Porträt eines jungen Mannes (Manet)

Porträt eines jungen Mannes
Édouard Manet, 1855–1856
Öl auf Leinwand
56,5 × 47 cm
Nationalgalerie Prag
Vorlage:Infobox Gemälde/Wartung/Museum

Das Porträt eines jungen Mannes[1] auch Männerbildnis[2] (französisch Portrait d’homme)[3] ist ein in Öl auf Leinwand gemaltes Bild von Édouard Manet. Es hat eine Höhe von 56,5 cm und eine Breite von 47 cm.[4] Das aus dem Frühwerk des Künstlers stammende Gemälde zeigt einen unbekannten jungen Mann, bei dem vermutet wird, dass es sich um einen Mitschüler Manets handelt. Einige Kunsthistoriker haben angenommen, dass es sich dabei um Manets Freund Antonin Proust handelt, andere Autoren schlugen alternativ den Mitschüler Paul Roudier vor. Das Ölbildnis befindet sich in der Sammlung der Nationalgalerie in Prag.[4]

Beschreibung

Das Gemälde zeigt als Bruststück das Bildnis eines jungen Mannes vor dunklem Hintergrund. Er erscheint dabei als Dreiviertelporträt mit einem nach rechts gewandten Profil.[5] Mit seinen weit geöffneten dunklen Augen blickt er zum rechten Bildrand.[6] Sein kurzes Haar ist leicht gewellt und lässt den Bereich der Stirn und Ohren frei. Durch die frontale Beleuchtung erscheint seine rechte Gesichtshälfte im hellen Licht, während die linke Hälfte verschattet ist.[5] Deutlich tritt sein fast weißer Teint hervor; auf der Wange und am Kinn sind zudem dezente Rottöne auszumachen. Kräftiger betont ist das Rot der Lippen, darüber zeigt sich ein heller Oberlippenbart. Das rechte Ohr ist in verschiedenen Rosatönen modelliert und hebt sich kontrastreich vom Hintergrund ab. Der Autor Stéphane Guégan hat zudem das „spitze Kinn“ und die „feinen Gesichtszüge“ betont.[7] Bekleidet ist der Mann mit einer grauen Jacke mit breitem Revers.[6] Darunter trägt er ein Hemd mit weißem Kragen und davor gebundener blauen Schleife. Während die Gesichtszüge traditionell mit feinem Pinselstrich detailreich ausgeführt sind, ist der Bereich der Kleidung mit einem skizzenhaften Farbauftrag ausgeführt[5], bei dem einzelne breite Farbstriche erkennbar sind.[8] Die Kleidung ist typisch für die Zeit Mitte des 19. Jahrhunderts und gibt wenig Hinweise, die den Porträtierten charakterisieren könnten. Auch der traditionell gehaltene dunkle Hintergrund lässt keine Kontextualisierung zu.[5] Für Guégan zeigt der Mann etwas vom Pariser Dandy.[7] Das Bild ist nicht datiert und signiert; unten rechts ist der Atelierstempel „E. M.“ angebracht.[3]

Ein Frühwerk Manets unter dem Einfluss seines Lehrers Couture

Manets frühes Männerbildnis wird von Kunsthistorikern auf die Zeit um 1855–1856 datiert.[9] Es fällt damit in die letzten Jahre seiner künstlerischen Ausbildung im Atelier des Malers Thomas Couture, die von 1850 bis 1856 dauerte.[10] Aus dieser Schaffensphase sind nur wenige Gemälde Manets erhalten, obwohl er auch in dieser Zeit viel gemalt haben muss, wie der Autor Gotthard Jedlicka feststellte.[11] Erhalten sind aus Manets Frühwerk eine Reihe von Kopien nach älteren Künstlern wie Filippo Lippi, Tizian und Rembrandt, zudem verschiedene Christusdarstellungen[12] sowie zwei Männerbildnisse und das Ovalbild einer alten Frau.[10] Verschiedene Autoren haben vermutet, dass Manet ein Teil seines frühen Bilder zerstört hat,[13] da diese Arbeiten „ihn zu sehr an seinen Lehrer erinnern mochten“[13] oder „vielleicht zu sehr den Einfluss seines Meisters“ zeigten.[10]

Couture war ein angesehener Maler, der mit seinem historisierenden Monumentalgemälde Die Römer der Verfallszeit im Salon de Paris von 1847 einen großen Erfolg gefeiert hatte.[14] In seinem Atelier unterrichtete er zahlreiche Schüler, darunter auch für kurze Zeit Manets Jugendfreund Antonin Proust, der später in seiner Manet-Biografie die gemeinsame Lehrerzeit beschrieb.[15] Laut Proust kritisierte Manet die Unterrichtsmethoden Coutures und beschwerte sich beispielsweise über die Berufsmodelle im Atelier, da sie sich in unnatürlichen Körperhaltungen präsentierten.[16] Statt posierender nackter Modelle wünschte sich Manet lieber Personen in Alltagskleidung, die sich ungekünstelt verhalten sollten.[10] Zudem diskutierte Manet über die seiner Meinung nach falschen Farbtöne, das falsche Licht und die falschen Schatten, wie sie im Atelier gelehrt wurden.[17] Letztlich vertraten Couture und Manet unterschiedliche künstlerische Ideale. Couture stand eher für die traditionelle Kunst, während Manet eine Vorliebe für die Malerei des Realismus zeigte.[10] Diese unterschiedlichen Positionen führten im Atelier zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Manet und seinem Lehrer.[10] Laut Proust habe Manet in seiner Verzweiflung geäußert: „Ich weiß nicht warum ich hier bin“ und weiter „Wenn ich ins Atelier komme, habe ich das Gefühl, als ob ich ein Grabgewölbe betrete“.[18] Manet war zu dieser Zeit auf der Suche nach einer eigenen künstlerischen Ausdrucksweise, die nach seinem Empfinden durch den Lehrer behindert wurde. Laut Proust äußerte sich Manet entsprechend: „Wenn ich ein Bild anfing, habe ich dummerweise seine Formeln im Auge behalten.“[19] Das Porträt eines jungen Mannes zeigt noch deutlich diesen „ausgesprochenen Einfluß der Malerei des Lehrers“, wie Gotthard Jedlicka feststellte.[20] So weisen beispielsweise Coutures Werke Porträt Henri Didier (Musée des Beaux-Arts, Marseille), Le Prince Alonso (Musée des Beaux-Arts de Bordeaux) und Porträt Amédée Berger (Musée des beaux-arts de Rouen) stilistische Ähnlichkeiten und eine gleichartige Farbigkeit zu Manets frühem Männerbildnis auf.[21] Erst einige Jahre später entwickelte er eine eigene künstlerische Ausdrucksweise.[13]

Lange Zeit wurde angenommen, die dargestellte Person im Gemälde Porträt eines jungen Mannes sei Antonin Proust.[3] Er und Manet hatten gemeinsam am Collège Roulin ihre Schulzeit verbracht, bevor sie zusammen ins Atelier von Couture wechselten.[10] Auch später verband sie eine Freundschaft und Manet schuf in seinen letzten Lebensjahren zwei Porträts von Proust. Ein frühes Bildnis des Freundes aus der Lehrzeit bei Couture ist hingegen nicht belegt und Proust, der 1905 starb, erwähnte es auch nicht in seiner Manet-Biografie. Erst als das Gemälde Porträt eines jungen Mannes 1906 zum Verkauf angeboten wurde, trug es den Titel Portrait d’Antonin Proust.[22] Dieser Betitelung folgten andere Autoren wie Julius Meier-Graefe[23] und Adolphe Tabarant.[6] Andere Autoren wie Sandra Orienti zweifelten Antonin Proust als möglichen Dargestellten an. Sie schlug alternativ Paul Rodier vor, der ebenfalls ein Freund Manets aus der Schulzeit im Collège Rollin war.[24] Auch Denis Rouart und Daniel Wildenstein wiesen in ihrem Werkverzeichnis von 1975 auf Roudier hin und hoben die Ähnlichkeit mit einem Mann auf einer Rötelzeichnung Manets von 1859–1860 hin.[3] Diese Porträt Paul Roudier betitelte Zeichnung (Musée d’Orsay)[25] zeigt einen Mann, der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Dargestellten im Gemälde Bildnis eines jungen Mannes aufweist. Die Zeichnung trägt die Widmung „A mon ami Roudier/Manet“ (für meinen Freund Roudier/Manet), wodurch der Porträtierte eindeutig als Paul Roudier identifiziert wurde. Roudier stand möglicherweise auch Modell für Manets Männerbildnis von 1860 (Kröller-Müller Museum, Otterlo).[26] Der Autor Ronald Pickvance hat darauf hingewiesen, dass eine Identifizierung der Person im Gemälde Porträt eines jungen Mannes aufgrund der Ähnlichkeit mit dem in der Zeichnung dargestellten Roudier lediglich eine Hypothese sei.[27] Stéphane Guégan sah 2011 weiterhin die Möglichkeit, dass im Porträt eines jungen Mannes Manets Freund Antonin Proust zu sehen ist.[7]

Provenienz

Erster bekannter Besitzer des Gemäldes war der Opernsänger Jean-Baptiste Faure, der eine umfangreiche Kunstsammlung besaß, in der sich allein 67 Werke von Manet befanden.[28] Im März 1906 bot die Pariser Galerie Durand-Ruel Teile der Sammlung Faure im Rahmen einer Ausstellung zum Verkauf an, darunter auch das dort als Portrait d’Antonin Proust bezeichnete Männerbildnis.[29] Rund vier Monate später veräußerte Durand-Ruel das Gemälde für umgerechnet 5121,25 Mark an die Münchner Galerie Heinemann. Diese verkaufte das Bild am 8. August 1906 für 12.000 Mark an den Rechtsanwalt Charles Bacos aus Alexandria.[30] 1932 befand es sich im Besitz der Galerie Paul Cassirer in Amsterdam[31] und gelangte danach in die Sammlung des Industriellen Oskar Federer in Mährisch Ostrau. Dieser sah sich als Jude im Frühjahr 1939 angesichts der drohenden Verfolgung durch die Nationalsozialisten zur Emigration gezwungen. Nach Stationen in Frankreich und Großbritannien ließ er sich 1940 in Montreal in Kanada nieder. Bereits 1938 hatte er einige Werke seiner Kunstsammlung nach Amsterdam ausgeliehen, darunter auch Manets Männerbildnis. Ihm gelang es diese Werke nach Nordamerika mitzunehmen, wo sie 1940 in der New Yorker Galerie St. Etienne von Otto Kallir ausgestellt wurden.[32] Später befand sich Manets Gemälde im Besitz der New Yorker Galerie Thannhauser. 1968 erwarb die Nationalgalerie in Prag das Gemälde über die in der Schweiz lebende Kunsthändlerin Marianne Feilchenfeldt.[33] Das Museum hat das Werk mit dem Titel Podobizna Antonia Prousta und der Nummer O 11659 inventarisiert.[4]

Ausstellungen

Das Gemälde wird seit 1968 in der Nationalgalerie in Prag ausgestellt. Zudem war es in folgenden Sonderausstellungen zu sehen:

  • 1906: Exposition de 24 Tableaux et Aquarelles Par Manet Formant la Collection Faure, Galerie Durand-Ruel, Paris, Katalog-Nr. 2.
  • 1932: Exposition Manet, 1832–1883, Musée de l’Orangerie, Paris, Katalog-Nr. 3 1932 - No. 3.
  • 2011: Manet, inventeur du moderne, Musée d’Orsay, Paris, Katalog-Nr. 21.
  • 2016: Manet – Sehen: Der Blick der Moderne, Hamburger Kunsthalle, Hamburg, Katalog-Nr. 10.

Literatur

  • Françoise Cachin: Manet. DuMont, Köln 1991, ISBN 3-7701-2791-9.
  • Galeries Durand-Ruel (Hrsg.): Exposition de 24 tableaux et aquarelles par Manet, formant la collection Faure. Paris 1906.
  • Hubertus Gaßner, Viola Hildebrandt-Schat (Hrsg.): Manet – Sehen: Der Blick der Moderne. Ausstellungskatalog Hamburger Kunsthalle, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2016, ISBN 978-3-7319-0325-3.
  • Stéphane Guégan: Manet, inventeur du moderne. Musée d’Orsay. Gallimard, Paris 2011, ISBN 978-2-07-013323-9.
  • Gotthard Jedlicka: Edouard Manet. Rentsch, Erlenbach/Zürich 1941.
  • Hans Körner: Edouard Manet, Dandy, Flaneur, Maler. Fink, München 1996, ISBN 3-7705-2931-6.
  • Julius Meier-Graefe: Edouard Manet. Piper, München 1912.
  • Édition des Musées Nationaux (Hrsg.): Exposition Manet, 1832-1883. Ausstellungskatalog Musée de l’Orangerie, Paris 1932.
  • Réunion des Musées Nationaux, Metropolitan Museum of Art (Hrsg.): Manet. Ausstellungskatalog Paris 1983, deutsche Ausgabe Frölich und Kaufmann, Berlin 1984, ISBN 3-88725-092-3.
  • Sandra Orienti: Das gemalte Werk von Edouard Manet. Klassiker der Kunst, Deutscher Bücherbund, Stuttgart 1972.
  • Ronald Pickvance: Manet. Ausstellungskatalog Martigny, Fondation Pierre Gianadda, Martigny 1996, ISBN 2-88443-037-7.
  • Antonin Proust: Edouard Manet, Erinnerungen. Deutsche Ausgabe, Cassirer, Berlin 1917.
  • Denis Rouart, Daniel Wildenstein: Edouard Manet: Catalogue raisonné. Bibliothèque des Arts, Paris/Lausanne 1975.
  • Adolphe Tabarant: Manet, histoire catalographique. Éd. Montaigne, Paris 1931.

Einzelnachweise

  1. Im Ausstellungskatalog von 2016 bezeichnet als Porträt eines jungen Mannes mit dem ergänzenden Zusatz (Antonin Proust?). In: Viola Hildebrand-Schat: Frühe Arbeiten Manets. In: Hubertus Gaßner, Viola Hildebrandt-Schat: Manet – Sehen: Der Blick der Moderne, S. 115.
  2. Das Gemälde wird als Männerbildnis bezeichnet in Françoise Cachin: Manet, 1991 S. 148.
  3. a b c d Denis Rouart, Daniel Wildenstein: Edouard Manet: Catalogue raisonné, S. 36, Nr. 12.
  4. a b c Informationen zum Gemälde Podobizna Antonia Prousta auf der Website der Nationalgalerie Prag
  5. a b c d Viola Hildebrand-Schat: Frühe Arbeiten Manets. In: Hubertus Gaßner, Viola Hildebrandt-Schat: Manet – Sehen: Der Blick der Moderne, S. 114.
  6. a b c Adolphe Tabarant: Manet, histoire catalographique, 1931, S. 37.
  7. a b c Stéphane Guégan: Manet, inventeur du moderne, S. 260.
  8. Julius Meier-Graefe: Edouard Manet, 1912, S. 22–23.
  9. Es gibt beispielsweise die Datierungen „1855-56“ im Katalog zur Ausstellung 1932 der Édition des Musées Nationaux: Exposition Manet, 1832–1883, S. 2, Nr. 3, bei Sandra Orienti: Das gemalte Werk von Edouard Manet, 1972, S. 88, Nr. 6, bei Stéphane Guégan: Manet, inventeur du moderne, S. 127 und auf der Website der Nationalgalerie Prag; „um 1855“ bei Gotthard Jedlicka: Edouard Manet, S. 40; „um 1856“ bei Denis Rouart, Daniel Wildenstein: Edouard Manet: Catalogue raisonné, S. 36; „1856“ bei Julius Meier-Graefe: Edouard Manet, 1912, S. 20, im Katalog Galeries Durand-Ruel: Exposition de 24 tableaux et aquarelles par Manet, formant la collection Faure, S. 3, Nr. 2 und bei Viola Hildebrand-Schat: Frühe Arbeiten Manets. In: Hubertus Gaßner, Viola Hildebrandt-Schat: Manet – Sehen: Der Blick der Moderne, S. 114.
  10. a b c d e f g Françoise Cachin: Manet, 1991 S. 12.
  11. Gotthard Jedlicka: Edouard Manet, S. 40–41.
  12. Hans Körner: Edouard Manet, Dandy, Flaneur, Maler, S. 17.
  13. a b c Gotthard Jedlicka: Edouard Manet, S. 41.
  14. Stéphane Guégan: Manet, inventeur du moderne, S. 117.
  15. Antonin Proust: Edouard Manet, Erinnerungen, S. 15.
  16. Antonin Proust: Edouard Manet, Erinnerungen, S. 19.
  17. Antonin Proust: Edouard Manet, Erinnerungen, S. 28.
  18. Antonin Proust: Edouard Manet, Erinnerungen, S. 15–16.
  19. Antonin Proust: Edouard Manet, Erinnerungen, S. 30.
  20. Gotthard Jedlicka: Edouard Manet, S. 40.
  21. Stéphane Guégan: Manet, inventeur du moderne, S. 117–127.
  22. Galeries Durand-Ruel: Exposition de 24 tableaux et aquarelles par Manet, formant la collection Faure, Katalog-Nummer 2.
  23. Julius Meier-Graefe: Edouard Manet, 1912, S. 20.
  24. Sandra Orienti: Das gemalte Werk von Edouard Manet, 1972, S. 88, Nr. 6.
  25. Stéphane Guégan: Manet, inventeur du moderne, S. 130.
  26. Stéphane Guégan: Manet, inventeur du moderne, S. 274.
  27. Ronald Pickvance: Manet, S. 220.
  28. Réunion des Musées Nationaux, Metropolitan Museum of Art (Hrsg.): Manet, deutsche Ausgabe 1984, S. 67.
  29. Galeries Durand-Ruel: Exposition de 24 tableaux et aquarelles par Manet, formant la collection Faure, Katalog-Nummer 2.
  30. Eintrag zum Gemälde Portrait von Antonius Proust im Archiv der Galerie Heinemann im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg.
  31. Die Galerie Paul Cassirer war Leihgeber des Bildes zur Manet-Ausstellung 1932 in Paris. Siehe Katalog der Ausstellung S. 2–3, Nr. 3.
  32. Ausstellung French Masters of the 19th and 20th Centuries im Februar 1940 Archiv der Galerie St. Etienne
  33. Stéphane Guégan: Manet, inventeur du moderne, S. 273.