Robert Francès
Robert Francès (auch Pierre Francès-Rousseau; * 4. Dezember 1919 in Bursa, Türkei; † 26. November 2012 in Paris) war ein Häftling in Auschwitz und Professor für experimentelle Psychologie an der Universität Paris X – Nanterre und 1965 Gründer der International Association of Empirical Aesthetics. Er befasste sich mit der Psychologie von Musik, Ästhetik und Arbeitspsychologie. Er war auch Philosoph, Musiker, Komponist und Schriftsteller.[1] Sein Beitrag zur experimentellen Ästhetik gilt als fundamental.
Leben
Der Sohn von Allègra und Isaak Francès, einem jüdischen Seidenhändler aus Bursa, wurde im Osmanischen Reich geboren, als es gerade unterging. Die Mutter ging als Lehrerin 1925 nach Paris und die Familie wurde katholisch. Er absolvierte das Gymnasium am Lycée Rollin in Paris, wo er 1938 das Abitur erhielt. An der Universität Paris (Sorbonne) erwarb er 1941 einen Bachelor in Philosophie, gefolgt von einem Abschluss für Diplom-Studien in Psychologie, Moral, Soziologie und allgemeiner Philosophie.
Robert beteiligte sich am kommunistischen Widerstand vom Flugblätterverteilen bis zur Rekrutierung innerhalb der FTPF. Die Familienwohnung im 16. Arrondissement wurde in eine geheime Druckerei verwandelt. Robert Francès und seine Mutter wurden dort im Juni 1943 verhaftet und im Gefängnis Fresnes eingesperrt, im Hauptquartier der Gestapo in der Rue des Saussaies gefoltert und zum Tode verurteilt; aber nach der Entdeckung ihrer jüdischen Herkunft wurden beide im Lager Drancy interniert und am 7. Oktober 1943 nach Auschwitz deportiert. Seine Mutter wurde sofort vergast, Robert Francès überlebte, weil er zur Arbeit im Lager Auschwitz III eingeteilt wurde. Am 18. Januar 1945 begann mit der der Räumung des Lagers ein langer Todesmarsch, der ihn durch Schlesien, die Tschechoslowakei, Österreich und Bayern führte. Am 27. April 1945 befreite ihn die US-Armee auf einem Bauernhof in Bayern und führte ihn am 1. Juni 1945 nach Frankreich zurück. Er wurde mit der Medaille des Widerstands und dem Croix de guerre 1939-1945 ausgezeichnet.[2]
Nach seiner Rückkehr nahm er sein Studium wieder auf und wurde 1947 im Wettbewerb für die Zulassung zur Philosophie angenommen. Er heiratete Simone Pesle, aus dieser Ehe wurden zwei Jungen geboren, 1947 und 1952. Seine Frau Simone starb 1965.
Francès wurde zum Professor für Philosophie am Lycée Carnot in Marseille ernannt und lehrte hier bis 1952. Im Oktober 1952 wurde er zum Forscher am Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung (CNRS) in Paris ernannt und begann eine Staatsarbeit über Musik. Er verteidigte seine Abschlussarbeit 1957 über die Wahrnehmung von Musik und eine komplementäre These über Wahrnehmungsentwicklung, für die er besonders geehrt wurde. Zwischen 1958 und 1963 führte er verschiedene Forschungen in der experimentellen Psychologie durch. 1965 wurde er zum Dozenten an der neuen Universität Paris X Nanterre ernannt und zum Professor befördert. 1967 gründete er zur Förderung der Forschung das Labor für allgemeine und differentielle experimentelle Psychologie, in dem die Arbeiten von Assistenten vorbereitet werden. 1969 führte Robert Francès in Form einer spezialisierten Ausbildung Forschungen zur Arbeitspsychologie ein.
Während er die Leitung des Instituts für Ästhetik und Kunstwissenschaften übernahm, das ihm Étienne Souriau übertrug, schuf er gleichzeitig das Labor für Kulturpsychologie, das mit dem CNRS verbunden war. 1984 ging er in den Ruhestand.
Darüber hinaus war Robert Francès mehrere Jahre Mitglied des Wissenschaftlichen Rates von Nanterre und wurde in das Nationale Komitee des CNRS gewählt. Er war bis 1972 der erste Präsident der International Association of Empirical Aesthetics, die er 1965 mit gegründet hatte, und der Französischen Gesellschaft für Psychologie.
Parallel zu seinem philosophischen Studium erhielt Robert Francès eine musikalische Ausbildung, lernte Klavier spielen, die Flöte und studierte Harmonie und Komposition. Einige seiner Werke wurden im Radio gespielt.
Werk
Seine Arbeit zur Musikpsychologie knüpfte beim russischen Musikästhetiker Boris de Schloezer an, der keine Gründe für ein nicht nur subjektives ästhetisches Urteil in der Musik nennen konnte. Dagegen setzte er die experimentelle Methode, die er ab 1952 breiter durchführen konnte und die zum Werk La perception de la musique (1958) führte. In der Musikpsychologie konnte er auf Hermann von Helmholtz und Carl Stumpf aufbauen, die zunächst die Wahrnehmung einfacher Elemente analysiert hatten. Francès ging nun weiter zu komplexen Klangelementen, zu zusammenhängenden Fragmenten von Werken, die beim Hörer von vornherein als Musik wahrgenommen werden. Offenbar werden das Tonsystem sowie die melodische und harmonische Syntax wiedererkannt und als angenehm empfunden, auch wenn sie formal bei musikalischen Laien unbekannt sind. Daher schuf Francès den Begriff der „tonalen Akkulturation“, als eine Reihe von Mustern, Erwartungen, Wahrnehmungen, die aus der Kindheit unter dem Einfluss der musikalischen Umgebung gewonnen worden sind. In der weiteren Arbeit vertiefte er diese Wahrnehmungspsychologie.[3]
Er wurde 2000 zum Ritter der Ehrenlegion.
Schriften
- La Perception de la musique, éditions VRIN, 1958; wieder 1984, ISBN 978-2711680757. (Klassiker der Musikpsychologie)
- The perception of music, Lawrence Erlbaum 1988
- Le développement perceptif, Presses Universitaires de France, 1962
- Psychologie de l'art et de l'esthétique (= Psychologie d'aujourd'hui). Presses universitaires de France, Paris 1979, ISBN 978-2-13-035932-6.
- La Satisfaction dans le travail et l'emploi. Presses universitaires de France (réédition numérique FeniXX), 1981, ISBN 978-2-13-065840-5 (google.de).
Weblinks
- Max-Planck-Institut für empische Ästhetik: Forschungsgruppe Neurokognition von Musik und Sprache – Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik. Archiviert vom am 27. Dezember 2025; abgerufen am 4. Januar 2026.
Belege
- ↑ Francès, Robert - Persée. Abgerufen am 4. Januar 2026.
- ↑ Seine Erinnerungen Un déporté brise son silence erschienen 1987/1997 bei Harmattan, ISBN 978-2738459886.
- ↑ Laurent Guirard, Mireille R Besson, Jean Vion-Dury, Emmanuel Bigand, Chouvel Jean-Marc, Jean-Marc Chouvel, Emmanuel Bigand, W. Jay Dowling, Imberty Michel, Jean-Pierre Mialaret, Helga de La Motte-Haber, Arlette Zenatti: 50 ans de psychologie de la musique. Alexitère éditions, 2011 (hal.science [abgerufen am 4. Januar 2026]).