Ross Douthat
Ross Gregory Douthat (* 28. November 1979 in San Francisco) ist ein US-amerikanischer Autor und Kolumnist der New York Times. Er war außerdem Redakteur bei The Atlantic und schreibt für National Review. Douthat gilt als wichtiger Intellektueller des zeitgenössischen Konservatismus in den Vereinigten Staaten.
Frühes Leben
Douthat wurde 1979 in San Francisco geboren und wuchs in New Haven im US‑Bundesstaat Connecticut auf. Sein Großvater war Charles Wilbert Snow (Gouverneur von Connecticut).[1] Er beschreibt seine Kindheit als ungewöhnlich: Seine Mutter litt an einer schweren Überempfindlichkeit gegen Chemikalien, weshalb die Familie auf Duftstoffe und verarbeitete Lebensmittel verzichtete. Die Suche der Mutter nach Heilung führte die Familie zu einer „Tour durch die amerikanische Christenheit“, in der sie zu charismatischen Heilern ging und schließlich zum katholischen Glauben konvertierte, als Douthat siebzehn Jahre alt war. Douthat entdeckte früh Autoren wie Gilbert K. Chesterton, C. S. Lewis und J. R. R. Tolkien, die sein späteres Denken prägten.[2]
An der Harvard University studierte er Geschichte und Literatur. Er arbeitete als Herausgeber der konservativen Studentenzeitung The Harvard Salient und schrieb eine streitlustige Kolumne für The Harvard Crimson. 2002 schloss er sein Studium magna cum laude ab und wurde in die Ehrengesellschaft Phi Beta Kappa aufgenommen.[3] Schon während des Studiums verfasste er sein erstes Buch Privilege, eine kritische Auseinandersetzung mit Harvards Meritokratie.[2]
Karriere
Nach dem Studium arbeitete Douthat sieben Jahre bei dem Kulturmagazin The Atlantic als Rechercheur, Redakteur und Blogger; gleichzeitig rezensierte er Filme für die Zeitschrift National Review, einem wichtigen Sprachrohr der amerikanischen Konservativen.[2] Gemeinsam mit Reihan Salam veröffentlichte er 2008 das Buch Grand New Party, in dem beide Autoren eine konservative Politik propagierten, die sich am Wohl der Familien orientiert und staatliche Maßnahmen wie Kindersteuergutschriften und Lohnzuschüsse unterstützt.[2] Im April 2009 holte ihn die New York Times als jüngsten festen Meinungs‑Kolumnisten ihrer Geschichte auf die Op‑Ed‑Seite.[3] Seine Kolumnen verbinden sozialkonservative Positionen mit Kritik an ungebremstem Marktliberalismus.
Neben seiner Arbeit für die Times schreibt Douthat weiterhin Bücher. Nach Grand New Party veröffentlichte er Bad Religion, eine Diagnose des religiösen Niedergangs in den USA, sowie To Change the Church, in dem er Papst Franziskus’ Reformkurs analysierte. Mit The Decadent Society (2020) argumentierte er, westliche Gesellschaften befänden sich in einem Zustand von Stagnation und Dekadenz. 2021 folgte das Memoir The Deep Places, in dem er seinen Kampf gegen chronische Borreliose schildert.[4] Seine neueste Veröffentlichung Believe: Why Everyone Should Be Religious (2025) versucht, säkularen Lesern eine rationale Begründung für den Glauben zu liefern.[5] Neben seiner publizistischen Tätigkeit ist Douthat Non‑Resident Fellow des American Enterprise Institute[4] und Filmkritiker für National Review.[3]
Privatleben
Douthat ist mit der Journalistin Abigail Tucker verheiratet; das Paar hat vier Kinder und lebt in New Haven, nachdem es einige Jahre in Washington, D.C., verbracht hatte. Seine Erfahrung mit der chronischen Borreliose verarbeitete er in zahlreichen Interviews und einem Buch, in denen er über seine Frustration gegenüber dem medizinischen System berichtet. Er betont, dass sein katholischer Glaube ihn durch diese Krankheit getragen habe.[6][7]
Positionen
Douthat gilt als Vertreter eines „sozialen Konservatismus“, der traditionelle Moralvorstellungen mit Skepsis gegenüber neoliberaler Wirtschaftspolitik verbindet. In Grand New Party plädierte er für eine konservative Politik, die die Mittelschicht stärkt und Familien unterstützt. Ein Beitrag der katholischen Nachrichtenplattform FSSPX stellte ihn mit anderen katholischen Intellektuellen in eine Strömung, die linke Kultur und ungebremste Markthörigkeit gleichermaßen ablehnt. Er äußert sich regelmäßig zu gesellschaftlichen Themen und hatte in eine Kolumne auch zehn Thesen zur „Cancel Culture“ aufgestellt: Laut Douthat ziele „Cancel Culture“ nicht unbedingt darauf ab, bekannte Personen zu stürzen, sondern darauf, andere einzuschüchtern; so solle durch Abschreckung Konformität erreicht werde.[8] Douthat prägte auch den Begriff „Woke Capitalism“, der Unternehmen kritisiert, die zur moralischen Selbstdarstellung progressive Schlagworte bedienen.[9]
2020 äußerte er sich pessimistisch über die Zukunft Amerikas. Er beklagte den Verlust traditioneller christlicher Werte, fallende Geburtenraten und den Verlust von gesellschaftlichem Optimismus und kreativer Dynamik. In jüngerer Zeit äußerte sich Douthat optimistischer über die Zukunft der USA: In einem Vortrag an der Universität Notre Dame betonte er 2024, dass Amerika trotz kultureller Polarisierung demografisch vitaler, wirtschaftlich dynamischer und religiöser sei als andere westliche Länder; deshalb könne das Land die aktuelle „dekadente“ Phase überwinden.[10]
Douhat hat Donald Trump mehrfach kritisiert (z. B. beim Sturm auf das Kapitol in Washington 2021) sah seinen Aufstieg jedoch als Bestätigung der Ideen, die er in „Grand New Party“ dargelegt hatte.[11]
Veröffentlichungen
- Ross Gregory Douthat: Privilege: Harvard and the Education of the Ruling Class. Hyperion Books, 2006, ISBN 1-4013-0755-8.
- Ross Gregory Douthat, Reihan Salam: Grand New Party: How Republicans Can Win the Working Class and Save the American Dream. Doubleday, 2008, ISBN 978-0-385-51943-4.
- Ross Douthat: Bad Religion: How We Became a Nation of Heretics. Simon and Schuster, 2012, ISBN 978-1-4391-7830-0.
- Ross Douthat: To Change the Church: Pope Francis and the Future of Catholicism. Simon and Schuster, 2018, ISBN 978-1-5011-4694-7.
- Ross Douthat: The Decadent Society: How We Became the Victims of Our Own Success. Simon and Schuster, 2020, ISBN 978-1-4767-8524-0.
- Ross Douthat: The Deep Places: A Memoir of Illness and Discovery. Harmony/Rodale/Convergent, 2021, ISBN 978-0-593-23736-6.
- Ross Douthat: Believe: Why Everyone Should Be Religious. Grand Rapids: Zondervan, 2025, ISBN 978-0-310-36758-1.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Chris Hoffman: Q&A with New York Times columnist Ross Douthat. In: Connecticut Magazine. (connecticutmag.com [abgerufen am 17. Oktober 2025]).
- ↑ a b c d Lydialyle Gibson: Ross Douthat’s conservative conservatism, a profile by Lydialyle Gibson | Harvard Magazine. 8. Oktober 2020, abgerufen am 17. Oktober 2025 (englisch).
- ↑ a b c Ross Douthat. In: New York Encounter. Abgerufen am 17. Oktober 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ a b US Catholic Leaders of Today 2022: Media. Abgerufen am 17. Oktober 2025 (englisch).
- ↑ Collin Hansen • Ross Douthat: Ross Douthat: Why Everyone Should Be Religious. In: The Gospel Coalition. 11. Februar 2025, abgerufen am 17. Oktober 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ Ross Douthat’s battle with the invisible illness of Lyme disease. Abgerufen am 17. Oktober 2025 (englisch).
- ↑ Chris Hoffman: Q&A with New York Times columnist Ross Douthat. In: CT Insider. (ctinsider.com [abgerufen am 17. Oktober 2025]).
- ↑ Welches Meinungsklima herrscht in der New York Times? - 9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.07.2020 - Perlentaucher. Archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 28. September 2023; abgerufen am 17. Oktober 2025.
- ↑ Zu woke für den Kapitalismus. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 17. Juni 2022, abgerufen am 17. Oktober 2025.
- ↑ Jonathan Liedl: Why Ross Douthat Has Become an Optimist About America’s Future. 9. September 2024, abgerufen am 17. Oktober 2025 (englisch).
- ↑ Isaac Chotiner: Ross Douthat’s Theories of Persuasion. In: The New Yorker. 11. September 2023, ISSN 0028-792X (newyorker.com [abgerufen am 17. Oktober 2025]).