Schiffswrack in der Trave

Ein Schiffswrack in der Trave aus dem 17. Jahrhundert wurde 2020 bei Lübeck in Schleswig-Holstein entdeckt. Das Schiff ist ein Frachtsegler des Typs Fleute oder Galiot. Es lag auf dem Gewässergrund in rund elf Meter Tiefe. 2023 wurden die Reste des Schiffs und seine Ladung unter Leitung eines Unterwasser-Archäologen geborgen.

Entdeckung

Bei einer Routinemessung in der Fahrrinne der Trave registrierte das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Ostsee im Jahr 2020 auf Höhe Stülper Huk eine Erhebung als Anomalie auf dem Grund. Als Taucher 2021 den Bereich wegen einer möglichen Gefährdung des Schiffsverkehrs erkundeten, ergaben sich Hinweise auf ein historisches Schiffswrack. Anschließend wurde das Wrack von Archäologen des Bereichs Archäologie und Denkmalpflege der Hansestadt Lübeck und Wissenschaftlern der Universität Kiel untersucht.[1] Die Entdeckung wurde im Juli 2022 der Öffentlichkeit bekannt gegeben, wobei erstmals Fundstücke präsentiert wurden.[2] Im Juli 2023 wurde die Bergung abgeschlossen.[3]

Beschreibung

Das Holzwrack ist rund 20 Meter lang und etwa acht Meter breit. Teile des Schiffsrumpfes, darunter der Heckaufbau, sowie drei Anker und ein 5 m langes Ruderblatt sind erhalten. Das Schiff war kraweelbeplankt. Die Planken wurden durch sogenannte „Spijkerpennen“ miteinander verbunden, die wieder entfernt wurden, nachdem die stablisierenden Spanten eingesetzt waren. Diese Bauweise verweist auf die Niederlande, doch im Gegensatz zu den dortigen Schiffe hatte das Wrack keinen flachen Boden, sondern einen ausgezogenen Kiel, der das Manövrieren im tiefen Wasser erleichterte. Für diese Bauweise sind bisher keine Parallelen bei frühneuzeitlichen Wrackfunden bekannt.[4]

Es trug mindestens anderthalb Masten, also einen Großmast und einen Besan, der an einer eigenen Stenge gefahren wurde. Diese Stenge wirkt wie ein halber Mast, weshalb manchmal von Anderthalb-Masten gesprochen wird. Einzelne Schiffsbauteile sind aus Eiche, die in Schleswig-Holstein gewachsen ist, und aus Kiefer, die aus Schweden stammt.[5] Eine dendrochronologische Altersbestimmung datiert das beim Bau des Schiffes verwendete Holz in die Zeit um 1640. Das Schiff wurde also 1642/43 gebaut und stammt damit aus der späten Hansezeit.[6]

Das Schiff war ein Frachtsegler mittlerer Größe, der als früheres „Arbeitspferd“ des Ostseehandels gilt. Als Ladung wurden im Rumpf und im Trümmerfeld um das Wrack rund 160 Fässer gesichtet. Die Fässer, von denen sich etwa die Hälfte noch in situ befand, enthielten Branntkalk, der damals ein wichtiger Baustoff war.[7] Die meisten Fässer sind nur als Abdruck des durch den Kontakt mit Wasser ausgehärteten Inhalt vorhanden. Sie fassten etwa 200 l und entsprachen damit dem Maß der Lüneburger Salztonne,[8] so dass von einer Ladekapazität von 75–90 t ausgegangen werden kann.[9]

Untergang und historische Bezüge

Anhand seiner Lage ließ sich rekonstruieren, dass das Schiff die Trave aufwärts fuhr und wahrscheinlich aus Skandinavien über Travemünde auf dem Weg nach Lübeck war. Fachleuten zufolge ist eine plausible Untergangsursache das Auflaufen auf eine Untiefe in einer Flussbiegung, da nahe dem Fundort die Wassertiefe von acht auf unter drei Meter zurückgeht. Die Trave war früher an dieser Stelle enger, die Spitze der Stülper Huk ragte weiter als Landzunge in das heutige Fahrwasser. Danach könnte das möglicherweise leckgeschlagene Schiff wieder freigekommen und in der Flussmitte gesunken sein.[10] Ein Kentern als Ursache schließen Fachleute aus, da sich die Ladung noch geordnet im Laderaum befindet.[5] Brandspuren im Heckbereich und auf den Innenseiten der Außenbeplankung lassen vermuten, dass die leicht entflammbare Ladung in Brand geriet, als sie beim Auflaufen auf die Untiefe mit Wasser in Berührung kam.[11]

Da das Schiffsholz auf die Zeit um 1640 datiert wurde, könnte es einen Zusammenhang mit einer überlieferten Schiffshavarie auf der Trave von 1680 geben. Im Lübecker Stadtarchiv befindet sich ein Brief des Vogts von Travemünde, Valentin Middendorf, aus dem Dezember 1680, in dem er einen unbekannten Empfänger bittet, die Güter von einer gestrandeten Galiot in Sicherheit zu bringen.[1] Da allerdings die im Heck aufgefundenen Buchenholzscheiten, die vermutlich als Brennmaterial mitgeführt wurden, nach dendrochronologischer Untersuchung 1655/56 bei Lauenburg geschlagen wurden, ist der Zeitpunkt der Untergangs möglicherweise etwas früher anzusetzen.[6]

Zu den Funden gehören auch einige Grapen, die einer Töpferei in der Lübecker Dankwartsgrube 34 zuzuordnen sind. Zusammen mit dem heimischen Bauholz, dem aus Lauenburg stammenden Brennholz und den Tiefgangsmarken im Lübecker Fuß spricht das dafür, das der Frachtensegler möglicherweise von einem Lübecker Kaufmann betrieben wurde. Felix Rösch vermutet, dass das Schiff nach einem für 1617 urkundlich erwähnten neuen Bauplan eines Lübecker Schiffbauers gefertig wurde, der Merkmale der erfolgreichen niederländischer Schiffstypen übernahm.[12]

Bergung, Konservierung und Forschung

Die Forscher gehen davon aus, dass das Wrack erst einige Jahre vor seiner Entdeckung von einer überdeckenden Sandschicht, die es schützte, freigespült worden ist. Seither ist es durch Strömung und Zerstörung seiner Holzteile durch die Schiffsbohrmuschel gefährdet. Da das Wrack ohne Schutzmaßnahmen innerhalb weniger Jahre zerstört würde,[13] wurde es mit seiner Ladung in einer mehrmonatigen Bergungsaktion im Jahr 2023 gehoben. Die Bergung, deren Kosten auf rund 2 Millionen Euro geschätzt werden, hatte die Lübecker Bürgerschaft beschlossen.[14] Die Stadt Lübeck will die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes an den Kosten beteiligen.[15] Nach der Bergung beabsichtigen Archäologen, die Reste dauerhaft zu konservieren. Den Bergungs-, Konservierungs- und Erforschungsprozess schätzt der Lübecker Bürgermeister Jan Lindenau auf acht bis zehn Jahre.[5]

Der Wrackfund aus dem 17. Jahrhundert ist die erste derartige Entdeckung in der westlichen Ostseeregion. Bis dahin waren vergleichbare Funde nur aus dem östlichen Ostseegebiet bekannt.[16] Die Lübecker Stadtverwaltung und die untersuchenden Archäologen erhoffen sich durch die Forschungen weitere Erkenntnisse zur Geschichte Lübecks, über die weitreichenden Handelsbeziehungen innerhalb der Hanse und zur Bedeutung der Stadt für den Ostseeraum.[10]

Für die Schifffahrt ordnete das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (Ostsee) einen Sicherheitsbereich von 100 m um das Wrack an.[17]

Literatur

  • Doris Mührenberg: Das Wrack in der Trave – Interview mit dem archäologischen Forschungstaucher Dr. Felix Rösch. In: Lübeckische Blätter. 2023, S. 184–186 (die-gemeinnuetzige.de [PDF; 2,0 MB]).
  • Felix Rösch: Das Hanseschiff. Lübecks erster Wrackfund. In: NAU. Nachrichtenblatt Arbeitskreis Unterwasserarchäologie. Band 19, 2024, S. 23–31, doi:10.60648/nau.2024.1.111068.
  • Burkhard Zarnack: Ein Schiff aus der späten Hansezeit – Wrackbergung in der Trave hat begonnen. In: Lübeckische Blätter. 2023, S. 177/178 (die-gemeinnuetzige.de [PDF; 2,0 MB]).

Einzelnachweise

  1. a b 400 Jahre altes Frachtschiff in der Trave entdeckt bei HL-Live vom 27. Juli 2022.
  2. Lübecker Hanseschiff: Erste Wrackteile präsentiert bei ndr.de vom 3. Juli 2023.
  3. Trave-Schiffswrack vollständig geborgen bei ndr.de vom 31. Juli 2023.
  4. Felix Rösch: Das Hanseschiff. Lübecks erster Wrackfund. In: NAU. Nachrichtenblatt Arbeitskreis Unterwasserarchäologie. Band 19, 2024, S. 23–31; hier S. 30.
  5. a b c Sensationsfund: 400 Jahre altes Schiff in der Trave entdeckt bei ndr.de vom 26. Juli 2022.
  6. a b Felix Rösch: Das Hanseschiff. Lübecks erster Wrackfund. In: NAU. Nachrichtenblatt Arbeitskreis Unterwasserarchäologie. Band 19, 2024, S. 23–31; hier S. 28.
  7. Felix Rösch: Das Hanseschiff. Lübecks erster Wrackfund. In: NAU. Nachrichtenblatt Arbeitskreis Unterwasserarchäologie. Band 19, 2024, S. 23–31; hier S. 23.
  8. Felix Rösch: Salztonnen. 18. Juli 2025, abgerufen am 15. Oktober 2025.
  9. Felix Rösch: Das Hanseschiff. Lübecks erster Wrackfund. In: NAU. Nachrichtenblatt Arbeitskreis Unterwasserarchäologie. Band 19, 2024, S. 23–31; hier S. 29.
  10. a b 400 Jahre altes Schiffswrack bei Lübeck entdeckt in Der Spiegel vom 26. Juli 2022.
  11. Felix Rösch: Das Hanseschiff. Lübecks erster Wrackfund. In: NAU. Nachrichtenblatt Arbeitskreis Unterwasserarchäologie. Band 19, 2024, S. 23–31; hier S. 31.
  12. Felix Rösch: Das Hanseschiff. Lübecks erster Wrackfund. In: NAU. Nachrichtenblatt Arbeitskreis Unterwasserarchäologie. Band 19, 2024, S. 23–31; hier S. 29 f.
  13. Nadja Podbregar: Versunkenes Schiff aus Hansezeit entdeckt bei scinexx vom 27. Juli 2022.
  14. Lübecker Hanseschiff-Wrack: Erstes Fass aus Trave geborgen bei ndr.de vom 5. Juni 2023.
  15. Historisches Schiffswrack in der Trave soll geborgen werden bei ndr.de vom 25. November 2022.
  16. Karin Schlott: Einzigartiges Wrack aus der Hansezeit entdeckt bei Spektrum.de vom 27. Juli 2022.
  17. Bekanntmachung für Seefahrer 152/23 WSA Ostsee, 25.05.2023. elwis.de, abgerufen am 6. Juni 2023.

Koordinaten: 53° 54′ 54″ N, 10° 52′ 1″ O