Schäfflertanz
Der Schäfflertanz ist ein Zunfttanz der Schäffler (Fassküfer, Fasshersteller), die zu Musik festgelegte Figuren tanzen. Er entstand ursprünglich in München. Ab 1830 verbreitete sich der Brauch durch wandernde Schäfflergesellen auch außerhalb Münchens und ist heute in vielen Orten im altbayerischen Raum üblich.
Tänzer und Tanzfiguren
Am Schäfflertanz durften ursprünglich nur unverheiratete Schäfflergesellen mit einwandfreiem Leumund teilnehmen, nicht jedoch Schäfflermeister oder deren Söhne. Erst ab den 1960er-Jahren mussten verheiratete und berufsfremde Tänzer zugelassen werden, um die Tradition aufrechterhalten zu können.
Neben den Tänzern gibt es Vortänzer, Fassschlager (die mit Hämmern auf Fässer schlagen), Spaßmacher („Kasperl“, die zum Beispiel die Lokalprominenz „derblecken“) und Reifenschwinger. Die Reifenschwinger schwingen Holzreifen, in denen auf einer kleinen Verdickung ein volles Wein- oder Schnapsglas steht (manchmal gar zwei oder drei), ohne etwas daraus zu verschütten. Abgesehen von den Spaßmachern, die ein buntes Kostüm tragen, sind alle in das Schäfflerkostüm mit schwarzen Schuhen, weißen Kniestrümpfen, schwarzer Kniebundhose, Schurzleder, roter Jacke und grüner Kappe mit weißem Federbusch gekleidet.
Die Abfolge der einzelnen Tanzfiguren:
- Einmarsch
Mit Gruß und anschließender Aufstellung zum Kreis. Melodie: "Bayerischer Defiliermarsch"
- Schlange
Diese Figur soll den Lindwurm darstellen, der nach der Sage aus der Erde kroch und mit seinem giftigen Hauch die Pest über der Stadt und seiner Umgebung verbreitete.
- Laube
Die Laube zeigt, dass sich die Menschen damals aus Angst vor dem "schwarzen Tod" in ihren Häusern einsperrten. Die Tänzer rücken bei dieser Figur auf engstem Raum zusammen.
- Kreuz
Das Kreuz ist ein Symbol des Glaubens und der Hoffnung. Der christliche Glaube gewann in der Bevölkerung durch diese schreckliche Seuche noch mehr an Bedeutung.
- Krone
Das Symbol des damaligen Herrscherhauses (die Wittelsbacher unter Herzog Wilhelm IV., der auch 1516 das Reinheitsgebot des Bieres verabschiedete). Den Schäfflern wurde zugleich als Dank und Mahnung gestattet, ihren althergebrachten Tanz alle 7 Jahre aufzuführen.
- Vier kleine Kreise
Dabei drehen sich jeweils 4 Grüppchen von 5 Schäfflertänzern ineinander. Das soll bedeuten, dass sich nach Abklingen der schlimmen Seuche das Leben wieder zu drehen beginnt. Wie in dieser Tanzfigur angedeutet vier Zahnräder, die sich miteinander drehen. Man findet sich wieder.
- Changieren
Jeder Schäfflertänzer hat seinen eigenen Buchsbogen in der Hand und tanzt jedem Kollegen zweimal entgegen. Das bedeutet, dass jeder sein Leben wieder selbst in die Hand nahm und alle begrüßt, die ihm entgegenkommen und dem "schwarzen Tod" entronnen sind. Man kann auch sagen, dass das aneinander Vorbeitanzen ein Ausdruck von Lebensfreude darstellt. Die drei Schäffler in der Mitte stellen das "Reifenauftreiben auf ein Fass dar". Sie klopfen während des "Changierens" im 3er Schlag im Takt der Musik. Mitunter zeigen die drei an, dass trotz der neu gewonnenen Lebensfreude auch die Arbeit wieder zum Lebensalltag gehören soll, denn ohne Fleiß kein Preis.
- Reifenschwung
Ein Reifenschwinger steht auf einem Fass und lässt kunstvoll einen Reifen mit einem gefüllten Weinglas über seinem Kopf kreisen, ohne einen Tropfen davon zu verschütten. Dieser Reifen symbolisiert den Kopf-, Hals- bzw. Bauchreifen, der die Dauben eines Fasses zusammenhält. Am Ende seiner Darbietung spricht der Reifenschwinger der umstehenden Bevölkerung neuen Lebensmut zu. Das "Gesundheit trinken" ist auch eine Erinnerung an die frühere "Krankheit".
- Ausmarsch
Melodie: "Bayerischer Defiliermarsch"
Ein- und Ausmarsch erfolgen im Gleichschritt. Der eigentliche Tanz wird im Schleifschritt aufgeführt.[1]
Die Tanzgruppen geben teilweise über 20 Vorstellungen am Tag. Bei der letzten Vorstellung der Saison wird nachts mit Fackeln getanzt, einer oder mehrere der Tanzreifen werden zerbrochen und ins Publikum geworfen.
Tanzmelodie
Die Tanzmelodie des sogenannten Zweiten bzw. des Neuen Münchner Schäfflertanzes[2] von 1886 komponierte Johann Wilhelm Siebenkäs (* 29. August 1826 in Fürth; † 7. März 1888 in Nürnberg), der von 1856 bis 1875 Musikmeister beim Musikkorps des Königlich Bayerischen 1. Infanterie-Regiment „König“ in München war. Der Erste bzw. der Alte Münchner Schäfflertanz,[3][4] der heute nicht mehr zum Schäfflertanz erklingt, ist eine Komposition von Obermusikmeister der Garnison München Peter Streck (* 23. April 1797 in Gersfeld; † 23. August 1864 in München).
Geschichte
Ursprung
Erstmals nachgewiesen ist der Münchner Schäfflertanz für das Jahr 1702.[5]
Es gibt eine Entstehungslegende, wonach der Tanz in München erstmals 1517 während einer Pestepidemie aufgeführt worden sein soll, um die Bevölkerung, die sich aufgrund der Pest kaum mehr auf die Straße traute, zu beruhigen und das öffentliche Leben wieder in Gang zu bringen. Diese Legende dürfte aber erst im 19. Jahrhundert entstanden sein. So wird bezweifelt, dass es 1517 in München überhaupt eine Pestepidemie gab, da die Sterberegister für dieses Jahr keine auffälligen Todesraten aufweisen.[5]
Aufführungsturnus seit 1760
Der ursprüngliche Aufführungsturnus ist unklar. Seit 1760 wird das Schauspiel alle sieben Jahre – zuletzt 2019, das nächste Mal turnusgemäß wieder 2026 – zur Faschingszeit aufgeführt. Im Mai 2022 gab es zusätzlich als Zeichen gegen die COVID-19-Pandemie in Deutschland eine Sonderedition „Schäfflertanz für das Leben“.[6][7] Warum alle sieben Jahre, ist nicht sicher geklärt; Vermutungen zielen auf ein verstärktes Auftreten der Pest alle sieben Jahre hin, die man durch den Tanz eindämmen wollte, auf die Sieben als Glückszahl oder auf Herzog Wilhelm IV., der den Schäfflern das Recht gab, alle sieben Jahre ihren Tanz aufzuführen. Demnach hätte die herzogliche Anordnung ein Überhandnehmen der Feste verhindern sollen,[5] zumal auch viele andere Zünfte ihre traditionellen Feste hatten.
Ausbreitung im 19. Jahrhundert
Durch wandernde Schäfflergesellen gelangte der Schäfflertanz ab etwa 1830 auch in andere Orte im altbayerischen Raum. Vielerorts nahmen die zu dieser Zeit aufgekommenen Turnvereine die Münchner Tradition auf und führen den Schäfflertanz seitdem in einem siebenjährlichen Turnus auf. Zu diesen Orten zählen Arbing, Arnstorf, Aschheim, Asenham, Bad Griesbach im Rottal (um fünf Jahre versetzt), Berchtesgaden, Burgkirchen an der Alz, Dinkelscherben, Eggenfelden, Eichstätt (um drei Jahre versetzt), Ergoldsbach,[8] Eschelbach/Ilm, Frontenhausen, Geiselhöring, Geisenfeld, Großmehring, Ingolstadt, Ismaning,[9] Kelheim, Kirchheim bei München, Kraiburg am Inn, Kolbermoor, Kulmbach, Landau an der Isar, Landshut, Mainburg, Moosburg an der Isar, Mühldorf am Inn, Murnau am Staffelsee, Nonnenhorn am Bodensee, Osseltshausen, Partenkirchen, Peißenberg, Pfaffenhofen an der Ilm, Pleinting, Rottenburg an der Laaber, Schierling, Schwarzach, Stadtprozelten, Taufkirchen (Vils), Traunstein, Velden, Haag in Oberbayern, Wasserburg am Inn und Wemding.
Figürliche Darstellungen
Der Schäfflertanz ist sowohl im Glockenspiel am Münchner Neuen Rathaus als auch in einem der Reliefs am sogenannten Wurmeck dargestellt. Ferner befinden sich am Schäfflereck (der Kreuzung von Schäffler-, Wein- und Theatinerstraße) zwei einzelne Schäfflerfiguren in traditioneller Tänzertracht als Hauszeichen.
Auch der bronzene Schäfflerbrunnen in Augsburg stellt als Hauptmotiv den Schäfflertanz dar.
In der Stadt Geiselhöring wurde 1997 ein Schäfflerbrunnen am Stadtplatz geschaffen.[10]
Weblinks
- Fachverein der Schäffler München. Internetpräsenz des Veranstalters des „Original Münchner Schäfflertanzes“.
- Ferdinand Kronegg: Illustrirte Geschichte der Stadt München. Geschichtliches zum Schäfflertanz aus dem Jahr 1903.
- Florian Haamann: Die Schäffler tanzen: Wenn das Glockenspiel auf dem Marienplatz zum Leben erwacht. In: kultur-vollzug.de. Kulturvollzug, 20. Januar 2012 (Text über die Eröffnung der Schäfflertanzsaison 2012).
Einzelnachweise
- ↑ Schäfflertanz. Fachverein der Schäffler Münchens e.V., abgerufen am 12. Januar 2026.
- ↑ Eröffnung der Ausstellung Volksmusik in Bayern. In: OPACplus. Bayerische Staatsbibliothek, abgerufen am 5. August 2019.
- ↑ 1992 – Tanzmusik um 1850 in Oberbayern. In: Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern. Volksmusikarchiv und Volksmusikpflege des Bezirks Oberbayern, abgerufen am 5. August 2019.
- ↑ (G)AUDI MAX – das Symphoniekonzert der anderen Art. (PDF; 878 KiB) Jugendorchester Grafing e. V., 2008, S. 2, abgerufen am 5. August 2019.
- ↑ a b c Sabine Reithmaier: Schäfflertanz & Perchtenlauf: Lebendige Traditionen und Bräuche in Altbayern. 1. Auflage. Süddeutsche Zeitung, München 2009, ISBN 978-3-86615-729-3, S. 23.
- ↑ Der historische Schäfflertanz in München 2022: Tradition und Termine. ( vom 28. Juni 2022 im Internet Archive) In: muenchen.de. Abgerufen am 5. Mai 2022.
- ↑ Der historische Schäfflertanz in München: Tradition und Termine. ( vom 15. Januar 2025 im Internet Archive) In: muenchen.de. Abgerufen am 5. Mai 2022.
- ↑ Bianca Marklstorfer: Bei den Schäfflern mittanzen, ist eine Ehre. In: Landshuter Zeitung. 7. November 2011 (idowa.de ( vom 24. September 2015 im Internet Archive)).
- ↑ Schäfflertanz. In: Website des Bauerntheaters Ismaning. Bauerntheater Ismaning e. V., abgerufen am 30. Mai 2019.
- ↑ Die Geschichte des Geiselhöringer Schäfflertanzes. In: schaefflertanz-geiselhoering.de. Geiselhöringer Schäfflertanz, abgerufen am 20. August 2022.