Poematium Medicum

Poematium Medicum, auch bezeichnet als Commentarium medicinale, ist ein therapeutisches Kompendium in 241 Hexametern (mit einer in Prosa gehaltenen Vorrede), das nach traditioneller Auffassung Ende des 7. Jahrhunderts in lateinischer Sprache verfasst wurde.

Autor, Quellen und Entstehungszeit

Im Katalog der Bibliothek Federicos da Montefeltro (Urbino), der vor 1482 redigiert wurde, findet sich ein Eintrag Crispi Mediolanensis medicinalis liber, der von Brunhölzl auf den Codex Vat. Urb. lat. 668 bezogen wird.[1.1] Der Verfasser wird von einigen Bearbeitern mit dem Erzbischof Benedikt von Mailand in Verbindung gebracht,[2] u. a. von dem Philologen Angelo Mai.[3] Gesichert ist diese Zuschreibung aber nicht. Brunhölzl wendet sich gegen diese Identifikation und hält eine Entstehung des Gedichts im 14. Jahrhundert für wahrscheinlich.[1.2] Die zeitliche Zuordnung auf das Ende des 7. Jahrhunderts hängt weitgehend von dieser angenommenen Autorenschaft ab.

Sicher ist hingegen die Quellenlage. Der Autor hat die Grundstruktur des Werkes, aber auch zahlreiche Textstellen von Quintus Serenus Liber medicinalis übernommen[4]. Er nennt diesen Autor auch (Vers 209).[1.3] Daneben nennt er Plinius (Vers 107), wobei nach Stannard am ehesten an die Medicina Plinii zu denken ist.[5.1] Die Behauptung einer direkten Benutzung des Pedanios Dioskurides ist nach Stannard nicht belegt, Parallelen sind über Serenus und Plinius erklärbar.[5.1] Auch finden sich Bezüge zu Volksmitteln.[6]

Aufbau und Inhalt

Crispus stellt an den Anfang seines Gedichts eine Widmung an seinen Schüler Maurus aus Mantua, über den nichts bekannt ist. Er empfiehlt ihm die praktische Kenntnis der Medizin, obwohl sie nicht zu den sieben freien Künsten gehöre (septiformis facundie liberalitate ditavi), anscheinend auch, weil sich bei dem Schüler Gesundheitsbeschwerden eingestellt haben.[1.4]

Das Gedicht ist in 241 Hexametern gestaltet, in denen körperliche Beschwerdenkomplexe nach dem in vielen antiken medizinischen Abhandlungen üblichen Schema von Kopf bis Fuß behandelt werden, hier von caput aegrum bis Podagra.[5.2] Wichtige Erkrankungen, die sonst meist enthalten sind, wie Epilepsie, Melancholie u. a. fehlen. Die Forschung bewertet die Zielsetzung unterschiedlich, teils als knappes Lehrgedicht, teils als parodistische Kompilation.[5.1][1.5]

Die einzelnen Abschnitte sind zweigeteilt. Auf eine Beschreibung der Krankheit folgen pharmazeutische Behandlungsvorschläge. Wenn die Erkrankung nicht direkt genannt wird, wird sie wortreich umschrieben, z. B. Abschnitt XVIII:

Si vero immenso turbatur pondere venter
wenn der Magen durch ein gewaltiges Gewicht aufgewühlt wird[1.6]

Die Medikation ist ohne jede Mengenangabe, die Behandlung ist teils unpräzise formuliert. Dies zeigt sich bei einer der zahlreichen Übernahmen aus dem Liber medicinalis des Serenus. Dieser empfiehlt gegen das Auftreten von Würmern in den Ohren Mäusegalle in Essig. Auch bei Crispus steht das Mittel im Zusammenhang mit dem Ohrwurm, ohne dass die Applikationsweise genauer ausgeführt wird.[5.3]

Die etwa 70 Stoffe, die er nennt, von den Mitteln zur Galenik, wie Wein und Honig, über Heilkräuter bis zu tierischen Produkten wie Taubenmist oder Taubenkot, finden sich großenteils auch bei Plinius, allerdings häufig in anderem Zusammenhang.[5.4] Der Autor schmückt seinen Text aber auch mit seltenen, dort nicht gefundenen Heilmitteln, wie corallus und Hermodactylus.

Überlieferung und Weiterleben

Das Werk ist in vier Handschriften aus dem 15. und 16. Jahrhundert überliefert. Aus den beiden Textzeugen der Vatikanischen Bibliothek hat Angelo Mai 1833 eine Edition erstellt, die 1850 von Migne nachgedruckt wurde. In der Ausgabe von Ullrich (1835) wurde auch der Wiener Textzeuge berücksichtigt. Eine gegenüber Mai verbesserte Edition druckte De Renzi 1852. Die aktuelle Edition von Brunhölzl (1959) basiert auf vier Handschriften, wobei der Wiener Textzeuge stemmatologisch von den übrigen abgetrennt wird. Stannard gab 1966 eine englische Übersetzung heraus.

Handschriften

  • U = Roma, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. Urb. lat. 668, f.95r–99v (15. Jh.), mit Epistel und Gedicht. (Digitalisat)
  • P = Roma, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. Pal. lat. 1587, f.96v–101v (1468, Florenz, Pietro Cennini), mit Epistel und Gedicht. (Digitalisat)
  • M = Paris, Bibliothèque nationale, lat. 6864, f.200r–204r (15. Jh.), mit Epistel und Gedicht. (Digitalisat)
  • V = Wien, Österreichische Nationalbibliothek, cod. 4772, f.141v–147v (frühes 16. Jh., teilweise von Johannes Cuspinian), Gedicht ohne Widmungsepistel.

Textausgaben

  • Franz Brunhölzl: Benedetto di Milano ed il 'Carmen medicinale' di Crispo. In: Aevum, Band 33 (1959), S. 25–67 (JSTOR:20859211)
  • Salvatore de Renzi: Collectio Salernitana ossia Documenti inediti. Band 1. Neapel 1852. S. 73–87 (Digitalisat)
  • Johannes Val. Ullrich: S. Benedicti Crispi Commentarium Medicinale. Kitzingen 1835. (Digitalisat)
  • Angelo Mai: Classici Auctores e codicibus Vaticanis editi. Band 5. Rom 1833. S. 391 ff. (Digitalisat)

Übersetzung

  • Jerry Stannard: Benedictus Crispus, an Eighth Century Medical Poet. In: Journal of the History of Medicine and Allied Sciences, Band 21 (1966), S. 24–46 (JSTOR:24621561)

Literatur

Einzelnachweise

  1. Franz Brunhölzl: Benedetto di Milano ed il Carmen medicinale di Crispo.
    1. S. 29
    2. S. 48
    3. S. 59
    4. S. 50
    5. S. 39
    6. S. 60
  2. Max Manitius: Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters, Band 1, S. 197f
  3. Angelo Mai: Maii observationes praeviae in subsequente poemata, S. 367 ff. (Digitalisat)
  4. Friedrich Vollmer: Quinti Sereni Liber Medicinalis, Praefatio, S. III f.
  5. Jerry Stannard: Benedictus Crispus, an Eighth Century Medical Poet.
    1. a b c S. 31
    2. S. 27
    3. S. 35
    4. S. 33
  6. Julius Pagel: Geschichte der Medizin im Mittelalter., S. 630