San Silvestro (Venedig)

San Silvestro ist eine Kirche im Osten des venezianischen Sestiere San Polo, unweit des Canal Grande. Das Bauwerk am gleichnamigen Campo, das vielleicht bis ins 9. Jahrhundert zurückreicht, wurde mehrfach stark umgebaut, die Ausrichtung der Kirche vom Canal Grande Richtung Rio terà San Silvestro umgekehrt. Das Patrozinium verweist auf einen Bischof von Rom, nämlich auf Silvester I. († 335).

Geschichte

Die Entstehung der Kirche, die bis in die legendäre Frühzeit nach der Umsiedlung der Residenz des Dogen von Metamaucum in den heutigen Dogenpalast zurückreicht, also in das frühe 9. Jahrhundert, fiel in eine Zeit heftiger interner Kämpfe, in denen die Caloprini eine wichtige Rolle spielten, die auch die treibende Kraft beim Bau der Kirche gewesen sein sollen. Mit dem Aussterben dieser Familie ging die Kirche 989 an die Patriarchen von Grado. Zu diesem Zeitpunkt genoss die Kirche bereits Pfarrrechte, die durch die Investitur bestätigt wurden, die der Patriarch im Jahr 1069 Vital Morario gewährte, der bei dieser Gelegenheit ausdrücklich als Pfarrer und Prior bezeichnet wurde. In einer Urkunde von 1182 folgte auf die Investitur durch den Prälaten die Gewährung eines Teils der Pfarrzehnten.

Vor der Mitte des 12. Jahrhunderts wurde San Silvestro Sitz der besagten Patriarchen, die dort auch einen Palast unterhielten, eine Kanzlei und einen eigenen Gerichtshof. Trotz dieser Ausstattung mangelte es den Patriarchen an Einnahmen und so wurden im Jahr 1200 San Silvestro vier nahegelegene Kirchen zugewiesen, nämlich San Matteo, San Giacomo dall’Orio, San Canzian und San Martino, und zwar durch Privileg Papst Innozenz’ III.

Unter dem Patriarchen Enrico Dandolo (ca. 1134–1184 im Amt) wurde 1156 ein Patriarchenpalast in Venedig selbst errichtet, nämlich im Kirchspiel San Silvestro. Dies und die Ausweitung der Rechte stieß seitens des Bischofs von Castello, dessen Rechte damit gemindert wurden, auf Widerstand. Zwischen 1216 und 1231 kam es zu einer Reihe von Auseinandersetzungen über die Ausübung der „spiritualia“ über die genannten Kirchen. Diese Streitigkeiten, wie etwa 1305,[2] endeten erst, als der Papst durch die Bulle Regis aeterni im Jahr 1451 das Patriarchat von Grado aufhob. Dieses verschmolz zum Patriarchat von Venedig. Zwischen 1422 und 1485 wurde die Kirche umgebaut. Der Papst überantwortete San Bartolomeo 1342 dem Patriarchen von Grado, indem er die Kirche zu einer Filialkirche von San Silvestro machte.

Erneut von 1837 bis 1843 erfolgte ein Umbau, diesmal nach Plänen von Sebastiano Santi unter erheblichen Nacharbeiten durch Giovanni Battista Meduna (1800–1880). 1844 erfolgte die Weihe durch den Patriarchen von Venedig Jacopo Monico.

Die Fassade wurde 1909 von Giuseppe Sicher im neoklassischen Stil renoviert und von 1932 bis 1934 wurde das Halbgewölbe zu einer flachen Decke mit Scheinkassetten umgebaut. Während die heutige Hauptfassade auf den Rio terà San Silvestro blickt – Rio terà ist in Venedig ein zugeschütteter Kanal –, war sie früher genau umgekehrt auf den Canal Grande ausgerichtet. Durch die Zuschüttung des Rio del Fontico, welcher bis ins 19. Jahrhundert die links an den Kirchbau angrenzenden Häuser umfloss, wurde die städtebauliche Situation stark verändert. Der Rio del Fontico diente wiederum einen angrenzenden Lagerhaus, unter anderem für Mehl, für den Transport über Wasser.

Beschreibung

Die Schauseite wird von ionischen und korinthischen Pilastern im Erd- bzw. im Obergeschoss in drei Teile gegliedert. In einer Nische oberhalb des Portals erhebt sich die Statue des Titelheiligen.

Die Saalkirche trägt eine aufgemalte Kassettendecke, welche die 1683 entstandene Decke von Louis Dorigny ersetzt. Als symmetrisch angeordnetes Pendant zum Triumphbogen, welcher das Presbyterium abtrennt, ist dem eigentlichen Kirchenraum ein Bogen in der Art eines Pronaos vorgestellt. Die Wände sind Pilaster gegliedert, diesmal durch korinthische. Dazwischen befinden sich jeweils drei Bögen mit grotesken Flachreliefs. Die Seitenaltäre treten nicht in den Kirchenraum hinein.

Einige Werke sind hervorzuheben. Am ersten Altar links befindet sich eine Darstellung von Thomas Becket mit vier weiteren Heiligen von Girolamo da Santacroce (1480/1485–1556). Am ersten Altar rechts ist eine Taufe Christi von Jacopo Tintoretto zu sehen. Die Heilige Familie schuf Johann Carl Loth 1681. Sie befindet sich am zweiten Altar rechts.

Literatur

  • Simone Frosini: La chiesa dei San Silvestro in Venezia, tesi di laurea in lettere, Universität Venedig, 1985.
  • Filippo Pedrocco: Veronese (= I grandi maestri dell’arte), Scala, Florenz 1998.
  • Marco Boschini: Le ricche miniere della pittura veneziana, Francesco Nicolini, Venedig 1674, Sestier di S. Polo, S. 8. („Chiesa di S.Siluestro, Preti“). (Digitalisat)
  • Antonio Maria Zanetti: Descrizione di tutte le pubbliche pitture della città di Venezia e Isole circonvicine: O sia Rinnovazione delle Ricche Minere di Marco Boschini. Colla aggiunta di tutte le opere, che uscirono dal 1674. sino al presente 1733. Con un compendio delle vite, e maniere de‘ principali pittori, Pietro Bassaglia, a San Bartolomeo, al segno della Salamandra, Venedig 1733, S. 269–271. (Digitalisat)
  • Flaminio Corner: Notizie storiche delle chiese e monasteri di Venezia, e di Torcello, tratte dalle chiese veneziane, e torcellane, Giovanni Manfrè, Padua 1758, S. 351–358. (Digitalisat)
  • Flaminio Corner: Ecclesiae Venetae antiquis documentis nunc etiam primus editis illustratae ac in decades distributae, Bd. I, Venedig 1749, S. 319, 329–331.
Commons: San Silvestro – Sammlung von Bildern

Anmerkungen

  1. Giovanni Distefano: Atlante storico di Venezia, Supernova, 2008, S. 89.
  2. Flaminio Corner: Ecclesiae Venetae antiquis documentis nunc etiam primus editis illustratae ac in decades distributae, Bd. I, Venedig 1749, S. 319–321 (Digitalisat).

Koordinaten: 45° 26′ 15,5″ N, 12° 19′ 59,9″ O