Pseudo-Hegesippus

Pseudo-Hegesippus dient als Autorenname für eine lateinische Schrift des 4. Jahrhunderts, die unter den Titeln Bellum Iudaicum („Jüdischer Krieg“) oder De excidio Hierosolymitano („Über die Zerstörung Jerusalems“) überliefert ist. Seit dem Frühmittelalter wurde sie fälschlicherweise dem Kirchenhistoriker Hegesippus zugeschrieben; der tatsächliche Autor ist umstritten, wobei insbesondere Ambrosius von Mailand als wahrscheinlichste Möglichkeit diskutiert wird. Bei dem Text handelt es sich um eine freie Adaption der Geschichte des jüdischen Krieges von Flavius Josephus.

Datierung und Autorschaft

In frühen Handschriften erscheint der spätantike Bischof Ambrosius von Mailand als Verfasser des Textes. Ab etwa 830 setzte sich in der Manuskriptüberlieferung jedoch die Zuschreibung an den deutlich früheren christlichen Schriftsteller Hegesippus durch, die in der Forschung eindeutig als falsch erwiesen wurde. Ob die frühere Zuschreibung an Ambrosius korrekt ist, ist seit dem 19. Jahrhundert ein Streitthema in der Forschung. Genauere Analysen ergaben, dass das Werk um 370 n. Chr. entstanden sein dürfte. Neben Ambrosius wurde beispielsweise ein im Werk des Hieronymus erwähnter Jude namens Isaak als Verfasser diskutiert. Dennoch ergaben weitere Analysen auch diverse Hinweise auf die Autorschaft des Ambrosius.[1]

Inhalt

Bei dem Werk des Pseudo-Hegesippus handelt es sich um eine lateinische Paraphrase der altgriechisch verfassten Geschichte des jüdischen Krieges des Flavius Josephus. Das Werk umfasst fünf Bücher, die an vielen Stellen derart frei mit der Vorlage umgehen, dass das Ergebnis nach der Analyse von Albert H. Bell weniger eine Josephus-Nachdichtung als ein eigenständiges Geschichtswerk ist.[2] So ist der Gedanke, dass die Zerstörung Jerusalems im Jüdischen Krieg ein göttliches Strafgericht über das jüdische Volk gewesen sei, gegenüber Josephus verstärkt betont.

Es enthält auch Passagen aus anderen Schriften, unter anderem aus den Jüdischen Altertümern des Flavius Josephus und von Marcus Tullius Cicero. Zu den Inhalten gehört auch eine überarbeitete Version des Testimonium Flavianum.

Überlieferung

Die älteste erhaltene Handschrift des Pseudo-Hegesippus entstand Ende des 6. Jahrhunderts in Italien und befindet sich heute in der Universitätsbibliothek Kassel.[3] Das Werk wurde erstmals 1510 in Paris gedruckt.[4]

Ausgaben

Kritische Textedition

  • Vincentius Ussani (Hrsg.): Hegesippus, Historiae libri V (= Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum Latinorum. Band 66/1), 1932.
  • Vincentius Ussani (Hrsg.): Hegesippus, Historiae libri V. Praefatio et Indices. Mit einem Vorwort von K. Mras (= Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum Latinorum. Band 66/2), 1960.

Digitalisate früher Drucke

  • Egesippi Historiographi Inter Scriptores ecclesiasticos uetustissimi, de rebus a Iudaeor[um] principibus in obsidione fortiter gestis, deq[ue] excidio Hierosolymorum, aliarumq[ue] ciuitatu[m] adiacentium libri quinq[ue]. Eivsdem Anacephaleosis fini operis adiecta est / diuo Ambrosio Mediolanensi episcopo interprete. Cervicornus, Köln 1525 (Digitalisat).
  • Egesippi/// des Hochberühmten Für-//trefflichen Christlichen Geschichtschri-//bers/ fünff Bücher: Vom Jüdischen Krieg/// vnd endlicher zerstörung der Herrlichen// vnd gewaltigen Statt Je-//rusalem : Jetz newlich auß dem Latein … verteutschet/ mit kurtzen Summarien aller vnnd jeder// Bücher vnd Capitel/ Auch ordenlicher Jarrechnung ge-//zieret/ vnd mit Concordantzen beydes auff die Hey-//lige Bibel vnd vnsern newen Teutschen// Josephum gerich-//tet. Rihel, Straßburg 1578 (Digitalisat).
  • Egesippi … fünff Bücher: Vom Jüdischen Krieg vnd endlicher zerstörung der herrlichen vnd gewaltigen Statt Jerusalem. Ca. 1611 (Digitalisat).

Literatur

  • Carson Bay: Biblical Heroes and Classical Culture in Christian Late Antiquity. The Historiography, Exemplarity, and Anti-Judaism of Pseudo-Hegesippus. Cambridge University Press, Cambridge 2023, ISBN 978-1-00-926856-1.
  • Heinz Schreckenberg: Die Flavius-Josephus-Tradition in Antike und Mittelalter. Brill, Leiden 1972, S. 56 f.
  • Chiara Somenzi: Egesippo – Ambrogio. Formazione scolastica e Cristiana a Roma alla metà del IV secolo. Mailand 2009.
  • Otto Zwierlein: Das ›Bellum Iudaicum‹ des Ambrosius (= Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte. Band 157). Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2024, ISBN 978-3-11-058556-8.

Einzelnachweise

  1. Zu diesem Absatz Otto Zwierlein: Das ›Bellum Iudaicum‹ des Ambrosius (= Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte. Band 157). Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2024, ISBN 978-3-11-058556-8. Siehe auch die Rezension von Carson Bay im Bryn Mawr Classical Review 2025.10.07.
  2. Albert H. Bell: An Historiographical Analysis of the De Excidio Hierosolymitano of Pseudo-Hegesippus. Dissertation, Chapel Hill 1977.
  3. Digitalisat des Codex 2° Ms. theol. 65; zum Codex siehe Konrad Wiedemann: Manuscripta theologica. Die Handschriften in Folio (= Die Handschriften der Gesamthochschul-Bibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel. Band 1,1). Harrassowitz, Wiesbaden 1994, S. 96 (online); Rolf Bergmann, Stefanie Stricker (Hrsg.): Katalog der althochdeutschen und altsächsischen Glossenhandschriften. Band 1. De Gruyter, Berlin/New York 2005, S. 735 f. Nr. 334.
  4. Artikel Hegesippus in Jewish Encyclopedia (1906).