Bücherei des Schocken Verlags
Die Bücherei des Schocken Verlags (Schocken-Bücherei) ist eine Buchreihe preiswerter Bücher mit jüdischen Autoren oder Themen, die zwischen November 1933 und 1939 in Deutschland erschien.
Editionsgeschichte
Reihenstart 1933 sowie Umfang und Auflagen der Reihe
Die ab November 1933 in einer ersten Serie von fünf Titeln erschienene Buchreihe wurde im Schocken Verlag Berlin verlegt, der von dem jüdischen Kaufmann Salman Schocken gegründet wurde. Der erste Band war Die Tröstung Israels. Aus Jeschajahu. Kapitel 40 bis 55 mit der Verdeutschung von Martin Buber und Franz Rosenzweig. Insgesamt umfasst die Reihe 83 Werke, die sich aufgrund einer Neubelegung und Doppelnummerierungen auf 92 Nummern verteilen. Die Auflagenhöhe lag jeweils bei etwa 3000 bis 5000 Exemplaren und erreichte bei den in Nachauflagen erschienenen 11 Titeln teilweise sogar 10000 Exemplare.[1]
Thematischer Bogen der Reihe
In der Reihe, die ein „Gebäude jüdischer Bildung“ (Jüdische Rundschau vom 17. April 1937) vermitteln sollte, waren die Themenschwerpunkte Religion und Philosophie (Glaube und Denken), Geschichte (Geschichte und Volkskunde) sowie Literatur (Erzählung und Dichtung). Es sollten primär jüdische Autoren, wie Franz Kafka, Martin Buber, Leo Baeck, Gershom Scholem, Joseph Carlebach oder Scholem Alejchem, verlegt werden.
Um den Erwerb der Rechte am Werk von Franz Kafka hatte sich Salman Schocken von Anfang an intensiv bemüht. Nachdem er zunächst die bei den Verlagen Gustav Kiepenheuer und Kurt Wolff liegenden Rechte erworben hatte, erreichte er nach entsprechenden Verhandlungen mit Max Brod 1934 die exklusive Rechteinhaberschaft am Gesamtwerk von Franz Kafka. In der Schocken Bücherei konnte danach der Band Vor dem Gesetz aufgelegt werden, der Kurzgeschichten und Aphorismen des Autors enthielt.
Darüber hinaus waren in der Reihe aber auch nichtjüdische Autoren mit Themen vertreten, die mit dem Judentum unmittelbar in Zusammenhang standen. Zu Wort kamen so z. B. Ferdinand Gregorovius: Der Ghetto und die Juden in Rom (Bd. 46), Annette von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche (Bd. 68), Theodor Mommsen: Judaea und die Juden (Bd. 70) oder Lord Byron: Kain. Ein Mysterium (Bd. 89). In diesem Zusammenhang ist auch der Band 12 von dem lutherischen Theologen Johann Jacob Schudt (1664–1722) Von der Franckfurter Juden Vergangenheit erwähnenswert. Obwohl der Autor sich publizistisch gegenüber dem deutschen Judentum äußerst negativ geäußert hatte, wurde das zuerst 1714 veröffentlichte und nun von Efraim Frisch neu herausgegebene Werk als eine der wichtigsten christlichen Quellen für jüdische Bräuche in die Reihe aufgenommen.
Da die nationalsozialistischen Machthaber Annette von Droste-Hülshoffs Erzählung 1937 zensiert hatten, wurde der Band durch Fischel Schneersohns Die Geschichte von Chajim Grawitzer dem Gefallenen ersetzt.
Zunehmende Diskriminierung des Schocken Verlags 1937
Ab Band 80, dem 1937 von Erich Ludwig Loewenthal mit Illustrationen von Ludwig Schwerin herausgegebenen Romanfragment Heinrich Heines, Der Rabbi von Bacherach, musste aufgrund der Gesetzgebung Nazideutschlands, die die jüdischen Mitbürger und die von ihnen geführten Unternehmen diskriminierte, die Verlagsangabe den Zusatz „Jüdischer Buchverlag“ tragen. Sie war ab Band 85 auch auf dem Titelschild als zusätzliche Zeile aufgeführt.
Erzwungene Verlagsschließung nach der Reichspogromnacht
Nach der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 hatten die Behörden im Folgemonat die Schließung des Schocken Verlags verfügt; gleichwohl kamen die letzten Bändchen der Reihe noch 1939 auf den Buchmarkt. Schocken gründete nach seiner Emigration aus Deutschland seinen Verlag in Jerusalem und New York neu; die Schocken-Bücherei wurde allerdings nicht wieder aufgenommen.
Ausstattung und Typografie
Die Titel wurden in stets einfarbige Pappen und bei Doppelnummern in Leinen gebunden, mit einem aufgeklebten Titel- und Rückenschild unter Angabe der Reihennummer versehen und kosteten als Pappbände 1,25 und in Leinen 2,50 Reichsmark. Es kamen in der Regel Antiquaschriften zum Einsatz, bei den Titel- und Rückenschildern ausschließlich. Stifters Abdias (Band 31) war in Fraktur gesetzt.
Beziehung zur Insel-Bücherei
Die Reihe hatte als praktisches Vorbild die seit 1912 auf dem deutschen Buchmarkt befindliche Insel-Bücherei, wie der (nichtjüdische) Schocken-Verlagsleiter Lambert Schneider gegenüber dem späteren Literaturnobelpreisträger S. J. Agnon, bemerkte[2], und es gab auch viele inhaltliche Wechselbeziehungen zu dieser. Mehrere Autoren waren in beiden Reihen mit identischen Titeln vertreten, wie Annette von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche (Schocken-Bücherei 68, als IB 271 [1919]), S.J. Agnon: Der Verstoßene (Schocken-Bücherei 78, als IB 823 [1964]) oder Gershom Scholem: Die Geheimnisse der Schöpfung (Schocken-Bücherei 40, als IB 949 [1971]). Die Restauflage des letztgenannten Schocken-Titels wurde aufgrund der zunehmenden Schwierigkeiten beim Verkauf auch an nichtjüdische Leser in den letzten Verlagsjahren von Schocken an den Otto Wilhelm Barth Verlag in München-Planegg verkauft.[3] Daneben gab es inhaltlich leicht veränderte Ausgaben in beiden Reihen, wie Jizchak Lejb Perez: Jüdische Geschichten (Schocken-Bücherei 66, IB 204/1 [1916]) und Franz Kafkas kleine Erzählungen: Vor dem Gesetz (Schocken-Bücherei 19, als IB 1243 mit dem Titel Ein Landarzt [2003]). Kafkas Band durfte in der Schocken Bücherei weiter erscheinen, obwohl für die Werke dieses Autor ansonsten in Nazi-Deutschland ein generelles Publikationsverbot bestand, das auch zu einem Abbruch einer Gesamtausgabe im Schocken Verlag führte.
Reihenwerbung
Nur bei den frühen Titeln warb der Verlag durch den Reihenbänden beigelegte, gefaltete Verzeichnisse, die den aktuell erreichten Titelbestand ausweisen. Beim Gros der Bände war die Titelliste auf den Schlussseiten der Bücher enthalten. Auch die jährlichen Verlagsalmanache enthielten Hinweise auf die Schocken Bücherei.
Siehe auch
Einzelnachweise
- ↑ Renate Evers: Die „Schocken-Bücherei“ in den Nachlasssammlungen des Leo Baeck Institutes New York, in: Medaon, Jg. 8, Heft 14/2014 (Online)
- ↑ Karl-Hartmut Kull: Die Insel-Bücherei war das praktische Vorbild für die Bücherei des Schocken Verlags. In: Inselbücherei. Mitteilungen für Freunde. Nummer 25. Insel, Frankfurt und Leipzig 2006, ISBN 3-458-17253-X. S. 48.
- ↑ Vergleiche die Ausführungen bei Saverio Campanini in: Rachel Elior and Peter Schäfer (Hrsg.), Creation and Re-creation in Jewish Thought. Festschrift in honor of Joseph Dan on the occasion of his seventieth birthday, Mohr Siebeck, Tübingen 2005, S. 382 (engl.) [1]
Literatur
- Volker Dahm: Das jüdische Buch im Dritten Reich. Erster Teil: Die Ausschaltung der jüdischen Autoren, Verleger und Buchhändler. Zweiter Teil: Salman Schocken und sein Verlag. Frankfurt a. M., Buchhändler-Vereinigung 1979–1982; 2. überarb. Gesamtausgabe Beck, München 1993, ISBN 340637641X.
- Renate Evers: Die „Schocken-Bücherei“ in den Nachlasssammlungen des Leo Baeck Institutes New York. in: Medaon - Magazin für jüdisches Leben in Forschung und Bildung. herausgegeben von HATiKVA - Bildungs- und Begegnungsstätte für Jüdische Geschichte und Kultur Sachsen e.V., Dresden 2014, Nr. 14, ISSN 1866-069X Text online
- Karl-Hartmut Kull: Die Insel-Bücherei war das praktische Vorbild für die Bücherei des Schocken Verlags. In: Inselbücherei. Mitteilungen für Freunde. Nummer 25. Insel, Frankfurt und Leipzig 2006, ISBN 3-458-17253-X.
- Der Schocken Verlag, Berlin. Jüdische Selbstbehauptung in Deutschland 1931-1938. Essayband zur Ausstellung „Dem suchenden Leser unserer Tage“ der Nationalbibliothek Luxemburg in Berlin, Germany Akademie Verlag GmbH, 1994, ISBN 3-05-002678-2.
- Matthias Hambrock: Schocken-Bücherei. In: Dan Diner (Hrsg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur (EJGK). Band 5: Pr–Sy. Metzler, Stuttgart/Weimar 2014, ISBN 978-3-476-02505-0, S. 376–381.
- Bernhard Greiner: Die Juden in der Geschichte: Heinrich Graetz und Hermann Cohen in der Schocken Bücherei. In: Antje Borrmann, Doreen Mölders, Sabine Wolfram (Hrsg.): Konsum und Gestalt. Leben und Werk von Salman Schocken und Erich Mendelsohn vor 1933 und im Exil. Hentrich & Hentrich, Berlin 2016, ISBN 978-3-95565-145-9, S. 249–258.
- Renate Evers: The Schocken Bücherei in the Collections of the Leo Baeck Institute New York. In: Antje Borrmann, Doreen Mölders, Sabine Wolfram (Hrsg.): Konsum und Gestalt. Leben und Werk von Salman Schocken und Erich Mendelsohn vor 1933 und im Exil. Hentrich & Hentrich, Berlin 2016, ISBN 978-3-95565-145-9, S. 282–302.