Schlenggeltag

Der Schlenggeltag war in alter Zeit bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein allgemein bekannter Begriff in Tirol für einen "Ziehtag" bzw. "Lostag", also für ein festes Datum, an dem das Gesinde seine bisherigen Dienstverhältnisse verließ (sie "schlenggelten"), um bei einem neuen Dienstherrn einzutreten.

Situation in Tirol

Es war üblich, dass die auf den Höfen arbeitenden Knechte und Mägde jährlich den Arbeitgeber wechselten. In Südtirol wurden diese Arbeitswechsel üblicherweise schon während des Jahres am Kirtag vereinbart und dahingehend besiegelt, dass der Bauer seinem neuen Knecht bzw. seiner neuen Magd einen Krug Wein bezahlte was Leutkauf genannt wurde. Dagegen wurde im Unterinntal eine neue Arbeitsvereinbarung mit der sogenannten Har bestätigt, ein Vorschuss in Höhe von 2 bis 3 Gulden, welche später vom Jahreslohn abgezogen wurde.

Der "große" Schlenggeltag war Mariä Lichtmess am 2. Februar, jedoch kam es auch vor, dass ein "kleiner" Schlenggeltag an Michaeli stattfand. Die Dienstboten wechselten an den Schlenggeltagen am 2. Februar (oder 29. September) ihre Arbeitsplätze und schafften ihr Hab und Gut in Koffern oder Truhen zum neuen Arbeitgeber (genannt "Truhentag").[1] Mit Mariä Lichtmess begann für die Bauernschaft das neue Arbeitsjahr.

Verabschiedet wurden die Ausgetretenen mit Gebäck das "Rearkrapfen" (von Dialekt "rea'n" = "weinen") und in Südtirol "Hußauskrapfen", genannt wurde. Diese Krapfen wurden am Vortag zum Abendmahl serviert, im Unterinntal jedoch erst direkt an Mariä Lichtmess zu Mittag. An diesem christlichen Festtag nahmen die Ausgetretenen vormittags am örtlichen Gottesdienst teil und an der zugehörigen Wachs- und Kerzenweihe. Danach ein letztes Mittagsmahl am Hof des bisherigen Dienstgebers und die noch ausstehende Lohnauszahlung, ehe die Knechte und Mägde den Ort endgültig verließen zusammen mit ihrem Schlenggelpack.

In der Gegend um Meran schlenggelten die Knechte und Mägde nicht am 2. Februar, sondern erst einige Tage später, offiziell an Sankt Agatha (5. Februar), inoffiziell jedoch erst am nächstmöglichen Truhentag. Mariä Lichtmess war ein Feiertag, ebenso der darauffolgende Blasiustag, den Bauer und Gesinde noch gemeinsam begingen. Der 4. Februar war "Flickwerktag" zum Instandbringen und zur Ausbesserung der Kleider und danach am Agathatag war wirklich Truhentag, an dem das ausgediente Gesinde den alten Hof verließ. Es sei denn dieser Truhentag fiel auf einen Sonntag, dann wurde dieser auf den nächstfolgenden Samstag verschoben und die Knechte und Mägde hatten bis dahin frei. In Osttirol wechselte das Gesinde ebenfalls erst an Sankt Agatha anstatt an Mariä Lichtmess. Um 1925 war dort das Schlenggeln jedoch bereits selten geworden.[2]

Der Brauch des Schlenggelns hatte auch Eingang in die Tiroler Sagenwelt gefunden.[3]

Situation woanders

Auch in anderen deutschsprachigen Gegenden war der Brauch des Gesindewechsels an Mariä Lichtmess bekannt, jedoch unter teils anderen Namen. Bayern kannte den Brauch unter dem Begriff Schlenkeltag, das dem Auszutretenden zu übergebende Brot war der sogenannte Schürz- oder Schlenkellaib. In Oberbayern war die Praxis des Schlenkellaibs 1617 verboten worden.[4][5] Im Egerland hieß der Brauch Kälberweis. Der ziehende Knecht bzw. die Magd erhielten ihren Lohn teils in Naturalien, genannt Kälberloabs. Das Abschiedsbrot hieß Schönggelbrot. 1939 war die Kälberweis bereits fast verschwunden.[6][7]

  • Erklärtext des Schlenggeltags in der Ausgabe der Wiener Zeitung vom 7. Februar 1873, Seite 245
  • Erklärtext in der Monatsschrift Heimgarten, Verlag Leykam-Josefsthal, Graz 1880, Seiten 121 bis 123

Einzelnachweise

  1. Meyers Lexikon, 7. Band. Bibliographisches Institut AG, Leipzig 1939, Seite 1347
  2. Innsbrucker Nachrichten, 6. Februar 1925, Seite 5
  3. Sage von den Wichtelen, überliefert aus dem Leutaschtal: Link
  4. Matthias Wenger: DER HAIN. Berlin 1990: Link
  5. Jakob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. 9. Band, Verlag S. Hirzel, Leipzig 1899, Seite 635: Link
  6. Das deutsche Volkslied, Nr. 6, 41. Jahrgang, Juni 1939, Seite 82: Link
  7. Zeitschrift des Vereins für Volkskunde. Verlag A. Asher & Co., Berlin 1905, Seite 318: Link