Rolf Eduard von Ungern-Sternberg

Rolf Eduard von Ungern-Sternberg (russisch Рольф Рудольфович Унгерн-Штернберг; * 14. Februar 1880 in Reval; † 19. Dezember 1942 in Ōita, Japan) war ein deutsch-baltischer Adliger, der als russischer Diplomat die russische Gesandtschaft in Lissabon leitete und 1926 als Professor für Französisch und Russisch an der Handelshochschule in Takaoka und später an der Universität Nagasaki lehrte. Eine enge Freundschaft verband ihn mit dem Dichter Rainer Maria Rilke.

Familie

Rolf Eduard von Ungern-Sternberg wurde in eine deutsch-baltische Familie in Estland geboren. Seine Mutter war die Graphologin Isabella Olga Ungern-Sternberg geborene von der Pahlen (1846–1915) und sein Vater der Eisenbahn-Ingenieur Rudolf Robert von Ungern-Sternberg (1837–1897). Das Haus seiner Eltern in Reval war ein wichtiger gesellschaftlicher Treffpunkt der literarischen Kreise Estlands und vor allem Revals.[1] Er hatte noch drei Geschwister. Sein älterer Bruder Baltasar Jacob (* 1879) war als Professor für Sprachwissenschaften in Japan tätig. Seine Schwester Isolde (1882–1910) war eine verehelichte von Wistinghausen.

Er selbst heiratete 1931 in Osaka die in Japan lebende Übersetzerin Jelena Alexandrowna Iswolskaja.[2] Die Ehe blieb kinderlos.

Leben

Seine Kindheit verbrachte Rolf Eduard Freiherr von Ungern-Sternberg in Reval unter gut situierten Bedingungen einer deutsch-baltischen Adelsfamilie. Sein Großvater, Alexander Johann von der Pahlen (1819–1895) war zu dieser Zeit Präsident des Verwaltungsrates der Baltischen Eisenbahn AG.[3] Die Familie bewohnte in Reval ein Haus im Zentrum, Schloßplatz 7.[4] Die Sommermonate verbrachten sie im Gutshaus bei seinen Großeltern in Leetz, an der estnischen Ostseeküste gelegen. Die Schule besuchte er in Reval. Nach dem Schulabschluss studierte er 1898 am Institut der Ingenieurtechnik für Verkehrswege in Sankt Petersburg und schloss es mit einer Goldmedaille ab. Seit 1901 gehörte ihm das estnische Gut Lasila/Lassila in der Gemeinde Rakvere. Wie sein Vater, schlug er ab 1903 eine Berufslaufbahn als Eisenbahn-Ingenieur ein und war in Estland als Wege-Ingenieur eingesetzt. Dann erhielt er eine Anstellung beim Bau der Transsibirischen Eisenbahn. Von dort wurde er 1905 in den diplomatischen Dienst des Russischen Reiches übernommen.[5]

Im diplomatischen Dienst

Nachdem von Ungern-Sternberg 1906 sein Diplomaten-Examen abgelegt hatte, wurde er im auswärtigen Dienst verwendet. Hier war er anfangs als Attaché bis 1909 in der Kanzlei des russischen Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten in Sankt Petersburg eingesetzt. Sein erster Auslandseinsatz führte ihn 1909 an die russische Gesandtschaft nach Konstantinopel, wo er als 3. Sekretär und ab 1911 als 2. Sekretär tätig wurde. Ab 1912 wechselte er in gleicher Position an die russische Gesandtschaft nach Paris. Nach drei Jahren wurde von Ungern-Sternberg 1915 hier zum 1. Sekretär ernannt. Bereits 1913 war er zum Hofrat aufgestiegen.[6] Anfang 1917 erhielt er eine Versetzung an die Gesandtschaft nach Lissabon. Dort löste er noch im gleichen Jahr den amtierenden Botschafter P. S. Potkin ab. Nach dem Sturz des Zaren Nikolaus II. (1894–1918) im Februar 1917 und der Machtübernahme durch die Bolschewiki im Herbst erhielt er ein Telegramm von Lew Davidowitsch Trotzki (1879–1940), der für die Äußeren Angelegenheit der neuen Machthaber zuständig war. Darin wurde von Ungern-Sternberg aufgefordert, seine Zustimmung zu geben, für die neuen Machthaber im Amt zu bleiben. Ohne sich mit anderen Diplomaten in dieser Sache abzustimmen, lehnte er einen solchen weiteren Schritt für sich ab.[7] Deshalb kehrte er 1918 auch nicht nach Russland zurück, blieb aber weiterhin in Portugal.

In poetischen Kreisen

Von Lissabon aus begab sich Rolf Eduard Freiherr von Ungern-Sternberg nach Deutschland. Während dieser Zeit Jahren beschäftigte er sich hauptsächlich mit Literatur, der Dichtkunst und veröffentlichte mehrere Bücher. Darunter befand sich sein Briefwechsel mit Rainer Maria Rilke (1875–1926),[8] mit dem ihn eine Freundschaft verband. Zu seinem Kontaktkreis gehörten auch Marie von Thurn und Taxis (1855–1934), der ebenfalls aus Estland stammende Hermann Graf Keyserling (1880–1946), französischer Lyriker, vor allem der Kreis, der sich um die Zeitschrift „Mercure de France“ geschart hatte.[9] Er selbst veröffentlichte mehrere Nachdichtungen, zwei Anthologien[10] und setzte sich mit dem Werk des Franzosen Jean Moréas (1856–1910) auseinander.[11] Mit dem Tod von Rilke 1926 bricht diese Lebensphase der öffentlichen poetischen Betätigung ab. Im gleichen Jahr verließ er den deutschen Raum und wechselte nach Japan.

In Japan

Hier hatte er ein Angebot erhalten, als Dozent für die französische und russische Sprache an der Handelshochschule in Takaoka tätig zu werden. Vermutlich erfolgte dieser Schritt auf Vermittlung seines älteren Bruders Baltasar Jacob (* 1879), der bereits mehrere Jahre als Philologe in Japan tätig war. Nach kurzer Zeit erhielt Rolf Eduard Freiherr von Ungern-Sternberg in Takaoka eine Professur im Sprachenbereich. Nach vier Jahren wechselte er nach Nagasaki. Hier wurde er an der Medizinischen Fakultät der Universität Nagasaki als Professor für die Sprachbereiche Französische und Russisch eingesetzt.[12]

Publikationen

  • Briefwechsel mit Rolf Freiherr von Ungern-Sternberg und Rilke Rainer Maria, Leipzig Insel Verlag 1920;
  • Jean Moreas, Die Stanzen, Nachdichtungen, Berlin 1922;
  • Die Stanzen Wir Verlag Berlin 1922;
  • Aus dem französischen Garten, Berlin Romantik Verlag 1925;
  • Der irdene Becher, Berlin Romantik Verlag 1925;
  • Neudruck einer Stanzennachdichtung in: Gedichte des Abendlandes, Fischer-Bücherei Bd. 400, 1961;

Literatur

  • Carola L. Gottzmann, Petra Hörner 2007. Lexikon der deutschsprachigen Literatur des Baltikums und St. Petersburg: Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Walter de Gryter;
  • Georgi Nikolajewitsch Michailowski, Notizen. Aus der Geschichte des russischen Außenministeriums, 1914–1920;
  • Henning von Wistinghausen, Isabella Freifrau von Ungern-Sternberg, gebn. Freiin von der Pahlen, in: Baltische Hefte 1960/1961, S. 20ff.;
  • Baltisches Biografisches Lexikon, Hrsg. Baltische Kommission 2025, S. 827;
  • Russische Diplomatie im Exil. Solowjew, Juri Jakowlewitsch, Erinnerungen eines Diplomaten. 1893–1922.

Einzelnachweise

  1. Henning von Wistinghausen, Isabella Freifrau von Ungern-Sternberg, gebn. Freiin von der Pahlen, in: Baltische Hefte 1960/1961, S. 20ff.;
  2. Biografische Daten über Rolf Rudolffovich Ungern-Sternberg, Datenbank russische Diplomaten. In: https://www.rusdiplomats.narod.ru/ungern-rr2.html
  3. Ants Hein, Palmse – Palms. Ein Herrenhof in Estland, Hattorpe, Eesti Entsüklopeediakirjastus 1996, ISBN 5-89900-042-2, S. 63ff.
  4. Juhan Maiste, U. Oolup: Das Haus auf dem Domberg, Dortmund, 1995
  5. Baltisches Biografisches Lexikon, Hrsg. Baltische Kommission 2025, S. 827;
  6. Biografische Daten über Rolf Rudolffovich Ungern-Sternberg, Datenbank russische Diplomaten. In: https://www.rusdiplomats.narod.ru/ungern-rr2.html
  7. Russische Diplomatie im Exil. Solowjew, Juri Jakowlewitsch, Erinnerungen eines Diplomaten. 1893–1922.
  8. Rolf Eduard Freiherr von Ungern-Sternberg, Briefwechsel mit Rolf Freiherr von Ungern-Sternberg und Rilke Rainer Maria, Leipzig Insel Verlag 1920
  9. Baltisches Biografisches Lexikon, Hrsg. Baltische Kommission 2025, S. 827;
  10. Rolf Eduard Freiherr von Ungern-Sternberg, Aus dem französischen Garten, Berlin Romantik Verlag 1925
  11. Rolf Eduard Freiherr von Ungern-Sternberg, Jean Moreas, Die Stanzen, Nachdichtungen Berlin 1922;
  12. Baltisches Biografisches Lexikon, Hrsg. Baltische Kommission 2025, S. 827;