Placas aladas

Placas aladas (spanisch: placa = Plakette, Platte, Emblem; alada = geflügelt) oder Placas líticas aladas (lítico = Stein), auch Placas sonajeras (sonajero = Rassel oder Klapper)[1] sind Objekte in Form zweiflügeliger Propeller aus verschiedenen Gesteinsarten, seltener aus Gold, die an Ausgrabungsstellen in Mittel- und Südamerika gefunden wurden. Wahrscheinlich sind sie Amulette, Hoheitszeichen von Würdenträgern und/oder Zeremonialgegenstände, im Detail ist deren Zweckbestimmung allerdings unbekannt.

Beschreibung

Placas aladas sind in ihrer häufigsten Form sehr dünne, längliche Steinplatten mit zwei seitlichen Flügeln, die oft mit einem dreieckigen Mittelteil verbunden sind. Sie ähneln im Aussehen zweiflügeligen Flugzeugpropellern ohne Anstellwinkel. Am oberen Mittelteil befindet sich ein erhabener Bereich, der von beiden Enden her mit konischen Längsbohrungen versehen ist, wahrscheinlich zur Aufnahme einer Umhängeschnur. Die beiden Seitenflügel sind von anmutig geschwungener Form mit einem ovalen Querschnitt und deutlich länger als hoch.

Die Objekte wurden aus verschiedenen Gesteinsarten gefertigt, teils aufwendig poliert. Je nach Ursprung kommen unterschiedliche Mineralien infrage: Jade, Serpentinit, Grünstein, grüner Jaspis, seltener Achat. Es gibt aber auch Exemplare aus gewöhnlichem, schwarzem oder grünem Schiefer.[2] Einzelne, eher selten vorkommende Exemplare bestehen aus Gold oder Tumbaga.

Vorkommen

Geflügelte Steinanhänger dieser und ähnlicher Form stammen nachweislich aus einem Gebiet, das sich von Südmexiko über Venezuela bis zu den Antillen erstreckt. Allerdings gibt es bei aller Ähnlichkeit formale Unterschiede zwischen den Exemplaren aus den verschiedenen Regionen und ethnischen Gruppen. So sind beispielsweise die Objekte aus Costa Rica im Allgemeinen deutlich naturalistischer gestaltet als die stilisierten Plaketten der Tairona-Kultur oder aus Venezuela.[3]

Die Verbreitung der Artefakte über ein ausgedehntes Areal in Mittel- und Südamerika sowie der Karibik beweist, dass ein kultureller Austausch stattgefunden hat. Dies war nicht zwangsläufig ein Austausch der Objekte selbst, sondern eher des Wissens um ihre Herstellung und die rituelle Bedeutung, wie die Abweichungen in der Form und den Materialien belegen.[4.1]

Tairona-Kultur (Kolumbien)

Die häufigsten Funde stammen aus der Sierra Nevada de Santa Marta in Kolumbien. In den Siedlungen der Tairona – zum Beispiel Ciudad Perdida – wurden zahlreiche fein gearbeitete Steinanhänger als Beigaben in Bestattungsurnen und keramischen Opfergefäßen mit Deckel oder verborgen in Steinkästen unter den Wohn- oder Zeremonialplattformen entdeckt. Mit ihnen vergesellschaftet waren andere rituelle Artefakte wie steinerne Zepter, gegabelte Stäbe und geschäftete, aus einem einzigen Steinblock gefertigte Zeremonialäxte.[5.1] Sie datieren aus der Zeit von 1000 bis 1600 n. Chr.[6.1]

Venezuela

In Venezuela wurden geflügelte Steinanhänger aus Serpentinit und Steatit gefunden, die den Miquimú-Phasen (300 – 1000 n. Chr.) und Mucuchíes-Phasen (1000 – 1500 n. Chr.) in den venezolanischen Anden zuzuordnen sind.[7] Der archäologische Kontext deutet darauf hin, dass es sich bei den Fundorten um Grabanlagen handelt. Die Placas aladas dürften als Grabbeigaben anzusehen sein. Da in Venezuela keine Serpentinit-Vorkommen bekannt sind, wird vermutet, dass das Rohmaterial aus der Sierra Nevada de Santa Marta in Kolumbien stammen könnte.[6.2]

Costa Rica

Die Steinanhänger aus Costa Rica gelten als die schönsten und kunstvollsten ihrer Art. Sie sind aus Jadeit und Achat geschnitzt und zeigen sorgfältig ausgearbeitete Vogel- oder Fledermausmenschen mit reliefartig gestalteten Körpern als Mittelteil zwischen zwei langen, ausgebreiteten Flügeln, die bei besonders schönen Stücken in Tukan-Köpfen enden.[4.2] Die Fundstücke datieren in einem Zeitraum von 300 v. Chr. bis 700 n. Chr.[6.2]

Panama

Auf der kleinen Isla Pedro González, einer der Perleninseln in Panama, wurden an der archäologischen Stätte Punta Zancadilla Relikte einer vorkolumbianischen Kultur ausgegraben, darunter stilisierte, geflügelte Plaketten unterschiedlicher Größe aus grünem Jaspis und Achat. Die Placas aladas sind hochpoliert und weisen eine Art „Nase“ auf, die aus dem Mittelteil nach oben hinausragt. Die Beifunde lassen sich nach der Radiokarbonmethode auf die Mitte des ersten Jahrtausends n. Chr. datieren.[8]

Verwendungszweck

Placas aladas oder Placas sonajeras sind ohne Zweifel Kultobjekte, wie die Vergesellschaftung mit anderen Zeremonialgegenständen an den archäologischen Fundstellen der Tairona-Kultur beweist. Ihre genaue Verwendung bleibt jedoch ungeklärt, obwohl es einige Erklärungsansätze gibt.

Der deutsche Altamerikanist Walter Lehmann übersetzte den Namen Placas sonajeras als „Klangplatten“.[9] Die Kogi, die heutigen Nachkommen der Tairona, verwenden ähnliche Objekte als Rasseln oder Schellen bei rituellen Tänzen. Paarweise an den Ellbogen der Tänzer befestigt, erzeugen die hölzernen Platten, Máxalda genannt, beim Aneinanderschlagen klappernde Geräusche. Es ist nicht unproblematisch von der heutigen Zeit oder der jüngeren Vergangenheit auf die Vorgeschichte zu schließen, aber möglicherweise verwendeten die Tairona die Placas aladas auf vergleichbare Art.[10]

Eine andere Interpretation deutet die Placas aladas als zeremoniellen Brustschmuck und/oder Rangabzeichen.[5.2] Die Bohrungen im oberen Mittelteil der Objekte lassen vermuten, dass dort eine Befestigungs- oder Umhängeschnur – wahrscheinlich aus vergänglichen Materialien – angebracht war. In vielen altamerikanischen Kulturen waren aufwendig gestaltete und verzierte Pektorale aus kostbaren Materialien – zum Beispiel: Gold, Grünstein und Jade – Statussymbole von Herrschern und hochgestellten Persönlichkeiten, um Macht, Reichtum und religiöse oder politische Autorität zu demonstrieren. Solch zeremonielle Insignien des Herrschers wurden sowohl zu Lebzeiten getragen als auch dem Leichnam beigegeben, um den sozialen Status zu kennzeichnen. Fundstücke in Museen stammen zum Beispiel von den Maya, den Mixteken oder aus der Moche-, der Muisca- und der Chimú-Kultur.[11][12][13] Funde von Placas aladas in Grabanlagen in Venezuela und in Bestattungsurnen der Tairona lassen eine ähnliche Verwendung vermuten.

Spekulationen

Anhänger der Prä-Astronautik sehen in den Placas aladas, die einige Ähnlichkeit mit einem Flugzeugpropeller oder zweiflügeligen Hubschrauberrotor haben, einen Beweis dafür, dass die Urbevölkerung des amerikanischen Kontinents bereits in prähistorischer Zeit Flugmaschinen verehrte.[14] Die Relikte werden mit kleinen Goldanhängern der Tolima- und Quimbaya-Kultur von stilisierten Vögeln oder fliegenden Fischen in Zusammenhang gebracht, die als Abbilder von Strahlflugzeugen mit Deltaflügeln interpretiert werden.

Für derartige Spekulationen fehlt jeglicher Beweis. Die ungewöhnliche Gestalt der Placas aladas leitet sich von einer stark stilisierten zoomorphen Mischung aus Mensch und Fledermaus oder Vogel ab, wie sich aus den eher naturalistisch gestalteten Exemplaren aus Costa Rica schließen lässt. Die Ähnlichkeit mit der Form eines Flugzeugpropellers ist rein zufällig.

Einzelnachweise

  1. Gerardo Reichel-Dolmatoff: Contactos y cambios culturales en la Sierra Nevada de Santa Marta. In: Revista Colombiana de Antropologia, Bd. 1, 1953, S. 42
  2. J. Alden Mason: Archaeology of Santa Marta Colombia: The Tairona Culture: Part II, Section 1, objects of stone, shell, bone, and metal. In: Publications of the Field Museum of Natural History, Jg. 20, 1936, Nr. 2, S. 133–272, hier S. 179
  3. Alexandra Inés Chacón Vieras: La placa alada: su universo conocido y una intuitiva analogía con el cuerpo humano. In: Boletín antropológico, 2011, Jg. 29. Jg., Juli–Dezember 2011, Nr. 82, S. 94–115
  4. Arqueologa en El Suroccidente de La Sierra Nevada Del Cocuy o Chita. Fundación de Investigaciones Arqueológicas Nacionales, Bogota 1999, ISBN 978-9586081511
    1. Page 171.
    2. Page 53.
  5. Clemencia Plazas: El humano-murciélago en el Área Intermedia Norte Distribución, formas y simbolismo. Instituto Colombiano de Antropología e Historia, Bogotá 2018, ISBN 978-958-8852-46-1
    1. Page 134.
    2. Page 74.
  6. Natalia Acevedo Gómez et al.: Placas aladas de las sociedades Nahuange y Tairona (100–1600 dc), Sierra Nevada de Santa Marta, Colombia: Materia prima y áreas de procedencia. In: Latin American Antiquity, 2018, Jg. 29. 2018, Nr. 4, S. 774–792
    1. Page 3.
    2. a b Page 2.
  7. Erika Wagner, Carlos Schubert: Pre-Hispanic workshop of serpentinite artifacts, Venezuelan Andes, and possible raw material source. In: Science, Jg. 175, Nr. 4024, 1972, S. 888-890; hier S. 888
  8. Yajaira Núñez Cortés: El sitio Punta Zancadilla (L-100). In: Canto Rodado: Revista especializada en patrimonio, Nr. 10, 2015, S. 59
  9. Walter Lehmann: Die Archäologie Costa Ricas: erläutert an der Sammlung Felix Wiss im Museum der Naturhistorischen Gesellschaft zu Nürnberg. Nister, 1913, S. 101
  10. Metropolitan Museum of Art, New York. Abgerufen am 10. November 2025.
  11. Glanz und Untergang des alten Mexiko. Katalog zur Ausstellung im Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim, Philipp von Zabern, Mainz 1986, ISBN 3-8053-0914-7
  12. Die Welt der Maya. Katalog zur Ausstellung im Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim, Philipp von Zabern, Mainz 1992, ISBN 3-8053-1293-8
  13. Sipán. Katalog zur Ausstellung in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland 2001
  14. Franklin Fernández: Placas aladas. El vuelo imaginario. 2022. Abgerufen am 14. November 2025.