Ranciéit
| Ranciéit | |
|---|---|
| Derbes Mineral-Aggregat mit hellbraunem Ranciéit-Überzug (Größe: 4,3 cm × 4,3 cm) | |
| Allgemeines und Klassifikation | |
| IMA-Symbol |
Rnc[1] |
| Chemische Formel | |
| Mineralklasse (und ggf. Abteilung) |
Oxide und Hydroxide |
| System-Nummer nach Strunz (8. Aufl.) Lapis-Systematik (nach Strunz und Weiß) Strunz (9. Aufl.) Dana |
IV/F.04 – Anhang IV/D.12-010 4.FL.40 07.10.01.01 |
| Ähnliche Minerale | Takanelith |
| Kristallographische Daten | |
| Kristallsystem | trigonal[5] |
| Kristallklasse; Symbol | trigonal-rhomboedrisch; 3 |
| Raumgruppe | P3 (Nr. 147)[5] |
| Gitterparameter | a = 2,845 Å; c = 7,485 Å[5] |
| Formeleinheiten | Z = 1[5] |
| Physikalische Eigenschaften | |
| Mohshärte | 2,5 bis 3[6] |
| Dichte (g/cm3) | gemessen: 3,336[7] |
| Spaltbarkeit | fehlt[3] |
| Farbe | schwarz, silbergrau, braunviolett[3] |
| Strichfarbe | dunkelbraun[3] |
| Transparenz | undurchsichtig, in dünnen Splittern braun durchscheinend[8] |
| Glanz | Metallglanz[7] |
Ranciéit ist ein eher selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Oxide und Hydroxide“ mit der chemischen Formel (Ca,Mn2+)0,2(Mn4+,Mn3+)O2·0,6H2O[2] und damit chemisch gesehen ein wasserhaltiges Calcium-Mangan-Oxid.
Ranciéit kristallisiert im trigonalen Kristallsystem und bildet polykristalline Mineral-Aggregate mit dünnen Lamellen, findet sich aber auch in Form von Stalaktiten und Inkrustationen von schwarzer, silbergrauer oder braunvioletter Farbe mit einem metallischen Glanz auf den Oberflächen. Die Strichfarbe von Ranciéit ist allerdings dunkelbraun. Das Mineral ist im Allgemeinen undurchsichtig und nur in dünnen Splittern braun durchscheinend.
Etymologie und Geschichte
Entdeckt wurde Ranciéit in Mineralproben aus der Rancié-Mine bei Sem im französischen Département Ariège (Okzitanien). Die Erstbeschreibung erfolgte 1857 durch den französischen Mineralogen Alexandre Félix Gustave Achille Leymérie, der das Mineral nach dessen Typlokalität benannte.
Das Typmaterial des Minerals wird in der Mineralogischen Sammlung des Muséum national d’histoire naturelle (MHN) in Paris aufbewahrt, ist dort allerdings nicht auf der Liste der Typminerale verzeichnet.[9]
Klassifikation
In der veralteten 8. Auflage der Mineralsystematik nach Strunz gehörte der Ranciéit zur Mineralklasse der „Oxide und Hydroxide“ und dort zur Abteilung „Hydroxide“, wo er als einziger Vertreter im Anhang zur „Diaspor-Böhmit-Gruppe“ mit der Systemnummer IV/F.04 steht.
In der zuletzt 2018 überarbeiteten Lapis-Systematik nach Stefan Weiß, die formal auf der alten Systematik von Karl Hugo Strunz in der 8. Auflage basiert, erhielt das Mineral die System- und Mineralnummer IV/D.12-010. Dies entspricht der Klasse der „Oxide und Hydroxide“ und dort der Abteilung „Oxide mit dem Stoffmengenverhältnis Metall : Sauerstoff = 1 : 2 (MO2 und verwandte Verbindungen)“, wo Ranciéit zusammen mit Lagalyit und Takanelith eine unbenannte Gruppe mit der Systemnummer IV/D.12 bildet.[3]
Die von der International Mineralogical Association (IMA) zuletzt 2009 aktualisierte[10] 9. Auflage der Strunz’schen Mineralsystematik ordnet den Ranciéit in die Klasse der „Oxide (Hydroxide, V[5,6]-Vanadate, Arsenite, Antimonite, Bismutite, Sulfite, Selenite, Tellurite, Iodate)“ und dort in die Abteilung „Hydroxide (ohne V oder U)“ ein. Hier ist das Mineral in der Unterabteilung „Hydroxide mit H2O ± (OH); Lagen kantenverknüpfter Oktaeder“ zu finden, wo es zusammen mit Takanelith die „Takanelithgruppe“ mit der Systemnummer 4.FL.40 bildet.
In der vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchlichen Systematik der Minerale nach Dana hat Ranciéit die System- und Mineralnummer 07.10.01.01. Das entspricht der Klasse der „Oxide und Hydroxide“ und dort der Abteilung und gleichnamigen Unterabteilung „Mehrfache Oxide“. Hier findet er sich in einer unbenannten Gruppe mit der Systemnummer 07.10.01, in der auch Takanelith eingeordnet ist.
Kristallstruktur
Ranciéit kristallisiert im trigonalen Kristallsystem in der Raumgruppe P3 (Raumgruppen-Nr. 147) mit den Gitterparametern a = 2,845 Å und c = 7,485 Å sowie einer Formeleinheit pro Elementarzelle.[5]
Modifikationen und Varietäten
Ranciéit bildet mit Takanelith eine Mineralserie, bei der das Calcium durch Mangan ersetzt wird.[11]
Bildung und Fundorte
Ranciéit bildet sich durch Verwitterung in Mangan-Lagerstätten, meist in Kalkstein oder Kalksteinhöhlen. Als Begleitminerale können unter anderem Todorokit, Calcit und „Limonit“ auftreten.[7]
Als eher seltene Mineralbildung konnte Ranciéit nur an wenigen Fundorten nachgewiesen werden, wobei bisher rund 190 Fundorte dokumentiert sind (Stand 2021).[12] Neben seiner Typlokalität, der Rancié-Mine bei Sem (Ariège) trat das Mineral in Frankreich noch an weiteren Orten in der Region Okzitanien auf wie unter anderem bei Monthaut und Montauch im Département Aude, in den Batère-Minen bei Corsavy im Département Pyrénées-Orientales, den Manganerzfeldern am Plateau d'Ambulla bei Corneilla-de-Conflent sowie in der Mine Las Costes und im Steinbruch Le Rivet im Département Tarn. Des Weiteren fand sich das Mineral noch in einigen Gruben bei Saphoz (Esmoulières) im Département Haute-Saône in der Region Bourgogne-Franche-Comté sowie bei Lembach im Département Bas-Rhin und an mehreren Orten des Département Haut-Rhin in der Region Grand Est.
In Deutschland fand man Ranciéit bisher vor allem in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt, aber auch an einzelnen Fundstätten wie unter anderem im Steinbruch Moldenberg bei Schnaitheim in Baden-Württemberg, in einem unbenannten Steinbruch bei Hadermannsgrün sowie in der Grube Segen Gottes bei Huckelheim und dem Steinbruch Hartkoppe bei Sailauf in Bayern, auf Abraumhalden eines Kalktagebaus am Kesselsee nahe Rüdersdorf bei Berlin in Brandenburg, am Roßberg bei Roßdorf, in den Gruben Georg und Juno bei Bockenrod (Reichelsheim) sowie bei Hohenkirchen (Espenau) und an der Blauen Kuppe in Hessen.
In Österreich trat das Mineral unter anderem bei Badersdorf im Burgenland, an mehreren Orten in Kärnten und der Steiermark sowie bei Lend in Salzburg auf. In der Schweiz konnte Ranciéit bisher nur bei Frick und Holderbank im Kanton Aargau, bei Tinizong und Ausserferrera sowie am Piz Cam im Kanton Graubünden und bei Saint-Luc im Kanton Wallis gefunden werden.
Weitere Fundorte liegen in Australien, Brasilien, Bulgarien, China, Finnland, Griechenland, Indonesien, Italien, Japan, Kanada, auf den Kanarischen Inseln, auf Kuba, Luxemburg, in Mexiko, Norwegen, Polen, Portugal, Rumänien, Russland, Slowakei, Spanien, Südafrika, Südkorea, Tschechien, Türkei, Ukraine, Ungarn, im Vereinigten Königreich (UK) und den Vereinigten Staaten von Amerika (USA).[13]
Zu den entlegensten Fundorten gehört der Mount Erebus, der zurzeit einzige noch aktive Vulkan in der Antarktis.[14]
Siehe auch
Literatur
- A. Leymérie: Cours de Minéralogie. Deuxième Partie (2. Teil). Victor Masson, Paris 1859, S. 329–330 (französisch, rruff.info [PDF; 206 kB; abgerufen am 16. Februar 2021] Ranciérite (partie du manganèse oxydé hydraté)).
Weblinks
- Ranciéit. In: Mineralienatlas Lexikon. Geolitho Stiftung
- David Barthelmy: Rancieite Mineral Data. In: webmineral.com. (englisch).
- American-Mineralogist-Crystal-Structure-Database – Ranciéite. In: rruff.geo.arizona.edu. (englisch).
Einzelnachweise
- ↑ Laurence N. Warr: IMA–CNMNC approved mineral symbols. In: Mineralogical Magazine. Band 85, 2021, S. 291–320, doi:10.1180/mgm.2021.43 (englisch, cambridge.org [PDF; 320 kB; abgerufen am 5. Januar 2023]).
- ↑ a b Malcolm Back, Cristian Biagioni, William D. Birch, Michel Blondieau, Hans-Peter Boja und andere: The New IMA List of Minerals – A Work in Progress – Updated: July 2024. (PDF; 3,6 MB) In: cnmnc.units.it. IMA/CNMNC, Marco Pasero, Juli 2024, abgerufen am 13. August 2024 (englisch).
- ↑ a b c d e Stefan Weiß: Das große Lapis Mineralienverzeichnis. Alle Mineralien von A – Z und ihre Eigenschaften. Stand 03/2018. 7., vollkommen neu bearbeitete und ergänzte Auflage. Weise, München 2018, ISBN 978-3-921656-83-9.
- ↑ Hugo Strunz, Ernest H. Nickel: Strunz Mineralogical Tables. Chemical-structural Mineral Classification System. 9. Auflage. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung (Nägele u. Obermiller), Stuttgart 2001, ISBN 3-510-65188-X, S. 245 (englisch).
- ↑ a b c d Andreas Ertl, Franz Pertlik, Markus Prem, Jeffrey E. Post, Soo Jin Kim, Franz Brandstätter, Ralf Schuster: Rancíeite crystals from Friesach, Carinthia, Austria. In: European Journal of Mineralogy. Band 17, Nr. 1, 2005, S. 163–172, doi:10.1127/0935-1221/2005/0017-0163 (englisch).
- ↑ Ranciéite. In: mindat.org. Hudson Institute of Mineralogy, abgerufen am 16. Februar 2021 (englisch).
- ↑ a b c Ranciéite. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (englisch, handbookofmineralogy.org [PDF; 73 kB; abgerufen am 16. Februar 2021]).
- ↑ Hans Jürgen Rösler: Lehrbuch der Mineralogie. 4. durchgesehene und erweiterte Auflage. Deutscher Verlag für Grundstoffindustrie (VEB), Leipzig 1987, ISBN 3-342-00288-3, S. 408.
- ↑ Catalogue of Type Mineral Specimens – R. (PDF 169 kB) Commission on Museums (IMA), 10. Februar 2021, abgerufen am 16. Februar 2021.
- ↑ Ernest H. Nickel, Monte C. Nichols: IMA/CNMNC List of Minerals 2009. (PDF; 1,9 MB) In: cnmnc.units.it. IMA/CNMNC, Januar 2009, archiviert vom am 29. Juli 2024; abgerufen am 30. Juli 2024 (englisch).
- ↑ Ranciéite-Takanelite Series. In: mindat.org. Hudson Institute of Mineralogy, abgerufen am 16. Februar 2021 (englisch).
- ↑ Localities for Ranciéite. In: mindat.org. Hudson Institute of Mineralogy, abgerufen am 16. Februar 2021 (englisch).
- ↑ Fundortliste für Ranciéit beim Mineralienatlas und bei Mindat, abgerufen am 16. Februar 2021.
- ↑ Melissa Maria Kammerer: Nature and origin of salt deposits around the crater of Erebus volcano, Antarctica. Institute of Mining and Technology, New Mexico Oktober 2011, S. 1–83 (englisch, nmt.edu [PDF; 21,1 MB; abgerufen am 16. Februar 2021] Master-Arbeit).