Renaissance-Lusthaus im Münchener Hofgarten
Das Renaissance-Lusthaus im Münchener Hofgarten war ein bedeutendes Renaissance-Gebäude in München, das vermutlich ab 1565 im Auftrag von Herzog Albrecht V. (Bayern) (reg. 1550–79) erbaut wurde und sich in der nordöstlichen Ecke des später erweiterten Hofgartens befand. Es zählte zu den wichtigen Repräsentationsräumen der Münchner Residenz seiner Zeit. Das Gebäude wurde um 1800/1801 abgerissen.
Lage und Baugeschichte
Das Lusthaus wurde ab 1565 auf dem Gelände des neuen Gartens (Hofgarten) errichtet, der ab etwa 1560 im Norden der Stadt angelegt worden war. Es lag in der Nordost-Ecke des Gartens, wobei an seiner östlichen Seite ein Stadtbach vorbeifloss. Als Architekt gilt der herzogliche Baumeister Wilhelm Egkl als wahrscheinlich. Die ersten Nachrichten über den nördlichen Residenzgarten, der Anna von Österreich zugewiesen war, stammen aus dem Jahr 1560. Das Lusthaus selbst wurde erst ab 1565 gebaut.[1] Um 1800 ließ Kurfürst Maximilian IV. Joseph von Bayern die Gartenbauten, einschließlich des Lusthauses, abreißen, nachdem er bereits die zwei großen rechteckigen Weiher, die Maximilian I. in den neuen Hofgarten integriert hatte, trockengelegt hatte. An seiner Stelle wurde 1801/03 die Hofgarten-Infanterie-Kaserne errichtet, auf deren Abriss 1900/05 das Armeemuseum folgte, welches im Zweiten Weltkrieg bis auf den Mittelpavillon zerstört wurde.
Architektur und Ausstattung
Das Lusthaus war ursprünglich ein fast freistehender Saalbau von zwei Geschossen und 5 × 3 Fensterachsen. Daran schloss sich ein Wohntrakt in einem spitzen Winkel nach Südwesten an.
Unter Herzog Maximilian I. (reg. ab 1597) wurde das Gebäude im Rahmen der Neugestaltung des Hofgartens um 1614 mit einer neuen Fassade versehen, um ein symmetrisches Pendant zur damals errichteten Orangerie im Süden zu schaffen. Dabei wurde die westliche Schmalseite des Saalbaus nach Süden bis zur Südwestecke des Wohntrakts verlängert, wodurch eine lange Fassade mit neun Achsen zum neu angelegten großen Gartenweiher hin entstand.
Der Festsaal befand sich im Obergeschoss. Der Saal hatte eine Größe von etwa 18 × 11 Meter. Ursprünglich war der Saal von allen Seiten belichtet. Nach dem Umbau durch Maximilian I. hatte er fünf Fenster nach Norden, drei nach Osten und zwei nach Westen.
Die Ausstattung des Saals:
- Portale und Statuen: Im Saal befanden sich zwei große Portale aus Marmor, jedes mit vier Säulen auf hohen Postamenten. Zwischen den Säulen standen weiße Marmorstatuen, die die Vier Jahreszeiten darstellten. Reliefs aus weißem Marmor schmückten die Postamente und Friese.
- Altane: Eines der Portale führte auf der Westseite zu einer Altane (Terrasse), die auf Arkaden ruhte. Reste dieser Arkaden mit Groteskenmalereien im Gewölbe wurden 1984 wiederentdeckt.
- Relief: Über einem Portalaufbau aus weißem und rotem Marmor an der Außenseite des Saales befand sich ein Relief, das das Urteil Salomons zeigte.
- Wanddekoration: An den vier Wänden waren Brustbilder der ersten 12 römischen Kaiser (von Julius Caesar bis Domitian) dargestellt.
Der Boden des Saals bestand aus roten, weißen und grauen polierten Marmorplatten.
Deckengemälde
Die Deckengemälde wurden beim Abbruch 1801 abgenommen und eingelagert. Die Decke des Saales war ursprünglich eine Holzkassettendecke. Die eingesetzten Gemälde waren in Öl auf Leinwand ausgeführt.[2]
Die Deckenmalerei wird Melchior Bocksberger zugeschrieben, der ab 1565 für das Lusthaus infrage kommt und zu dieser Zeit viel für den Münchner Hof tätig war. Bocksberger, der vermutlich bei seinem Onkel Hans Bocksberger d. Ä. lernte und danach in Italien war, gehörte zur Malergeneration des 16. Jahrhunderts, die den fortgeschrittenen Stil und die Technik aus Italien in Bayern umsetzte. Die Kompositionen zeigen große stilistische Ähnlichkeit mit seinem Onkel; als beider Vorbild gilt die Deckenmalerei in Mantua, insbesondere im Palazzo del Te.
Die gesamte Dekoration bestand aus insgesamt 15 Gemälden:
- Drei rechteckige Bilder waren in der Mitte angeordnet.
- Zwölf weitere Bilder waren an den Seiten angeordnet.
Eine neuere Rekonstruktion (2020) geht von einer Decke in Form eines Pyramidenstumpfes mit leichter Erhöhung in der Mitte aus, was ein optisches Zentrum schuf und den illusionistischen Effekt durch eine strenge perspektivische Komposition verstärkte.[3] Die drei mittleren Bilder sind in absoluter Untersicht konzipiert. Die seitlichen Bilder sind einansichtig und zeigen eine niedrige Horizontlinie.
Ikonographisches Programm
Die Themen der Deckenbilder sind durchweg mythologisch und den Metamorphosen Ovids entnommen. Das Programm basiert auf dem Gedanken des Silbernen Zeitalters. Dieses Zeitalter folgt auf das Goldene Zeitalter (das oft mit dem Paradies gleichgesetzt wird) und thematisiert den Verlust der Unschuld, die Einführung von göttlichen Gesetzen und die Notwendigkeit menschlicher Anstrengung und Kultivierung.
Verbleib der Deckengemälde
Beim Abbruch des Lusthauses um 1801 wurden die Deckengemälde abgenommen und eingelagert. Fünfzehn Schwarz-Weiß-Fotografien der Gemälde entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts zu Archivierungszwecken. Von den ursprünglich 15 Ölgemälden auf Leinwand sind heute zwei erhalten und im Depot der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen (BSGS) deponiert. Es handelt sich um: Neptun (Inv. Nr. 3784) und Das harte Leben der Menschen nach dem Goldenen Zeitalter (Vita Tenuis) (Inv. Nr. 3789). Die übrigen Bilder sind verschollen.
Politisches Programm
Das Deckenprogramm könnte eine verschlüsselte, subtile Huldigung an Herzog Albrecht V. dargestellt haben. Die Kaiserporträts an den Wänden begannen mit Julius Caesar und Augustus. Ovid setzt Augustus mit Jupiter (dem Herrscher des Silbernen Zeitalters) gleich.
Siehe auch
Literatur
- Jan Lutteroth: Die Münchner Residenz als kommentierte 3D-Rekonstruktion. Eine Analyse der räumlichen und funktionalen Entwicklung im Gefüge der Stadt zwischen 1467 und 1614. München 2024, hier: Kapitel 5.2.3.
- Ke Ma: Das verlorene Lusthaus der Münchner Residenz. In: Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni (Hrsg.): Digitale Raumdarstellung. Barocke Deckenmalerei und Virtual Reality. Heidelberg 2020, S. 256–287. Online-Version per Open Access
- Anna Bauer-Wild: Lusthaus im nachmaligen Hofgarten. In: Bauer, Hermann; Rupprecht, Bernhard (Hrsg.): Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland. Band 3 Freistaat Bayern. Regierungsbezirk Oberbayern. Stadt und Landkreis München. Teil 2 Profanbauten. München 1989, S. 33–48.
- Michael Petzet: Die Arkaden am Unteren Hofgarten und die Münchner Architektur der Renaissance. In: Denkmäler am Münchner Hofgarten. Forschungen und Berichte zu Planungsgeschichte und historischem Baubestand. München 1988. S. 9–27.
- Anna Bauer-Wild: Das Lusthaus Albrechts V. und seine Deckenbildausstattung. In: Denkmäler am Münchner Hofgarten. Forschungen und Berichte zu Planungsgeschichte und historischem Baubestand. München 1988, S. 28–44.
Weblinks
Einzelnachweise
Koordinaten: 48° 8′ 35,6″ N, 11° 34′ 57,1″ O