Reichwalder Schäferei

Die Reichwalder Schäferei, obersorbisch Mosty, war ein Ausbau von Reichwalde sowie zuletzt ein Ortsteil von Wunscha. Er lag im heutigen Landkreis Görlitz, südsüdöstlich von Weißwasser in der Oberlausitz in Sachsen. Er wurde im Jahr 1986 für den Tagebau Reichwalde vollständig abgebrochen. Die amtlich registrierte Umsiedlerzahl im Zusammenhang mit dem Ortsabbruch betrug 22 Personen.

Geschichte

Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Ansiedlung 1843 unter den Namen Musta und Mosty. Der sorbische Name bedeutet „Brücken“ und geht auf eine Brücke über den Weißen Schöps zurück, die sich in der Nähe befand.

Die Reichwalder Schäferei entwickelte sich in der späteren Feudalzeit aus einer Schäferei, von der überliefert ist, dass sie einst durch einen Sandsturm zerstört worden sein soll.

Der Ausbau gehörte historisch zur Gutsherrschaft Reichwalde, die zusammen mit dem gleichnamigen Dorf und Marktflecken unter wechselnder Adelsverwaltung stand.

Die Besitzverhältnisse des Guts Reichwalde veränderten sich mehrfach. Im Jahr 1650 gelangte es in den Besitz des Muskauer Standesherrn Kurt Reinicke von Callenberg. Sein Sohn verkaufte das Gut 1674 an Hans Caspar von Metzradt. 1687 kam es an die Familie von Nostitz. Die folgenden Besitzer Reichwaldes waren die Familien von Warnsdorf (1734–1752), Baron von Spörcken (1752–1775), dessen Witwe und Tochter von Loeben (1775–1795), von Damnitz (1795–1797) sowie die Herren von Loeben und der Reichsgraf von Hohental (1797–1804). Letzterer verkaufte das Gut an Ludwig Carl Hand Erdmann Reichsgraf von Pückler, den Muskauer Standesherrn, der es im Jahr 1811 an seine drei Töchter vererbte. Die älteste Tochter, Gräfin von Kospoth, erwarb neun Jahre später die Anteile ihrer Schwestern. Unter dem Besitzer von Klettwitz (1837–1843) begann die Ablösung der Feudalverpflichtungen. Über weitere Besitzer kam das Gut im Jahr 1869 an Freiherr von Eckardtstein, in dessen Familie es über mehrere Generationen verblieb.[1]

Die Reichwalder Schäferei war kirchlich nach Reichwalde eingepfarrt.

Bevölkerung und Sprache

Über die Bewohner selbst sind keine detaillierten historischen Angaben überliefert.

Der sorbische Ethnologe Arnošt Muka dokumentierte im Jahre 1884 die sprachliche und ethnische Struktur in Reichwalde einschließlich der Schäferei. Demnach verstanden alle Deutschen im Ort Sorbisch, viele – vor allem Kinder – sprachen es auch aktiv. Es gab vier gemischte Familien mit deutsch-sorbischer Haussprache. Die Mehrheit der sorbischen Familien sprach sorbisch, lediglich in den beiden Gasthäusern in Reichwalde dominierte Deutsch. Sorbischer Gottesdienst fand regelmäßig statt, immer vor dem deutschen.[2] Muka zählte in Reichwalde samt Schäferei 505 Sorben, was 80,8 Prozent der Bevölkerung entsprach.[3] Diese Angaben legen nahe, dass zumindest ein Teil der Bewohner der Reichwalder Schäferei am Ende des 19. Jahrhunderts sorbischsprachig war.

Gemäß Arnošt Černik sprachen im Jahr 1956 in Reichwalde noch 184 (19,9 Prozent) die sorbische Sprache.[4]

Umsiedlung

Im Jahr 1986 wurde die Reichwalder Schäferei im Zuge der Erweiterung des Tagebaus Reichwalde vollständig abgetragen. Die 22 verbliebenen Einwohner wurden nach Boxberg, Horscha, Kreba, Spremberg, Nappatsch (heute Altliebel) und Weißwasser umgesiedelt.[5]

Siehe auch

Literatur

  • Frank Förster: Verschwundene Dörfer im Lausitzer Braunkohlenrevier. 3., bearbeitete und erweiterte Auflage, Domowina-Verlag, Bautzen 2014, S. 238–240.
  • Archiv verschwundener Orte Forst/Horno: Dokumentation bergbaubedingter Umsiedlung, Horno 2010, S. 294–295.
  • Stadt Kamenz (Hrsg.): Wunscha/Wunšow, Kreis Weißwasser, Bezirk Cottbus. Erinnerungsschrift. Weißwasser 1985.
  • Graf Hermann v. Arnim, Willi A. Boelcke: Muskau. Standesherrschaft zwischen Spree und Neiße. Berlin-Frankfurt/M.-Wien 1978, S. 24, 141, 143, 204.
  • Jan Meschgang: Die Ortsnamen der Oberlausitz. Bautzen 1973, S. 116.
  • Karlheinz Blaschke: Historisches Ortsverzeichnis von Sachsen. 4. Teil: Oberlausitz. Leipzig 1957, S. 86.
  • Robert Pohl (Hrsg.), Heimatbuch des Kreises Rothenburg O.-L. für Schule und Haus. Weißwasser 1924, S. 207 ff.
  • Walter v. Boetticher: Geschichte des Oberlausitzischen Adels und seiner Güter 1635–1815. Bd. 3, Görlitz 1919, S. 626 f.

Einzelnachweise

  1. Frank Förster: Verschwundene Dörfer im Lausitzer Braunkohlenrevier. 3. bearbeitete und erweiterte Auflage. Domowina, Bautzen 2014, S. 238 f.
  2. Arnošt Muka: Statistika hornjołužiskich Serbow pruskeho kralestwa. In: Časopis Maćicy Serbskeje. Jg. XXXVIII, 1885, S. 95.
  3. Arnošt Muka: Statistika hornjołužiskich Serbow pruskeho kralestwa. In: Časopis Maćicy Serbskeje. Jg. XXXVIII, 1885, S. 15.
  4. Sorbisches Kulturarchiv Bautzen, MS XVII-14 B: Statistiske přehladki wosobow ze znajomosću serbsćiny w dwurěčnych kónčinach Łužicow po wokrjesach a wobwodach, 1956.
  5. Archiv verschwundener Orte: Dokumentation bergbaubedingter Umsiedlung. Horno 2010, S. 295.

Koordinaten: 51° 23′ 50″ N, 14° 40′ 27″ O