Rebekka-Brunnen (Zürich)

Der Rebekka-Brunnen ist ein klassizistischer Monumentalbrunnen an der Bahnhofstrasse in Zürich. Er wurde 1880 von Heinrich Gerhardt geschaffen und 1909 an den heutigen Standort versetzt. Eine seitliche Inschrift gedenkt des Grosskaufmanns Emanuel Henry Brandt und seiner Ehefrau Ida Brandt.

Geschichte

Villa Brandt

Der Brunnen stand ursprünglich im Park der Villa Brandt an der Südstrasse 40 im Zürcher Quartier Riesbach. Das Grundstück in der damals noch selbständigen Gemeinde wurde um 1878 vom russisch-deutschen Grosskaufmann Emanuel Henry Brandt aus Archangelsk, einem Sohn von Wilhelm Brandt, vom Baumeister Johannes Baur erworben.[1] Von 1879 bis 1882 liess Brandt hier von Baur die feudale Villa im Stile der Neugotik erbauen.[2] Der Architekt Adolf Nabholz (1847–1891) orientierte sich in seinen Plänen an englischen Landhäusern und insbesondere dem vom Briten William Wilkinson entworfenen Neuen Schloss Buonas am Zugersee.[3]

Zum Anwesen gehörten das Landgut «Brunnenhof», ein Pförtnerhaus, ein Kutscherhaus[2] und ein weitläufiger englischer Garten mit exotischen Pflanzungen, darunter einem Bambuswäldchen, durch das ein kleiner Bach floss.[1] Zur Ausschmückung seiner Residenz beauftragte Brandt den Deutschrömer Heinrich Gerhardt mit der Schaffung mehrerer bildhauerischer Werke, unter anderem auch eines Monumentalbrunnens. Gerhardt lebte und wirkte seit 1844 in Rom, verbrachte im Sommer aber jeweils einige Wochen in Zürich. Er vollendete den Rebekka-Brunnen im Jahr 1880.[4]

Brandt war sehr reich. Seine in Sankt Petersburg sesshafte Holzhandelsfirma «E. H. Brandt & Cie.» besass 939 km² Ländereien, vor allem Wälder, im Russischen Kaiserreich. Ausserdem war Brandt Mitinhaber der Weinhandlung «Leeman & Cie.» in Zollikon. In Zürich versteuerte er lediglich seine auf etwa 2 Millionen geschätzte Liegenschaft und die Teilhabe an der Weinhandlung, bezahlte aber nie Einkommenssteuern, mit der Begründung, dass diese bereits in Russland erhoben würden.[5] In der Nachbarschaft war der «Baron» Brandt unbeliebt:

«Der mehr oder weniger resolute Herr Baron war aber trotz seinem Reichtum weniger beliebt als gefürchtet. Bei der Jugend, die sich sonst absolut nicht etwa als Ausbund der Bravheit fühlte, ging der Respekt vor dem Herr Baron so weit, dass sie meistens mit absolutem, ängstlichem Schweigen dort vorbei ging. […] Noch heute aber steht der resolute Baron bei den erwachsenen Riesbächlern und besonders den Flühgässlern nicht in sehr gutem Andenken.»

Neue Zürcher Nachrichten[1]

Als einmal einige Knaben aus dem Quartier versuchten, Forellen aus Brandts Bach zu fischen, soll er mit einer Schrotflinte auf sie geschossen haben.[1] Andererseits sollen er und seine Frau «von ihren reichen Mitteln vielfachen wohltätigen Gebrauch» gemacht haben.[6] Er starb am 4. Juli 1908 mit 78 Jahren in Zürich.[6] Universalerbin war seine Ehefrau Ida Brandt geb. Brandt, die zwei Wochen nach ihm, am 18. Juli 1908, mit 67 Jahren verschied.[5][7] Eine Woche zuvor hatte sie auf den Antritt der Erbschaft zugunsten von Brandts Adoptivsohn Wilhelm Emanuel Brandt verzichtet.[5] Dieser reiste beim Tod seiner Eltern aus Sankt Petersburg nach Zürich und beauftragte einen Treuhänder mit dem Verkauf des Anwesens, geriet aber sogleich in einen 20 Jahre andauernden Steuerstreit mit der Stadt Zürich.[2] Der Steuervorstand forderte ihn und seine Mutter am 11. Juli 1908 auf, ein Inventar über den gesamten Nachlass vorzulegen, das er nur unvollständig einreichte. Am 13. August sollte er auch ein Inventar über den Nachlass der Witwe Brandt erstellen, was er am 26. August verweigerte. Am 15. Oktober verfügte die Finanzdirektion, dass er umgehend Steuernachzahlungen und Erbschaftssteuern in der Höhe von fast 2,5 Millionen Franken zu bezahlen habe, was er als unbegründet zurückwies. Brandt zog den Fall weiter. Am 2. September 1909 wies der Regierungsrat seinen Rekurs ab. Am 15. Dezember 1910 erklärte das Bundesgericht seinen Rekurs für teilweise begründet.[5] Die Villa Brandt wurde verpfändet und gelangte 1916 an Hans Denner, Geschäftsleiter der Konsumgesellschaft Denner. 1923 wurde sie vom Unternehmer Franz Meyer erworben.[1][2]

Schenkung des Brunnens

Vor seiner Rückreise nach Russland bot Wilhelm Emanuel Brandt der Stadt Zürich an, ihr den Rebekka-Brunnen als Denkmal für seine Eltern zu schenken.[8][2] Der Stadtrat suchte eilends nach einer Mauer, an die sich der Brunnen anlehnen liesse, und fasste die Quaianlagen ins Auge. Bei einer Besichtigung befand er die Anlage zwischen der Bahnhofstrasse und der Talgasse für geeignet,[4] was er am 13. August 1908 in einem Schreiben bekanntgab.[9] Am 22. August verkündete der Grosse Stadtrat, das Geschenk anzunehmen und den Brunnen an besagter Stelle zu platzieren.[10] Im April 1909 begannen die Bauarbeiten am Vorplatz,[11] und im Mai wurde der Brunnen an seinen Bestimmungsort versetzt.[12]

Sanierung

Während des Zweiten Weltkriegs war der Brunnen eingedeckt.[9]

1988/89 wurde die Brunnenanlage von der Wasserversorgung, der Denkmalpflege und dem Gartenbauamt aufwendig saniert. Der Architekt Andreas Adam koordinierte. Die Anlage war stark verschmutzt und bemoost, das Relief und die Inschriften waren kaum mehr sichtbar, und die Pflästerung des Vorplatzes war durch Wurzelarme eines nahen Baumes wellenartig verformt. Nachdem einige Bäume entfernt worden waren, kam ein neues Fundament aus armiertem Beton unter den Platz. Die gesamte Einfriedung wurde hierzu abgetragen, gereinigt und wieder aufgebaut, ausserdem mit den beiden Sitzbänken versehen. Die Wasserleitungen wurden erneuert.[4]

Beschreibung

Die Brunnenanlage steht in der «Guggenheim-Anlage» am Anfang der Bahnhofstrasse, beim Luxushotel «Baur au Lac».

Vorplatz

Der Brunnen steht auf einem um zwei Stufen über die Bahnhofstrasse erhöhten Vorplatz mit quadratförmigem Grundriss. Der Platz wird von einer Brüstungsmauer aus massiven Granitquadern eingefasst. Auf beiden Seiten steht eine steinerne Sitzbank. Die Pflästerung ist ornamental gemustert.

Brunnen

Der Brunnen ist ungefähr 4,80 Meter hoch.[13] Er bildet eine Art Torbogen, der von zwei Granitpilastern mit Akanthuskapitellen und Konsolen flankiert wird, die den geschweiften, von einem Flachbogen gebildeten Giebel tragen. Im Hauptfeld ist zentral eine Bildtafel eingelassen. Über einer Blumen- und Früchtegirlande steht oben die dazugehörige Inschrift:

«Da lief ihr der Knecht entgegen und sprach:
Lass mich ein wenig Wasser aus deinem Kruge trinken
Und sie sprach: Trinke, mein Herr! Und eilend liess sie den
Krug hernieder auf ihre Hand und gab ihm zu trinken»

1. Mose 24,18f 

Das runde Becken wird von einer wasserspeienden, gehörnten Faunmaske gespeist. Auf der Seite des Brunnenbaus steht die Widmungsinschrift:

«Gespendet der Stadt Zürich von W. E. Brandt zum Andenken an seine im Juli 1908 verstorbenen Eltern Emanuel Henry Brandt und Ida Brandt»

Relief

Das Relief aus weissem Marmor mit zum Teil fast rundplastischen Gestalten zeigt eine Szene aus dem Alten Testament, wie sie im 1. Buch Mose erzählt wird: Der greise Abraham weist seinen treuen Knecht Elieser an, sich in seine Vaterstadt Haran zu begeben und dort eine Frau für seinen Sohn Isaak zu finden, die bereit ist, ihm nach Kanaan zu folgen. Als Elieser abends in Haran ankommt, lässt er die Kamele beim Wasserbrunnen ausserhalb der Stadt rasten. Er bittet Gott, das auserwählte Mädchen daran erkennen zu können, dass sie ihm und seinen Kamelen zu trinken anbietet. Da kommt die schöne Jungfrau Rebekka, eine Grossnichte Abrahams, mit einem Krug auf den Schultern, schöpft Wasser und labt ihn und die Kamele. Elieser schenkt ihr Goldschmuck, und ihr Bruder Laban willigt angesichts der mitgebrachten Reichtümer in die Ehe ein. Rebekka wird Mutter der Zwillinge Esau und Jakob, der später am selben Brunnen Rahel begegnet.

Vor einer exotischen Landschaft, die im Hintergrund rechts mit einer Palme angedeutet wird, sind vier Personen an einem Brunnen abgebildet. Als stille Betrachter der Szene fungieren links ein stehender Jüngling mit einer Last auf den Schultern und rechts eine auf die Brunnenmauer hingelagerte junge Frau mit einem Krug. Elieser ist als bärtiger, schon angejahrter, aber muskulöser Mann dargestellt, der sich mit seiner Linken auf den Brunnen stützt und eben die Lippen am Krug ansetzt, den ihm Rebekka mit beiden Händen hinreicht.

Das Relief ist links unten, zwischen dem Jüngling und Elieser, mit «H. Gerhardt / Roma 1880» signiert.

Rezeption

Carl Seelig ging 1935 in der Reihe «Vergessene Plastiken am See» in der Neuen Zürcher Zeitung auf den Rebekka-Brunnen ein. Dabei kritisierte er den seiner Meinung nach unpassenden Klassizismus des Reliefs:

«Sowohl die beiden Jünglinge wie die Frauen sind jedoch nicht biblisch empfunden, sondern griechisch-klassizistisch. Auch ohne die Bezeichnung ‹Roma›, die neben seinem Namen steht, wüßte man, daß Prof. Heinrich Gerhardts bescheidenes Talent von der antiken Kunst aufgefressen wurde.»

Neue Zürcher Zeitung[12]

In der Reihe «Zürcher Brunnen» derselben Zeitung bezeichnete Eduard Briner das Relief 1959 als «eines der besten Bildwerke, die hier in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts (von der ersten ganz zu schweigen) zur Aufstellung kamen».[14]

In der Zeitung Die Tat wurde 1969 der Standort der Brunnenanlage kritisiert:

«Indessen mag sich die Frage aufdrängen, ob dies beschauliche Idyll an einem ruhigeren Orte, etwa in einer öffentlichen Anlage, nicht grössere Wirkung üben würde?»

Die Tat[9]

Galerie

Literatur

  • Carl Seelig: Der Rebekka-Brunnen. In: Neue Zürcher Zeitung. Erste Sonntagausgabe, Blatt 2. Nr. 1552, 8. September 1935, S. 5 (online).
  • Eduard Briner: Der Rebekka-Brunnen an der Bahnhofstraße. In: Neue Zürcher Zeitung. Morgenausgabe, Blatt 7. Nr. 3247, 26. Oktober 1959, S. 1 (online).
  • Der Rebekka-Brunnen. In: Die Tat. 1. März 1969, S. 6 (online).
  • Wilfrid Spinner: Gepflegte Anlage für Elieser und Rebekka. Der Reliefbrunnen am Eingang zur Bahnhofstrasse. In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 42, 20. Februar 1989, S. 27 (online).
Commons: Rebekka-Brunnen (Zürich) – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. a b c d e Aus dem ältesten oberen Riesbach. In: Neue Zürcher Nachrichten. 3. Blatt. Nr. 80, 4. April 1963, S. 1 (online).
  2. a b c d e Martin Illi: Villa «Brandt». In: Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich. Band 74, 2007, doi:10.5169/seals-1045662, S. 394 f.
  3. Dieter Nievergelt: Vom englischen Horror-Roman bis zum Backstein. Die Neugotik in der Stadt Zürich. In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 256, 3. November 1982, S. 49 (online).
  4. a b c Wilfrid Spinner: Gepflegte Anlage für Elieser und Rebekka. Der Reliefbrunnen am Eingang zur Bahnhofstrasse. In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 42, 20. Februar 1989, S. 27 (online).
  5. a b c d Urteil vom 15. Dezember 1910 in Sachen Brandt gegen Zürich. Bundesgericht, 1910, S. 497–567 (PDF; 41,8 MB).
  6. a b Biographien. In: Zürcher Wochen-Chronik. Nr. 32, 8. August 1908, S. 307 (online).
  7. Stadt Zürich Bestattungen. In: Neue Zürcher Nachrichten. Erstes Blatt. Nr. 204, 30. Juli 1908, S. 4 (online).
  8. Stadtnotizen. In: Neue Zürcher Nachrichten. Zweites Blatt. Nr. 109, 23. April 1909, S. 2 (online).
  9. a b c Der Rebekka-Brunnen. In: Die Tat. 1. März 1969, S. 6 (online).
  10. Aus den Stadtratsverhandlungen. In: Neue Zürcher Nachrichten. Abendblatt. Nr. 228, 24. August 1908, S. 3 (online).
  11. Lokales. In: Neue Zürcher Zeitung. Drittes Morgenblatt. Nr. 108, 19. April 1909, S. 1 (online).
  12. a b Carl Seelig: Der Rebekka-Brunnen. In: Neue Zürcher Zeitung. Erste Sonntagausgabe, Blatt 2. Nr. 1552, 8. September 1935, S. 5 (online).
  13. Rebekka-Brunnen. In: Kunstbestand der Stadt Zürich. Abgerufen am 1. Januar 2026.
  14. Eduard Briner: Der Rebekka-Brunnen an der Bahnhofstraße. In: Neue Zürcher Zeitung. Morgenausgabe, Blatt 7. Nr. 3247, 26. Oktober 1959, S. 1 (online).

Koordinaten: 47° 22′ 1,3″ N, 8° 32′ 24″ O; CH1903: 683192 / 246825