Robert W. Cahn

Robert Wolfgang Cahn (* 9. September 1924 in Fürth; † 9. April 2007 in Cambridge) war ein britischer Werkstoffwissenschaftler deutscher Herkunft, der auf dem Gebiet der physikalischen Metallurgie arbeitete.

Leben und Wirken

Cahn wurde in einer assimilierten jüdischen Familie in Fürth geboren. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 flüchtete die Familie in die Schweiz. Während sein Vater von dort nach London zog, ging der Rest der Familie nach Spanien. Dort lernte er außer Spanisch und Französisch auch Englisch. Nach Beginn des Spanischen Bürgerkrieges verließ er Spanien und folgte seinem Vater nach London. Mit Beginn der deutschen Bombardierungen während des Zweiten Weltkrieges (Luftschlacht um England) kam er im Lake District unter und besuchte in Workington in der Grafschaft Cumbria eine Schule. Nachdem bereits Ende der 1930er Jahre sein Interesse für metallische Werkstoffe geweckt war, begann er 1942 ein Studium der Metallurgie am Trinity College der University of Cambridge. Dort lernte er Patricia Hanson, Tochter des Metallurgen Daniel Hanson, kennen, die er später heiratete. 1945 schloss er sein Studium ab und wurde Mitarbeiter von Egon Orowan am Cavendish-Laboratorium der Universität Cambridge. Das Ziel seiner Forschung war es, die Existenz von Versetzungen nachzuweisen. Er knüpfte damit an Arbeiten von Orowan und anderen aus den 1930er Jahren an.

1947 verließ Cahn Cambridge und wechselte an das Atomic Energy Research Establishment in Harwell, wo ihm eine gut dotierte Forschungsstelle angeboten worden war. Nach Jahren der Staatenlosigkeit erhielt er 1947 die britische Staatsbürgerschaft. 1949 wurde er promoviert. In Harwell setzte er seine Arbeiten über die Bildung von Kristallzwillingen fort und konnte eine neue Form der Zwillingsbildung in Urankristallen nachweisen. Da er sich als wissenschaftlicher Grundlagenforscher in Harwell zunehmend isoliert fühlte, ging er 1951 an die University of Birmingham, wo sein Schwiegervater Daniel Hanson lehrte. Hier wurde er Dozent und betreute Forschungsstudenten, deren Arbeiten sich auf Zwillingsbildung, intermetallische Verbindungen und die Bildung von Kristallkeimen während der Rekristallisation konzentrierten. Diese Themen standen für den Rest seines akademischen Lebens im Mittelpunkt seines Interesses.

1962 ging er an die Bangor University, wo er bis 1964 einen Lehrstuhl hatte. 1964 wechselte er an die neu gegründete University of Sussex, wo er zunächst Senior Lecturer und dann Dekan wurde und sich wissenschaftlich mit dem seinerzeit neuen Gebiet der metallischen Gläser beschäftigte. Zunehmend durch administrative Aufgaben belastet, nahm er 1981 eine Stellung an der Universität Paris-Süd an, wo er bis 1983 Leiter der Abteilung Metallurgie war. Anschließend kehrte er nach Cambridge zurück, wo er eine Stelle als Senior Research Associate am Department of Metallurgy and Materials Science annahm.

Cahn veröffentlichte etwa 240 wissenschaftliche Aufsätze und war Herausgeber von vier Fachzeitschriften: Journal of Nuclear Materials, Journal of Materials Science, Journal of Materials Research und Intermetallics sowie mehrerer Buchreihen.

1987 wurde er als korrespondierendes Mitglied in die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen aufgenommen.[1] 1991 wurde er zum Mitglied der Royal Society gewählt.[2]

Ehrungen

2012 wurde der Robert-W.-Cahn-Preis ins Leben gerufen, mit dem Autoren, die die beste Arbeit in einem Jahrgang der Zeitschrift Journal of Materials Science publiziert haben, ausgezeichnet werden.

Schriften (Auswahl)

  • R. W. Cahn: The Coming of Materials Science. Pergamon, Amsterdam, London, … 2001, ISBN 0-08-042679-4, S. xvii+568.
  • R. W. Cahn: A New Theory of Recrystallization Nuclei. In: Proceedings of the Physical Society. Section A. Band 63, Nr. 4, 1950, S. 323–336, doi:10.1088/0370-1298/63/4/302.
  • R. W. Cahn: Plastic deformation of alpha-uranium; twinning and slip. In: Acta Metallurgica. Band 1, Nr. 1, 1953, S. 49–52, doi:10.1016/0001-6160(53)90009-1.
  • R. W. Cahn: Twinned crystals. In: Advances in Physics. Band 3, Nr. 12, 1954, S. 363–445, doi:10.1080/00018735400101223.
  • R. L. Bell, R. W. Cahn: The dynamics of twinning and the interrelation of slip and twinning in zinc crystals. In: Proceedings of the Royal Society A. Band 239, Nr. 1219, 1957, S. 494–521, doi:10.1098/rspa.1957.0058.

Literatur

  • Roger Doherty: Robert W. Cahn (1924–2007) and David Turnbull (1915–2007). In: Science. Band 317, 6 July, 2007, S. 56–57, doi:10.1126/science.1145490.
  • Olivier Hardouin Duparc: Robert W. Cahn: 1924–2007. In: International Journal of Materials Research. Band 98, Nr. 7, 2007, S. 651–654, doi:10.3139/146.070704.
  • A. Lindsay Greer: Robert Wolfgang Cahn (1924–2007). In: Nature Materials. Band 6, 2007, S. 477, doi:10.1038/nmat1941.

Einzelnachweise

  1. Mitglieder: Robert Wolfgang Cahn. Niedersächsische Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, abgerufen am 22. September 2025.
  2. Eintrag zu Robert Wolfgang Cahn im Archiv der Royal Society, London