Romilda von Friaul

Romilda, auch: Romelda, Romilla, Romhilde u. ä. (* um 570?; † wahrscheinlich 610 oder 611), war die Ehefrau des langobardischen Dux von Friaul Gisulf II. Sie spielte nach dessen Tod im Kampf gegen die Awaren eine wesentliche Rolle bei der misslungenen Verteidigung von Cividale, der Hauptstadt des Herzogtums.

Leben

Name, mögliche Abstammung

„Romilda“ war ein weder bei den Bajuwaren oder Langobarden, noch bei den romanischen Gruppen im Friaul gebräuchlicher Name. Über seine Herleitung wurde im 19. Jahrhundert ergebnislos spekuliert; so führte etwa der Hinweis auf „Rom“ zu keinen Ergebnissen.[1]

Romilda war möglicherweise eine Tochter des (ersten) bajuwarischen Herzogs Garibald I. und seiner Frau Walderada.[2] Sie wäre somit eine Schwester von Theodolinde gewesen, der Königin der Langobarden. Die Ehe mit Gisulf hätte das beständig nach Unabhängigkeit strebende Herzogtum Friaul stärker an das agilolfingische Bayern gebunden.

Einfall der Awaren und Tod des Ehemanns, Verteidigung und Übergabe der Hauptstadt

Um 610 fielen die Awaren wahrscheinlich mit Billigung, vielleicht sogar vom Langobardenkönig Agilulf angestachelt, ins Friaul ein. Gisulf, der sich ihnen mit einem Heer entgegenstellte, unterlag in einer Schlacht, in der er ums Leben kam. Daraufhin verwüsteten die Awaren das Land. Die Bewohner sahen sich gezwungen, sich in die befestigten Städte zu flüchten.

Romilda, die vier Töchter und vier Söhne hatte, zog sich nach Forum Julii (heute Cividale del Friuli) zurück. Die Armee des Khagans der Awaren bestürmte unter seiner Führung die Stadt. Das dramatische Ende der Romilda schildert Paulus Diaconus in seiner Historia Langobardorum (4,37).[3]

Paulus zufolge war die Herzogswitwe von der Schönheit des jungen Khagans und seinem glanzvollen Gefolge so geblendet, dass sie, wie Paulus meint „meretrix nefaria concupivit“ nennt, eine berüchtigte Hure, die den Khagan begehrte, versprach, ihm die Stadt und alle Bewohner zu überlassen, unter der Bedingung, dass er sie zur Frau nehme. Der Awarenführer erklärte sich hinterlistig damit einverstanden, ließ die Stadt plündern und niederbrennen, die restliche Bevölkerung gefangen nehmen. Die Männer wurden demnach getötet, Frauen und Kinder an die awarischen Gefolgsleute verteilt.

„Eheliche“ Nacht, Vergewaltigung und Ermordung, Verspottung

Doch nach einer gemeinsamen Nacht ließ der Aware Romilda durch zwölf Männer seines Gefolges quälen und vergewaltigen und sie anschließend pfählen. Zu Romildas Motiv schreibt Paulus ausdrücklich: „Romilda de muris prospiciens, cum eum cerneret iuvenili aetate florentem, meretrix nefaria concupivit, eique mox per nuntium mandavit, ut, si eam in matrimonium sumeret, ipsa eidem civitatem cum omnibus qui aderant traderet“ (Historia Langobardorum, liber IV, 37). Er nahm die Langobardin „nocte una quasi in matrimonio,“, doch mit der grausamen Hinrichtung nicht genug zitiert er den Awarenkhagan, der der Sterbenden gesagt haben soll: „Talem te dignum est maritum habere“, ‚dies ist der Ehemann, den du verdienst.‘ Und der Verfasser und Mönch setzt noch nach: „Igitur dira proditrix patriae tali exitio periit, quae amplius suae libidini quam civium et consenguineorum saluti prospexit“, ‚So, mit einem solchen Tod, endete die verhängnisvolle Verräterin, die ihre Liebeslust für wichtiger hielt, als das Heil der Stadtbewohner und der Familienangehörigen.‘

Entführung der Töchter; Flucht der Söhne, ihr späterer Aufstieg

Den Einwohnern gestattete er also nicht, wie versprochen, sich in ihren alten Siedlungsgebieten in Pannonien wieder anzusiedeln (sie waren 568 von dort nach Italien eingefallen), sondern er ließ die Männer umbringen, die Frauen und Kinder verschleppte er. Die Töchter (nach Paulus waren es vier) führte der Khagan mit sich fort und verheiratete sie an hochrangige Adlige und Verbündete, also standesgemäß, wie Paulus hervorhebt.

Den Söhnen gelang vor der Einnahme der Stadt die Flucht. Nach dem Abzug der Awaren wurden die älteren Söhne Taso und Cacco die duces von Friaul, jedoch um 625 ermordet. Danach schlugen sich die jüngeren Raduald und Grimuald durch nach Benevent, wo sie 642 bzw. 647 Herzöge wurden. Grimuald wurde 662 sogar König der Langobarden.

Deutungsversuche

Über den historischen Kern dieser Vorgänge, die ausschließlich durch Paulus Diaconus überliefert sind, kann es nur begründete Vermutungen geben. Paulus, in dessen Erzählungen seine Heimat Friaul einen Mittelpunkt darstellte, und über die er unter den Herzogtümern bei Weitem am meisten berichtet, verfügte wohl über mündliche Überlieferungen, doch verfügte er auch über ein an klassischen Vorbildern entwickeltes Erzählkonzept. In der langobardischen Tradition erfolgte die Legitimation der Königserhebung nämlich mehrfach durch die Frauen. Vor allem Teodolinda, die 589 bis 626 Königin war, erwählte sich nach der ersten Ehe mit Authari († 590) einen zweiten Mann, der dadurch zum König wurde, nämlich Agilulf – wobei Paulus alle Anzeichen der Schamhaftigkeit, einschließlich des Errötens schildert.

So gesehen, so vermutete 2023 Rosa Maria Lucifora,[5] habe Romilda sich in gleicher Freiheit eine Art Dux auserwählt, um einerseits einen Nachfolger für ihren getöteten Ehemann zu bekommen, andererseits um ihre Kinder durch die so gewonnene Legitimität der Nachfolge schützen zu können. Jedoch habe der „Barbare“, wie ihn Paulus ausdrücklich nennt, sie verraten. Damit ergibt sich ein starker Kontrast zwischen der Thronfolge Agilulfs und derjenigen von Romildas „Wahl“, zwischen dem angeblichen Verrat Romildas und der von Agilulf durch Untätigkeit wohl mitverursachten Niederlage Gisulfs.

Gesichert ist der Einfall der Awaren um 610 und, dass Raduald und Grimuald Herzöge von Benevent waren, Grimuald schließlich auch König der Langobarden; es ist aber unsicher, ob Gisulf und Romilda ihre Eltern waren. Dass die Awaren zum Einfall in Friaul von Agilulf ermutigt wurden, ist wahrscheinlicher, als dass sie ihn auf Veranlassung von Ostrom oder aufgrund der Schwäche des friulischen Herzogtums aus eigenem Antrieb unternahmen. Jedenfalls kam Agilulf Gisulf nicht zur Hilfe. Es war nicht ungewöhnlich, dass Töchter besiegter Heerführer von den Siegern genommen wurden, wie die Beispiele Silinga und Rosamunde oder auch die Töchter Romildas erweisen.[6] Zu welchem Zweck, ist allerdings unklar: tatsächlich als Ehefrauen, um die Gefolgschaft der Besiegten an die der Sieger zu binden, oder eher als Konkubinen oder quasi als Geiseln? Das erste war in diesem Fall unwahrscheinlich, weil die Awaren offenbar nicht die Eroberung des Friaul zum Ziel hatten, sondern nur dessen Plünderung und Schwächung. Insofern war Romildas Übergabe von Forum Julii und die Auslieferung ihrer Gefolgschaft an den Khagan eine eklatante Fehleinschätzung der Situation.

Denkbar ist aber auch, dass beides der Preis war, um ihren teils noch minderjährigen Söhnen die Flucht und damit den Fortbestand des Dukats zu ermöglichen. Das Herzogtum Friaul erfüllte offenbar weiterhin bis weit ins 8. Jahrhundert die ihm beim Einfall der Langobarden in Italien 568 zugedachte Funktion, das Langobardenreich von Nordosten gegen Einfälle der Awaren – oder auch von Ostrom auf dem Landweg – zu schützen, und konnte dadurch eine relative Selbständigkeit behaupten.[7]

Für Paulus Diaconus bot sich mit seiner Romilda-Fassung eine Gelegenheit, der von ihm hoch verehrten Königin Theodolinda ein negatives Frauenbild entgegenzustellen. Einerseits hatte Romilda eine den Männern vorbehaltene Rolle bei der Verteidigung ihrer Hauptstadt übernommen, statt den Männern den Kampf zu überlassen. Andererseits schien sie die langobardische Sache zu verraten, indem sie die Stadt preisgab, und vor allem ihre Sinnenfreude über ihre Pflichten stellte – trotz ihrer acht Kinder, die sie zur Welt gebracht hatte. In starkem Kontrast werden die Töchter dargestellt, die es vorzogen, tote Hühner unter ihre Kleider zu stecken, um durch den Gestank der toten Tiere die Awaren von einer Vergewaltigung abzuschrecken.[8] In einem weiteren Blickwinkel zeigt sich, dass Romildas jüngster Sohn, Grimoald, der von 662 bis 671 König der Langobarden war, als Gegenbild gegen die rechtgläubigen, weil katholischen agilolfingischen Könige fungierte. So lag es möglicherweise nahe, seine mütterliche Herkunft mit möglichst großen Makeln zu verbinden, des Hochverrats (womit eine ethnische Vorstellung zurückprojiziert wurde, die womöglich um 600 noch nicht existierte) und der Diffamierung als „meretrix“.

Rezeptionsgeschichte

In populärwissenschaftlichen Werken und Romanen werden bis heute gleichfalls Versuche unternommen, dem Bericht des 8. Jahrhunderts neue Deutungen abzugewinnen.[9]

Die Darstellung in der Historia Langobardorum wurde schon früher literarisch verarbeitet. So erschien 1699 und in zweiter, angepasster Auflage 1702 von Enrico Altan die gefeierte La Romilda. Tragedia,[10] durch die er jedoch in zeitweiligen Konflikt mit der Staatsinquistion der Republik Venedig geriet.[11] Von Giulio Pullè erschien 1838 gleichfalls eine Tragödie.[12]

Hingegen wurde die Fassung des Paulus Diaconuns in der Geschichtsschreibung bis ins 20. Jahrhundert mehr oder minder getreulich übernommen, zum Teil überreich ausgeschmückt. 1815 erzählte etwa Ignaz Aurelius Feßler in seinen zehnbändigen Geschichten der Ungern und ihrer Landsassen:[13] Des Awaren „Jugend und edler Wuchs“, „von der Matrone unbemerkt erspähet, machte sie nach seiner ehelichen Umarmung lüstern; und da sie mit der Anerbietung ihrer Person auch das Versprechen, die Stadt zu übergeben, vereinigte, fand sie bey dem Chan Gehör. Die Thore wurden ihm geöffnet; er aber machte die Einwohner zu Sklaven, steckte die Stadt in Brand, missbrauchte die Herzogin zu seiner und der Seinigen Lust, und liess sie dann am Pfahle eines schrecklichen Todes sterben.“

In Karl v. Spruners Übersetzung der Chronik des Paulus Diaconus (Paul Warnefried) von 1838 wird Romilda eine „abgefeimte Hure“ genannt.[14]

Derartig lebhafte Berichte waren geeignet, die erzählerische Phantasie auch späterer Geschichtsschreiber anzuregen, die mitunter überraschende Zusammenhänge herstellten. So heißt es bei Amédée Thierry 1855: „Romhilde, était une femme d'un caractère viril et résolu, mais impudique et livrée à des passions sans frein“, diese äußerste Leidenschaftlichkeit, ihr ‚unbändiges Verlangen‘, wurde nun sogar damit untermauert, dass sie bereits acht Kinder hatte, von denen das jüngste noch minderjährig war.[15]

Literatur

  • Rosa Maria Lucifora: Gesta di Romilda, traditrice della Patria (ad Paul. Diac. H.L. 4, 37), in: Enrico Maria Ariemma, Valentino D’Urso, Nicola Lanzarone (Hrsg.): Studi sull’epica latina in onore di Paolo Esposito, Edizioni ETS, Pisa 2023, S. 527–538. (online, PDF)
  • Emanuele Piazza: Guerre e inganni in età longobarda. Una lettura dell’Historia Langobardorum di Paolo Diacono, in: Collection de l'Institut des Sciences et Techniques de l'Antiquité (2021) 67–81, hier: S. 71 f. (online)
  • Magali Coumert: Le pouvoir des reines lombardes. Femmes de pouvoir e pouvoir de femmes dans l’Europe occidentale médiévale et moderne, Valenciennes 2009, 379–397.

Anmerkungen

  1. G. G. (Trivulzio?): Gisulfo e Romilda, in: Pagine friulane 7 (1894) 130–132, hier: S. 132.
  2. Christian Settipani: Les Ancêtres de Charlemagne, Éditions Christian, Paris 1989, S. 89 f.
  3. Paulus Diaconus: Historia Langobardorum, herausgegeben von Ludwig Konrad Bethmann und Georg Waitz, in: Monumenta Germaniae Historica, Scriptores rerum Langobardicarum et Italicarum saec. VI–IX, Hahn, Hannover 1878, S. 128–132, deutsche Übersetzung von Otto Abel: Des Paulus Diakonus Geschichte der Langobarden, in: Ders.: Paulus Diakonus und die übrigen Geschichtschreiber der Langobarden, Berlin 1849, S. 101–104. (Digitalisat).
  4. „Si racconta di lui che quando gli Avari assediavano Cividale, rimasto orfano del padre, doveva essere ucciso insieme ai suoi tre fratellini per ordine del Cacano dei nemici; il quale dopo aver finto di cedere alle lusinghe della madre Romilda, l'aveva data in mano ai soldati, perchè su lei sbramassero le loro turpi voglie, e finalmente l'aveva fatta impalare.“ (sinngemäß: ‚Man erzählt von ihm, dass, als die Awaren Cividale belagerten, er, der vaterlos geworden war, zusammen mit seinen drei kleinen Brüdern auf Befehl des Khagans der Feinde getötet werden sollte; dieser hatte, nachdem er vorgegeben hatte, den Verlockungen seiner Mutter Romilda nachzugeben, sie den Soldaten ausgeliefert, damit sie ihre schmutzigen Begierden an ihr auslebten, und sie schließlich pfählen lassen.‘)
  5. Rosa Maria Lucifora: Gesta di Romilda, traditrice della Patria (ad Paul. Diac. H.L. 4, 37), in: Enrico Maria Ariemma, Valentino D’Urso, Nicola Lanzarone (Hrsg.): Studi sull’epica latina in onore di Paolo Esposito, Edizioni ETS, Pisa 2023, S. 527–538, hier: S. 536.
  6. Martina Hartmann: Die Königin im frühen Mittelalter, Kohlhammer, Stuttgart 2009, S. 37–51, bes. 39 f., 49.
  7. Wilfried Menghin: Die Langobarden, Theiss, Stuttgart 1985, S. 131–135.
  8. Emanuele Piazza: Guerre e inganni in età longobarda. Una lettura dell’Historia Langobardorum di Paolo Diacono, in: Collection de l'Institut des Sciences et Techniques de l'Antiquité (2021) 67–81, hier: S. 71 f.
  9. Jüngst Walter Kiefl: Die Verräterin. Die Tragödie der Romilda von Cividale, München 2021, worin sich die Herzogin opfert, um ihre Stadt zu retten.
  10. Enrico Altan: La Romilda. Tragedia, Domenico Lovisa, Venedig 1702.
  11. Antonio Zambaldi: Monumenti storici di Concordia, già Colonia Romana nella regione Veneta, Serie dei Vescovi Concordiesi ed Annali della città di Portoguare, San Vito 1840, S. 272 f. (Digitalisat, zu Enrico Altan, darunter Romilda).
  12. Giulio Pullè: Romilda. Tragedia, Paolo Libanti, Verona 1838.
  13. Ignaz Aurelius Feßler: Die Geschichten der Ungern und ihrer Landsassen, erster Teil, erster Band, Johann Friedrich Gleditsch, Leipzig 1815, S. 66.
  14. Karl v. Spruner: Paul Warnefried‘s Geschichte der Langobarden Diakons von Forum Julii. Zum erstenmale nach einem Codex der königlichen Bibliothek zu Bamberg aus dem Xten Jahrhundert übersetzt und mit Anmerkungen versehen, Friedrich Perthes, Hamburg 1838, S. 102 (Digitalisat, S. 102 f.).
  15. Amédée Thierry: Fils et successeurs d'Attila, Teil IV: Fin du second empire hunnique, in: Revue des Deux Mondes, 25 (1855) 209–247, hier: S. 216.