Razzia in Lyon, Rue Sainte-Catherine, 9. Februar 1943
Die Rafle de la rue Sainte-Catherine war eine Razzia am 9. Februar 1943 in Lyon, bei der 84 Juden verhaftet, im Lager Drancy interniert und in Vernichtungslager im deutsch besetzten Polen deportiert wurden. Die Razzia wurde auf Geheiß von Klaus Barbie, damals Chef der Gestapo in Lyon, in den Räumen der Union générale des israélites de France (UGIF) durchgeführt. Sie betraf nur wenige Tage nach der Razzia von Marseille Mitglieder und Helfer der UGIF-Zentrale der „Zone libre“ (bis November 1942).
Die Rafle de la rue Sainte-Catherine war neben der Klage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit einer von drei Hauptanklagepunkten im Prozess gegen Klaus Barbie.[1] Die beiden anderen betrafen die Deportation der Kinder von Izieu und die Deportation von 600 Personen im „Convoi du 11 août 1944“.[2][3]
Vorgeschichte
Die Union générale des israélites de France (UGIF) war auf Druck der deutschen Besatzung von der Vichy-Regierung mit Gesetz vom 29. November 1941[6] begründet worden. Nachdem auf Befehl des Militärbefehlshabers in Paris vom 27. September 1940 die französischen und ausländischen Juden in der besetzten Zone registriert worden waren, sollte die Registrierung nun auf ganz Frankreich ausgedehnt werden. Per Gesetz gehörten der UGIF nämlich alle in Frankreich lebenden Juden an und waren von dieser als Mitglieder zu registrieren. Die UGIF besorgte mittellosen jüdischen Ankömmlingen eine Unterkunft und stellte Fluchtwilligen gefälschte Papiere aus. Gleichzeitig sah sie sich dem Vorwurf ausgesetzt, Kollaboration mit dem Vichy-Regime und den deutschen Besatzern zu betreiben. Der auch nachkriegzeitlich erhobene Vorwurf hat sich als haltlos erwiesen.[7] Hierfür zeugen schon die Schicksale des Präsidenten und des Vizepräsidenten der UGIF und deren Familien. Der am 21. August 1943 verhaftete Präsident[8] und französischer Direktor des American Jewish Joint Distribution Committee (JOINT), Raymond-Raoul Lambert (1894–1943)[9] war mit Frau Simone Lambert, geb. Bloch, (1902–1943) und den Kindern Lionel (* 1929), Marc (* 1932), Tony (* 1939) und Marie (* 1942)[10] am 7. Dezember 1943 mit Convoi 64 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort bei der Ankunft ermordet worden. Vizepräsident André Baur, am 18. August 1943[11] verhaftet, wurde mit Frau Odette und vier Kindern am 17. Dezember 1943 mit Convoi 63 von Drancy nach Auschwitz deportiert und ermordet.[12]
Verlauf
Die Rue Sainte-Catherine in Lyon befindet sich mitten im historischen Zentrum der Stadt, unweit der Place des Terreaux mit dem Hotel de Ville. In der Straßennummer 12, einem vierstöckigen Gebäude, bestand ein Büro der Union générale des israélites de France (UGIF, „Allgemeine Vereinigung der Israeliten Frankreichs“). Am 9. Februar 1943 drangen etwa 10 zivil gekleidete Agenten des SiPo-SD in die Räume der UGIF ein, wo sich auch die Büros des Comité d'aide aux réfugiés (CAR) und des Œuvre de secours aux enfants (OSE) befanden. CAR war der Canal des American Yewish Joint Distribution Committee zur Auszahlung und Verteilung von Hilfsgeldern.
Die Agenten unter Leitung von Klaus Barbie zwangen die angetroffenen Personen, sich mit erhobenen Händen an der Wand aufzustellen. Ein Telephonist wurde gezwungen, per Telephonanruf weitere Juden zum UGIF-Gebäude zu locken. Bis zum Abend wurden 86 Personen verhaftet, zwei von ihnen konnten jedoch mit Hilfe von falschen Papieren entkommen. Unter den Verhafteten befand sich der Buchhalter der Lyonaiser UGIF, Isidore Bollack, der um 14.00 Uhr einen Scheck über 150.000 Franc bei der Barclays Bank eingelöst hatte und mit dem Bargeld kurz darauf in der Rue Sainte Catherine festgenommen wurde. Pierre Lanzenberg (1900–1943) war ein Dermatologe der Université de Strasbourg (zu Clermont-Ferrand), der sich dem OSE angeschlossen hatte. Er hielt in den UGIF-Räumen Sprechstunden ab. Doktor Lanzenberg und seine Assistentin Marcelle Loeb (1923–1943) gehörten zu den 23 bereits am 25. März 1943 mit Convoi 53 in das Vernichtungslager Sobibor Deportierten.[13]
Die Sipo-SD-Stelle von Lyon hatte mit großer Wahrscheinlichkeit Kenntnis von der ärztlichen Sprechstunde und von den Terminen der Hilfsgeldübergaben. Die Nazi-Agenten konnten damit sicher sein, eine große Anzahl von Juden anzutreffen.
Nach der Verhaftung
Die Verhafteten konnten nicht wie später üblich in das Lyonaiser Montluc-Gefängnis[14] verbracht werden, da das Gefängnis erst am 17. Februar 1943 als Kriegswehrmachthaftanstalt der Wehrmacht übergeben worden war. Stattdessen verbrachte man sie in zwei Gruppen in das Fort Lamothe, das bereits von der Wehrmacht übernommen war.[15] Von dort entkamen Siegfried Driller und David Luxenburg. Am Folgetag wurden die übrigen 84 Verhafteten verhört und man versuchte, die Adressen ihrer Angehörigen zu erlangen. Gegen Mittag wurden sie zum Bahnhof Lyon-Perrache gefahren und in Viehwagen verladen. Der Transport führte nach Chalons-sur-Saone zum dortigen Wehrmachtsgefängnis. Am 12. Februar erfolgte der Weitertransport nach Paris, wo sie am Gare de Bercy um 20.20 Uhr eintrafen. Von hier aus wurden die 86 Verhafteten, bewacht von französischen Polizisten, mit Bussen zum Sammellager Drancy gefahren, wo sie um 22.20 Uhr eintrafen.
Opfer
Serge Klarsfeld hatte im Frühjahr 1983 in den Archiven des Institute for Jewish Research (YIVO, 1048 Fifth Avenue, New York) die Liste der am 12. Februar 1943 im Sammellager Drancy registrierten Personen 84 Deportierten aufgefunden und sie dem Barbie-Prozess zuführen können.[16]
- Berthe Akierman, geb. 1921 in Paris, am 25. Mäz 1943 vom Sammellager Drancy mit Convoi Nr. 53[17] in das Vernichtungslager Sobibor deportiert.
- Bronia Andermann, Lyon, 61, rue Voltaire, geb. 3. September 1906 in Butschatsch, Galizien, am 23. Mäz 1943 vom Sammellager Drancy mit Convoi Nr. 52[18] in das Vernichtungslager Sobibor deportiert.
Barbie-Prozess und Gedenken
Im Juni 1983 fand Serge Klarsfeld in den Archiven des YIVO-Forschungsinstitut in New York die Eingangslisten des Sammellagers Drancy, darunter die zweiseitige Liste der 84 Deportierten von Lyon.[19] Der Fund des von Klaus Barbie ausgestellten Verhaftungsbefehls führte dazu, dass die Razzia zu einem Anklagepunkt im Rahmen des Prozesses gegen Barbie im Jahre 1987 wurde.
Im Jahre 2011 wurde an der Stätte des Geschehens eine Gedenktafel in Anwesenheit des Lyoner Bürgermeisters Gérard Collomb und des ehemaligen französischen Justizministers Robert Badinter enthüllt. Badinters Vater gehörte zu den Opfern der Razzia von 1943; er wurde im Vernichtungslager Sobibor umgebracht.[20]
Gedenktafel
Die Gedenktafel am Haus Nr. 12 der Rue Sainte Catherine in Lyon[21], die als Quelle die Association des Fils et Filles des Déportés Juifs de France (FFDJF, Vereinigung der Söhne und Töchter aus Frankreich deportierter Juden) anführt, hat die folgende Aufschrift (mit deutscher Übersetzung):
„A la mémoire des Juifs raflés par la gestapo, le 9 février 1943, dans les locaux de la Fédération des Sociétés Juives de France et du Comité d'assistance aux Réfugiés, 12 rue Sainte Catherine Lyon 1er : 86 personnes furent arrétées, 80 furent déportées dont 3 survécurent. […]“
„Zum Gedenken an die Juden, die von der Gestapo am 9. Februar 1943 in den Räumlichkeiten der Fédération des Sociétés Juives de France und des Hilfskomitees für Flüchtlinge zusammengetrieben wurden, Rue Sainte Catherine 12, Lyon 1: 86 Personen wurden verhaftet, 80 wurden deportiert, von denen 3 überlebten. […]“
Siehe auch
Literatur
- Serge Klarsfeld: La rafle de la rue Sainte-Catherine à Lyon le 9 février 1943.
- Georges Garel: Le sauvetage des enfants juifs par l'OSE. Editions Le Manuscrit, 2012.
- Sylvie Altar: Anatomie d`une rafle. 9 février 1943, Rue Sainte Catherine. Préface de Serge Klarsfeld. Èdition Tirésias Michel Reynard. Collection: Ces oubliés de l`Histoire. ISBN 979-10-96930-21-0, Paris 2024
Einzelnachweise
- ↑ Lila Amoura: Le Procés Barbie. Hrsg.: Université Paris I, Sorbonne, CENTRE D’HISTOIRE SOCIALE XXè SIÈCLE. Paris 2016, S. 5 (cnrs.fr [PDF] 2016-2017).
- ↑ Thomas Fontaine, Guillaume Quesnée: Convoi parti de Lyon-Perrache. Lyon le 11 août 1944. In: Amis de la Fondation pour la Mémoire de la Déportation. Abgerufen am 29. November 2025 (französisch).
- ↑ Convoi 78 de Lyon, Rhone, France à Auschwitz Birkenau, Camp d'extermination, Pologne le 11/08/1944. YAD Vashem, abgerufen am 29. November 2025 (französisch).
- ↑ Alexandre Glasberg 17. März 1902 - 22. März 1981. In: Resist 1933–1945. Abgerufen am 29. November 2025.
- ↑ Serge Klarsfeld: La Rafle de la Rue Sainte Catherine à Lyon le 9 Février 1943 dans les locaux de la 1e section (CAR) et de la 2º section (FSJF) de la 5° Direction " Assistance" de l'UGIF. Hrsg.: YAD VASHEM ARCHIVES. 1985, S. 5 (yadvashem.org [PDF] nach 1985).
- ↑ Loi du 29 novembre 1941 INSTITUE UNE UNION GENERALE DES ISRAELITES DE FRANCE JORF du 2 décembre 1941. In: Légifrance. République Francaise, abgerufen am 29. November 2025 (französisch).
- ↑ Michel Laffitte: L’UGIF, collaboration ou résistance ? In: Memorial de la Shoah. Cairn.info (Hrsg.): Revue d’Histoire de la Shoah. Band 185, Nr. 2, 2006, S. 45–64 (cairn.info).
- ↑ Michel Laffitte: L'UGIF face aux mesures antisémites de 1942. Cairn.Info, 2024, abgerufen am 1. Dezember 2025 (französisch).
- ↑ Marc-André Charguéraud: Raymond Raoul Lambert. 1. Dezember 2025, abgerufen am 21. Februar 2024 (französisch).
- ↑ Simone Bloch Lambert. In: Find a Grave. Abgerufen am 1. Dezember 2025 (englisch, Familienfoto).
- ↑ Documentation belonging to Raymond-Raoul Lambert, General Manager of the Union Generale des Israelites de France (UGIF-General Union of Jews in France), Zone Sud and his fate, 1942-1943. - Diary of Raymond-Raoul Lambert,. In: Yad Vashem. S. 56, abgerufen am 1. Dezember 2025 (französisch).
- ↑ Convoi 63 de Drancy, Camp, France à Auschwitz Birkenau, Camp d'extermination, Pologne le 17/12/1943. Yad Vashem. The World Holocaust Remembrance Center, 2023, abgerufen am 1. Dezember 2025 (französisch).
- ↑ Convoi 53 de Drancy, Camp, France à Sobibor, Camp d'extermination, Pologne le 25/03/1943. Yad Vashem. The World Holocaust Remembrance Center, 2023, abgerufen am 1. Dezember 2025 (französisch).
- ↑ Historique de la prison Montluc. In: Mémorial National Prison Montluc. Haut lieu de la mémoire nationale. République Francaise, abgerufen am 13. Dezember 2025 (französisch).
- ↑ Sylvie Altar: Anatomie d`une rafle S, 83
- ↑ Sege Klarsfeld: La Rafle de la Rue Sainte Catherine à Lyon le 9 Février 1943 dans les locaux de la 1e section (CAR) et de la 2º section (FSJF) de la 5° Direction " Assistance" de l'UGIF. Hrsg.: YAD VASHEM ARCHIVES. 1095, S. 23 (yadvashem.org [PDF] nach 1985).
- ↑ Convoi 53 de Drancy, Camp, France à Sobibor, Camp d'extermination, Pologne le 25/03/1943. Yad Vashem. The World Holocaust Remembrance Center, 2023, abgerufen am 29. November 2025 (französisch).
- ↑ Convoi 52 de Drancy, Camp, France à Sobibor, Camp d'extermination, Pologne le 23/03/1943. Yad Vashem. The World Holocaust Remembrance Center, 2023, abgerufen am 29. November 2025 (französisch).
- ↑ Ansprache zum 68. Jahrestag ( vom 5. Juni 2016 im Internet Archive) (franz.)
- ↑ Lyon: une plaque pour les victimes de la rafle du 9 février. In: 20minutes.fr. 14. Februar 2011, abgerufen am 16. Februar 2019 (französisch).
- ↑ Bei Google-Street View
Weblinks
- Barbie vor Gericht
- Lyon - Commémoration de la rafle de la rue Sainte-Catherine, in francetvinfo.fr, 10. Februar 2013.
- Dokumentation Yad Vashem
- Peter Hammerschmidt: Barbie, Nikolaus (Klaus), in: Kurt Groenewold, Alexander Ignor, Arnd Koch (Hrsg.): Lexikon der Politischen Strafprozesse, Online, Stand: Juli 2017.
Koordinaten: 45° 46′ 5,4″ N, 4° 50′ 0,6″ O