Schlei-Seesperrwerk

Das Schlei-Seesperrwerk, auch Schlei-Sperrwerk genannt, war eine aus Blockbauwerken zusammengesetzte, wahrscheinlich etwa 1,6 Kilometer lange Holzkonstruktion, die um 740 als Teil des Danewerks in das Wasser der Schlei gebaut wurde.

Die Schlei ragt als Meeresarm der Ostsee weit ins Landesinnere hinein. Das Sperrwerk wurde an einer Engstelle der Schlei erbaut. Es sollte Überquerungen der Schlei zur Halbinsel Reesholm verhindern oder erschweren. Außerdem ermöglichte es eine bessere Kontrolle des Schiffsverkehrs.

Reste dieses Bauwerks sind nur am Seeboden und nur in Teilen des ursprünglichen Verlaufs erhalten. Die Reste des Schlei-Sperrwerks wurden mit den Mitteln der Unterwasserarchäologie erforscht, insbesondere ab 1992 von Willi Kramer.

Geografie

Lage

Das Seesperrwerk ist west-östlich ausgerichtet. Es setzt an der südlichen Spitze der Schlei-Halbinsel Reesholm an. Ein westliches Stück des Sperrwerks reicht in die Kleine Breite der Schlei hinein. Der längere östliche Teil reicht bis zum Kockbarg, einer Erhebung im Seeboden östlich von Reesholm.

Die Wassertiefe beträgt heute um 3 Meter, im Bereich des Kockbargs knapp 2 Meter. Zur Zeit der Erbauung war die Wassertiefe etwa einen Meter geringer.[2] Die heutige Untiefe Kockbarg war damals möglicherweise noch eine Insel.

Das Sperrwerk liegt nördlich der sogenannten Stexwiger Enge. Diese Engstelle der Schlei zwischen der südlichen Spitze der Halbinsel Reesholm und dem gegenüberliegenden Schlei-Ufer bei Stexwig war relativ leicht zu überqueren.[2] Die Stexwiger Enge ist heute an der engsten Stelle etwa 250 Meter breit,[3] zur Zeit der Erbauung war der Abstand zwischen den Ufern noch kürzer.

Ungefähr dort, wo das Sperrwerk an der Halbinsel Reesholm ansetzte, befand sich auf der Halbinsel früher ein Erdwall mit Graben. Dieser sogenannte Alte Wall war ebenfalls west-östlich ausgerichtet. Er ist auf alten Karten dokumentiert. Heute ist er noch mit geomagnetischen Methoden nachweisbar.[4]

Länge

Die ursprüngliche Länge wird auf rund 1,6 Kilometer geschätzt.[2] Reste des Sperrwerks wurden allerdings nur auf einer Gesamtlänge von 670 Metern gefunden, und zwar am westlichen und am östlichen Ende des mutmaßlichen Verlaufs.[4][5] In einem 950 Meter[5] langen mittleren Bereich fehlen archäologische Nachweise.[6] Kuladig gibt in diesem Sinne zur Länge an: „bis zu“ 1,6 Kilometer.[4]

Bauweise

Für den Bau wurden einheimische Hölzer wie Eiche, Kiefer, Buche und Ahorn verwendet.[2]

Blockbauwerke

Das Sperrwerk war unter Wasser aus Segmenten von Blockbauwerken zusammengesetzt. Die Blockbauwerke sind annähernd quadratisch. Je nach Quelle werden eine quadratische Form und die Maße 4,8 × 4,8 Meter[7][8] oder eine leicht rechteckige Form und die Maße 4,5 × 5 Meter[4][9][10] angegeben. Die Blockbauwerke waren Senkkästen,[4] das heißt, ihr eigenes Gewicht bewirkte das Absinken beim Bau und danach den Stand auf dem Seegrund.

Die Blockwerksreihen reichen bis einen Meter in den Seeboden aus Weichsedimenten hinein. Im Bereich dicht östlich der Halbinsel ragen die Hölzer weiter aus dem Seeboden heraus, da hier die Strömung durch die nahe Fahrrinne verstärkt ist und Erosion verursacht.

Konstruktion über Wasser

Das Aussehen des Sperrwerks über Wasser ist unbekannt. 1,8 Meter lange und bis 0,5 Meter breite, flache Eichenbohlen wurden gefunden, vor allem vor der südlichen Front. Es ist aber nicht klar, wofür sie verwendet worden waren. Entsprechend findet man zum Aufbau über Wasser verschiedene Aussagen:

  • In einem Bericht zum Modellbau bei Stexwig wird behauptet, Palisaden auf der Südseite seien „durch Funde nachgewiesen“; ob das Bauwerk eine begehbare Oberfläche hatte, sei hingegen nicht bekannt.[5]
  • Umgekehrt Willi Kramer auf seiner Website. Er erwähnt keine Palisaden und behauptet stattdessen: „An der Oberfläche war das Bauwerk begehbar.“ Aus der sorgfältigen Bearbeitung von Bohlen leitet Kramer weitergehend die Behauptung ab, dass auf der Oberfläche Gebäude standen.[8]
  • Laut Kuladig dienten die Holzkästen unter Wasser „möglicherweise“ als Unterbau „eines bisher unbekannten hölzernen Überbaus wie einer Palisade“.
  • Auf der Website zum UNESCO-Weltkulturerbe Haithabu und Danewerk wird festgestellt, man könne „über die Konstruktion des Sperrwerks über Wasser weiterhin nur Vermutungen“ anstellen.[2]
  • Das Danevirke Museum äußert sich auf seiner Website nicht zum Aufbau des Sperrwerks über Wasser.[9]

Funktion

Gleichzeitig mit dem Bau des Seesperrwerks wurde das Danewerk zu Land stark ausgebaut. Der Hauptwall des Danewerks wurde verstärkt. Zudem wurden neue Palisadenwälle geschaffen: der Nordwall, wahrscheinlich auch der westliche Teil des Osterwalls (siehe Ausbau des Danewerks um 737). Die Wälle des Danewerks waren insgesamt west-östlich ausgerichtet, wie das Seesperrwerk.[11] Diese Übereinstimmungen sprechen dafür, dass das Seesperrwerk dieselbe Funktion hatte wie die Wälle des Danewerks.

Das Sperrwerk sollte wohl in erster Linie Überquerungen der Engstelle in der Schlei verhindern. Ob es wegen des damaligen niedrigeren Wasserstandes sogar eine Furt gab, ist unklar. Je nach Quelle wurde mit dem Sperrwerk eine „Überfahrt“ unmöglich gemacht[2] oder es diente der Kontrolle des „Übergangs“ über die Schlei.[4] Laut der Website des Danevirke Museums sollte das Sperrwerk eine Furt blockieren.[9] Jedenfalls wurde eine Lücke im Danewerk geschlossen, denn südlich des Sperrwerks gab es keinen Wall.[11]

Falls das Sperrwerk durchgehend von Reesholm bis zum Kockbarg gebaut wurde, erlaubte es auch eine bessere Kontrolle des Schiffsverkehrs,[4] indem eine zusätzliche Engstelle beim Kockbarg und von dort ein Korridor bis Reesholm geschaffen wurde. Die Kontrolle des Schiffsverkehrs wurde für die Siedlung Haithabu bedeutsam, die rund fünf Kilometer südwestlich lag. Haithabu wurde aber erst nach dem Bau des Sperrwerks gegründet.

Das Sperrwerk wurde möglicherweise von Soldaten aus der Wikingersiedlung von Füsing bewacht,[2] die zwei Kilometer weiter nördlich auf einer Anhöhe liegt. Der Bereich der Schlei mit dem Sperrwerk war von der Siedlung aus sichtbar.

Forschungsgeschichte

Entdeckung

Im Jahr 1925 baute der Bagger Thor eine bestehende Fahrrinne in der Großen Breite der Schlei aus. Dabei kamen große Mengen bearbeiteter Holzstämme und Planken zum Vorschein. Der Verlauf in Ost-West-Richtung wurde erkannt, nicht jedoch das Alter der Konstruktion und deren Funktion. Die Hölzer wurden damals als Reste einer Fahrrinnenbefestigung gedeutet.[5]

Unterwasserarchäologie

Auf der Spur dieser Funde führte Willi Kramer 1992 erste Untersuchungen durch. Er wurde von Tauchern der Eckernförder Minentaucherkompanie unterstützt, wobei das Bundesministerium der Verteidigung Amtshilfe leistete. Die dendrochronologische Auswertung von Holzproben ergab eine Datierung in die Zeit um 737–740.[8] Im selben Zeitraum waren die Wälle des Danewerks massiv ausgebaut worden. Die Datierung sprach für einen Zusammenhang mit dem Danewerk.

In den folgenden Jahren leitete Kramer ein Projekt zur Erforschung des Seesperrwerks (1993–2002), das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wurde und bei dem neuartige Unterwasser-Vermessungstechnik zum Einsatz kam.[12][13][Anm. 4]

Bei neuen Untersuchungen im Jahr 2015 wurden sowohl westlich der Spitze von Reesholm als auch am östlichen Ende des Kockbargs weitere Reste von Kastenbauwerken unter Wasser gefunden. Seitdem ist das Sperrwerk auf einer Länge von insgesamt 670 Metern archäologisch nachgewiesen.[4]

Darstellungen

Bildliche Darstellungen

Da die Bauweise des Sperrwerks über Wasser nicht bekannt ist,[2] beschränken sich manche Illustrationen auf die Blockbauwerke, so bei Kuladig,[14] auf der Website des Danevirke Museums[9] oder die Visualisierung von Willi Kramer (siehe Bild oben).[8] Veranschaulichungen des Sperrwerks über Wasser sind spekulative Rekonstruktionen. Derartige Bilder stellen das Sperrwerk meist mit begehbarer Oberfläche und mit einer Palisadenfront auf der Südseite dar.[15]

Modell bei Stexwig

Im November 2021 wurden zwei Segmente des Sperrwerks als Rekonstruktion am Strand von Stexwig errichtet. Ein Segment demonstriert die archäologisch nachgewiesene Bauweise im unteren Bereich. Das andere Segment zeigt den möglichen Aufbau über Wasser samt Palisadenfront und einer begehbaren Oberfläche. Beide Segmente wurden nur mit geringer Höhe gebaut. Dennoch benötigte der Zimmermann für das rund zehn Meter lange Modell etwa sechs Tonnen Hölzer. Das Archäologische Landesamt Schleswig-Holstein wirkte beratend mit.[5]

Literatur

  • Willi Kramer: Ein Seesperrwerk des 8. Jahrhunderts in der Schlei. In: Archäologie in Deutschland, Heft 3, 1994.
  • Willi Kramer: Das Seesperrwerk beim Reesholm in der Schlei. In: Archäologische Nachrichten Schleswig-Holstein 6, 1995, S. 42–53.
  • Willi Kramer: Das Seesperrwerk beim Reesholm in der Schlei. Ein Arbeitsbericht. In: Archäologie unter Wasser 1, Forschungen und Berichte zur Unterwasserarchäologie zwischen Alpenrand-Seen und Nordmeer. Stuttgart 1995, S. 135–143.
Commons: Schlei-Sperrwerk – Sammlung von Bildern und Videos

Anmerkungen

  1. Der ehemalige Alte Wall auf Reesholm ist in der Karte nördlich des Sperrwerks eingezeichnet. Nach anderen Quellen (z. B. kuladig.de) bildete der Alte Wall die Verlängerung des Sperrwerks an Land.
  2. Der tiefere Wasserstand ist an der kleinen Insel Hestholm erkennbar. Dieses Gebiet liegt in der aktuelleren hydrografischen Karte (siehe zweites Bild) einen Meter tief unter Wasser.
  3. Der in der Karte eingezeichnete, heute verschwundene Margarethenwall ist nicht zu verwechseln mit dem deutlich längeren und höheren Verbindungswall des Danewerks, der ebenfalls „Margarethenwall“ genannt wird. Dieser liegt etwa 6 Kilometer weiter im Westen und südlich von Schleswig.
  4. Die Forschungsgruppe Hydroakustik an der Universität Rostock entwickelte für das Projekt ein parametrisches Multibeam-Sedimentsonar mit 48 Schallstrahlen. Mit dem SES-2000 entstand die Grundlage einer Produktfamilie, die von der Warnemünder Firma Innomar hergestellt und zur Seebodenuntersuchung weltweit vertrieben wird (heute nicht mehr mit der Produktbezeichnung „SES-2000“). Für die genaue Ortung auf dem Wasser sorgte die Zusammenarbeit mit Abteilung Hydrographie an der Fachhochschule Hamburg. Zu jener Zeit war die hochgenaue GPS-Ortung noch mit erheblichem Aufwand verbunden.

Einzelnachweise

  1. Nach neueren Erkenntnissen reichte das Sperrwerk mindestens so weit nach Osten wie die heutige Untiefe „Kockbarg“. Siehe die aktuelle Karte auf dieser Infotafel.
  2. a b c d e f g h Sperrwerk haithabu-danewerk.de.
  3. Messung der Engstelle der Schlei südlich von Reesholm in Google Maps.
  4. a b c d e f g h Seesperrwerk des Danewerks kuladig.de.
  5. a b c d e Baubeginn für Seesperrwerksmodell Bericht auf der Website des Amtes Haddeby, 1. November 2021. Mit Bildern zum Baufortschritt.
  6. Siehe auch die aktuelle Karte auf dieser Infotafel mit Legende. Hier wird unterschieden zwischen „bisheriger Forschungsstand“ (zwei durchgezogene Linien) und „möglicher Sperrwerksverlauf“ (gestrichelte Linie in der Mitte).
  7. Sperrwerk haithabu-danewerk.de, siehe die schematische Zeichnung zur Bauweise.
  8. a b c d Willi Kramer: Das Seesperrwerk des Danewerks highend-archaeology.eu.
  9. a b c d Das Danewerk danevirkemuseum.de, Abschnitt Die Seesperre bei Stexwig.
  10. Astrid Tummuscheit: Mächtig gewaltig! – Das Danewerk. In: Archäologisches Landesamt Schleswig-Holstein (Hrsg.): Archäologische Nachrichten aus Schleswig-Holstein, 2020, S. 185–189 (academia.edu), hier S. 187 (online).
  11. a b Vgl. die Karte bei haithabu-danewerk.de. Sie zeigt das Seesperrwerk zusammen mit den Wällen des Danewerks.
  12. Willi Kramer, Sabine Müller, Gert Wendt: Ein frühwikingerzeitliches Seesperrwerk in der Ostseeförde Schlei als Entwicklungsfeld für ein Hochleistungs-Sedimentecholot. In: Einsatz neuer Technologien in den Geisteswissenschaften. Projektträger Biologie, Energie und Ökologie des BMBF (Hrsg.), 1997, S. 67–71.
  13. Willi Kramer: GPS-Ortung in der Unterwasserarchäologie. 2. Symposion der Saposforschung. Berlin 1999, S. 141–146 (PDF (Memento vom 22. Juni 2006 im Internet Archive); 571 KB)
  14. Seesperrwerk des Danewerks kuladig.de, siehe zweites Bild.
  15. Zum Beispiel die beiden Illustrationen bei haithabu-danewerk.de: schematische Zeichnung zur Bauweise (links) und „Impression zum Sperrwerk“ (rechts).

Koordinaten: 54° 30′ 51,5″ N, 9° 38′ 41,6″ O