Scharfschützengewehr

Ein Scharfschützengewehr ist ein langläufiges Gewehr mit gezogenem Lauf (Büchse), das dazu konzipiert wurde, Ziele in großer Entfernung zu treffen. Der Begriff Präzisionsgewehr oder Präzisionsbüchse wird meist im Zusammenhang mit Präzisionsschützen der Polizei gebraucht, beispielsweise Präzisionsschützenkommandos. Einsatzgrundsatz ist die Bekämpfung eines Ziels mit möglichst einem oder wenigen, aber effektiven Schüssen. Unterschieden wird es vom Designated Marksman Rifle.

Scharfschützengewehre werden militärisch von Scharfschützen und polizeilich von Präzisionsschützen eingesetzt, um ein großes Gebiet abzusichern, wie bei großen Veranstaltungen, oder ein herausragendes Einzelziel zu bekämpfen, ohne selbst entdeckt zu werden. Bei einem Polizeieinsatz wird aufgrund der hohen Präzision der „finale Rettungsschuss“ mit diesem Gewehrtyp ausgeführt. Auch Jäger und Wildhüter verwenden für die Jagd auf weiten, offenen Flächen derartige Waffen. Im Sportschießen werden sie für das Langstreckenschießen eingesetzt.

Geschichtliche Entwicklung

Erste Präzisionsgewehre

Der entscheidende Schritt bei der Entwicklung des Scharfschützengewehres war die Entwicklung des gezogenen Laufs. Das Prinzip des gezogenen Laufs mit Zügen und Feldern wurde im 15. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum entwickelt. Namentlich bekannt ist Gaspard Kollner aus Wien, der um 1498 daran arbeitete. Der spiralförmig gerillte (das englische Wort rifle stammt ursprünglich von dem deutschen Wort geriffelt ab) Gewehrlauf, so wie er heutzutage Verwendung findet, wird Augustus Kotter aus Nürnberg 1520 zugeordnet.[1] Diese neuartigen Gewehre mit Zügen und Feldern wurden Büchsen genannt. Das Wort Büchse wurde anfangs für jedes Gewehr angewandt. Erst im 17. Jahrhundert wurden damit Gewehre mit gezogenem Lauf bezeichnet. Mit Büchsen konnte man deutlich weiter und vor allem präziser schießen als mit Musketen. Die Muskete verfügt nur über einen glatten Lauf (wie bei einer Flinte) und war bis Mitte des 19. Jahrhunderts die Standardwaffe der Soldaten. Der Nachteil der Vorderladerbüchsen war der längere Ladevorgang und die deutlich teurere Herstellung. Der Ladevorgang dauerte ca. 2- bis 3-mal länger (je nach Erfahrung des Schützen) als bei einer Muskete, da man die Kugel in einen kleinen Lederlappen einwickeln musste, um der Kugel mehr Halt in dem gedrallten Lauf zu geben. Der Beschaffungspreis einer Büchse war damals fünffach höher als bei einer Muskete. Vor allem die teure Herstellung verhinderte den Einzug in die reguläre Infanterie bis ins 19. Jahrhundert. Des Weiteren war die Handhabung einer Büchse weitaus komplexer und bedurfte einer gründlichen Ausbildung. So mussten z. B. die Büchsen intensiver gereinigt werden und da es kaum standardisierte Läufe gab, musste der Schütze seine Kugeln oftmals selber gießen.[2][3]

Die ersten regulären Militäreinheiten die diese neuartigen Gewehre verwendeten, waren im 17. Jahrhundert die Jäger der Jägereinheiten in Hessen, Bayern und in Preußen, die ihre Waffen in der Anfangszeit selbst mitbrachten und ansonsten zur Jagd dienten. Die erste bekannte Jägereinheit wurde 1631 von Wilhelm von Hessen-Kassel aufgestellt, die bereits die Aufgaben heutiger Scharfschützen hatte. Der Hauptauftrag der Jägertruppe war es, den Feind aufzuklären und mit gezieltem Schuss ausgewählte und weit entfernte Ziele (vor allem Offiziere und Kanoniere) zu bekämpfen und dadurch den Gegner zu schwächen. Bei der Belagerung und dem anschließenden Angriff auf Fritzlar am 9. September 1631 zeichneten sich die Jäger aus Hessen-Kassel durch gezieltes Feuer, vor allem auf die Kanoniere, aus und ermöglichten so die Erstürmung. Dies ist der erste bekannte bzw. dokumentierte Fall von gezielter Ausschaltung von militärischem Funktionspersonal mittels einer Büchse. Das Aufstellen und die Aufgaben dieser Jägereinheit war die Geburtsstunde des Konzeptes des Scharfschützen.[4]

Ein weiterer großer Schritt im Scharfschützenwesen war das am 24. Februar 1788 herausgegebene Königliche Reglement für die Königlich Preußische Leichte Infanterie, welches den Einsatz und die Anzahl (10 pro Kompanie) der Büchsen-/Scharfschützen regelte. So gab es genaue Anweisungen für die Taktiken, die heute noch Gültigkeit haben, wie zum Beispiel, dass der Schütze vorzugsweise aus einer geschützten Deckung wie z. B. Graben oder Zaun zu agieren hat oder aus einer überhöhten Position wie zum Beispiel einem Baum oder einem Haus. Dabei muss er die Stellung so wählen, dass er sich von dort zur nächsten Stellung ungesehen fortschleichen kann (Scharfschützenprinzip der Wechselstellung). Ein Jahr später wurde das Reglement dahingehend erweitert, dass die Scharfschützen durch zusätzliches Training in der Lage sein müssen, aus sämtlichen Stellungen und Lagen (stehend, kniend, liegend) im Gelände zu schießen. Dieses Reglement war die erste bekannte schriftlich festgehaltene Ausbildungsanweisung für Scharfschützen; damit war zugleich die Basis für einen modernen Scharfschützenlehrgang gelegt.[5]

Im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg rekrutierte Daniel Morgan 1775 eine Schützenkompanie mit ausgezeichneten Schützen, die zumeist mit der präzisen Pennsylvania-Büchse(Kentucky Rifle) ausgerüstet waren. Die Pennsylvania-Büchse (Kentucky Rifle) hatte ihren Ursprung in der deutschen Pirschbüchse, die aber relativ schwer war. Laut den Historikern Timothy Trussell und Joel Dworsky von der Millersville University of Pennsylvania entwickelte Martin Meylin, ein deutscher Einwanderer aus Rheinland-Pfalz, das Kentucky Rifle, welches später als Pennsylvania Rifle bekannt wurde. Das Pennsylvania-Rifle/Kentucky Rifle war nur noch halb so schwer war wie die deutsche Pirschbüchse, hatte aber einen längeren Lauf und das Kaliber wurde auf einen Durchmesser von 11,4 mm (Kaliber. 45) reduziert. Durch das kleinere Kaliber konnte der Schütze deutlich mehr Munition und Pulver mit sich führen.

Die im Jahr 1800 in England aufgestellten Schützenkompanien (95th (Rifle) Regiment) und das 60th Regiment of Foot, das in den nordamerikanischen Kolonien als Royal Americans aus amerikanischen Kolonisten aufgestellt worden war und später in King’s Royal Rifle Corps umbenannt wurde, waren mit Baker Rifles ausgerüstet.

Nach den Koalitionskriegen gab es keine Zweifel mehr, dass sich die Kriegsführung durch den Einsatz von Büchsen ändern würde. Der Sezessionskrieg zeigte bereits einige Elemente der modernen Kriegsführung wie die Verwendung von Geschützen mit gezogenem Lauf, Telegraphen und Eisenbahnen. Trotzdem standen sich die Soldaten noch größtenteils Schulter an Schulter in Linie gegenüber, obwohl die Soldaten mehrheitlich bereits mit Büchsen ausgerüstet waren. Diese waren aber zum größten Teil noch Vorderlader, während man z. B. bei der Preußischen Armee bereits das Dreyse-Zündnadelgewehr (Hinterlader) Modell 1841 eingeführt hatte. Auch gab es bereits Mehrladergewehre, die aber von der militärischen Führung abgelehnt wurden mit der Begründung, dass bei Verwendung dieser Gewehre der Infanterist die Munition im Übermaß verschießen würde. Auf beiden Seiten wurden eigenständige Scharfschützeneinheiten aufgestellt, so etwa die Freiwilligen der United States Sharpshooters bzw. „Berdan-Sharpshooters“ (nach ihrem Kommandeur Hiram Berdan genannt) der Nordstaaten. Berdan war kein Absolvent einer Militärschule. Er war lediglich Maschinenbauingenieur und ein sehr guter Sportschütze. Des Weiteren gab es auf der Seite der Union noch die 1st und die 2nd U.S. Sharpshooters. Hier kamen zu Beginn des Krieges noch vielfach selbst mitgebrachte Gewehre und aus Europa (privat) eingeführte Schützengewehre zum Einsatz, bis die Unionstruppen im Frühjahr 1862 einheitlich mit Sharps-Hinterladegewehren ausgerüstet wurden. Vermutlich prominentestes Opfer eines Scharfschützen in diesem Krieg war John Sedgwick, ein Nordstaaten-General. Er starb durch einen Scharfschützen, weil er nicht in Deckung ging. Als seine letzten Worte gelten: Auf diese Entfernung können die Konföderierten selbst einen Elefanten nicht treffen.

Erster Weltkrieg

Im Herbst 1914 ließ der deutsche Herzog von Ratibor (Victor II. Amadeus von Ratibor, 1895 Präsident ADJV) ca. 20.000 Jagd- und Sportgewehre im Militärkaliber 7,92 × 57 mm mit Zielfernrohren an die erstarrte Westfront schicken. Parallel wurden zusätzlich weitere 15.000 Gewehre 98 mit Zielfernrohr bestellt. Da die Deutschen im Dezember 1914 mit einer Scharfschützenausbildung begannen, wurden die ersten Gewehre hauptsächlich den Jägerbataillonen zugeteilt und im Gegensatz zu anderen Ländern in der Regel nur an Soldaten ausgegeben, die im Umgang mit Zielfernrohren ausgebildet waren, wie Jäger, Förster oder Sportschützen.[6][7][8] Spezialisierte Scharfschützengewehre wurden dann etwa ab Mitte 1915 eingesetzt. Diese Waffen wurden außerhalb der Serienproduktion gebaut und mit verschiedenen Läufen sowie Bauarten und Kalibern erprobt.

Zweiter Weltkrieg

Die Wehrmacht vernachlässigte das Scharfschützenwesen, da das deutsche Konzept des Blitzkrieges keine langen Stellungskämpfe vorsah, sondern einen schnellen Bewegungskrieg mit eigenständigen Panzerverbänden, die von der Luftwaffe unterstützt werden. Erst als sie im Russlandfeldzuges in die Defensive geriet forcierte sie wieder die Scharfschützenausbildung und gliederte Scharfschützen in jede Infanteriegruppe oder setzte sie, unterstellt einer Kompanie, in selbständigen Scharfschützentrupps ein. Eines der ersten in großer Stückzahl hergestellten Scharfschützengewehre war der deutsche Karabiner 98k im Kaliber 7,92 × 57 mm mit Zielfernrohr. Von diesem Gewehr wurden bis 1945 rund 130.000 Stück gebaut.[9] Daneben wurde das G43-Selbstladegewehr in der Scharfschützenrolle eingesetzt, während dem StGw-44 ZF im Kaliber 7,92 × 33 mm eher die Rolle der erweiterten Feuerunterstützung in der Schützengruppe zukam.

Sowjetunion

Scharfschützengewehr der Roten Armee war eine Variante des Mosin-Nagant M1891/30 mit dem Zielfernrohr PE bzw. PU als Scharfschützenwaffe.[10] Um das Zielfernrohr montieren zu können, wurde der Kammerstängel verlängert und um 90° gekröpft. Neben dem über 200.000-mal hergestellten Mosin-Nagant[11] kam das SWT-40 zum Einsatz, von dessen Scharfschützenausführung etwa 50.000 Stück hergestellt wurden.

Vereinigtes Königreich

Als Scharfschützengewehr der britischen Armee dienten modifizierte ausgesuchte Lee-Enfield-Mk.4-Gewehre.

USA

Die Scharfschützen der US Army verwendeten das Springfield M1903.

Neuere Entwicklung bis heute

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Scharfschützenwesen wieder vernachlässigt, da man davon ausgieng, dass zukünftige Kriege atomar geführt werden und man somit keine Verwendung für Scharfschützen sah. Dies änderte sich erst wieder im Korea- und im Vietnamkrieg. Bis dahin gab es aber keine speziell konzipierten Scharfschützengewehre. Die Scharfschützen arbeiteten mit ZF versehenen Ordonnanzwaffen oder mit Jagd-/Sportgewehren, die zum Teil auf militärische Bedürfnisse modifiziert wurden, so zum Beispiel die Remington 700, die unter der Bezeichnung M40 bekannt und bei den U.S. Marines seit 1966 als Scharfschützengewehr im Einsatz ist. Die ersten Modelle wurden im Remington Custom-Shop gefertigt und erhielten einen Holzschaft. Aufgrund der Feuchtigkeit im Dschungel von Vietnam wurde dieser jedoch bald durch einen Fiberglasschaft der McMillan Brothers Rifle Company ersetzt. Durch den neuen Schaft und andere Modifikationen war das M40A1 geboren, es wurde in Handarbeit von Büchsenmachern des Marine Corps hergestellt. Alle Modelle wie das M40A1 und das M40A3 (seit 1996) basieren auf einem modifizierten Remington-700-System. Die bis dahin eingesetzten Zielfernrohre verfügten in der Regel über kein ballistisches Absehen wie z. B. Mildot. Das gebräuchlichste Absehen war Absehen 6 oder auch Cross Hair genannt. Nach dem Vietnamkrieg schuf man in den Vereinigten Staaten so genannte Sniper schools, um die Soldaten im effizienten Schießen auszubilden. Die ersten militärisch konzipierten Scharfschützengewehre wurden erst Ende der 1960er-Jahre entwickelt wie z. B. das Steyr SSG 69.

Bauart und Kaliber

Die meisten Scharfschützengewehre sind Repetiergewehre. Selbstladegewehre haben eine geringere Eigenpräzision als Repetiergewehre und werden daher eher als Zielfernrohrgewehre eingesetzt (englisch Designated marksman rifle).

Beim Einsatz eines Scharfschützengewehrs durch Präzisionsschützen der Polizei kommt es nicht auf die Schussfolge, sondern für den finalen Rettungsschuss auf die Präzision an.

Scharfschützengewehre besitzen heute als optisches Visier ein Zielfernrohr mit bis zu 24-facher variabler Vergrößerung. Diese werden durch Nachtsichtgeräte wie beispielsweise Restlichtverstärker oder Wärmebildgeräte ergänzt. Nur für den Nahbereich haben einige ein mechanisches Notvisier. Als Zusatzausstattung für den Beobachter wird heute meist ein Laserentfernungsmesser verwendet.

Häufige Kaliber für in westlichen Staaten eingesetzte Scharfschützenwaffen sind heute 7,62 × 51 mm NATO (.308 Winchester) sowie mit stärkerer Treibladung .300 Win Mag (7,62 × 67 mm) wie beim G22 oder .338 Lapua Magnum (8,6 × 70 mm). Neuentwicklungen wie das Barrett M99 nutzen das jagdliche Kaliber .416 Barrett (10,6 × 83 mm).

Beispiele für weit verbreitete oder bekannte Waffen im Kaliber 7,62 mm sind das Heckler & Koch PSG1 und MSG90, das Steyr SSG 69, das Walther WA 2000, Varianten des Gewehres Remington 700, wie das M24 oder das M40, die von der US-amerikanischen Armee und verschiedenen Polizeibehörden eingesetzt werden, die AWM-Serie und das davon abgeleitete G22 der deutschen Bundeswehr.

Das Dragunow-Scharfschützengewehr hat das Kaliber 7,62 × 54 mm R. Durch die Angriffe von feindlichen Scharfschützen und Zivilpersonen, die sich an Gefechten als Heckenschützen in den Jugoslawienkriegen beteiligten, wurde das außerhalb der NATO-Staaten weit verbreitete sowjetische Dragunow-Scharfschützengewehr öffentlich bekannt. Scharfschützengewehr der SpezNas und Fernaufklärer ist das Wintores-Scharfschützengewehr, eine schallgedämpfte Waffe im Kaliber 9 × 39 mm.[12]

Für die Bekämpfung von Zielen auf große Entfernungen bis zwei Kilometer, und hauptsächlich von Hartzielen und Materialzielen werden auch Waffen mit großem Kaliber wie 12,7 × 99 mm NATO (.50 BMG) eingesetzt. Waffen mit diesem Kaliber sind u. a. Barrett M82A1, HS .50, PGM Hécate II, Desert Tech HTI oder McMillan Tac-50.

Das NTW-20 hat das Kaliber 14,5 × 114 mm.

Vereinzelt gibt es auch Gewehre mit kleinerem Kaliber, wie 5,56 × 45 mm NATO beim SIG 550-1 oder 5,8 × 42 mm beim chinesischen QBU-88. Diese sind aber durch die geringere Reichweite weniger für den militärischen Einsatz, sondern mehr für den Polizeieinsatz geeignet.

Spezialmunition

Innerhalb des eingesetzten Kalibers kann der Scharfschütze heute unter einer Vielzahl verschiedener Munitionssorten wählen. Gerade bei größeren Kalibern kann panzerbrechende, Brand-, Spreng- oder Mehrzweckmunition verwendet werden.

Bereits im Zweiten Weltkrieg verschossen deutsche Scharfschützen „B-Munition“ des Kalibers 7,92 × 57 mm. Dieser Munitionstyp wurde ursprünglich zum Einschießen der Bordmaschinengewehre in Jagdflugzeugen entwickelt. B stand dabei für „Beobachtungspatrone“. Die Geschosse explodierten beim Aufschlag und zeigten so die Lage der Garbe an. Die MGs konnten durch dieses optische Hilfsmittel schnell justiert werden. Die Herstellung dieser Munition war damals sehr aufwendig und entsprechend teuer. Damit war sie in ihrer Nutzung bis etwa 1944 ihrer ursprünglichen Verwendung vorbehalten. Die sowjetische Armee setzte Sprenggeschosse als Gewehrmunition dagegen bereits zu Beginn des Krieges ein. Wegen ihrer hohen Wirksamkeit waren die Beutewaffen und -munition bei der Wehrmacht sehr begehrt.[13]

Anfang des 21. Jahrhunderts gab es das Forschungsprojekt EXACTO, mit dem für Scharfschützengewehre präzisionsgelenkte Munition entwickelt wurde.

Reichweite

Die maximale effektive Reichweite ist je nach Waffe unterschiedlich, da sie von Bauart und Kaliber abhängt. Bei Militärwaffen liegt sie im Durchschnitt bei rund 1.000 Metern. Bei Spezialausführungen mit großem Kaliber kann sie aber auch bis zu 2.500 m reichen. Polizeiwaffen sind durch den häufigeren Einsatz in bebauten Gebieten in der Regel für kürzere Reichweiten ausgelegt.

Gerade bei großen Entfernungen spielen Wetterbedingungen wie Wind, Temperatur und Luftdruck, das verwendete Kaliber im Verhältnis zur Rohrlänge und der Schusswinkel eine wichtige Rolle, wodurch sich die tatsächliche effektive Reichweite vergrößern oder verringern kann. Auch die Munition mit dem Geschossgewicht und der Treibladungsmenge hat maßgeblichen Einfluss auf die Reichweite. Deswegen wurden spezielle Munitionsarten und -formen für Scharfschützengewehre entwickelt, die beispielsweise eine bessere Aerodynamik (VLD-Geschoss) oder auch einen optimierten Aufbau der Pulverladung aufweisen.

Maximale Reichweiten für gängige Scharfschützenkaliber

Patrone/Kaliber Maximale effektive Reichweite
5,56 × 45 mm NATO (.223 Remington) 300–500 m
7,62 × 51 mm NATO (.308 Winchester) 800–1000 m
7,62 × 54 mm R 800–1000 m
.300 Winchester Magnum 900–1200 m
.338 Lapua Magnum 1300–1600 m
.408 Chey Tac 1500–2000 m
.50 BMG (12,7 × 99 mm NATO) 1500–2000 m
12,7 × 108 mm (russisch) 1500–2000 m
14,5 × 114 mm (russisch) 1900–2300 m

Größte Kampfentfernungen

2012 bekämpften zwei Scharfschützen des australischen 2nd Commando Regiment mit je einem Barrett M82 mutmaßliche Taliban-Kämpfer. Der Treffer aus einer Entfernung von 2.815 m (mit GPS-Entfernungsmesser gemessen) konnte keinem der beiden Schützen zugeordnet werden und wurde durch das australische Militär nicht bestätigt.[14]

Ein bestätigter Treffer aus 2.470 m Entfernung wurde von Craig Harrison, Soldat der britischen Armee, in Afghanistan mit einem AWM L115A3 im November 2009 erzielt.[15] Damit lag sein Ziel etwa 1.000 Meter außerhalb der effektiven Reichweite seiner Waffe. Laut Harrison ermöglichten ihm die idealen Wetterbedingungen den Treffer – absolute Windstille, klare Sicht und geringe Temperaturen, da große Hitze zu Flimmern und aufsteigender Luft vom Boden geführt hätte. Harrison und sein Beobachter benötigten insgesamt neun Schuss, um die Visiereinstellung zu ermitteln und den ersten Treffer zu erzielen. Er konnte weiterhin erkennen, dass ein zweiter Mann die Waffe des getöteten Schützen übernahm, und ihn mit dem nächsten Schuss seitlich in den Bauch treffen. Danach zerstörte er mit einem weiteren gezielten Schuss das Maschinengewehr.[16]

Der aktuelle Entfernungsrekord (Stand 2022) wurde mutmaßlich vom kanadischen Scharfschützen Dallas Alexander von der Canadian Special Operations Forces Command Joint Task Force 2 (JTF2) mit einem McMillan Tac-50-Scharfschützengewehr aufgestellt. Er bekämpfte einen ISIS-Aufständischen auf eine Entfernung von 3540 m. Der Schuss wurde von einem Hochhaus abgefeuert. JTF2-Spezialeinheiten sind hauptsächlich mit der Terrorismusbekämpfung, Scharfschützenoperationen und der Geiselbefreiung beauftragt. Die Namen des Scharfschützen und seines Beobachters wurden (Stand 2023) nicht veröffentlicht.[17][18][19]

Erwerb

Für Präzisionsgewehre gelten in Deutschland die gleichen Bestimmungen wie für andere Gewehre auch. Der Erwerb ist mit einer Waffenbesitzkarte für Jäger und Sportschützen möglich.

In Österreich sind derartige Gewehre unter die Kategorie C des Waffengesetzes subsumiert und für Personen ab 18 Jahren frei erhältlich. Modelle, die als „Panzerbüchsen“ im Sinne der Kriegsmaterialverordnung gelten,[20] zählen zur Kategorie A, verbotene Waffen und Kriegsmaterial, und dürfen nur mit Ausnahmebewilligung erworben und besessen werden. Dazu gehören im Wesentlichen alle Modelle des Kalibers .50 BMG. Ob ein Modell unter den Überbegriff Panzerbüchse einzustufen ist, richtet sich nach derzeitiger Rechtslage nach verfügbarer „panzerbrechender“ Munition. So fallen Modelle im Kaliber .408 nicht unter die Kategorie A, weil keine panzerbrechende Munition am Markt verfügbar ist bzw. unter realistischen Bedingungen nicht selbst laboriert werden kann.[21]

Siehe auch

Literatur

  • Ian V. Hogg: Moderne Scharfschützengewehre. Motorbuch, Stuttgart 2000, ISBN 3-613-02014-9.
  • Peter Brookesmith: Scharfschützen. Geschichte – Taktik – Waffen. Motorbuch, Stuttgart 2003, ISBN 3-613-02247-8.
Commons: Scharfschützengewehr – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. finedictionary.com
  2. Torsten Verhülsdonk, Carl Schulze: Napoleonische Kriege. Einheiten – Uniformen – Ausrüstungen, VS-Books 1996, ISBN 3-932077-00-8
  3. Rudolf Otto von Ottenfeld: Die österreichische Armee von 1700 bis 1867. Hrsg.: Universitäts- und Landesbibliothek Tirol. 1895, urn:nbn:at:at-ubi:2-15217 (uibk.ac.at [PDF; abgerufen am 28. Mai 2023]).
  4. Georg Heinz Wetzel: Die Hessischen Jäger. Eine deutsche Truppenhistorie im politischen Wandlungsprozess von vier Jahrhunderten (1631–1987). George, Kassel 1987.
  5. Jan Boger: Jäger und Gejagte. Die Geschichte der Scharfschützen. Motorbuch, Stuttgart 1987, ISBN 3-87943-373-9.
  6. Jäger und Gejagte: Die Geschichte der Scharfschützen, Jan Boger, 1997, Motorbuch Verlag
  7. Deutsche Scharfschützen-Waffen 1914–1945, Peter Senich 1996, Motorbuch Verlag, Seite 12.
  8. Militär & Geschichte Nr. 41, Oktober/November 2008, Seite 8
  9. Website zum K98k (französisch) (Memento vom 18. März 2011 im Internet Archive)
  10. Vic Thomas: The Sniper Rifles Of The Red Star. Mosin Nagant M91/30 and Variants. In: mosinnagant.net. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 9. Februar 2018; abgerufen am 19. Juli 2015 (englisch).
  11. Mick Toal: The Soviet 91/30 PU – Sniper Rifle of the Red Star. In: russian-mosin-nagant.com. Abgerufen am 19. Juli 2015 (englisch).
  12. Alexey Ramm: Vintorez: Sniping rifle of intelligence officers. In: in.rbth.com. 28. Oktober 2014, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 1. August 2015; abgerufen am 28. November 2016 (englisch).
  13. Albrecht Wacker: Im Auge des Jägers. Der Wehrmachts-Scharfschütze Josef Allerberger. 8. Auflage. VS-Books, Herne 2009, ISBN 978-3-932077-27-2, S. 163 ff.
  14. Chris Masters: Taliban remain in fear of lethal strikes. In: www.dailytelegraph.com.au. The Daily Telegraph (Australien), 29. Oktober 2012, abgerufen am 10. Oktober 2015 (englisch).
  15. British sniper shoots down Canada’s bragging rights
  16. Brit Sniper Makes Double-Kill at 1.54 miles with .338 Lapua Mag, (engl., aufgerufen am 11. Februar 2013).
  17. Michael Friscolanti: 'We were abandoned'. In: Macleans.ca. 15. Mai 2006, abgerufen am 18. Dezember 2008 (englisch).
  18. Elite Sniper Unit Abandoned. In: The Canadian Encyclopedia. (englisch, französisch).
  19. theglobeandmail.com
  20. § 1 Z 1 lit. b Kriegsmaterialverordnung, BGBl. Nr. 624/1977
  21. Erkenntnis W170 2104835-1. Bundesverwaltungsgericht Österreich, 24. November 2015, abgerufen am 5. Dezember 2017.
    Beschluss Ro 2016/11/0003. Verwaltungsgerichtshof Österreich, 15. Dezember 2016, abgerufen am 5. Dezember 2017.