Putschgürtel
Der Putschgürtel (engl.: Coup belt) ist eine Region instabiler Staaten in Subsahara-Afrika, in denen Putsche gehäuft auftreten. Nach einer Reihe von Militärputschen in den 2020er Jahren wurde der Putschgürtel häufig mit der geografischen Sahelzone gleichgesetzt, da in jedem Land zwischen Guinea und dem Sudan seit 2020 eine Regierung durch einen Putsch gestürzt wurde, was zu einem „Korridor“ von Putschistenregimen vom Atlantik bis zum Roten Meer führte.[1] Der Putschgürtel enthält allerdings auch noch weitere Staaten in West- und Zentralafrika und reicht bis nach Gabun und in die DR Kongo. Seit 1990 fanden 21 der 27 Putsche in Afrika südlich der Sahara in ehemaligen französischen Kolonien statt. Dies hat einige Beobachter dazu veranlasst, die Frage zu stellen, ob der französische Einfluss in Afrika eine destabilisierende Wirkung hat.[2]
Obwohl der Neologismus Putschgürtel wahrscheinlich älter ist, wurde er in den frühen 2020er Jahren zunehmend populär und häufiger verwendet.[3][4][5][6] Anlass dazu waren die aufeinanderfolgenden Putsche in Mali 2020, nochmal in Mali, Guinea und Sudan 2021, zwei in Burkina Faso im Januar und September 2022, und in Niger und Gabun im Jahr 2023. In der Region gab es außerdem Putschversuche in Niger und Sudan im Jahr 2021, in Guinea-Bissau und Gambia im Jahr 2022 sowie in Sudan, Sierra Leone und Burkina Faso im Jahr 2023. Der Putschversuch 2023 im Sudan löste einen Bürgerkrieg aus. Am 7. Dezember 2025 kam es auch in Benin zu einem mutmaßlichen Militärputsch, als eine Gruppe von Soldaten im staatlichen Fernsehen erklärte, die Macht übernommen zu haben.[7] In Mali, Niger und Burkina Faso begannen sich die Putschistenregime zu der Allianz der Sahelstaaten zusammenzuschließen und traten gemeinsam aus der ECOWAS aus. Außenpolitisch begannen diese Staaten, sich vom Westen abzuwenden und Russland anzunähern.[8] Durch die Häufung der Putsche war es für Organisationen wie die Afrikanische Union und ECOWAS nicht mehr möglich, alle Putschistenregime zu sanktionieren, wodurch Putsche zunehmend „normalisiert“ wurden.[9]
Es gibt verschiedene Erklärungsansätze und Einflussfaktoren für das gehäufte Auftreten von Putschen in der Region. So enthalten die Sahelzone und Zentralafrika viele der am wenigsten entwickelten Länder der Welt. Die postkolonialen Strukturen dieser seit den 1950er und 1960er Jahren unabhängig gewordenen Staaten erwiesen sich als schwach und häufig unterstützten die postkolonialen Mächten wie z. B. Frankreich während des Kalten Krieges Militärputsche in ehemaligen Kolonien, wenn sie unliebsame Regierungen loswerden wollten. In den 2010er Jahren begann in der Sahelzone verstärkter Staatszerfall und große Gebiete dieser Länder fielen unter die Kontrolle bewaffneter Rebellengruppen und islamistischer Terroristen. Gründe dafür sind u. a. die Destabilisierung Libyens und der damit verbundene Aufschwung des Waffenschmuggels, hohes Bevölkerungswachstum in Kombination mit Landmangel und Klimawandel sowie schwierige wirtschaftliche Rahmenbedingungen.[9][10] Diese Umstände haben nach 2020 zu einer neuen Art von „antikolonialen“ Putschen geführt, bei denen Staaten versuchten, sich von dem Einfluss der alten Kolonialmacht Frankreich zu lösen. So wurde in Mali und Burkina Faso nach Putschen das Französische als Amtssprache abgeschafft und in mehreren Ländern französische Truppen des Landes verwiesen. Unterstützt wurden diese Putsche von Russland, u. a. durch Desinformationskampagnen.[8][11]
Liste erfolgreicher Putsche in der Region seit 1990
Seit 1990 kam es zu 29 erfolgreichen Putschen in den Staaten, die zum Putschgürtel gezählt werden können:
- Tschad 1990
- Mali 1991
- Sierra Leone 1992
- Nigeria 1993
- Gambia 1994
- Niger 1996
- Niger 1999
- Elfenbeinküste 1999
- Zentralafrikanische Republik 2003
- Guinea-Bissau 2003
- Togo 2005
- Mauretanien 2005
- Mauretanien 2008
- Guinea 2008
- Niger 2010
- Mali 2012
- Zentralafrikanische Republik 2013
- Burkina Faso 2014
- Sudan 2019
- Mali 2020
- Tschad 2021
- Mali 2021
- Guinea 2021
- Sudan 2021
- Burkina Faso im Januar 2022
- Burkina Faso im September 2022
- Niger 2023
- Gabun 2023
- Guinea-Bissau 2025
Zusätzlich gab es noch mindestens ein weiteres Dutzend Putschversuche.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Coast to Coast, a Corridor of Coups Brings Turmoil in Africa New York Times
- ↑ Niger coup: Is France to blame for instability in West Africa? 6. August 2023 (bbc.com [abgerufen am 30. November 2024]).
- ↑ Staff: Explainer: Niger a linchpin for stability in Africa’s ‘coup belt’. In: The Guardian. 27. Juli 2023, ISSN 0261-3077 (theguardian.com [abgerufen am 30. November 2024]).
- ↑ Die Tagespost: Afrikas „Putsch-Gürtel“ destabilisiert den gesamten Kontinent. 17. August 2023, abgerufen am 30. November 2024.
- ↑ Matthias Gebauer, Christina Hebel, Marina Kormbaki, Britta Sandberg, Fritz Schaap: Niger: In Afrikas Putschgürtel steigt der Hass auf Frankreich. In: Der Spiegel. 5. August 2023, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 30. November 2024]).
- ↑ Redaktion ad-hoc-news.de: Ein «Putschgürtel» von Militärregierungen zieht sich durch Afrika. Abgerufen am 30. November 2024.
- ↑ Soldiers on Benin's national television claim to have seized power. In: Reuters. Reuters, 7. Dezember 2025, abgerufen am 7. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ a b Neue geopolitische Allianzen in der Sahelregion. In: Konrad-Adenauer-Stiftung. 7. Februar 2024, abgerufen am 30. November 2024 (deutsch).
- ↑ a b Africa’s Coup Calamity: What Happened to Deterrence? In: War on the Rocks. 26. Februar 2024, abgerufen am 30. November 2024 (amerikanisches Englisch).
- ↑ Der Putschgürtel im Sahel: Die Macht der Militärs. 3. September 2024, abgerufen am 30. November 2024.
- ↑ Pascal Siggelkow: Russlands Desinformationsstrategie für Afrika. In: Tagesschau. Abgerufen am 30. November 2024.