Rudolf Gangnus

Johann Rudolf Wilhelmowitsch Gangnus (lettisch Rūdolfs Gangnuss; russisch Рудольф Вильгельмович Гангнус; * 20. Februarjul. / 4. März 1883greg. in Spāre, Gemeinde Ģibuļi, Kreis Talsen, Gouvernement Kurland; † 14. Mai 1949 in Moskau) war ein deutsch-baltisch-russischer Mathematiker und Hochschullehrer.[1][2] Er war ein Opfer des Stalinismus.

Leben

Rudolf Gangnus war der Sohn des Glasbläsers Heinrich Wilhelm Gangnus, der in der Glasfabrik des Barons von Hahn in Mordangen (lettisch: Mordanga), Kreis Talsen, arbeitete. Heinrich Gangnus heiratete Karoline Luise Kannberg, die Witwe seines älteren Bruders, und gründete am Nordufer des Usma-Sees eine eigene Firma.[1][2][3] Seine Vorfahren waren 1766 als Kolonisten der deutschen Kolonie Hirschenhof nach Lettland gekommen.[4]

Rudolf Gangnus besuchte die Schule in Talsi und dann das Gymnasium in Riga. Von 1902 bis 1911 studierte er an der physikalisch-mathematischen Fakultät der Universität Moskau.

Nach dem Studium war Gangnus Lehrer an Moskauer Gymnasien. Zusammen mit seiner Frau Anna Wassiljewna geborene Plotnikowa (1885–1943) beteiligte er sich an der revolutionären Bewegung (Februarrevolution 1917 und Oktoberrevolution). 1921 wurde Gangnus Abteilungsleiter im Volkskommissariat für Bildungswesen. 1922 wurde er Prorektor des lettischen Pädagogischen Instituts in Moskau.[1] Er lehrte an den Arbeiterfakultäten.[5][6] Zusammen mit Juli Ossipowitsch Hurwitz verfasste Gangnus das bekannte Lehrbuch der Geometrie in zwei Teilen (1932 und 1934 erschienen) und 1935 ein einführendes Lehrbuch der Geometrie, außerdem ein Lehrbuch der Trigonometrie. Diese Lehrbücher wurden in die in der UdSSR wichtigen Sprachen übersetzt (Jiddisch, Polnisch, Deutsch, Udmurtisch und andere).

Im März 1938 wurde Gangnus als vermeintlicher „lettischer Spion“ verhaftet.[7] Zudem wurden ihm vorgehalten, dass es in seiner Mathematik „bürgerliche Tendenzen“ gebe.[8] Wegen „konterrevolutionärer Agitation“ wurde er zu Arbeitslagerhaft verurteilt.[1] Er kam ins Kargopol-Lager des Gulag, wo er in der Lagerschule arbeitete. 1943 wurde er aus dem Lager in die Verbannung in Murom entlassen, wo er in den Schulen Nr. 12 und Nr. 16 unterrichtete.

Familie

Rudolf Gangnus hatte zwei Kinder.

  • Die Tochter Irina Rudolfowna (1914–2004) war Architektin und heiratete den Ingenieur Boris Saulowitsch Kosinzow (1916–2011), deren Tochter Marija Borissowna Physikerin wurde.
  • Der Sohn Alexander Rudolfowitsch (1910–1976) war Geologe und aus seiner ersten Ehe mit der Geologin Sinaida Jermolajewna Jewtuschenko (1910–2002) der Vater des Dichters Jewgeni Alexandrowitsch Jewtuschenko. Aus seiner zweiten Ehe mit der Mineralogin Natalija Alexandrowna Vogelman (1913–2004) war er der Vater des Literaten Alexander Alexandrowitsch Gangnus und des Programmierers Wladimir Alexandrowitsch Gangnus.

Lehrbücher

  • mit Juli Ossipowitsch Hurwitz: Systematischer Kursus der Geometrie: Lehrbuch für die Mittelschulen. Staatsverlag für Lehrbücher und Pädagogik, Moskau 1933.
  • mit Juli Ossipowitsch Hurwitz: Anfänge der Geometrie für die 5. Klasse der Mittelschule. Staatsverlag der nationalen Minderheiten, Kiew und Charkow, 3. Aufl. 1935.

Einzelnachweise

  1. a b c d Edmund Mater, Viktor Mater: Gangnus, Rudolf Wilgelmovitsch (Wilgelmowitsch). In: Deutsche Autoren Russlands. Enzyklopädie / Немецкие aвторы России. Энциклопедия. Band 3, 1. September 2021, S. 20 (Online [PDF; 10,2 MB; abgerufen am 18. September 2021]).
  2. a b Гангнусы, линия московская (abgerufen am 22. März 2018).
  3. Евтушенко: Love story (fb2) (abgerufen am 22. März 2018).
  4. Gustav Gangnus: Vom Elsass hinaus in die Welt. Stammtafeln und Geschichte Gangnus (auch: Gagnus, Gagnuss, Gagnuß, Gangnuss, Gangnuß, Gangus, Gangnuß, Gannus u. ä.). Deutsch-Baltische Genealogische Gesellschaft, Darmstadt 2003, S. 51–58.
  5. Брусиловский Г. К., Гангнус Р. В.: Рабочая книга по математике: курс рабфака. Части 1–3. Госиздат, Moskau, Leningrad 1928.
  6. Брусиловский Г. К., Гангнус Р. В.: Курс математики для индустриальных техникумов: учебник. Части 1–5. 3. Auflage. Гостехиздат, Moskau, Leningrad 1931.
  7. Abraham Rothberg: The heirs of Stalin. Dissidence and the Soviet regime 1953–1970. Cornell University Press, Ithaca 1972, ISBN 0-8014-0667-6, S. 291.
  8. Livland – Hirschenhof und Helfreichshof, abgerufen am 6. Januar 2026.