Raffinerie Trzebinia
Die Raffinerie Trzebinia ist ein polnischer Industriebetrieb in Trzebinia, etwa 30 km von Krakau entfernt. Die Ursprünge gehen auf eine 1895 erbaute Raffinerie zur Verarbeitung von galizischem Erdöl zurück, die als Mineralöl-Industrie-AG Trzebinia zur größten Mineralölgesellschaft in Österreich-Ungarn avancierte. Verbunden mit einem Produktionsrückgang, gelangte das Unternehmen 1918 unter polnische Verwaltung. Als Erdöl-Raffinerie Trzebinia GmbH erfuhr der Betrieb während der deutschen Besetzung Polens umfangreiche Kapazitätserweiterungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich der Betrieb zum größten polnischen Produzenten von Erdölprodukten. 1999 übernahm PKN Orlen die Raffinerie. Seit 2015 firmiert der Standort unter Orlen Południe (Orlen Süd).
Kaiserzeit
Am 6. Mai 1895 beantragte Graf Andreas Potocki, einer der reichsten Großgrundbesitzer in Galizien, den Bau einer Erdölraffinerie in unmittelbarer Nähe der Eisenbahnlinie Wien–Krakau–Lemberg. Einen Monat später erteilte Kaiser Franz Joseph die Genehmigung. Die Standortwahl fiel auf Trzebinia, ein Ort im damaligen Kronland Galizien, das ab 1772 zur Habsburgermonarchie bzw. ab 1867 zu Österreich-Ungarn gehörte. In Trzebinia traf die Kaiser Ferdinands-Nordbahn mit der Krakau-Oberschlesischen Eisenbahn zusammen. Über diese bestanden Anschlüsse zur Galizischen Carl Ludwig-Bahn und ab 1883 zur Dniester-Bahn, womit eine direkte Verbindung zwischen dem oberschlesischen Industrierevier und den galizischen Erdölfeldern existierte.[1]
Mit einer Kapazität von monatlich 400 Tonnen Rohöl ging am 1. Juni 1896 die Mineralöl-Raffinerie des Grafen Andreas Potocki & Compagnie in Trzebinia, so die damalige offizielle Firmierung, voll in Betrieb. Zu dieser Zeit arbeiteten in dem Unternehmen etwa 250 Personen. Die Hauptprodukte waren verschiedene Sorten Petroleum: Imperial, Salon, Economic und Export.[1] Den Absatz und Handel der Mineralölprodukte erledigte die Filiale der k. k. privilegierten Österreichischen Kredit-Anstalt für Handel und Gewerbe in Brünn.[2]
Im April 1897 übernahm die Österreichische Länderbank den Vertrieb und bereitete eine Umwandlung des Unternehmens in eine Aktiengesellschaft vor.[3] Nach sorgfältiger Investorensuche folgte am 29. Oktober 1898 die Gründung der Mineralöl-Industrie-Actien-Gesellschaft Trzebinia mit Sitz in Trzebinia. Als Anteilseigner wurden in den Verwaltungsrat unter anderem gewählt: Graf Andreas Potocki (Vorsitzender), Fürst Dominik Radziwill, Graf Edward Raczynski, Graf Adam Skrzynski, Graf Anton Wodzicki. Das Aktienkapital betrug 3.800.000 Kronen.[4]
Die rasante Entwicklung der Raffinerie begann 1904. Das Unternehmen zählte zu den Gründungsmitgliedern der Aktiengesellschaft für österreichische und ungarische Mineralölprodukte (kurz OLEX) mit Sitz in Wien und ging am 1. Juli 1904 darin als 100%iges Tochterunternehmen auf. Kurz darauf nahm die Raffinerie Trzebinia eine neue Destillationsanlage in Betrieb, die 5000 Tonnen Öl pro Monat verarbeiten konnte. Zudem wurde zwischen 1905 und 1913 eine Paraffinanlage mit einer jährlichen Kapazität von 12.000 Tonnen errichtet. Außerdem erhielt der Standort eine eigene Verladestelle auf der Strecke Trzebinia-Skawce, sowie eine Kokerei, eine Asphaltmischanlage, eine Tankreinigungsanlage, ein Kraftwerk mit drei Gleichstromgeneratoren, eine Pumpstation und ein Labor.[1]
Das Rohöl bezog die Gesellschaft ausschließlich von den galizischen Ölfeldern um Boryslaw, Olszanica, Krosno, Jedlicze und Zagorzany.[5] Spätestens ab 1905 exportierte die Raffinerie wöchentlich Schweröl in Kesselwagen unter anderem nach Belgien, Frankreich, Deutschland, in die Schweiz, aber auch via Dordrecht, Hoek van Holland, Middelburg, Rotterdam und Vlissingen nach Übersee.[6]
Unter Führung der DEA Deutsche Erdöl AG erlangte 1911/12 bei der OLEX ein deutsch-britisches Konsortium durch umfangreiche Aktienkäufe eine beherrschende Stellung. Zugleich erwarb die DEA die Aktienmehrheit der Raffinerie Trzebinia.[7] Die neue Firmierung lautete Mineralöl-Industrie-AG Trzebinia. Der Hauptsitz befand sich weiterhin in Wien, 1. Bezirk, Renngasse 6. Eine Zweigniederlassung unterhielt die Gesellschaft in Krakau.[8]
Erster Weltkrieg
Zwischen 1914 und 1918 erfolgten nicht nur seitens der DEA umfangreiche Investition. Wie alle österreichisch-ungarischen Raffinerien musste das Unternehmen während des Ersten Weltkriegs nahezu die gesamte Mineralölproduktion an die Heeresverwaltung liefern. Auf Staatskosten erhielt die Raffinerie Trzebinia unter anderem eine große, moderne und sehr kostspielige Toluolanlage.[9] Mit finanzieller Unterstützung der DEA übernahm die Mineralöl-Industrie-AG Trzebinia sämtliche Aktien der:
- Austria – Mineralöl-Raffinerie GmbH in Drohobycz
- Erste Galizische Petroleum-Industrie-AG in Peczenizyn
- Mineralöl-Raffinerie Mährisch-Schönberg GmbH in Mährisch-Schönberg
Diese vier DEA-Raffinerien in Galizien verarbeiteten im Geschäftsjahr 1913/14 zusammen 151.939 Tonnen Rohöl,[8] wovon auf die Raffinerie Trzebinia rund 60.000 Tonnen entfielen.[1] Bis 1918 erhöhte die Gesellschaft die Kapazitäten auf insgesamt 170.000 Tonnen (Trzebinia 95.000 Tonnen).[9] Beschäftigt waren zu dieser Zeit in Trzebinia 315, in Peczenizy 165, in Drohobycz 213, in Mährisch-Schönberg 134 und in der Wiener Zentrale 67 Personen. Darüber hinaus besaß die Mineralöl-Industrie-AG Trzebinia die Aktienmehrheit an folgenden Upstream-Gesellschaften:
- Alfa Petroleum-GmbH
- Alliance Petroleum-GmbH
- Carpathian Petroleum-GmbH
- Centrum Oel- und Bohrgesellschaft mbH
- Erdölwerke Galizien GmbH
- Premier Petroleum-GmbH
- Triumph Petroleum-GmbH
Diese Gesellschaften waren die größten Erdölgewinnungsunternehmen in Galizien. Sie beschäftigten rund 2000 Arbeitskräfte und verfügten über 90 produzierende Sonden mit einer Fördermenge von insgesamt 170.000 Tonnen Rohöl. Des Weiteren bestanden Beteiligungen an zahlreichen Pipelines sowie Transport-, Lager- und Verkaufsunternehmen. Damit stellte die Mineralöl-Industrie-AG Trzebinia nach der Übernahme durch die DEA in der Förderung, der Veredelung und im Vertrieb von Mineralöl bis Oktober 1918 den größten Konzern in der gesamten österreichisch-ungarischen Rohölindustrie dar.[8][1]
Zwischenkriegspolen
Nach dem Zerfall der Donaumonarchie erklärte die Kamarilla um Józef Piłsudski Oberschlesien und ganz Galizien mit seiner wertvollen Erdölindustrie zum Bestandteil des neuen polnischen Staates. In der Folgezeit gelangten 87,3 % der galizischen Erdölindustrie in den Besitz ausländischer, überwiegend französischer Investoren. Heutige polnische Wirtschaftswissenschaftler gehen davon aus, dass die gesamte polnische Wirtschaft in der Zwischenkriegszeit ohne ausländisches Kapital überhaupt nicht funktionsfähig gewesen wäre.[10] Jedoch suchten die ausländischen Unternehmer nach hohen und schnellen Gewinnen, ohne langfristig Investitionen vorzunehmen. Erträge wurden nicht reinvestiert, sondern flossen als Gewinne ins Ausland ab. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise sank das Interesse ausländischer Investoren am polnischen Markt – eine Tendenz, die bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs andauerte.[10]
Zunächst stellte die polnische Regierung im November 1919 die Raffinerie Trzebinia („Spólka akcyjna dla przemyslu naftowego, Trzebinia“) – wie sämtliche galizische Objekte der Deutschen Erdöl AG – unter Zwangsverwaltung.[11] Am 16. Juli 1920 sprachen die Siegermächte des Ersten Weltkriegs in Saint-Germain ganz Galizien Polen zu, womit unter anderem die Enteignung der österreichisch-ungarischen und deutschen Erdölunternehmen verbunden war. Während die Verarbeitungskapazität der Raffinerie Trzebinia 1920 noch bei 80.000 Tonnen lag, ging die Erdölproduktion in Polen ab Mitte der 1920er-Jahre stark zurück. Das Werk fuhr mit dem alten Equipment aus der Kaiserzeit und damit auf Verschleiß.[12]
Die Raffinerie gelangte in den Besitz von Małopolska, einer Gruppe französischer Petroleum-Industrie- und Handelsgesellschaften in Polen („Société Française Industrielle et Commerciale des Petroles“).[11][13] Sie stand jedoch zumindest bis 1931 unter staatlicher Aufsicht der Polski Zwiazkowe Rafinerje Olejow Skalnych, S. A. („Polnische Vereinigung der Steinölraffinerien“).[14] Produziert wurden Benzin, Schmieröle, Paraffin und Asphalt. Die Erzeugnisse gelangten überwiegend in den Export in die Tschechoslowakei sowie kleinere Mengen nach Schweden, Deutschland, Großbritannien und Italien. Modernisierungen wurden nicht vorgenommen. In den Jahren vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs beschäftigte die Raffinerie 350 Personen.[15]
Zweiter Weltkrieg
Entsprechend dem geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt verlief nach der deutschen Besetzung Westpolens und der sowjetischen Besetzung Ostpolens die deutsch-sowjetische Demarkationslinie durch die galizischen Erdölgebiete.[16] Damit fiel vorerst nur Westgalizien in deutsche Hände, mit wenig mehr als einem Viertel des 1938 in ganz Galizien erzeugten Öls (500.000 Tonnen). Die ergiebigsten Ölfelder befanden sich in Ostgalizien, das die Sowjetunion bereits am 4. Oktober 1939 in die Ukraine eingliederte.[17]
Auf deutscher Seite wurden 24 westgalizische Raffinerien vereinigt und in die am 20. Oktober 1939 gegründete Beskiden-Erdöl-Verarbeitungsgesellschaft mbH mit Sitz in Berlin überführt. An der Gesellschaft waren mit der DEA, Preussag, Wintershall und Gewerkschaft Elwerath die vier größten deutschen Erdölproduzenten beteiligt.[18]
Hervorzuheben ist, dass die Raffinerie Trzebinia nicht konfisziert, sondern von der Société Française Industrielle et Commerciale des Petroles in Devisen zu einem marktüblichen Preis in Höhe von 36 Millionen Franc durch die Beskiden-Erdöl-Verarbeitungsgesellschaft erworben wurde.[19] Neben Trzebinia betrieb die Gesellschaft noch Raffinerien in Czedhowice, Glinik Maryampolski, Jedlicze und Limanowa. Alle anderen wurden mangels Kapazitäten und Rentabilität geschlossen.[20]
Das galizische Erdöl hatte vorerst keine Bedeutung für die deutsche Kriegsführung.[18] Die erzeugten Produkte wurden fast ausschließlich für die Motorisierung der Landwirtschaft im Generalgouvernement verwendet.[21]
Zwischen den beiden Besatzungsmächten begann nach dem Abschluss des Deutsch-Sowjetischen Wirtschaftsvertrags speziell in Galizien eine intensive Zusammenarbeit. So stammte der größte Teil des von der Sowjetunion zwischen Januar 1940 und Juni 1941 an Deutschland gelieferten Erdöls aus den von der Sowjetunion okkupierten ostgalizischen Erdölgebieten. Hierfür erhielt der galizische Grenzbahnhof Przemysl aufgrund der unterschiedlichen Spurweite im Schienenverkehr eine spezielle Erdöl-Umfüllstation. Im Gegenzug lieferte Deutschland via Przemysl Stahl und Koks an die Sowjetunion, das zu großen Teilen aus westgalizischer Produktion stammte.[22] Die letzten Kesselwagen mit Öl aus Ostgalizien rollten noch am 22. Juni 1941 über die Demarkationslinie.[23]
Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion gelangten die zuvor von der Sowjetunion in Ostgalizien verstaatlichen Raffinerien zur Beskiden-Erdöl-Verarbeitungsgesellschaft mbH, aus der unter dem Dach der Kontinentale Öl AG am 13. März 1942 die Erdöl-Raffinerie Trzebinia GmbH mit Sitz in Berlin, Charlottenburg 9, Kaiserdamm 34, entstand. Zweck der Gesellschaft war der Betrieb von Raffinerien sowie die Verarbeitung und der Verkauf von Erdölerzeugnissen.[24] Das Gründungskapital dieser Downstream-Gesellschaft, die mehrere Raffinerien in Oberschlesien und im Generalgouvernement betrieb, umfasste 2.000.000 Reichsmark (RM) und befand sich fast ausschließlich im Besitz der Kontinentale Öl AG.[18] Einer der Hauptaktionäre war die DEA Deutsche Erdöl AG.[25]
Nachdem beim Unternehmen Edelweiß die Ölfelder im Kaukasus nicht oder nur zerstört in deutschen Besitz gelangten, startete die Erdöl-Raffinerie Trzebinia GmbH ein riesiges Investitionsprogramm. Per Beschluss der Gesellschafter vom 9. Mai 1943 wurde das Stammkapital auf 4.000.000 RM erhöht.[26] Zeitgleich nahm die Gesellschaft Kredite in Höhe von 16.000.000 RM allein für den Ausbau der Raffinerie in Trzebinia auf.[18]
Damit entstand neben der alten Raffinerie aus der Kaiserzeit eine hochmoderne Raffinerie mit einer Verarbeitungskapazität von monatlich 22.500 Tonnen, respektive jährlich 270.000 Tonnen Rohöl. Mit dieser Leistung entwickelte sich das Werk in Trzebinia zur sechstgrößten Raffinerie im Deutschen Reich.[27] Die Prozesstechnologie (Apparate, Wärmetauscher, Kompressoren, Armaturen, Kessel- und Kraftwerkstechnik etc.) der neuen Raffinerie stammte von der Rheinmetall-Borsig AG, sämtliche Edelstahlrohre sowie ober- und unterirdische Tanks lieferte Mannesmann.[28]
Arbeitslager
Für die Raffinerie entstand Ende 1942 in Trzebionka, einem kleinen Dorf, das nordwestlich an die Stadt Trzebinia grenzte, zunächst für Fremdarbeiter das Arbeitslager Trzebinia. Dabei handelte es sich um belgische Facharbeiter, meist Monteure, Schlosser und Anlagenmechaniker, deren Arbeitsverträge im Wesentlichen denen ihrer deutschen Kollegen entsprachen. Das zu dieser Zeit nicht eingezäunte Lager bestand aus sechs Baracken. Die Belgier genossen relative Bewegungsfreiheit. Sie bezogen im Herbst 1943 Privatunterkünfte in Krenau und waren überwiegend beim Aufbau von Gas- und Öltanks in der Raffinerie eingesetzt.[29]
Ab November 1943 wurden in dem Lager durchschnittlich 200 britische Kriegsgefangene interniert. Das Areal erhielt nun eine Beleuchtungsanlage, zwei Wachtürme und eine Umzäunung mit Stacheldraht.[30] Die Internierten mussten einfache Arbeiten verrichten, Waggons mit Ziegeln entladen, Kalk, Sand und Zement transportieren. Entsprechend der Genfer Konventionen soll die Behandlung der britischen Kriegsgefangenen den Umständen entsprechend gut gewesen sein, Zeitzeugenaussagen zufolge waren sie keinen Schikanen ausgesetzt. Ende Juli 1944 wurden die Engländer in ein anderes Lager verlegt.[29]
Am 7. August 1944 griffen 55 Boeing B-17 und 29 P-51 Mustang gezielt die Erdöl-Raffinerie an. Für die Alliierten war die im Rahmen der Operation Frantic erfolgte Bombardierung ein Erfolg, da die Flieger ohne Verluste an ihre Stützpunkte zurückkehren konnten. Bei dem Angriff wurden die gesamte alte Raffinerie, sowie das Kraftwerk, die Werkstatt, die Abfüllanlage, die Hauptpumpstation und andere Anlagen der neuen Raffinerie zerstört. Erst nach zwei Wochen konnten alle brennenden Tanks vollständig gelöscht werden. Verheerend waren die Zerstörungen in Trzebinia. Mehrere Arbeiter in der Raffinerie sowie polnische und deutsche Zivilisten in der Stadt verloren bei dem Angriff ihr Leben. Für die polnischen Opfer des Luftangriffs entstand eine Gedenkstätte auf dem Friedhof von Trzebinia.[31]
Tatsächlich verursachten die Bomber jedoch nur einen Rückgang der Produktion von 8 %, ein Kapazitätsverlust, der mit dem Einsatz von Zwangsarbeitern innerhalb weniger Wochen ausgeglichen wurde.[32] So trafen Zeitzeugenberichten zufolge sofort nach dem Angriff am 7. August 1944 Lastkraftwagen mit 305 Häftlingen aus dem 22 km südwestlich gelegenem KZ Auschwitz-Birkenau für Aufräumarbeiten in der Raffinerie und Stadt ein.[33] Die Unterbringung erfolgte im Arbeitslager Trzebinia, das fortan als Außenkommando des KZ Auschwitz von der SS bewacht wurde. Eine Woche nach dem Angriff traf eine weitere Gruppe von 300 Häftlingen ein, am 17. September 1944 kamen noch einmal 200 Häftlinge hinzu. Bereits Ende September 1944 ging die Raffinerie wieder in Betrieb. Anfang Oktober erreichte das Lager mit einer Belegung von 800 Häftlingen ihren Höhepunkt, danach verringerte sich die Anzahl bis Januar 1945 sukzessive auf 641.[30]
Die Häftlinge waren überwiegend polnische und ungarische Juden, die beim Wiederaufbau der Raffinerie nebst der Errichtung unterirdischer Tanks und Salzgitter-Bunker zum Einsatz kamen. Weitere Luftangriffe und Zerstörungen fanden bis Kriegsende jedoch nicht statt.[34] Die neue Raffinerie wurde – nebst aller Rohrleitungen und zusätzlicher Destillationsanlagen – nahezu vollständig wieder aufgebaut. Bis Ende 1944 erfolgte die Produktion von Mitteldestillaten, insbesondere Dieselkraftstoff und Heizöl. Am Abend des 18. Januar 1945, fünf Tage vor dem Einmarsch der Roten Armee in Trzebinia, wurden die Häftlinge in die Konzentrationslager Sachsenhausen und Bergen-Belsen evakuiert.[33]
Nachkriegszeit
Anders als in der kommunistischen Nachkriegsliteratur der Volksrepublik Polen, DDR und UdSSR dargestellt, übernahm die Rote Armee am 27. Januar 1945 das Werksgelände nahezu unzerstört. Vielmehr ließen die Sowjets Teile der Raffinerie demontieren und in die Sowjetunion verbringen.[28] Dokumentiert ist unter anderem der Abtransport sämtlicher Steuer- und Messapparaturen. Jedoch konnten bereits im Mai 1945 einzelne Anlagen wieder angefahren und aus deutschen Restbeständen etwa 900 Tonnen Rohöl verarbeitet werden. Kurz darauf fiel der Beschluss, die Raffinerie wieder vollständig mit einer jährlichen Verarbeitungskapazität von 270.000 Tonnen Rohöl zu betreiben, wofür Liefervereinbarungen von Erdöl mit der Sowjetunion nötig waren. Im Januar 1947 wurde das Unternehmen verstaatlicht und Teil der Zjednoczenia Rafinerii Nafty w Warszawie („Vereinigung der Ölindustrie mit Sitz in Warschau“).[15]
Das fortan verarbeitete Erdöl stammte zu 20 % aus eigenen (nunmehr polnischen) Ölfeldern, während der Rest auf dem Umweg über die Sowjetunion bis zum Ende der Irankrise (1947) aus Persien, danach bis 1952 aus Zistersdorf (österreichische Reparationsleistungen an die UdSSR), sowie bis 1980 aus der Westukraine (vormals Ostgalizien), Rumänien, Albanien und Ungarn stammte.[28][15] Hergestellt wurden insbesondere Ottokraftstoffe, Diesel, Motorenöl, Weißöl sowie verschiedene Bitumenprodukte.[15]
Im Rahmen des sogenannten Sechsjahresplan (Plan sześcioletni 1950–1955) entwickelte sich die Rafineria Nafty Trzebinia zu einem Staatsunternehmen und zum größten Hersteller von Erdölprodukten in Polen.[15] Die Baracken des ehemaligen Arbeitslagers wurden zu Freizeit- und Gemeinschaftsräumen für die Belegschaft der Raffinerie umgebaut.[33]
In der Bundesrepublik erfolgte die Abwicklung der ehemaligen „Erdöl-Raffinerie Trzebinia GmbH“ de facto durch den Verlust der deutschen Ostgebiete sowie die anschließende Enteignung und Übernahme durch die neuen Machthaber in Polen und der Sowjetunion. Das heißt, die Vermögenswerte blieben unreguliert und gingen verloren. Formal befand sich der Sitz der Erdöl-Raffinerie Trzebinia GmbH nach dem Krieg in Berlin-Wilmersdorf, Bundesallee 36/37. Die Gesellschaft wurde von Amts wegen am 17. November 1955 gelöscht.[35]
Gegenwart
Infolge der dramatischen Wirtschaftslage der Volksrepublik Polen gingen die Ölverarbeitung, die Rohstoffproduktion und Lieferungen aus dem Ausland ab 1980 zurück. Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems übernahm das polnische Ministerium für Staatsvermögen die Kontrolle und Leitung der Raffinerie und wandelte 1995 das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft mit dem Namen Skarbu Państwa–Rafineria Trzebinia S.A. um.[33]
Nach mehreren Umstrukturierungen gelangte die Raffinerie 1999 zur Polski Koncern Naftowy Orlen Spółka Akcyjna (kurz „PKN Orlen“). Neben der Rohöldestillation gingen in der Folgezeit Anlagen zur Biodieselproduktion und Hydrodesulfurierung in Betrieb.[36] Am 5. Januar 2015 folgte eine Umfirmierung der Rafineria Trzebinia S.A. in Orlen Południe S.A. (Orlen Süd). Unter dieser Bezeichnung betreibt die Gesellschaft noch eine weitere Ölraffinerie in Jedlicze.[37]
Koordinaten: 50° 9′ 34,9″ N, 19° 26′ 39″ O
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e Rafinerii Nafty „Trzebinia“ (nakładem): Rafineria „Trzebinia“ 1895–1970. Przedsiębiorstwo Doświadczalne „Naftochem“. Oddział Małej Poligrafi, Wydawnictw i Reklamy, Rafineria „Trzebinia“ (Trzebinia), 1971 (polnisch, ohne Seitennummerierung veröffentlicht).
- ↑ W. Burkart (Hrsg.): Mährisch-Schlesischer Correspondent – Illustrirtes Morgenblatt. Nr. 54. Verlag W. Burkart Brünn, 6. März 1895, S. 3.
- ↑ Wiener Allgemeine Zeitung vom 17. April 1897, S. 4, rechte Spalte: Österreichische Länderbank ANNO, abgerufen am 4. Oktober 2025.
- ↑ Verlag „Der Tresor“ (Hrsg.): Mineralöl-Industrie-Gesellschaft in Trzebinia. Der Tresor – Zeitschrift für Volkswirthschaft und Finanzwesen, Nr. 1383, 3. November 1898, S. 352.
- ↑ Reichsamt des Inneren (Hrsg.): Deutsches Handels-Archiv. Zeitschrift für Handel und Gewerbe. Band 2. Verlag von Ernst Siegfried Mittler und Sohn, 1903, S. 295.
- ↑ Verein Deutscher Eisenbahnverwaltung (Hrsg.): Zeitung des Vereins Deutscher Eisenbahnverwaltung. Band 46. Julius Springer, 1906, S. 319.
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