Reichskanzlerplatz (Roman)

Reichskanzlerplatz ist ein Roman von Nora Bossong, der 2024 bei Suhrkamp in Berlin erschien.[1] Darin werden 25 Jahre der Lebensgeschichten von Magda Goebbels und ihres kurzzeitigen Liebhabers erzählt. Das Buch wurde in den deutschen Feuilletons sehr unterschiedlich bewertet.

Inhalt

Die Romanhandlung folgt den Lebensstationen einer Frau, die, bevor sie Magda Goebbels, Ehefrau des nationalsozialistischen Politikers Joseph Goebbels, wurde, vier Nachnamen hatte: Behrend, Friedländer, Ritschel und Quandt. Behrens von ihrer bei der Geburt ledigen Mutter, Friedländer nach Adoption durch einen späteren Ehemann ihrer Mutter, Ritschel nach ihrem leiblichen Vater. Ihr erster Ehemann Günther Quandt hatte auf dem Namenswechsel bestanden, weil er keine Frau mit jüdischem Namen in seine Familie aufnehmen mochte.

Hauptfigur und Ich-Erzähler ist Hans Kesselbach, als Jura-Student Liebhaber der Magda Quant.

Der Roman endet im Sommer 1944. Der Giftmord, den Magda Goebbels am 1. Mai 1945 vor ihrem Selbstmord an ihren sechs Kindern beging oder begehen ließ, kommt in der Handlung des Buches nicht vor. Nora Bossong skizziert ihn in einem sechszeiligen Absatz auf einer nachgestellten Seite.[1.1]

Auf einer weiteren nachgestellten Seite erläutert sie, dass der Liebhaber Magda Quants im wirklichen Leben wohl eher Fritz Gerber hieß und nicht Hans Kesselbach. Mit letzter Gewissheit lasse es sich aber nicht sagen: „Vielleicht hieß er doch Hans Kesselbach und war eben so, wie hier beschrieben.“[1.2]

Der Roman ist in fünf Kapitel gegliedert, die mit Jahreszahlen gekennzeichnet sind.

1919–1927 Madame Quandt

Im ersten und längsten Kapitel[1.3] erzählt Hans, Sohn eines pensionierten und kriegsversehrten Generalmajors, von seiner gemeinsamen Schulzeit mit Hellmut, einem Sohn aus erster Ehe Quandts, dessen Mutter gestorben war. In ihn verliebt sich der homosexuelle Hans, was unerwidert bleibt. Einen Freund mag er den launischen und arroganten Hellmut nicht nennen, doch er fühlt sich ihm stets nahe. Im Laufe der Jahre lernt er auch dessen (nur sieben Jahre ältere) Stiefmutter Magda kennen, die er wegen ihrer Schönheit bewundert. Er ist Zeuge der nahezu intimen Beziehung zwischen Hellmut und seiner Stiefmutter. Das Kapitel endet mit dem frühen Tod Hellmuts.

1927–1931 Reichskanzlerplatz

Der Titel des Romans ist auch Titel des zweiten Kapitels.[1.4] Er bezeichnet die Adresse der herrschaftlichen Wohnung Magdas, die ihr der Industrielle Quandt nach der Scheidung finanziert.

Anfangs schildert Hans, inzwischen Jura-Student, seine nächtlichen Ausflüge ins Berliner Schwulen-Milieu und seine Bekanntschaft mit dem Transvestiten Lulu. Dann kommt es zu einer erneuten Begegnung mit Magda, zur von ihr ausgehenden Annäherung und zu Intimverkehr in einem Stundenhotel. Hans, der eher Männern zugeneigt ist, schildert: „Ich flüsterte ihr zu, ich würde sie lieben. Es ging leicht, denn ich meinte es nicht allzu ernst. Ich dachte an Lulu und den Mann am Eingang, an Hellmut und seinen Arm an meinem.“[1.5]

Quandt erfährt vom Ehebruch, lässt sich scheiden, Magda kann ihm regelmäßige Zahlungen und die exklusive Wohnung am Reichskanzlerplatz abhandeln. Dort hält sie Hof. Bei einem der dortigen Empfänge setzt sich Hans an den Flügel und spielt. Ein Österreicher lauscht aufmerksam der der Musik und blickt Hans über die Schulter. „Schubert“, sagt der. „Es geht zu Herzen, antwortet Hitler.“[1.6]

Magda tritt in die NSDAP ein, lernt mehr und mehr Nazi-Größen kennen, auch August Wilhelm von Preußen (Prinz Auwi). Die Affäre mit Hans endet: „Mehr als eine Ablenkung bin ich ohnehin nicht für sie gewesen.“[1.7] Wenige Tage später sieht er sie zusammen mit dem Berliner Gauleiter Josef Goebbels aus einem Haustor treten.

1933–1938 Die erste Frau

Nach einem Zeitsprung beginnt das dritte Kapitel damit[1.8], dass Magda inzwischen mit Goebbels verheiratet ist, der inzwischen zu Hitlers Propagandamininster ernannt wurde. Hans kommentiert: „Meine Fußnote in der Geschichte wird die eines Mannes sein, der Magda Quant so wenig zu unterhalten verstand, dass sie zu Magda Goebbels wurde.“[1.9]

Im Sommer 1933 reichte Hans, inzwischen Legationssekretär im Außenministerium, einen Mitgliedsantrag für den Bund nationalsozialistischer Juristen ein, „denn es war nun eben, wie es war, und einer gefallenen Staatsform durfte man nicht zu lange nachtrauern.“[1.10]

Im Bericht des Ich-Erzählers taucht die tschechische Schauspielerin Lída Baarová auf, sie wird zur Geliebten Goebbels’. Magda war ihm langweilig und lästig geworden, „für Hitler blieb sie die erste Frau des Reichs, die blonde Mutter, obwohl sie ihr nachdunkelndes Haar mittlerweile bleichen ließ und ihr Arzt von weiteren Schwangerschaften abriet. Sie war die weibliche Komparsin, Bestandteil der Inszenierung, wie die Fackeln, die Fahnen, die Massen.“[1.11]

1943 Geordnete Verhältnisse

Nach einem weiteren Zeitsprung lebt Hans im vierten Romankapitel[1.12] als deutscher Diplomat in Italien. Magda sieht er in der Kino-Wochenschau und erhält regelmäßig Briefe von ihr. Der Tod ihres jüdischen Adoptivvaters, Richard Friedländer, im KZ Buchenwald ist ihr nur einen Halbsatz wert. Sie schreibt dazu: „Siehst Du Hans, es wird niemand bevorzugt, auch wir nicht. Wir essen unseren Eintopf und zahlen unseren Teil.“[1.11]

1943 verlobt sich Hans mit einer jüngst verwitweten Bekannten und lässt seine Arbeitgeber in der Berliner Wilhemstraße davon wissen: „Geordnete Verhältnisse halfen.“[1.13] Außerdem lässt er Beziehungen spielen und sich dienstlich in ein Konsulat in die Schweiz versetzen. Sein Vorgänger im Konsulat wird dafür nach Berlin beordert, geht aber nicht. Er lässt sich von einem befreundeten Psychiater in eine Nervenheilanstalt einweisen. Ihm wird ein Zusammenbruch attestiert. „Es war die deutsche Krankheit, die in der Schweiz grassierte. Ich hörte, man stecke sich leicht an.“[1.14]

Juli 1944 Was wir sind

Im abschließenden kurzen Kapitel[1.15] besucht Hans Magda in einem Dresdener Hospital, sie war an der Gesichtsmuskulatur operiert worden. „Jede Mimik war aus ihrem Gesicht verschwunden, wie bei einer Toten.“[1.16] Er erzählt ihr von seiner bevorstehenden Heirat und fühlt einen leichten Triumph. „Sie konnte nicht länger glauben, ich ließe jede Frau wegen ihr ziehen. Und doch wartete ich auf etwas. Auf ihre Billigung, ihren Einwand.“[1.17]

Einige Tage später hört Hans im Radio vom Attentat im Führerhauptquartier, der Führer sei unverletzt. Er macht sich eilig mit der Bahn auf den Weg in die Schweiz. Nach einem Handlungssprung des Romans reist er dann plötzlich mit der Bahn nach Pritzwalk, dem Stammsitz der Familie Quandt. Er besucht das Grab Hellmut Quandts und denkt an „Madame Quandt, die einmal Friedländer hieß, und an den Jungen, der eines Morgens blass und schmal in unsere Klasse kam. Er starb sehr jung, fast noch ein Kind. Ich hätte ihn wohl gern einmal wiedergesehen.“[1.17]

Rezeption

In vielen Rezensionen deutscher Feuilletons wird der Roman lobend besprochen, seine Gegenwartsbezogenheit betont und die Lektüre empfohlen. Nur in den Buchbesprechungen von Spiegel, Zeit und Süddeutscher Zeitung überwiegen die kritischen Einschätzungen.

Andreas Platthaus findet es in seiner Buchbesprechung für die Frankfurter Allgemeine Zeitung „mutig“ von Bossong, dass sie das Ende der Familie Goebbels im Roman ausspart. Damit entfalle die erwartbare „Katharsis des Untergangs“.[2]

Für Judith von Sternburg Frankfurter Rundschau erinnert Reichskanzlerplatz, nicht nur wegen der distanzierten Grundhaltung, an Daniel Kehlmanns Lichtspiel. Der historische Roman, zwischenzeitlich im Unterhaltungssegment untergeschlüpft, sei zurück auf der großen Bühne, in einer besonders gegenwärtigen Gestalt.[3]

Joachim Dicks lobt auf NDR Kultur, dass Bossong sehr eindringlich den schleichenden Prozess schildere, in dem eine instabile Demokratie, erst allmählich und dann explosiv, auseinanderbricht und dann das daraus erwachsende faschistische Regime eine globale Katastrophe auslöst. Durch die Folie der Vergangenheit lasse sie uns unsere Gegenwart besser erkennen. „Einfach grandios!“[4]

Wiebke Porombka zieht in ihrer Rezension für den Deutschlandfunk das Fazit, der Roman erzähle von historischen und individuellen Kontinuitäten, die allzu gern ausgeblendet werden. Und vielleicht sei es der besondere literarische Kniff von Bossong, dass das Buch sich „zugleich den Mantel glänzender Unterhaltung überzuwerfen versteht“[5]

Carsten Otte urteilt in der tageszeitung, Bossong habe mit Reichskanzlerplatz einen preiswürdigen Roman geschrieben, „der vom Übergang einer Demokratie in die Diktatur erzählt, den die Menschen akzeptieren oder befördern, solange ihr eigenes Fortkommen gesichert ist.“ Gegenwärtiger sei die Vergangenheit selten erzählt worden.[6]

Wolfgang Höbel meint im Spiegel, leider sei Bossongs Roman „ein furchtbar spekulativer Text“ über eine Täterin, deren Motive im Dunklen bleiben. „Ich zweifle, ob sie zu erforschen, wirklich lohnt.“[7]

Auf Jens Jessen (Die Zeit) wirkt der Buchtext wie eine von KI erzeugte Filmvorlage. Auch hier sei auf alles, was Anstoß erregen könnte, weil es vom immer schon Gewussten abweicht und nicht im Internet nachgeschlagen werden kann, peinlich verzichtet worden. „Die Schöne und das Biest, das Mädchen und der Bonze und der arme hübsche schwule Junge, die verruchten Kneipen und die exaltierten Milieus sind sämtlich wunderbar vertraut von all den Filmen, die sich seit Jahrzehnten den verruchten Zwanzigern und den bösen Nazijahren widmen, von Cabaret bis Babylon Berlin.“[8]

Für Hilmar Klute Süddeutsche Zeitung scheitert Bossongs Roman an der Sprache, „die keine Höhenflüge kennt, sondern irgendwo zwischen Seminarreferat und missglückter Dichterschulenabschlussarbeit trudelt.“ Sie mache die Lektüre der ohnehin zähen Geschichte zu einem qualvollen Unternehmen. Das Komplexe solle auf die Dimension der simplen Verstehbarkeit reduziert werden.[9]

Einzelnachweise

  1. Nora Bossong: Reichskanzlerplatz. Suhrkamp, Berlin 2024, ISBN 978-3-518-43190-0.
    1. S. 293.
    2. S. 294.
    3. S. 9–83.
    4. S. 85–138.
    5. S. 107.
    6. S. 127.
    7. S. 130.
    8. S. 139–205.
    9. S. 145.
    10. S. 148.
    11. a b S. 203.
    12. S. 207–273.
    13. S. 270.
    14. S. 273.
    15. S. 275–291.
    16. S. 278.
    17. a b S. 279.
  2. Andreas Platthaus: Gebannt vom Meisterspiel der Täuschung. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. August 2024.
  3. Judith von Sternburg: Nora Bossong: „Reichskanzlerplatz“ - Als wäre er daran schuld. In: Frankfurter Rundschau, 11. August 2024.
  4. Joachim Dicks: "Reichskanzlerplatz": Der schleichende Zerfall der Demokratie. In: NDR Kultur, 12. August 2024.
  5. Wiebke Porombka: Wandlungsfähigkeit allenthalben. In: Deutschlandfunk, 16. August 2024 (Online, PDF).
  6. Carsten Otte: Der Wille zum Aufstieg. Die Tageszeitung, 21. August 2024.
  7. Wolfgang Höbel: Hier spricht der Scheidungsgrund. In: Der Spiegel, 9. August 2024.
  8. Jens Jessen: Das It-Girl des Dritten Reiches. In: Die Zeit, 14. August 2024.
  9. Hilmar Klute: Deutsche Banalitäten. In: Süddeutsche Zeitung, 20. August 2024.