Russell Grenfell

Russell Grenfell (* 10. April 1892 in Kensington, London; † 4. Juli 1954 in Salisbury, Wiltshire) war ein britischer Marineoffizier und Sachbuchautor. Er wurde vor allem bekannt für eine Anzahl von Schriften über marinetechnische und marinegeschichtliche Fragen sowie insbesondere für das 1953 erschienene Werk Unconditional Hatred. In diesem bietet er rechtskonservative, sich in revisionistischer Weise gegen die dominierenden Geschichtsinterpretation seiner Zeit zu diesen Themen stellende, Deutungen der Vorgeschichte und der Gründe für das Zustandekommen der beiden großen europäischen Kriege des 20. Jahrhunderts.

Leben und Tätigkeit

Grenfell entstammte einer Familie, die traditionell Karriere in der britischen Marine einschlug. Er war der zweite Sohn des Captains Hubert Genry Grenfell und seine Ehefrau Eleanor Kate Grenfell, geb. Cunningham.

1905 wurde Grenfell zur Ausbildung als Kadett nach Osborne gegeben. 1909 fuhr er erstmals zur See. Im Juni 1914 wurde er zum Leutnant befördert und dem in China stationierten Kanonenboot HMS Thistle zugeteilt. Später im selben Jahr wechselte er auf das Schiff Triumph, das die deutschen Forts in Tsingtau zerstörte und 1915, während der Dardanellen-Kampagne, vom deutschen U-Boot U-21 zerstört wurde.

Im Dezember 1915 wurde Grenfell auf das Schlachtschiff HMS Revenge versetzt. Im späteren Verlauf des Krieges befehligte er Zerstörer im Ärmelkanal und im Nordatlantik.

Nach dem Krieg besuchte er das Naval Staff College, das er erfolgreich abschloss, und wurde er als Offizier auf der Queen Elizabeth und auf der Iron Duke, den Flagschiffen der britischen Heimatflotte bzw. der britischen Mittelmeerflotte, bevor er nacheinander als stellvertretender Kommandeur der Kreuzer Calypso und Cumberland eingesetzt wurde.

Seine letzte Stellung in der Marine, bevor er 1937 in den Ruhestand ging, war der eines senior commander im Stab des Royal Naval Staff College in Greenwich.

Nachdem er in den Ruhestand gegangen war, veröffentlichte Grenfell eine große Zahl von Büchern und Artikeln für Zeitungen und Zeitschriften zu Themen der Marinegeschichte und zu Fragen der zweckmäßigen Organisation und taktischen Ausrichtung der britischen Seestreitkräfte. Einer breiten Öffentlichkeit wurde er während dieser Jahre als Marinekorrespondent der Tageszeitung Daily Telegraph bekannt. Prononciert vertrat Grenfell in den letzten Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg dabei in der Öffentlichkeit immer wieder die Auffassung, dass die britische Marine in ihrer Struktur dahingehend umgebaut werden sollte, dass sie aus einer kleineren Zahl von größeren Schlachtschiffen als gegenwärtig bestehen und stattdessen eine größere Zahl kleinerer Schiffe mit effektiver Bedeckung durch Luftstreitkräfte umfassen sollte.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde Grenfell als Offizier reaktiviert. Er nahm u. a. an der Invasion des Kontinents im Juni 1944 teil.

Öffentliches Aufsehen erregte Grenfell 1953 mit dem Buch Unconditional Hatred, in dem er eine von der vorherrschenden Sichtweise in Großbritannien dramatisch abweichende Sichtweise auf die Gründe für den Ausbruch der Weltkriege von 1914 und 1939 vorlegte. Er vertrat dabei die These, dass der Anteil der deutschen Regierungen für das Entstehen dieser Kriege als deutlich geringer veranschlagt werden müsse, als dies gemeinhin geschehe, während den britischen Regierungen der beiden Vorkriegsphasen jeweils ein deutlich größerer Schuldanteil zur Last gelegt werden müsse, als dies in der vorherrschenden Geschichtsbetrachtung seiner Zeit üblicherweise geschah. Das Buch stieß in Großbritannien, wie auch in den meisten anderen europäischen Ländern (inklusive Deutschlands) mehrheitlich auf eine stark skeptische bis nachdrücklich ablehnende Aufnahme. Da sich kein britischer Verlag fand, der das Werk drucken wollte, musste Grenfell einen amerikanischen Verlag für die englischsprachige Originalausgabe gewinnen.

Ein kritischer Rezensent der Zeitschrift Journal of Central European Affairs befand, dass Grenfell sich irgendwann in eine ikonoklastische Interpretation der jüngeren Geschichte hineingesteigert hätte: Die von ihm entwickelte Weltsicht sei in seinem Buch von 1953 schließlich in der Überzeugung kulminiert, dass die britischen Politiker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verblendete Narren und dass das britische Volk während dieser Zeit mehrheitlich von einem irregeleiteten Hass auf Deutschland zerfressen gewesen seien, und dass diese zwei Faktoren die Wurzeln der zwei Weltkriege gewesen seien: In diesem Sinne würden Edward Grey, Winston Churchill, Franklin Roosevelt und Lord Vansittart in dem von Grenfell in seinem Buch aufgerichteten Narrativ als die großen Schurken dieser Zeitspanne figurieren, während die deutschen Staatenlenker dieser Jahrzehnte in diesem als Männer erscheinen würden, die im Grunde frei von Fehl für die großen Katastrophen dieser Ära gewesen seien. Das Fazit dieses Rezensenten zu Grenfells Werk:

„Das Buch liest sich als ob ein naiver britischer Marineoffizier in einer Kneipe in die Enge gedrängt worden und von einem verkappten deutschen Chauvinisten eingewickelt und zu seiner Weltsicht bekehrt worden sei.“[1]

Die deutsche Ausgabe von Grenfells Buch, die 1954 als Bedingunsloser Haß auf den Markt kam, fand ein euphorisch bejahendes Echo bei einem Nischenpublikum: Rechtskonservative und nationalistische Kreise in der frühen Bundesrepublik bejubelten das Buch als eine aus britischer Hand kommende (und daher aus deutscher Sicht besonders wertvolle) publizistische Untermauerung ihrer eigenen Auffassung, dass Deutschland am Ausbruch der beiden großen europäischen Kriege des 20. Jahrhunderts unschuldig sei (oder zumindest einen deutlich geringeren Anteil an der Schuld für den Beginn derselben Trage als ihm die vorherrschende Geschichtsschreibung jeweils zuschreibe) und stattdessen andere europäische Mächte, zumal Großbritannien (mit seiner Politik stets auf ein Gleichgewicht der Stärke der europäischen Mächte hinzuarbeiten), einen Großteil der Verantwortung hierfür tragen würden.

Die deutsche Ausgabe von Grenfells Buch erlebte mehrere Neuauflagen (1972 und 1996) bei Verlagen, die üblicherweise dem rechtsextremen Spektrum zugerechnet werden, wie Schütz und der Verlag für ganzheitliche Forschung und Kultur.

Archivische Überlieferung

Grenfells schriftlicher Nachlass wird heute als eigener Bestand (The Papers of Captain Russell Grenfell RN) unter der Kennung GBR/0014/GREN im Churchill Archives Centre am Churchill College in Cambridge aufbewahrt. Er umfasst unter anderem Manuskripte, Entwürfe und Vorbereitungsmaterial für seine Bücher sowie für ein von ihm zum Zeitpunkt seines Todes geplantes, aber nicht mehr fertig gestelltes, Werk über die Norwegenkampagne von 1940, sowie Korrespondenzen.[2]

Schriften

  • The Art of the Admiral, 1937.
  • Sea Power in the next War, 1938.
    • deutschsprachige Ausgaben: Die Seemacht im nächsten Krieg, A Nauck & Co., Berlin 1939 sowie Scientia, Zürich 1939
  • Nelson the Sailor, 1948.
  • The Bismarck Episode, 1948.
    • deutsche Ausgabe: Jagd auf die Bismarck, Tübingen 1953
  • Main Fleet to Singapore, 1951.
  • Unconditional Hatred. German War Guilt and the Future of Europe, Devin-Adair, New York 1953. (2. Auflage 1954)
    • auf Deutsch als: Bedingungsloser Haß? – Die deutsche Kriegsschuld und Europas Zukunft, Tübingen 1954. (Neuauflagen 1972 und 1995)

Literatur

  • Nachruf in: The Times [London] vom 8. Juli 1954.

Einzelnachweise

  1. Journal of Central European Affairs, 16. Jg. (1956), S. 98. Original: "This book reads as if a naive British naval officer were cornered in a pub and sold a bill of goods by an unreconstucted German chauvinist."
  2. Beschreibung von Grenfells Nachlass auf der Website des Churchill Archives Centre.