Paolo Santonino
Paolo Santonino (auch Paulus Santoninus/Sanctoninus/de Sanctoninis, * im 15. Jahrhundert in Stroncone im südlichen Umbrien; † 1507) war ein Jurist und Bürger von Udine. Seine handschriftlichen Reisedokumentationen („Itinerarien“) sind von hohem kulturhistorischem Wert. Er stand im Dienste des Kardinals Marco Barbo, dem Bischof von Venedig und Patriarchen von Aquileia, einem Neffen von Papst Paul II.
Leben und Persönlichkeit
Die bisherigen biographischen Kenntnisse über Paolo Santonino hat der italienische Bibliothekar Giuseppe Vale (1877–1950) erarbeitet und seiner Edition von Santoninos „Itinerarium“ vorangestellt.[1] Aus dem „Itinerarium“ selbst können darüber hinaus relevante Einzelheiten zu Santoninos Persönlichkeit erschlossen werden.
Der gebürtige Umbrier Paolo Santonino ist ab 1469 in der Friaul nachweisbar. In Udine sesshaft geworden, erlangte er im Jahr 1473 das Bürgerrecht und wurde nachmals als „kaiserlich befugter öffentlicher Notar und ordnungsgemäß eingesetzter Richter“ bezeichnet. Dort besaß er ein Haus mit Landbesitz in der heutigen Via Vittorio Veneto. Mit seiner Frau Allegrezza Lucretia hatte er, soweit bekannt, eine Tochter und fünf Söhne, von denen drei ebenfalls juristische Laufbahnen ergriffen. Paolo Santonino, der anfänglich als Privatsekretär der Udineser Vikare des Patriarchen von Aquileia tätig war, stieg 1491 aufgrund seiner anerkannten Kompetenz zum alleinigen Kanzler dieses Vikariats auf. Als Jurist wurde er auch direkt von Patriarchen mit Sonderaufgabern betraut.
Als Autor ist Paolo Santonino, ein hochgebildeter Mensch der Renaissance, heute nur dank seines „Itinerariums“ bekannt, insbesondere in den von ihm bereisten Landstrichen.[2] Im „Itinerarium“ gibt Santonino einerseits ein kommunikatives und eloquentes, geistreiches und humorvolles Naturell zu erkennen, und andererseits zeigt er, entsprechend seiner juristischen Berufstätigkeit, die Qualitäten eines um Objektivität bemühten, spontanen, ja „notorischen“ Beobachters, der in seine reichdifferenzierten Aufzeichnungen auch viele selbständige Urteile einfließen lässt. Die amtlichen, jeweils vor Ort von ihm selbst geschriebenen Urkunden scheint Santonino dann auch als Textbausteine und Erinnerungshilfen für sein „Itinerarium“ verwendet zu haben – ein Indiz für seinen Wahrheitsanspruch.
Obwohl die bereisten Landstriche und Kulturen für Santonino bis dahin unbekannte, fremdsprachige Erfahrungsräume waren, lässt er nicht den geringsten Vorbehalt gegen kulturelle Fremdheit erkennen, ja die negativen literarischen Stereotype italienischer Autoren gegenüber den „transmontanen“ Kulturräumen (das sogenannte Barbarenverdikt) sind bei ihm geradezu ins positive Gegenteil gewendet. Das Spektrum der Aufmerksamkeit für die ihn faszinierende, noch tief im Mittelalter verankerte Kultur seiner Reiseziele, erscheint inhaltlich quasi unbegrenzt. Schwerpunkte sind: kirchliche Amtshandlungen, Kirchenausstattungen, Merkmale der Landschaft, Stadtbeschreibungen, topographische und kulturelle Besonderheiten, vor allem aber Personenbeschreibungen und festliche Gastmähler. Mit seinen zahlreichen Essensbeschreibungen überliefert Paolo Santonino eine für das Mittelalter auf diesem Sektor absolut solitäre Informationsdichte. Als echte Rarität wird manchmal sogar der Aufbau von Speisenfolgen im Sinne der mittelalterlichen Diätetik nachvollziehbar.[3]
Santoninos markantes Interesse an der Paraphrasierung exquisiter Kochkunst dürfte mit exzellenter persönlicher Kompetenz zu erklären sein, denn terminologische und sprachliche Gemeinsamkeiten mit dem Libro de l’arte coquinaria des Friulaners Maestro Martino bzw. mit dem damals brandneuen diätetischen Hauptwerk De honesta voluptate et valetudine des Humanisten Bartolomeo Sacchi („Platina“) attestieren Santonino einen hochqualifizierten kulinarischen Urteilshorizont.[4] Damit dieser pointierte Interessensschwerpunkt heutzutage aber keine Fehleinschätzungen provoziert, muss zur Persönlichkeitsstruktur Paolo Santoninos auf jeden Fall auch festgehalten werden, dass er, obwohl Laie, in vielen Details seines „Itinerariums“ zu erkennen gibt, wie entschieden seine Mentalität der christlichen Weltsicht verpflichtet ist. Ein typisches Beispiel hierfür ist etwa die wiederholte Betonung der Mühseligkeit des Reisens (eine christliche Metapher für den entsagungsvollen „Weg“ ins Himmelreich), ein anderes die Stadtbeschreibung von Villach (eine auch im religiösen Sinn „schöne Stadt“).[5] Andächtig verehrt er in der von Türken niedergebrannten Klosterkirche von Arnoldstein das wundersam vom Brande verschonte Tafelgemälde der seligen Maria.
Unter diesem Vorzeichen ist auch die Rezeption von Santoninos Essensbeschreibungen zu relativieren: Zwar hat er die tagtägliche Wiederkehr eines exzeptionellen Festtags-Standards sichtlich genossen, doch hat er diese keineswegs als Apotheose der Völlerei beschrieben, wie es häufig hineininterpretiert wird. Mit leisem Spott kritisiert er sogar den „allmächtigen Magen“ des Bischofs, einem Gourmand, der die besonders guten Weine gegen den Zugriff der Reisegefährten bewachen lässt und oft als Einziger noch bei den finalen Gängen zugreift. Die üppigen Essensbeschreibungen sind daher auch aus dem Postulat der Gastfreundschaft zu erklären, die ja die sieben christlichen Werke der Barmherzigkeit sehr maßgeblich mitkonstituiert (Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Fremde beherbergen). So gesehen hätte Santonino mit den Essensbeschreibungen auch sein Lob dafür manifestieren wollen, dass während der kirchenrechtlich veranlassten Reisen eine aus christlicher Sicht grundlegende Norm durch seine Gastgeber hervorragend erfüllt worden war. Diese Sicht bestätigen seine durchaus lobenden Erwähnungen von ungewohnten Begrüßungssitten, auch wenn diese ihm befremdlich, ja moralisch fragwürdig anmuteten.
Santoninos nichtliterarischer schriftlicher Nachlass ist um vieles umfangreicher als das „Itinerarium“, aber auch trockener: Im Kanzleidienst verfasste er unter anderem die gigantischen Akten der Kurie des Patriarchats Aquileia (1472–1481) sowie einen „Visitationum liber“ (1488 ff.). Die in allen seinen Schriften erkennbare klassische Bildung und seine (auch berufsbedingte) Routine im Gebrauch der lateinischen Sprache begründete wohl auch sein Naheverhältnis zu friulanischen Literaten und zu humanistischen Zirkeln, etwa um Marcus Antonius Coccius Sabellicus (1436–1506). Das derzeit letzte Lebenszeichen Paolo Santoninos ist eine von ihm unterzeichneten Urkunde vom 8. Juli 1507.[6]
Santoninos sogenannte Reisetagebücher
Paolo Santonino hat sein „Itinerarium“ in lateinischer Sprache verfasst. Im deutschen Sprachraum kursiert dafür die Bezeichnung „Reisetagebücher“ in Anlehnung an den Buchtitel der Übersetzung von Rudolf Egger. Als literarische Gattungszuweisung ist dies missverständlich bis unzutreffend. Es handelt sich vielmehr um einen Bericht (historia) über drei kirchliche Dienstreisen aus den Jahren 1485, 1486 und 1487, die Pietro Carlo, Bischof von Caorle, im Auftrag des damaligen Patriarchen von Aquileia, Marco Barbo, zu absolvieren hatte. Zugleich betitelt Santonino den Anfang sowie auch die Gesamtheit seines dreiteiligen Berichts auch als itinerarium und deklariert sich als dessen Verfasser im Dienst des Patriarchats. Obwohl Santoninos Texte weit über die in Itinerarien üblichen Informationen hinausgehen, sprechen seine originären Gattungszuweisungen und auch andere Überlegungen (siehe unten) mit Nachdruck dafür, die Titulierung „Reisetagebücher“ durch die literarhistorisch adäquatere Bezeichnung „Itinerarium“ zu ersetzen.[7]
Die drei Reisen dauerten insgesamt 114 Tage und führten aus Friaul an den nördlichen Rand der Diözese Aquileia, den damals die Drau markierte. Dadurch erfassten jene Reisen im heutigen Österreich Teile von Osttirol und Kärnten sowie im heutigen Slowenien Teile von Krain und der einstigen Mark an der Sann. Die drei Reisen kamen aus kirchlichen Notwendigkeiten zustande, hatten aber einen herben realpolitischen Hintergrund: Wiederholte Einfälle der Osmanen in die betreffenden Gebiete zwecks Erkundung einer geeigneten Aufmarschroute nach Venedig hatten das Spenden der Firmung und die Visitation der Pfarrgeistlichkeit teils jahrzehntelang verunmöglicht. Zahlreiche (Neu-)Weihen von Kirchen und Altären nach Reliquiendeponierungen waren nach deren Verwüstung nötig, um den kanonischen Rahmen für ordnungsgemäße Gottesdienste wiederherzustellen.
In einer von anderen Quellen des Mittelalters kaum überbietbaren Signifikanz lassen die Aufzeichnungen Santoninos auch viele praktische Details des Unterwegsseins erkennen, nämlich:[8] die Reiserouten anhand der Tag für Tag aufgelisteten Orte, die – mit Ausnahme von Sonn- und Feiertagen – tagtäglich zurückgelegten Entfernungen, die mittlere Reisegeschwindigkeit (= 4 bis 5 km/h), die überwiegende Verwendung von Reitpferden als Mittel der Fortbewegung, die ungefähre Größe der Reisegesellschaft, die Beschaffenheit von Straßen und Brücken, das Zeitschema der Tagesabläufe (inkl. Dauer der Nachtruhe, Art der Stundenzählung, Essenszeiten und Essensdauer)[9], die Kategorien von Nachtquartieren[10] und vereinzelte Hinweise zu Kleidung und Hygiene. Diese Informationen sprechen ebenfalls für eine Benennung der Reisebeschreibungen als „Itinerarien des Paolo Santonino“.
Die von Santonino überlieferten Angaben zum „Essen“ darf man allerdings keinesfalls im Sinne von Reiseverpflegung auffassen. Denn Santonino erlebte und beschrieb Speisen und Speisenfolgen im nicht-alltäglichen, festlichen Rahmen oder in – irreführend als „Gasthäuser“ bezeichneten – damaligen Gourmettempeln der Oberschicht, also unter dem Aspekt der hohen Kochkunst. Dadurch ermöglichen seine kulinarischen Angaben den anderweitig kaum dokumentierten Zugang zu den Speisen des Mittelalters nicht aus Rezeptsammlungen und Kochbüchern, sondern von einer gehobenen Küchenpraxis her. Eine andere Rarität sind Paolo Santoninos „statistische“ Notizen zum jährlichen Lebensmittelverbrauch an einem Herrschaftshof des Spätmittelalters.[11]
Die Route der ersten Reise
Die erste Reise startete am 29. September 1485 in San Daniele und endete am 11. November 1485 in Udine. Besucht wurden Osttirol, das Gailtal und vereinzelt Orte im Drautal. Die Reiseroute führte zuerst über den Plöckenpass (früher Kreuzberg genannt) nach Kötschach-Mauthen. Von dort ging es über den Gailbergsattel nach Oberdrauburg im Drautal. Nach einem Aufenthalt zog die Reisegemeinschaft weiter nach Tristach, Amlach und schließlich nach Lienz. Auf Schloss Lengberg schilderte er das Zusammentreffen mit Graf Leonhard von Görz, seiner Ehefrau Paola Gonzaga und den führenden Görzer Staatsmann Virgil von Graben sowie die Bewirtung seitens Von Graben selbst.[12][13] Von dort aus ging es zurück nach Oberdrauburg, von wo aus erneut der Gailberg überquert wurde. Nach einem neuerlichen Aufenthalt in Kötschach-Mauthen ging es ins Lesachtal. Nach der Rückkehr nach Mauthen ging die Reise mit etlichen Zwischenstationen den Gailfluss abwärts nach Hermagor. Von dort aus ging die Reisegesellschaft in das Gitschtal bis zum Weißensee und wieder retour nach Hermagor. Nach einigen Tagen in und um Hermagor zogen sie wieder durch das Gitschtal bis ins Drautal nach Greifenburg. Nach dem Aufenthalt in der Gegend um Greifenburg ging es über Oberdrauburg erneut zurück nach Kötschach-Mauthen. Von dort aus zogen sie über Tolmezzo und Venzone zurück nach Udine.
Die Route der zweiten Reise
Die zweite Reise startete am 26. August 1486 in Cividale und endete am 1. Oktober 1486 in Udine. Besucht wurden Oberkärnten und Krain. Die Reiseroute führte den Fluss Natisone entlang bis Kred und weiter nach Kobarid/Karfreit und Tolmin/Tolmein. Von dort ging es mit einigen Zwischenstopps weiter nach Škofja Loka/Bischoflack. Von dort aus ging es nach Kranj/Krainburg. Weiter führte die Route über Tržič/Neumarktl, über den Loiblpass nach Kappel an der Drau bei Ferlach. Von dort ging es über Rosegg nach Villach. Nach einigen Tagen in und um Villach, von wo aus auch gailaufwärts das Stift Arnoldstein, Sankt Stefan im Gailtal und die Burg Finkenstein aufgesucht wurden, kehrten Santonino und der Bischof nach Rosegg zurück. Von dort aus führte die Reiseroute über Trostenheim (heute St. Martin), Burg Finkenstein und Faak am See wieder nach Villach. Nach ein paar Tagen Aufenthalt ging es erneut nach Finkenstein und dann über Tarvis/Tarvisio, Flitsch/Bovec/Plezzo und Kobarid/Karfreit zurück nach Cividale.
Die Route der dritten Reise
Die dritte Reise startete am 7. Mai 1487 in Tolmein/Tolmin und endete am 8. Juni in Udine bzw. Cividale. Besucht wurde die Mark an der Sann. Die Reiseroute führte über den Weiler Grahova, Seltschach/Selce, Kompolje und ein Dorf namens Franz bis Neukirchen/Nova Cerkev nach Gonobitz/Slovenske Konjice. Von dort aus ging es einmal nach Loče und nach S. Johann am Čadram, heute Oplotnica. Dann führte die Reise weiter über Pöltschach/Poljčane in das Kloster S. Sophia in Studenitz/Studenice. Von dort aus reisten sie weiter nach Maxau/Makole und Kerschbach/Črešnjevec und auf die nahegelegene Burg Stattenberg. Von dort aus führte die Route nach Pettau/Ptuj und Ptujska Gora. Von dort aus wurden einige Kirchen in der Ebene besucht. Weiter führte die Reise über Schiltern/Žetale nach Rohitsch/Rogatec. Nach fünf Tagen in und um diese Stadt ging es wieder zum Kloster Studenitz. Von dort aus ging es weiter nach Kerschbach/Črešnjevec, Pulsgau/Polskava und Kötsch/Hoče. Die nächsten Stationen auf der Reise waren Frauheim/Fram, Schleinitz/Slivnica, Slovenska Bistrica, Tainach/Tinje. Zurück in Gonobitz reiste man weiter nach Malocherin/Malohorna, Weitenstein/Vitanje und Kirchstetten/Črešnjice. Dort suchten sie ein nicht näher genanntes in der Nähe liegendes Kloster auf. Die Route führte nun zurück über Ponigl/Ponikva nach Cilli/Celje. Von dort aus ging es wieder zurück über Burg Glogowitz/Blagovica, Zirknitz/Cerknica, Tolmein/Tolmin und schließlich nach Udine bzw. Cividale.
Historische Bedeutung und Nachleben
Paolo Santonino schrieb über die bischöflichen Agenden kein amtliches Protokoll. Er nahm in seine Itinerarien sowohl Dienstliches, als auch Dokumentarisches zu Land und Leuten, aber auch sehr persönliche Anmerkungen auf. Konkretisierbar ist seine Intention allerdings nur als eine Hypothese. Ihr zufolge hätte Santonino beabsichtigt, als Augenzeuge ein erfolgreiches Unternehmen von historischer Tragweite quasi mikrohistorisch darzulegen, nämlich, auf welche Weise die bischöfliche Delegation die durch die Osmanen geschädigten Kirchendistrikte und ihre traumatisierten Gemeinden in den Schoß der Kirche rückgeführt hat.[14]
Diesem ganzheitlichen Meta-Interesse entspräche zunächst, dass Santonino sein dreiteiliges Opus klar als Einheit auffasst, denn er etikettiert es (jeweils im Singular) als itinerarium und qualifiziert diese Gesamtheit als historia. Beide Begriffe transportieren nüchterne Pragmatik wie auch hochrangige religiöse Metaphorik: itinerarium steht einerseits für Eintragungen „unterwegs“ in tagtäglicher Folge, andererseits auch für Augenzeugenschaft und Authentizität auf dem „Weg“ zu einem „höheren“ Ziel. Dem Begriff historia ist darüber hinaus ein Wahrheitsanspruch immanent, dessen Inbegriff die Bibel ist. In dieser Perspektive wäre Santoninos Hauptmotivation für die Niederschrift des „Itinerariums“ das (unausgesprochene) Bewusstsein um die solitäre zeithistorische Relevanz der Reisen gewesen, und er hätte mit seiner als itinerarium angelegten historia jene einmalige kirchenpolitische Leistung würdigen wollen, die aus christlicher Sicht letztlich zu deuten ist als eine schrittweise Vollendung gemäß der göttlichen Weltordnung.
So gesehen müsste man Santoninos Essensbeschreibungen lesen als Spiegel festtagsgemäßer Gastfreundschaft einer Oberschicht (niederer Adel, Pfarrgeistlichkeit, aber auch Angehörige des Hochadels), die auf dieser Schiene vordergründig nicht nur dem Bischof, sondern auch diesem als Vertreter des Patriarchen und Kardinals Standeskonformität bieten wollte. Hintergründig würdigt er damit selbstredend auch die Größe des kirchlichen wie weltlichen Vollendungswerkes der beiden Vertreter des Patriarchen. In dieser Sicht repräsentiert das „Itinerarium“ also eine höchst originelle Gelegenheitsschrift, die nicht primär lobpreisend oder gar selbstdarstellerisch sein sollte (sein Ziel war eine nicht zur Veröffentlichung bestimmte rhetorische Übung an die Adresse des Freundeskreises), sondern eine den beispiellosen Anlass und Auftrag würdigende Arbeit. In diese Richtung verweist auch Santoninos abschließende Widmung des „Itinerariums“ ad maiorem Dei gloriam (A. M. D. G.).[15] Dass Santoninos Autograph 1549 in die Biblioteca Apostolica Vaticana gelangt ist (Cod. Vat. Lat. 3795), könnte anlassgerechte apostolische Wertschätzung signalisieren.
Im Gegensatz dazu verleiteten abenteuerliche Reiseumstände, üppige Speisebeschreibungen sowie die kulturelle Fremdheit des christlichen Mittelalters an sich ein modernes Leserpublikum häufig zu kulturvoyeuristisch motivierten Interpretationen des „Itinerariums“. Hierauf gründet wohl das Interesse mancher Zeitgenossen am „Itinerarium“. Über weite Strecken beruht Santoninos späte Popularität daher auf der unkritischen Rezeption von laienhaften Übersetzungen und bruchstückhaften Nacherzählungen des „Itinerariums“. Am deutlichsten wird das anhand der touristischen Vermarktung Santoninos entlang der Reiseroute, wo man häufig auf erfindungsreiche Santonino-Reminiszenzen trifft. Als Hauptakteur der drei Reisen wird verständlicher Weise meist nicht der Bischof Pietro Carlo wahrgenommen, sondern der vom Kardinal mit weltlichen Sonderaufgaben beauftragte Jurist und Ich-Erzähler Paolo Santonino. Er ist es ja auch, der mit den Mächtigen, etwa dem Grafen Leonhard von Görz, verhandelt und die gelehrten Gespräche mit Gebildeten führt.
Bei den, nicht mit wissenschaftlicher Vorgehensweise erarbeiteten, Übersetzungen des mittellateinischen Originaltextes in aktuelle Nationalsprachen (bisher: Deutsch, Japanisch, Slowenisch, Italienisch) zeigte sich auch, dass entscheidende Bedeutungsnuancen verloren gehen (gerade etwa die Formulierungen des „Itinerariums“, die durch Santoninos christliche Weltsicht geprägt wurden), weil viele Termini nur aus der originalen Latinität heraus in ihrer mentalitätsgeschichtlich verankerten Semantik verstehbar sind, was aber neusprachlich meist nur schwer äquivalent wiedergegeben werden kann. Daher scheinen kompetente Diskurse über Intentionalität und Aussagewert des „Itinerariums“ sowie über die Persönlichkeit seines Autors nur auf der Basis des mittellateinischen Originaltextes und nur im wissenschaftlichen Rahmen möglich. Als positives Beispiel könnte man die Übersetzung des Historikers Rudolf Egger nennen. Aber selbst die professionelle Neuaufbereitung der von Santonino beschriebenen Speisen durch Barbara Maier und Hans G. Kugler veranschaulicht, dass bei aller Re-Präsentation und Rekonstruktion ein unvermeidlicher Rest an Gegenwartsbindung verbleibt.
Der Eindruck, dass Santonino nicht aus der Fremde, sondern eher von guten Nachbarn und Freunden berichtet, ließe übrigens an eine gemeinschaftsstiftende Wirkung der Kulturen übergreifenden Diözese des Patriarchats Aquileia denken (die wohl auch bezüglich der heutigen Idee des Regionenverbundes Alpen-Adria/Alpe-Adria/Alpe-Jadran mit zu erwägen wäre). Damals könnte auch die langobardische Geschichte des Friaul und des Gailtales noch wirksam gewesen sein, die mit Ursache für die, aus geografischer Sicht fragwürdige, Grenzziehung zwischen Salzburg und Aquileia durch Karl den Großen gewesen war.
Rund um das Millenniumsjahr 2000 hat im Friaul (San Daniele del Friuli, Gradisca) eine nur kurze „Santonino-Renaissance“ stattgefunden, die das „Itinerarium“ auch mit einer Textausgabe gewürdigt hat, die Santoninos Muttersprache entspricht. Einen anderen medialen Weg ging Franz Glantschnig (Radnig) mit einer Videoproduktion. Auch das Fernsehen greift immer wieder und in unterschiedlicher Qualität Santonino-Themen auf. Bisher am weitesten vom Originaltext entfernt hat sich Engelbert Obernosterer (Mitschig) mit seinem dramatisierten „Sittenbild“ unter dem Titel „Paolo Santonino“.
Literatur
- Giuseppe Vale (Hrsg.): L’itinerario di Paolo Santonino in Carintia, Stiria e Carniola negli anni 1485–1487 (= Studi e testi, Band 103). Città del Vaticano 1943, Reprint 1983.
- Rudolf Egger (Übers.): Santonino in Kärnten. Aus seinen Reisetagebüchern 1485–1486. Kleinmayr, Klagenfurt 1947. Reprint Galerie Magnet, Völkermarkt 1980, ISBN 3-901758-02-X.
- Helmut Hundsbichler: Reise, Gastlichkeit und Nahrung im Spiegel der Reisetagebücher des Paolo Santonino (1485–1487). Ungedruckte Dissertation Wien 1979.
- Eiko Funada (Übers.): Tyuusei Higasi Alupusu Tabinikki 1485. 1486. 1487. [Ein mittellateinisches Reisetagebuch aus den Ostalpen]. Tokio 1987, ISBN 4-480-85359-6 (japanisch).
- Primož Simoniti (Übers.): Paolo Santonino, Popotni dnevniki. Celovec, Dunaj, Ljubljana 1991 (slowenisch) Katalogeintrag bei COBISS, ISBN 3-85013-238-2.
- Helmut Hundsbichler: Pavel Santonino o Sloveniji (1486 in 1487). Stvarnost in mentaliteta v potopisu iz pozne gotike. In: Zgodovinski časopis. 50, 1996, S. 187–202 = Alltag, Realität und Mentalität in den Reisetagebüchern des Paolo Santonino. Relativierungen anhand der Beispiele aus dem Kirchendistrikt Saunien (1486, 1487). In: Zeitschrift des historischen Vereines für Steiermark. 88, 1997, S. 71–91.
- Roberto Gagliardi (Übers.): Paolo Santonino, Itinerario in Carinzia, Stiria e Carniola (1485–1487) (= Biblioteca de „L’Unicorno“. Band 1) Pisa & Roma 1999, ISBN 88-8147-202-3.
- Barbara Maier, Hans Gerold Kugler: Santoninos Kost. Klagenfurt 2001, ISBN 3-85129-346-0.
- Helmut Hundsbichler: Paolo Santoninos „Reisetagebücher“ in neuer Sicht. In: Volker Schimpff, Wieland Führ (Hrsg.): Historia in Museo. Festschrift für Frank-Dietrich Jacob. Langenweissenbach 2004, S. 215–223.
Weblinks
- Santonino, Paolo im Repertorium „Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters“
- Interaktive Aufbereitung Santoninos erster Reise nach der Übersetzung von Egger
Einzelnachweise
- ↑ Giuseppe Vale (Hrsg.): L’itinerario di Paolo Santonino in Carintia, Stiria e Carniola negli anni 1485–1487 (= Studi e testi. Band 103). Città del Vaticano 1943 (Reprint 1983), S. 103–119.
- ↑ Zum Folgenden siehe Helmut Hundsbichler: Reise, Gastlichkeit und Nahrung im Spiegel der Reisetagebücher des Paolo Santonino (1485–1487). Phil. Diss. Wien 1979 (ungedruckt); Helmut Hundsbichler: Il ruolo e l’importanza dell’Itinerarium Sanctoniniano. In: L’Unicorno. 2, 1999, S. 17–30; Helmut Hundsbichler: Paolo Santoninos „Reisetagebücher“ in neuer Sicht. In: Volker Schimpff, Wieland Führ (Hrsg.): Historia in Museo. Festschrift für Frank-Dietrich Jacob. Langenweissenbach 2004, S. 215–223.
- ↑ Hundsbichler: Reise, Gastlichkeit und Nahrung, S. 158–177.
- ↑ Hundsbichler: Reise, Gastlichkeit und Nahrung, S. 21 f.
- ↑ Hundsbichler: Santoninos „Reisetagebücher“ in neuer Sicht, S. 218 f.; Helmut Hundsbichler: Die „schöne“ Stadt Villach im „Itinerarium“ des Paolo Santonino (1486). In: Helmut Bräuer, Gerhard Jaritz, Käthe Sonnleitner (Hrsg.): Viatori per urbes castraque. Festschrift für Herwig Ebner (= Schriftenreihe des Instituts für Geschichte. Band 14). Graz 2003, S. 293–299.
- ↑ Vale: Itinerario, S. 116–119; Hundsbichler: Reise, Gastlichkeit und Nahrung, S. 12 f.
- ↑ Hundsbichler: Santoninos „Reisetagebücher“ in neuer Sicht.
- ↑ Helmut Hundsbichler: Realien zum Thema „Reisen“ in den Reisetagebüchern des Paolo Santonino (1485–1487). In: Die Funktion der schriftlichen Quelle in der Sachkulturforschung (= Veröffentlichungen des Instituts für mittelalterliche Realienkunde Österreichs. Band 1 = Sitzungsberichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Kl. Band 304/4). Wien 1976, S. 55–143 und 250–258.
- ↑ Helmut Hundsbichler: All’ora debita. Il computo delle ore e i riferimenti temporali in Paolo Santonino (1484/87). In: L’Unicorno. 2, 1999, S. 7–16 = Helmut Hundsbichler: Zur rechten Zeit. Stundenzählung und Tageseinteilung bei Paolo Santonino (1485/87). In: Gernot P. Obersteiner, Peter Wiesflecker (Red.): Festschrift Gerhard Pferschy (= Forschungen zur geschichtlichen Landeskunde der Steiermark. Band 42). Graz 2000, S. 79–93 (zum Geburtstag von Gerhard Pferschy).
- ↑ Helmut Hundsbichler: Gasthäuser und Pfarrhöfe als bischöfliche Unterkunft am Nordrand der Kirchenprovinz Aquileia. Beispiele aus den Reisetagebüchern des Paolo Santonino und aus verwandtem Quellenmaterial des 15. Jahrhunderts. In: Hans Conrad Peyer (Hrsg.): Gastfreundschaft, Taverne und Gasthaus im Mittelalter (Schriften des Historischen Kollegs, Kolloquien. Band 3). München 1983, S. 189–203.
- ↑ Hundsbichler: Reise, Gastlichkeit und Nahrung, S. 105; Helmut Hundsbichler: „quibus omnibus victum prebet“. Zur Nahrungsmittel-Konsumtion in einem untersteirischen Herrschaftshof des Spätmittelalters. In: Herwig Ebner u. a. (Hrsg.): Festschrift Othmar Pickl zum 60. Geburtstag. Graz / Wien 1987, S. 241–248.
- ↑ Rudolf Egger: Santonino in Kärnten. Aus seinen Reisetagebüchern 1486–86 (= Kleine Kärnten-Bibliothek. Band 10), Klagenfurt 1978, S. 34; Paolo Santonino: Reisetagebücher 1485–86. In: Osttiroler Heimatblätter. 16, 1948, Heft 9.
- ↑ Graben (von) Virgil. In: Dizionario biografico dei friulani. Abgerufen am 1. Januar 2025 (italienisch).
- ↑ Dies und das Folgende siehe bei Hundsbichler: Santoninos „Reisetagebücher“ in neuer Sicht, S. 219–222.
- ↑ Vale: Itinerario, S. 268.