Prozentabkommen

Das Prozentabkommen (englisch Percentages agreement) ist die Bezeichnung für ein geheimes, informelles Abkommen zwischen Großbritanniens Premierminister Winston Churchill und dem sowjetischen Diktator Josef Stalin, die am 9. Oktober 1944 im Rahmen der Moskauer Konferenz der Alliierten beschlossen wurde. Dabei legten Churchill und Stalin inoffiziell die künftigen Einflusssphären in Südosteuropa fest: So sollten nach ihren Aufzeichnungen etwa Griechenland zu 90 % unter britischen (gemeinsam mit den USA) und zu 10 % unter sowjetischem Einfluss stehen, während in Rumänien umgekehrt 90 % sowjetischer Kontrolle und 10 % britischer Kontrolle vorgesehen waren. Jugoslawien und Ungarn würden jeweils 50:50 zwischen beiden Mächten aufgeteilt, für Bulgarien war eine sowjetische Vorherrschaft von 75 % geplant.[1] Das Papier mit diesen Prozentangaben war nur informeller Natur, es existierte kein völkerrechtlich bindender Vertrag – und blieb lange geheim. Seine Existenz und der genaue Wortlaut wurden erst nach Kriegsende bekannt, unter anderem durch Churchills Memoiren und spätere Forschung.[2]

Hintergrund

Im Herbst 1944 befanden sich die Alliierten auf verschiedenen Kriegsschauplätzen in einer entscheidenden Phase des Zweiten Weltkriegs. Die Rote Armee hatte inzwischen weite Teile Osteuropas befreit, während britisch-amerikanische Truppen in Italien und Griechenland vorrückten.[3] Gerade in Südosteuropa war die Nachkriegszugehörigkeit vieler Länder unklar. Griechenland etwa war von Achsenmächten besetzt worden, die Partisanen der kommunistischen Nationalen Befreiungsfront (EAM/ELAS) hatten jedoch große Landesteile befreit. Unter diesen Umständen wuchs bei Churchill die Sorge, dass kommunistische Einflüsse in der Region zunehmen könnten. Bereits im Frühjahr 1944 hatten die Sowjetunion und Großbritannien begonnen, über Einflusssphären zu verhandeln, um künftige Konflikte zu vermeiden.[4] Deshalb trafen sich die alliierten Spitzenpolitiker Anfang Oktober 1944 in Moskau, um unter anderem Fragen der Nachkriegsordnung in Europa zu erörtern.

Zustandekommen

An der Moskauer Konferenz (9. bis 20. Oktober 1944) nahmen Vertreter der drei Hauptalliierten teil, in Moskau waren aber zeitweise nur Churchill und Stalin sowie die Diplomaten Anthony Eden (Großbritannien) und Wjatscheslaw Molotow (UdSSR) anwesend. US-Präsident Franklin D. Roosevelt fehlte krankheitsbedingt und auch sein möglicher Vertreter W. Averell Harriman nahm nicht teil.[1][5] Nach Berichten Churchills kam es in der Nacht zum 9. Oktober zum entscheidenden Gespräch zwischen ihm und Stalin. Churchill schlug dabei vor, „unsere Angelegenheiten auf dem Balkan zu regeln“, und skizzierte seine Aufteilungsvorschläge auf einem einfachen Blatt Papier. Stalin prüfte die Notiz und mit einem blauen Stift einen Haken darunter, was bedeutete, dass er einverstanden war. In Churchills eigenen Memoiren wird diese Szene als „ungezogenes Abkommen“ („naughty agreement“) beschrieben. Stalin lehnte Churchills Vorschlag, das Papier zu verbrennen, ab, sodass es in Churchills Besitz überging.[6]

Die Vereinbarung

Das aufgeschriebene Protokoll enthält die genannten Prozentwerte für fünf Balkanstaaten. Es besagt im Wesentlichen Folgendes:[6]

  • Griechenland: 90 % britischer (mit US-Unterstützung) Einfluss, 10 % sowjetischer Einfluss.
  • Rumänien: 90 % sowjetischer Einfluss, 10 % britischer Einfluss.
  • Jugoslawien: je 50 % britischer und 50 % sowjetischer Einfluss.
  • Ungarn: je 50 % britischer und 50 % sowjetischer Einfluss.
  • Bulgarien: 75 % sowjetischer Einfluss, 25 % britischer Einfluss.

Damit reservierten Churchill und Stalin faktisch wechselseitig einen „Vorzugsquotienten“ (englisch percent predominance) in jedem Land. Die Übereinkunft war rein informell und wurde nicht in völkerrechtliche Verträge übernommen. Churchill selbst betonte später, es handele sich nur um eine Regelung für die unmittelbare Kriegsphase, wesentliche Entscheidungen seien für zukünftige Friedensverhandlungen vorbehalten. Roosevelt erfuhr offiziell nichts Näheres; der US-Botschafter in der Sowjetunion, W. Averell Harriman, erfuhr erst drei Tage nach dem Treffen von dem Geheimprotokoll und riet Churchill, ein an Stalin gerichtetes Folgepapier nicht abzusenden, weil die Amerikaner es ablehnen würden.[2] Trotz der Widerstände im State Department gegen die Aufteilung der Region in Einflusssphäre hatte Churchill allerdings die verdeckte Unterstützung von Roosevelt. Aufgrund von Griechenlands strategischer Lage im Mittelmeerraum hatte Griechenlands „Rettung vor dem Kommunismus“ für Churchill höchste Priorität, auch gegen die Preisgabe von Ländern wie Rumänien und Bulgarien.[7]

Churchill verteidigte das Prozentabkommen zeit seines Lebens und sah es als diplomatischen Triumph an. In einem Interview mit C.L. Sulzberger aus dem Jahr 1956 sagte Churchill: „Stalin hat mir gegenüber nie sein Wort gebrochen. Wir haben uns über den Balkan geeinigt. Ich sagte, er könne Rumänien und Bulgarien haben, und er sagte, wir könnten Griechenland haben... Wir haben Griechenland so gerettet. Als wir 1944 einmarschierten, hat Stalin sich nicht eingemischt“. Aufgrund der militärischen Dominanz der Sowjets in der Osthälfte Europas kann die Preisgabe Griechenlands tatsächlich als Zugeständnis Stalins interpretiert werden.[7]

Auswirkungen

Das Prozentabkommen hatte bedeutende Folgen für die Balkanstaaten. Da Churchill mit Stalin vereinbart hatte, dass Griechenland in den britischen Einflussbereich fallen solle, fühlte er sich ermutigt, sich im griechischen Bürgerkrieg (1944–1949) stark für die antikommunistische Regierung der nationalen Einheit zu engagieren. Britische Truppen gingen im Dezember 1944 militärisch gegen kommunistische Partisanen (EAM/ELAS) in Griechenland vor, ein Schritt, den die UdSSR nicht beanstandete.[8] Tatsächlich verzichtete Stalin darauf, den sowjetischen Anspruch auf seine „10 %“ einzufordern[1], sodass Griechenland de facto unter westeuropäischer Kontrolle blieb. Andere Staaten entwickelten sich teilweise anders als vereinbart: In Rumänien, Bulgarien, Jugoslawien, Ungarn und später auch Polen dominierte nach Kriegsende de facto die Rote Armee und es kamen kommunistische Regierungen an die Macht, entgegen der im Abkommen vorgedachten Aufteilung z. B. von Ungarn. Insgesamt aber gilt das Prozentabkommen als ein frühes Anzeichen der bipolaren Nachkriegsordnung, in der Europa in west- und osteuropäische Einflusszonen geteilt wurde.[8]

Formal wurden die Einflusssphären später durch die Konferenzen von Jalta und Potsdam neu geregelt, doch die von Churchill und Stalin informell festgelegten Vereinbarungen prägten die ersten Wochen nach der Befreiung des Balkans entscheidend. Die Details des Geheimprotokolls wurden erst Jahrzehnte später veröffentlicht, Churchill veröffentlichte Teile davon 1950 in seinen Memoiren und 1977 fand der Historiker Daniel Yergin britische Sitzungsprotokolle zum 9. Oktober 1944 in den Nachlässen von Churchill-Berater Hastings Ismay, wodurch die Existenz des Abkommens allgemein bekannt wurde.[2]

Einzelnachweise

  1. a b c „Prozentabkommen“. In: Gedenkorte Europa. Abgerufen am 17. Oktober 2025.
  2. a b c Churchill-Stalin Agreement Is Reported. In: The Washington Post. 23. August 1977, ISSN 0190-8286 (washingtonpost.com [abgerufen am 17. Oktober 2025]).
  3. Griechenland im Zweiten Weltkrieg – Geschichte und Erinnerungspolitik
  4. Die Schlacht um Athen. Rosa-Luxemburg-Stiftung, 3. Dezember 2024, abgerufen am 17. Oktober 2025.
  5. Albert Resis: The Churchill-Stalin Secret „Percentages“ Agreement on the Balkans, Moscow, October 1944. In: The American Historical Review. Band 83, Nr. 2, 1978, ISSN 0002-8762, S. 368–387, doi:10.2307/1862322, JSTOR:1862322.
  6. a b David Freeman: TOLSTOY. In: International Churchill Society. 28. September 2024, abgerufen am 17. Oktober 2025 (amerikanisches Englisch).
  7. a b David Carlton: Churchill and the Soviet Union. Manchester University Press, 2000, ISBN 978-0-7190-4107-5 (google.de [abgerufen am 17. Oktober 2025]).
  8. a b Heinz A. Richter: Aspekte der griechischen Zeitgeschichte | APuZ 14-15/1988. 1. April 1988, abgerufen am 17. Oktober 2025.