Sankt Wendelin (Schlaitdorf)
Sankt Wendelin in Schlaitdorf[1] ein geschütztes Kulturdenkmal nach dem Denkmalschutzgesetz. Die Pfarrkirche steht in Schlaitdorf im Landkreis Esslingen in Baden-Württemberg. Die Kirchengemeinde gehört zum Kirchenbezirk Nürtingen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Sie ist eine spätgotische, um 1500 erbaute evangelische Kirche katholischen Ursprungs.
Geschichte
Das im Jahr 1088 ersterwähnte württembergische Dorf Schlaitdorf im Landkreis Esslingen war ursprünglich keine eigenständige Pfarrei und gehörte kirchenorganisatorisch zu Neckartailfingen. Eine Urkunde vom 20. Februar 1431 weist auf Differenzen zwischen der Neckartailfinger Muttergemeinde und der Schlaitdorfer Bevölkerung hin. Diese Urkunde zeigt auf, dass Schlaitdorf zu dieser Zeit schon eine Kapelle besaß. Hierbei handelte es sich um die Burgkapelle des in Schlaitdorf ansässigen Dorfadels. Im Jahre 1466 erfolgte die kirchenorganisatorische Trennung Schlaitdorfs von der Neckartailfinger Muttergemeinde. Zuvor wurde auf der Basis einer Stiftung des adligen Georg Kaib von Hohenstein, der die Schlaitdorfer Burg bewohnte, im Ort eine Kaplanei eingerichtet. Ein Nachkomme dieses Adligen gleichen Namens erlaubte eine Sammlung für die Einrichtung einer Pfarrei mit einem Taufstein sowie die Einrichtung eines angeschlossenen Friedhofes. Im Jahr 1482 überließ der Besitzer der Schlaitdorfer Burg Ludwig Hafenberg aus Neuriet dem damaligen Schlaitdorfer Pfarrer Jacob Kramer im Tausch gegen andere Pfarreieinkünfte das Dorfadelsgebäude als Pfarrhaus.
Im Jahr 1534 ließ Herzog Ulrich von Württemberg nach der Wiedereroberung Württembergs sein Herzogtum planmäßig reformieren. Auch der damalige Schlaitdorfer Pfarrer Gregorius Fischer verpflichtete sich daraufhin, im Sinne der Reformation zu predigen. Sankt Wendelin wurde somit zu einer evangelischen Kirche. Die Kirche wurde damit namenlos.
Jüngste Renovierungen
Ab dem Jahr 2000 wurde in einer nahezu zweijährigen Bauzeit die Kirche Sankt Wendelin im Außenbereich saniert. Unterschiedliche Setzungsprozesse der ungleichgewichtigen Baukörper Turm und Kirchenschiff führten im Verbindungsbereich an der nordseitigen Hangkante zu einem Absacken der Fundamente um bis zu zehn Zentimetern. Klaffende Risse hatten sich im Kirchenraum aufgetan. Um weitere Schäden am Kirchenschiff vorzubeugen sowie zur Erhöhung der Standfestigkeit wurde das Fundament des Gebäudes freigelegt und Bohrpfähle fünf Meter in das Erdreich getrieben. Dabei wurde auch die Drainage und Kanalisation des Gebäudes erneuert.
Das Dach des Turmes wurde stilgetreu mit grün lasierten, flach gerundeten Biberschwanzziegeln ausgebessert. Am Satteldach des Schiffes wurden umfangreiche Ausbesserungsarbeiten durchgeführt. Die alten handgestrichenen Biberschwänze wurden nachgegossen und das Dach damit neu eingedeckt.
Die bis zur Renovierung offengelegte Sandsteinfassade des Kirchenschiffes wurde dem Turm angepasst und mit einem Kalkputz nach altem Vorbild versehen. Die Steineinfassungen der Fenster blieben naturbelassen.
Ab 2006 wurden die Renovierungsarbeiten im Innenbereich voran getrieben. Die Tür zwischen Kirchenschiff und Turm wurde soweit verschoben, dass die Treppe zur Empore jetzt dem Eingangsbereich angehört. Die Ausführung der Türe in Glas gibt einen fantastischen Blick auf die Kunst der Steinmetze frei.
Das vorhallenartige Erdgeschoss des Turmes öffnet sich harmonisch in einem Spitzbogenportal ins Kirchenschiff. Mittelalterliche Baukunst kulminiert hier im Schlussstein des prächtigen Kreuzrippengewölbes mit dem Zeichen und den Initialen des Baumeisters Hans Buß. Dieses Symbol wurde farblich nachgearbeitet und ist jetzt gut erkennbar. Mit einem Deckenspiegel wurden die Gebäuderisse kaschiert. Die Schräglage des Turmdachstuhles bleibt spürbar. Der früher vorhandene Stuckfries wurde mittels eines Lichterrahmens nachgeformt.
Die Treppenstufen zum Chor wurden verbreitert, so dass sich jetzt Chöre besser aufstellen und platzieren können. Die barocken Bilder mit den Aposteln und Evangelisten an der Empore wurden höhengleich an der Nordwand fortgesetzt „in Andeutung an die einstige Nordempore, die bei einer Renovierung 1953 entfernt wurde.“[2]
Architektur
Um 1500 wurde am Platz einer romanischen Vorgängerkirche die heute noch erhaltene Kirche Sankt Wendelin im spätgotischen Stil errichtet, allerdings – für die damalige Zeit ungewöhnlich – ohne einen Chor. Der im Westen gelegene Turm wurde später durch den Baumeister Hans Buß, der auch die Nürtinger Stadtkirche entworfen hat, angebaut. Das zweite Turmgeschoss über der geweölbten Turmhalle ist mit Schießscharten versehen und diente vermutlich als Schatzkammer. Teile des Kirchenschiffes reichen vermutlich bis in die romanische Zeit des 12. Jahrhunderts zurück. Im Jahr 1534 ließ Herzog Ulrich von Württemberg nach der Wiedereroberung Württembergs sein Herzogtum planmäßig reformieren. Auch der damalige Schlaitdorfer Pfarrer Gregorius Fischer verpflichtete sich daraufhin, im Sinne der Reformation zu predigen. Sankt Wendelin wurde somit zu einer evangelischen Kirche. Die Kirche wurde damit namenlos. Nach Einführung der Reformation wurde die Errichtung einer Kanzel für den württembergischen Predigtgottesdienst nötig, zunächst wohl als Holzprovisorium. Im Jahre 1564 wurde auf der Mitte der Südwand dann eine Steinkanzel aufgestellt und das Kirchengestühl entsprechend gruppiert, wodurch sich bis zur räumlichen Umgestaltung im Jahre 1952 durch Architekt Walter Ruff (Anbau eines Chorraumes und einer Sakristei einschließlich Öffnung der Ostwand für einen Chorbogen, Wegfall der Nord- und Ostempore, Neuerrichtung einer Westempore) ein fast vierhundert Jahre währender Raumcharakter einer Querkirche ergeben hatte.[3] Dem Architekten Ludger Schmidt wurde die Innenrenovierung im Jahre 2007 übertragen.
Ausstattung
Kanzel
Die Steinkanzel im Süden des Kirchenschiffs hatte im 17. Jahrhundert einen hölzernen Schalldeckel erhalten. Er wurde mit der Steinkanzel bei der Umgestaltung der Kirche ebenso entfernt wie die bisherige Nordempore und die östliche Orgelempore.[4] Die aktuelle Holzkanzel stammt aus den 1950er-Jahren.
Altar
Der Altar stammt ebenfalls aus den 1950er Jahren und wurde nach einem Entwurf von Bildhauer Hermann Brachert durch den örtlichen Maurermeister aus grobkörnigem, hellem Keupersandstein gesetzt. Auf dem Altar beeindruckt ein gläsernes Altarkreuz aus der Glaswerkstatt Saile in Stuttgart nach einem Entwurf des Architekten Ludger Schmidt von 2007. Die verschiedenfarbigen Gläser greifen die Farben eines Regenbogens auf und sollen an Noah und seine Arche erinnern.
Barockbilder
Von der Brüstung der ehemaligen Nord- und Ostempore stammen neunzehn Barockbilder mit Darstellung der Apostel und Evangelisten samt ihrer Attribute sowie Jesus und Johannes der Täufer. Sie sind an der Westempore und höhengleich an der Nord- und Südwand angebracht.
Glas- und Textilkunst
Aus dem späten 15. Jahrhundert stammt ein künstlerisch wertvolles Glasbild, das die Gottesmutter Maria mit Kind in einem Strahlenkranz auf einer Mondsichel stehend zeigt.[5] Diese Schlaitdorfer Madonna ist in das nördliche Chorfenster der Kirche integriert.
Für das zunächst mit der historischen Rundscheibe versehene Südfenster schuf Adolf Valentin Saile 1953 ein neues Glasgemälde mit neutestamentlichen Gleichnissen: vom Sämann (Mk 4,3–9 ), (Mt 13,1–9.24–30 ), vom Fischnetz (Mt 13,47–49 ), vom Senfkorn (Mk 4,30−32 ) und (Mt 13,31–32 ), vom verlorenen Groschen (Lk 15,8–10 ). Ebenfalls von Adolf Valentin Saile stammt aus dem Jahre 1960 der Wandbehang in Nonnenstickerei, eine Stiftung des Bauunternehmers Fritz Epple/Stgt.–Degerloch, mit den Themen Taufe Jesu und Pfingstwunder.
Orgel
Nach Abbau der bisherigen Orgelempore einschließlich Öffnung der Ostwand für den neuen Choranbau wurde die damalige Orgel dorthin versetzt, beengt auf einer Chorseitenempore. Am 1. Oktober 1989, kurz nach der 900-Jahr-Feier von Schlaitdorf wurde die neue Orgel der Werkstätte für Orgelbau Mühleisen in Leonberg eingeweiht. Als Standort wurde wieder der Chorraum gewählt, jedoch ebenerdig. Der neue Standort der Orgel unterstützt die natürliche Klangentfaltung des Instrumentes im gesamten Kirchenraum. Von der alten, reparaturanfälligen Goll-Orgel wurde der neugotische Prospekt mit seinem feinen Schnitzwerk wiederverwendet. Das gesamte Dorf hat die neue Orgel über Spenden und einen eigens dafür eingerichteten Orgelförderverein mitfinanziert.
Gelebte Ökumene in Schlaitdorf
Die katholischen Christen in der Gemeinde Schlaitdorf sind der Kirchengemeinde der benachbarten Orte Grötzingen und Harthausen[6] zugeordnet. Einmal im Jahr findet eine Sternwallfahrt der katholischen Kirchengemeinden Grötzingen-Harthausen und Neckartenzlingen zur Schlaitdorfer Madonna statt. Diese Wallfahrt wird von vielen evangelischen Gemeindemitgliedern in Schlaitdorf unterstützt. Hier, wie auch in anderen Projekten, zeigt sich die über Jahrhunderte gewachsene, gelungene, ökumenische Zusammenarbeit von katholischen und evangelischen Christen in Schlaitdorf.[7]
Literatur
- Josef Maier: Kirchliches Leben in der Katholischen Gemeinde (Schlaitdorf), In: 925 Jahre Schlaitdorf, ein Rückblick, 1988 – 2013, Heft mit verschiedenen Berichten von Schlaitdorfer Organisationen und Vereinen, Schlaitdorf 2013, Seite 24–25
- Dieter Speck, Gemeinde Schlaitdorf (Herausgeber): Schlaitdorf 1088 – 1988, herausgegeben von der Gemeinde Schlaitdorf anläßlich der 900-Jahrfeier im Jahre 1988, Schlaitdorf 1988
- Roger Speier: Evangelische St. Wendelin Kirche Schlaitdorf, In: 925 Jahre Schlaitdorf, ein Rückblick, 1988 – 2013, Heft mit verschiedenen Berichten von Schlaitdorfer Organisationen und Vereinen, Schlaitdorf 2013, Seite 17–23
- Roger Speier: St. Wendelin-Kirche Schlaitdorf - Kirchenführer. Schlaitdorf 2014 (pdf)
Weblinks
- Website der Kirchengemeinde
- Mehr Bilder und Informationen zur Wendelinskirche auf kirchen-online.com
- Informationen zur Kirche auf kirchbau.de
Einzelnachweise
- ↑ Der Artikel ist teilweise verfasst nach: (1) Dieter Speck, Gemeinde Schlaitdorf (Herausgeber), Schlaitdorf 1988 und (2) Roger Speier, Schlaitdorf 2013 (insbesondere das Kapitel Renovierungen im und am Kirchengebäude)
- ↑ Roger Speier: Evangelische St. Wendelin Kirche Schlaitdorf, 2013
- ↑ Ulrich Zimmermann: Die Predigtkirche und die Querkirche - Protestantischer Kirchenbau in Württemberg. Eine Studie zur Geschichte und Theologie des Kirchenraums und zur Entstehung zweier Kirchenbautypen; Neulingen 2023, S. 241, 312; Fußnoten 299, 601 - ISBN 978-3-949763-29-8.
- ↑ Kirchenführer 2014, S. 12
- ↑ Corpus Vitrearum Medii Aevi (CVMA 1, 2 Schlaitdorf, Pfarrkirche) corpusvitrearum.de
- ↑ Grötzingen ist ein Ortsteil von Aichtal; Harthausen ein Ortsteil von Filderstadt.
- ↑ Josef Maier: Kirchliches Leben in der Katholischen Gemeinde (Schlaitdorf), Schlaitdorf 2013
Koordinaten: 48° 36′ 14,5″ N, 9° 13′ 22,2″ O