Robert C. Bolles
Robert Charles Bolles (* 24. April 1928 in Sacramento; † 8. April 1994 in Seattle) war ein US-amerikanischer Experimentalpsychologe und Professor der University of Washington.[1]
Leben
Er war in seiner Kindheit an Poliomyelitis erkrankt und wurde bis zu seinem zwölften Lebensjahr zu Hause unterrichtet. Sein vorrangiges Interesse galt der Mathematik, und so erwarb er 1948 einen B.A. und 1949 einen M.A. in Mathematik an der Stanford University. Nach einer Tätigkeit als Mathematiker am U.S. Navy Radiological Defense Laboratory in San Francisco studierte er Psychologie an der University of California, Berkeley bei Edward Tolman und David Krech. Nach seiner Promotion zum Ph.D. 1956 hatte er kurz akademische Positionen an der Princeton University und der University of Pennsylvania inne, bevor er 1959 am Hollins College in Virginia lehrte und forschte. 1966 wechselte er an die University of Washington, wo er bis zu seinem plötzlichen Tod blieb.
Werk
In seinen frühen Experimenten an der University of California konnte er zeigen, dass Ratten unter Nahrungsentzug in aufeinanderfolgenden Versuchen abwechselnd die Arme eines T-Labyrinths wählten, durstige Ratten jedoch an einem Arm blieben. Diese Forschung nahm mehrere spätere Themen seiner Karriere vorweg. So beeinflusste beispielsweise die Annahme, dass Nahrungssuche eine Gewinn-Verschiebungs-Strategie beinhaltet, das Forschungsgebiet des räumlichen Gedächtnisses. Am Hollins College untersuchte er die motivierenden Effekte von Nahrungsentzug, die Vorfreude auf Mahlzeiten und biologischen Rhythmen. Er glaubte, dass einfache, direkte Beobachtungen zu den größten Erkenntnissen führten. Sine Überprüfung neuerer Erkenntnisse zeigt, dass kontingente Verstärkung weder eine notwendige noch eine hinreichende Voraussetzung für operantes Lernen ist. Dieses Dilemma wirft die alte Frage nach dem „Was wird gelernt?“ erneut auf. Er nahm an, dass Versuchspersonen im Labor typischerweise keine Reaktion auf einen Reiz, sondern zwei Arten von Erwartungen lernen. Eine Erwartung entspricht den Kontingenzen von Reiz und Ergebnis in der Umwelt, während die zweite eine weniger getreue Darstellung von Reaktions-Ergebnis-Kontingenzen darstellt. Das Verstärkungsverfahren ermöglicht das Erlernen beider Erwartungen.
In den 1980er Jahren wandte sich Bolles wieder den Problemen der Ernährung und Nahrungsregulierung zu. Er untersuchte, wie omnivore Ratten Nahrung lernen und wie sich dieses Lernen auf ihre Geschmacksvorlieben auswirkt. Auch seine Leidenschaft für die Geschichte der Psychologie erwachte wieder. In seinem psychologiegeschichtlichen Werk „The Story of Psychology: A Thematic History“ (1993), das er als der erste Historiker der Psychonomic Society (eine Gesellschaft für das Gebiet der experimentellen Psychologie), erzählt er die Geschichte der Psychologie, um ein Verständnis für den gegenwärtigen Stand der Psychologie in die Richtung der kognitiven Psychologie zu vermitteln. Dabei stellt er auch philosophische Prinzipien wie Atomismus, Mechanismus, Empirismus und Assoziationismus.
Als sein vielleicht größter Beitrag zur Psychologie wird sein Buch „Theory of Motivation“ (1967) angesehen. Dieses Werk fasst ein breites Spektrum an Daten zusammen und markiert den Niedergang der Triebtheorie von Clark L. Hull. Er nahm hingegen eine biologische und historische Perspektive ein und betonte die Antizipation von Zielen. In Seattle erweiterte er seine Forschung um die Analyse von Angst und Vermeidung. Sein 1970 erschienener Artikel über artspezifische Abwehrreaktionen war ein weiterer Höhepunkt seiner Arbeit. Diese Arbeit präsentierte eine Mischung aus Psychologie und Ethologie, die sich zu einem wichtigen Trend entwickelte, der die biologischen Grenzen und die adaptive Funktion von Lernen und Verhalten erkannte. Seine Wertschätzung der Natürlichkeit angstbezogenen Verhaltens führte Bolles zu der Erkenntnis, dass Tiere mehr über ihre Umgebung als über ihr Verhalten lernen müssen. Wie bei dem biologischen Trend im Tierlernen war er ein Begründer der Bewegung der „Tierkognition“. Für ihn spiegelten die biologischen und kognitiven Inputs des Verhaltens dasselbe wider, nämlich dass Lernen und Verhalten nach funktionalen Systemen organisiert sind, die an die Lösung natürlicher Probleme angepasst sind. Die Integration von Kognition und Biologie in die Psychologie des Lernens und der Motivation wird in der zweiten Ausgabe von „Theory of Motivation“ (1975) anschaulich gemacht.
Privates
Er war in erster Ehe mit Anne Lanning verheiratet, mit der er vier Kinder hatte. Seine zweite Frau war Frau Yasuko Endo. Er verstarb unerwartet an einer Herzattacke. Er hatte auch Interesse an der Astronomie; dazu unternahm er mehrere Reisen nach Australien, um den südlichen Himmel zu studieren und hatte bei seinem Tod ein nicht mehr veröffentlichtes Buchmanuskript zu diesem Thema verfasst.
Publikationen (Auswahl)
- Monografien
- The Story of Psychology: A Thematic History. Brooks/Cole, 1993, ISBN 978-0-534-19668-4.
- Mit Michael D. Beecher: Evolution and learning. Lawrence Erlbaum Associates, Hillsdale, N.J., 1988.
- Learning Theory (2. Auflage). Thomson Learning, Belmont 1979, ISBN 978-0-03-019306-4.
- Theory of Motivation. Joanna Cotler Books, New York 1975, ISBN 978-0-06-046526-1.
- Spanische Ausgabe: Teoria De La Motivacion: Investigacion Experimental Y Evaluacion. Editorial Trillas Sa De Cv, Mexiko 2006, ISBN 978-968-24-7784-3.
- Herausgeberschaften
- Hedonics of Taste. Psychology Press, Philadelphia 1991, ISBN 978-0-8058-0366-2.
- Mit Michael D. Beecher: Evolution and Learning. Taylor & Francis Inc, Milton Park 1988, ISBN 978-0-89859-542-0.
- Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge
- Learning, Motivation, and Cognition. In: William Kaye Estes (Hrsg.): Handbook of Learning and Cognitive Processes (S. 249–280). Psychology Press, London 2014,
- Mit Roy Weinstock; Richard T. White: Incentive value of saccharin as a function of concentration and deprivation conditions. In: Psychonomic Science, 2014, 3 (1–12), S. 103–104.
- Mit John A. Warren: The acquisition of bar press avoidance as a function of shock intensity. In: Psychonomic Science, 2014, 3 (1–12), S. 297–298.
- Mit D. A. Dewsbury: The founding of the Psychonomic Society. In: Psychonomic Bulletin & Review, 1995, 2 (2), S. 216–233.
- The response problem. In: Behavioral and Brain Sciences, 1994,17 (1), S. 135–136.
- The bathwater and everything. In: Behavioral and Brain Sciences, 1988, 11 (3), S. 449–450.
- Mit P. M. Fedorchak: Nutritive Expectancies Mediate Cholecystokinin's Suppression-of-Intake Effect. In: Behavioral Neuroscience, 1988.
- Mit R. Mehiel: Learned flavor preferences based on calories are independent of initial hedonic value. In: Animal Learning & Behavior, 1988, 16 (4), S. 383–387.
- Mit Ronald Mehiel: Hedonic shift learning based on calories. In: Bulletin of the Psychonomic Society, 2013, 26 (5), S. 459–462.
- The Explanation of Behavior. In: The Psychological Record, 1983, 33 (1), S. 31–48.
- Reinforcement, expectancy, and learning. In: Psychological Review, 1972, 79 (5), S. 394–409.
- Mit Mary Sue Younger: The effect of hunger on the threshold of behavioral arousal. In: Psychonomic Science, 1967, 7 (7), S. 243–244.
- Is the “click” a token reward? In: The Psychological Record, 1961, 11 (2), S. 163–168.
- Percentage timing reinforcement schedules. In: The Psychological Record, 1961, 11 (4), S. 349–353.
Weblinks
- Literatur von und über Robert C. Bolles im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Robert C. Bolles's research while affiliated with Hollins University and other places auf Research Gate, abgerufen am 18. Oktober 2025.
- Robert C. Bolles auf Science Direct, abgerufen am 18. Oktober 2025.
- Robert C. Bolles auf Deutsche Digitale Bibliothek, abgerufen am 18. Oktober 2025.
Literatur
- Mark E. Bouton; Michael S. Fanselow (Hrsg.): Learning, Motivation, and Cognition: The Functional Behaviorism of Robert C. Bolles. American Psychological Association, Washington, DC 1997, ISBN 978-1-55798-436-4-
- Mark E. Bouton; Michael S. Fanselow: Robert C. Bolles (1928–1994). In: American Psychologist, 1996, 1(7), 733.
- The evolution of a psychologist: The legacy of Robert C. Bolles. In: Contemporary Psychology, 1998, 43 (10), 676ff.