Rahel Ruth Sinasohn
Rahel Ruth Sinasohn (hebräisch רחל רות סינאסון; * 25. Mai 1891 in Gnesen/Gniezno als Rahel Ruth Cohn; † 10. Februar 1968 in Petach Tikwa) war eine in Deutschland geborene israelische Künstlerin und Unternehmerin im Bereich jüdischer Ritualgegenstände.
Werdegang
Rahel Ruth Cohn wurde in einen streng religiösen Haushalt in Gnesen geboren, das nach dem Wiener Kongress zum Kreis Gnesen in der preußischen Provinz Posen im Regierungsbezirk Bromberg gehörte. Sie heiratete den Rabbiner Max Mordechai Sinasohn (1887–1979) und lebte mit ihm in Berlin. Ihr Mann war als Leiter einer jüdischen Schule der Gemeinde Adass Jisroel tätig, während sie mit großem kaufmännischen Innovationsgeschick ihre künstlerischen Fähigkeiten nutzte, um wesentlich zum Familieneinkommen beizutragen.[1][2] Sie inserierte ihre Produkte in der jüdischen Wochenzeitung Der Israelit und verkaufte sie von zuhause. Als das Paar 1924 mit seinen vier Kindern in eine dringend benötigte größere Wohnung in der Ansbacher Straße in Schöneberg zog, ließ Rahel Ruth Sinasohn einen angegliederten Ausstellungs- und Verkaufsraum für ihre kunsthandwerklichen Arbeiten vom Architekten Harry Rosenthal entwerfen und einrichten[1][3] sowie ein Schaufenster neben dem Hauseingang.[4] Mit dem Atelier „Kunst Sina“ gelang ihr der unternehmerische und künstlerische Durchbruch und sie belieferte neben Privatkunden[2] auch Berliner Synagogen. Zudem vertrieb die Werkstatt von Max Otto Leopold Mache in Hellerau bei Dresden von Sinasohn entworfene Messingobjekte. Sie stellte ihre Werke außerdem bei verschiedenen Ausstellungen aus, wie etwa bei „Kunstschaffen der jüdischen Frau“[5] und 1927 bei der Juryfreien Kunstausstellung in Berlin.[6]
Auch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933, dem wachsenden Antisemitismus und der daraus resultierenden Novemberpogrome 1938 lebte das Ehepaar zunächst weiter in Berlin, obwohl beide einige Male verhaftet wurden. Drei ihrer vier Kinder emigrierten 1939, und es gelang dem Paar auch, den Großteil ihrer Wertgegenstände ins Ausland zu bringen. Während des Zweiten Weltkrieges unterstützten sie zwischen 1940 und 1941 heimlich Warschauer Juden mit Lebensmitteln, anderen Hilfsgütern und bauten ein Unterstützer-Netzwerk auf.[3]
1942 floh Sinasohn mit ihrem Mann und einer ihrer Töchter vor der Deportation von Juden aus Deutschland mit selbstgefälschten Ausweisen nach Belgien und tauchte in Brüssel unter.[7] Belgien stand zu dieser Zeit bereits unter Militärverwaltung der Besatzungsbehörde der deutschen Wehrmacht, die die Judenverfolgung auch auf Belgien ausgedehnt hatte. In Brüssel arbeitete Rahel Ruth Sinasohn als Krankenschwester in einem jüdischen Krankenhaus. 1943 wurde sie zusammen mit ihrer Tochter, ihrem Schwiegersohn und ihrer Enkelin von der Gestapo verhaftet. Ihr Mann entging der Gefangennahme, da er nicht anwesend war, ihre Tochter und der Schwiegersohn wurden deportiert und starben im KZ Auschwitz, sie selbst und ihre Enkeltochter kamen wieder frei.[3]
Nach der Befreiung Brüssels 1944 zog die Familie nach Antwerpen und emigrierte 1947 in das britische Völkerbundsmandat für Palästina.[1][3] Rahel Ruth Sinasohn starb 1968 in Petach Tikwa in Israel.[7]
Werk
Rahel Ruth Sinasohn gehörte zu einer größeren Gruppe von Kunstschaffenden und Kunsthandwerkerinnen, „die sich nach der Proklamation einer ‚jüdischen Renaissance‘ durch Martin Buber im Jahr 1901 bewusst dem Genre der Ritualobjekte zuwandten, um diese von der zu dieser Zeit als minderwertig und ‚unecht‘ abgelehnten Massenware zu lösen und dem jüdischen Bürgertum während der Weimarer Republik eine künstlerisch gestaltete Alternative anzubieten“.[5]
„In ihren Ritualgegenständen aus Textil, Glas, Porzellan und Metall spiegeln sich mutige, frische Impulse und neuartige Ideen“.[1] Zeitgenössische Rezensionen hoben auch den gelungenen Wechsel verschiedener Stile in Rahel Ruth Sinasohns Arbeit hervor, von „betonter Ursprünglichkeit“ bis zu „realistischer Art“, die sich durch neue Formen und ansprechendes Dekor auszeichneten.[6] Zudem integrierte sie auch Motive aus anderen Kulturen in ihre Werke.[2]
In einer Glasschleiferei ließ Sinasohn von ihr gezeichnete und zusammengestellte Davidsterne und hebräische Sprüche in Gläser einarbeiten, die sie anschließend in Berlin verkaufte.[5] Sie entwarf unter anderem getriebene, ziselierte, gravierte Seder-Teller aus Messing, Hawdala-Teller mit Davidstern und Teller mit religiosen Szenen und Symbolen, die graviert oder bemalt waren, aber auch Besamimbüchsen, Etrog-Dosen, Chanukkia, bestickte Schabbat-Decken[6][8] und Mesusot.[4]
Im Jahr 2025 zeigte das Jüdische Museum Berlin, das einige von Rahel Ruth Sinasohns Werken in seiner Sammlung hat, die Ausstellung Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne, in der auch Rahel Ruth Sinasohn vertreten war.[9]
Einzelnachweise
- ↑ a b c d Sinasohn, Rahel Ruth. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 2. Dezember 2025
- ↑ a b c Michal S. Friedlander (Hrsg.): Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne. Hirmer, München 2025, ISBN 978-3-7774-4623-3, S. 15–16
- ↑ a b c d Rahel Ruth Sinasohn: das Leben einer talentierten, charmanten, gläubigen Jüdin, 1891-1969 / nacherzählt von M.M. Sinasohn. In: Center for Jewish History. Abgerufen am 2. Dezember 2025
- ↑ a b Michal S. Friedlander (Hrsg.): Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne. Hirmer, München 2025, ISBN 978-3-7774-4623-3, S. 102–105
- ↑ a b c Hanna-Leah Wasserfuhr: Handwerk oder Kunst? Ein New Yorker Sederteller und die Wiederentdeckung von Rahel Ruth Sinasohn vom 22. April 2024. In: Mimeo – Blog der Doktorandinnen und Doktoranden am Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow. Abgerufen am 2. Dezember 2025
- ↑ a b c Jüdisches von der Sonderschau „Religiöse Kunst“. In: Menorah: jüdisches Familienblatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur, Jg. 5 (August 1927) Heft 8 (August 1927), Berlin 1927, S. 439–440. Abgerufen am 2. Dezember 2025
- ↑ a b Michal S. Friedlander (Hrsg.): Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne. Hirmer, München 2025, ISBN 978-3-7774-4623-3, S. 96–97
- ↑ Werke von Sinasohn, Rahel Ruth. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 2. Dezember 2025
- ↑ Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 2. Dezember 2025