Schiefe Brücke (Bauform)

Eine schiefe Brücke bezeichnet im weiteren Sinn heutzutage eine Brücke, die das überspannte Gewässer oder ein anderes Hindernis nicht rechtwinklig, sondern in einem anderen, schiefen Winkel kreuzt und deren Konstruktion deshalb in statischer Hinsicht besondere Überlegungen erfordert. In seltenen Fällen ist es der Name einer Brücke, deren Fahrbahn ein Gefälle hat, um einen Höhenunterschied zwischen ihren beiden Enden ausgleichen, wie die Schiefe Brücke über die Limmat zwischen Baden und Ennetbaden in der Schweiz.

Im engeren Sinn ist es die seit dem 19. Jahrhundert übliche Bezeichnung für eine gemauerte Bogenbrücke, die das überspannte Hindernis in einem schiefen Winkel überquert und deren Gewölbe im Grundriss daher kein Rechteck, sondern ein Parallelogramm bildet (sogenanntes schiefes Gewölbe).[1.1]

Jahrhundertelang wurden steinerne Bogenbrücken fast immer im rechten Winkel zu dem Fluss gebaut, da dies die kürzesten und damit kostengünstigsten Brücken waren. In Städten wurden die Straßen häufig nach der Brücke ausgerichtet. Notfalls wurde eine Straße in einer S-Kurve über die Brücke geführt. Beim Bau des Gewölbes wurde auf dem Lehrgerüst eine horizontale Reihe von Mauersteinen über der anderen vermauert.

Mit dem Aufkommen von Eisenbahnen, deren Strecken sich selten nach den Flüssen und Kanälen richten und keine engen Kurven haben konnten, mussten die Hindernisse häufig in einem schiefen Winkel gekreuzt werden. Eine gerade Brücke hätte in diesem Falls breiter und länger sein müssen, um das schiefe Hindernis zu überqueren und verbot sich deshalb meist aus Kosten- und Platzgründen. Deshalb wurde der Bau von schiefen Brücken unausweichlich. Hielt man Brücken aus Holz für nicht ausreichend dauerhaft und solche aus Gusseisen oder Schmiedeeisen für unzureichend erprobt, blieben nur gemauerte Bogenbrücken.

Da ein herkömmliches Gewölbe mit horizontalen Reihen von Mauersteinen in einer schiefen Brücke statisch bedenklich ist, wurden schon bald verschiedene Verlegemuster[1.2] und Steinschnitttafeln entwickelt.[2]

Dabei wurden u. a. folgende Muster vorgeschlagen:

  • Bei geringer Abweichung des Schnittwinkels von 90° kann ein gerades Gewölbe mit abschrägten, einzeln hergestellten Stirnstücken gebaut werden.[1.3]
  • Bei größerer Abweichung kann ein schiefes Gewölbe mit konstantem Fugenwinkel, also schraubenförmig ansteigenden Reihen von gleichen Mauersteinen gebaut werden (die in der Praxis wohl häufigste Form), oder
  • es wird ein schiefes Gewölbe mit variablem, den Erfordernissen der Statik am besten entsprechenden Fugenwinkel mit unterschiedlichen Mauersteinen gebaut, die einzeln nach einem Schnittplan hergestellt wurden.
  • lange Gewölbe werden im mittleren Teil als gerades und nur in den äußeren Abschnitten mit schiefen Gewölben ausgeführt.[1.4]
  • Gewölbe werden in eine Reihe von einzelnen, leicht versetzt nebeneinander stehenden und normal aufgemauerten Bogenrippen aufgeteilt, die entweder dicht aneinander stehen oder jeweils einen Zwischenraum haben wie die 1847 fertiggestellte schiefe Eisenbahnbrücke () von Chartres.[1.4]

Heute werden schiefe Brücken nicht mehr als gemauerte Bogenbrücken ausgeführt, so dass die schiefe Brücke im hier dargestellten engeren Sinn nur noch historische Bedeutung hat.

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Einzelnachweise

  1. F. Heinzerling: Der Brückenbau. Handbuch der Ingenieurwissenschaften II. Band, Erste Abteilung, 2. Aufl., Wilhelm Engelmann, Leipzig 1886 (Volltext in der Google-Buchsuche)
    1. S. 203.
    2. Literaturverzeichnis S. 225.
    3. S. 204.
    4. a b S. 209.
  2. Zum Beispiel: R. Gerke: Figurentafel zum Steinschnitt der Böschungsflügel und schiefen Brückengewölbe. Schmorl & von Seefeld, Hannover 1885 (Volltext in der Google-Buchsuche)