radlmaier
Besetzung
Gegenwarts-Handlung

Handlung um 1800

Sehnsucht in Sangerhausen (internationaler englischsprachiger Titel Phantoms of July) ist eine Filmkomödie von Julian Radlmaier. Der in der sachsen-anhaltischen Kreisstadt Sangerhausen spielende Film mit Maral Keshavarz, Clara Schwinning, Paula Schindler und Henriette Confurius, der drei Geschichten im heutigen Deutschland über Einsamkeit, Klassenzugehörigkeit und Zufall verknüpft, feierte Anfang August 2025 beim Locarno Film Festival seine Premiere und kam am 27. November 2025 in die deutschen Kinos.

Handlung

Der Film ist in vier Abschnitte eingeteilt, in denen der erste in den 1790er-Jahren auf einem Schloss bei Sangerhausen spielt. Dort arbeitet die junge Lotte als Dienerin und muss unter anderem die Exkremente des Dichters Novalis entsorgen, der in der Region geboren wurde und gerade auf dem Schloss zu Gast ist. Als sie heimlich in den Aufzeichnungen von Novalis liest und eine „Blaue Blume“ beschrieben findet, denkt sie tiefer über ihr Leben nach. Wenig später findet Lotte in der Natur einen kleinen blauen Stein, der wiederholt im Film auftauchen wird. Lotte begegnet dem jungen Steineschlucker Norbert, der gerne nach Frankreich fliehen möchte, wo die Französische Revolution den verhassten Feudalismus beendet hat. Gemeinsam beschließen Lotte und Norbert, bei Nacht zwei Pferde des Schlosses zu stehlen und nach Frankreich zu reiten. Die Flucht scheitert jedoch: während Norbert gleich erschossen wird, versteckt sich Lotte im Dunkel einer Höhle.

Die Handlung springt in die Gegenwart; der zweite Abschnitt fokussiert sich auf die Sangerhäuser Einheimische Ursula. Um sich über Wasser zu halten, putzt sie morgens in einem Möbelfachgeschäft und serviert danach in einem Café Rosentorten an mitunter unverschämte Touristen. Abends kocht sie für ihren Ehemann. Ihre in sehr jungen Jahren geschlossene Ehe verläuft in eher tristen Bahnen; die 16-jährige Tochter ist inzwischen zur Ausbildung nach Halle gezogen. Ursula hofft auf Veränderungen in ihrem Leben und sie beginnt sich für drei Musiker zu interessieren, die im Rahmen eines Kultursommers in Sangerhausen ein klassisches Musikkonzert geben. Als Ursula für die drei Musiker kellnert, kommt sie mit ihnen näher ins Gespräch und zeigt ihnen anschließend ihre Heimatstadt. Sie verbringt den Abend mit der Musikerin Zulima, aus bildungsbürgerlichen Verhältnissen stammend und eine entfernte Nachfahrin von Novalis, die als einzige der Gruppe ein tieferes Interesse an Ursula und der Gegend zu zeigen scheint. Gegen Ende des Abends kommt es dabei zu einem Kuss zwischen Ursula und Zulima. Am nächsten Morgen meldet sich Ursula bei der Arbeit krank und stiehlt das Auto ihres Nachbarn, um die Musiker zu ihrem nächsten Konzert beim Kyffhäuser zu fahren, was sie zuvor angeboten hatte. Die Musiker sind jedoch bereits mit der Bahn abgereist, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Ursula hatte (wie schon Lotte) den blauen Stein gefunden und ihn Zulima geschenkt. Nun sieht man, dass Zulima den blauen Stein achtlos am Bahnsteig von Sangerhausen zurückgelassen hat. Ursula hat Liebeskummer und fühlt sich wegen des gestohlenen Autos von der Polizei verfolgt, und sie gerät an den Rand eines Nervenzusammenbruchs.

Im dritten Teil begleitet der Film Neda, eine iranische Youtuberin mit gebrochenem Arm, die nach Deutschland geflohen ist. Sie ist in Sangerhausen, weil sie als Travel-Influencerin für Billigreiseziele in Deutschland arbeitet. Die ausgebildete Schauspielerin darf mit ihrem Asylstatus nur in ihrer ursprünglich erlernten Branche arbeiten, daher bleibt ihr nur die Tätigkeit als Influencerin. Als Nedas Auto zusammenbricht und der Automechaniker nur noch die Schrottreife feststellen kann, muss sie länger in Sangerhausen bleiben. Neben höflichen Begegnungen ist sie dabei auch mehrmals Fremdenfeindlichkeit ausgesetzt. Zufällig begegnet Neda ihrer alten iranischen Bekannten Marjam, die inzwischen als Straßenkehrerin in Sangerhausen arbeitet und ebenfalls nach Deutschland geflüchtet war, dabei dann Sangerhausen als Wohnort zugewiesen bekommen hatte. Es stellt sich heraus, dass beide ursprünglich zusammen flüchten wollten, aber nur die aus wohlhabenderen Verhältnissen kommende Neda schnell das Geld zur Flucht hatte. Als Marjam ihr Geld nicht auftreiben konnte, war Neda ohne ein weiteres Wort geflüchtet. Trotzdem verläuft die Wiederbegegnung in freundlichen Bahnen. Später kommt Neda mit dem mongolischstämmigen Fremdenführer Sung-Nam ins Gespräch, der Sehenswürdigkeiten der Region in einem Autobus zeigen möchte – jedoch erfolglos damit ist. Deshalb muss er in Kürze seinen Autobus verkaufen. Neda vereinbart mit Sung-Nam, dass sie bei ihm kostenlos mitfährt, aber Werbung für ihn machen darf. So brechen sie, begleitet von Sung-Nams Adoptivenkel Buk, in Richtung Kyffhäuser auf.

Der vierte Handlungsstrang führt die drei vorherigen Episoden des Films zusammen. Auf ihrer Fahrt im Autobus treffen Neda, Sung-Nam und Buk schließlich auf die verwirrt wirkende Ursula, die ihnen beinahe vors Auto läuft. Ursula kann sich beruhigen und schließt sich einer von Sung-Nam geplanten Gespensterjagd im Gebirge an. Obwohl es Legenden um Gespenster in dieser Gegend gibt, glauben weder Neda noch Ursula recht daran. Auch begegnen sie zunächst keinen Gespenstern. Als die Polizei jedoch das von Ursula gestohlene Auto findet, beschließt die Gruppe, sich besser zu verstecken. Sie entdecken die Höhle, die Lotte über 200 Jahre vorher aufgesucht hatte, und sprechen über ihre miserablen Lebenslagen. Da erscheint auf einmal der Geist von Lotte und spricht der Gruppe Mut zu. Sie stellt sich dabei als Vorfahrin von Ursula vor und enthüllt, dass sie später wegen des Pferdediebstahls gefasst und zum Tode verurteilt, aber noch vor ihrer geplanten Hinrichtung bei der Geburt ihres Kindes gestorben sei. Lotte erzählt der Gruppe von verschiedenen Geistern der Geschichte, die sich hier aufhalten würden und versuchten, die vergesslichen Lebenden an die Geschichte zu erinnern. Als Ursula, Neda, Sung-Nam und Buk wieder in Sangerhausen eintreffen, sind sie so müde, dass sie bereits im Auto einschlafen.

Der Epilog zeigt, wie Ursula wieder ihren üblichen Tätigkeiten nachgeht, während Sung-Nam seinen Autobus verkaufen muss. Neda reist per Zug aus Sangerhausen ab und nimmt dabei den von Zulima am Bahnsteig zurückgelassenen blauen Stein an sich.

Produktion

Filmstab, Aufbau, Motive und Symbolik

Regie führte Julian Radlmaier, der auch das Drehbuch schrieb und den Filmschnitt übernahm. Es handelt sich bei Sehnsucht in Sangerhausen nach Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes und Blutsauger um den dritten Spielfilm des deutsch-französisch-schweizerischen Regisseurs.

Wiederkehrende Motive in seinem Film sind Rosen, Kirschen und Steine.[2] Zu Letzteren erklärte Radlmaier, während seiner Recherchen über das 18. Jahrhundert habe er sich mit den seltsamen Berufen beschäftigt, die es damals gab. In einem Buch über merkwürdige Berufe aus dieser Zeit war er auf den Beruf den Steinschluckers gestoßen. „Das waren Leute, die durchs Land zogen und zur Belustigung der einheimischen Bevölkerung Steine schluckten“, so der Regisseur und habe daher einen blauen Stein als immer wiederkehrendes Symbol in seinen Film auf aufgenommen.[3]

Besetzung, Filmförderung und Dreharbeiten

Clara Schwinning und Maral Keshavarz spielen die Kellnerin Ursula und die Influencerin Neda

In den Hauptrollen sind Maral Keshavarz als Influencerin Neda und Clara Schwinning als Kellnerin und Reinigungskraft Ursula zu sehen. Die Schweizerin Paula Schindler spielt zu Beginn des Films Lotte, die Bedienstete des Romantikdichters Novalis. Henriette Confurius spielt Zulima und Ghazal Shojaei Marjam. Kyung-Taek Lie, der in der Rolle von Sung-Nam zu sehen ist, spielte bereits in Radlmaiers ersten beiden Filmen Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes und Blutsauger mit. Er ist der Vater eines Freundes des Regisseurs.[3] Leonard Scheicher spielt den Automechaniker Robert und Johannes Berzl und Andreas Bittl die Wanderer Jürgen und Horst. In weiteren Rollen sind Valerie Neuenfels als Frau Markgraf, Jakob Schmidt als Norbert, Marlene Hauser als die Cellistin Daniella, Luise von Stein als Grete, Anton Gonopolski als der Hofmeister und Susann Frömmer als die Putzfrau im Schloss zu sehen.

Von der Filmförderungsanstalt erhielt Sehnsucht in Sangerhausen eine Verleihförderung in Höhe von 25.000 Euro.[4]

Die Dreharbeiten fanden zwischen Ende Juli und Mitte September 2024 in der titelgebenden Kreisstadt Sangerhausen des Landkreises Mansfeld-Südharz in Sachsen-Anhalt und im angrenzenden Thüringen und in Brandenburg statt. Vor seiner Entdeckung Sangerhausens hatte Radlmaier noch nie von der kleinen Stadt gehört. „Ich sah ein Bild mit diesem beeindruckenden Berg und der Abraumhalde außerhalb der Stadt. Es erinnerte mich an den Fuji in japanischen Filmen oder an einen Vulkan wie den Vesuv“, so der Regisseur. Bei einem ersten Besuch Sangerhausens war er von vielem dort Vorgefundenem fasziniert, einerseits von der sehr dichten Darstellung von Deutschlands Vergangenheit und Gegenwart in der Stadt mit der Architektur der Romantik über die seltsamen mittelalterlichen Steingesichter in den Wänden, die er auch in seinem Film zeigt, bis hin zur größten Rosensammlung der Welt.[3] Als Kameramann fungierte Faraz Fesharaki, der den Film analog auf Super-16-mm drehte. Radlmaier arbeitete das erste Mal mit ihm zusammen.[3]

Verwendete Musik und Veröffentlichung

Der Film verwendet zu Beginn das Lied Die schönsten Rosen blüh’n in Sangerhausen von Bianca Graf.[3]

Die Premiere des Films war am 7. August 2025 beim Locarno Film Festival.[5] Im September 2025 wird er bei der Filmkunstmesse Leipzig gezeigt.[6] Ende September, Anfang Oktober 2025 wird er beim Filmfest Hamburg in der Sektion „Große Freiheit“ gezeigt.[7] Der Kinostart in Deutschland war am 27. November 2025. Bendita Film Sales übernimmt den Weltvertrieb.[8]

Rezeption

Kritiken

Joseph Jenner von der International Cinephile Society beschreibt Sehnsucht in Sangerhausen in seiner Kritik als eine komödiantische Fabel und als einen Film über Sehnsucht, sei es nach einer vergangenen Ära, einem verlorenen Geliebten oder etwas Ungreifbarem, aber dennoch Vertrautem. Julian Radlmaier scheine von den ambivalenten Beziehungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart inspiriert zu sein, die er weniger als lineare Chronologie der Ereignisse, sondern vielmehr als eine Reihe von Verhandlungen und Reflexionen betrachte. Sein Film nutze die malerische Kulisse und fange sowohl die Stadt Sangerhausen selbst als auch die umliegende Landschaft auf eine Weise ein, die eine vergangene Kinoära heraufbeschwört. Die Farben und Klänge erzeugten ein Gefühl der Nostalgie für eine Zeit und einen Ort, den die meisten von uns nie erlebt haben. Es sei eine bemerkenswerte Leistung, und jede Entscheidung des Regisseurs diene dazu, die zugrunde liegende Erzählung und ihre vielen komplexen, aber faszinierenden Themen hervorzuheben. So erfordere Sehnsucht in Sangerhausen zwar Geduld und Aufmerksamkeit, dessen Belohnung aber sei jede Minute unserer Zeit wert.[9]

Auszeichnungen

Filmfest Hamburg 2025

  • Auszeichnung mit dem Hamburg Producers Award Deutsches Kino (Kirill Krasovski)[10]

Locarno Film Festival 2025

  • Nominierung im Internationalen Wettbewerb[5]
Commons: Sehnsucht in Sangerhausen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Freigabebescheinigung für Sehnsucht in Sangerhausen. Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (PDF; Prüf­nummer: 273728).Vorlage:FSK/Wartung/typ nicht gesetzt und Par. 1 länger als 4 Zeichen
  2. Damian Sprenger: „Sehnsucht in Sangerhausen“ von Julian Radlmaier. In: the-spot-mediafilm.com, 7. August 2025.
  3. a b c d e Georg Szalai: Why 'Phantoms of July', Julian Radlmaier’s Universal Film About Longing, Is Set in an East German Town. In: The Hollywood Reporter, 6. August 2025.
  4. https://www.blickpunktfilm.de/kino/zweite-sitzung-2025-gut-500000-euro-ffa-verleihfoerderung-fuer-14-filme-711ae3983294e07df8a1da77513bed88
  5. a b Sehnsucht in Sangerhausen. In: locarnofestival.ch. Abgerufen am 18. Juli 2025.
  6. 25. Filmkunstmesse Leipzig 2025 – Die Filme. In: mcusercontent.com. Abgerufen am 11. August 2025. (PDF; 59,7 KB)
  7. Sehnsucht in Sangerhausen. In: filmfesthamburg.de. Abgerufen am 9. September 2025.
  8. Damian Sprenger: Bendita vertreibt Locarno-Titel „Sehnsucht in Sangerhausen“. In: Blickpunkt:Film, 8. Juli 2025.
  9. Matthew Joseph Jenner: Locarno 2025 review: Phantoms of July (Julian Radlmaier). In: icsfilm.org, 7. August 2025.
  10. https://www.filmfesthamburg.de/news/erste-preise-bei-filmfest-hamburg/