Pierre Viénot

Pierre Viénot (geboren am 5. August 1897 in Clermont; gestorben am 20. Juli 1944 in London) war ein französischer Politiker der Dritten Republik und ein Widerstandskämpfer gegen die deutsche Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg.

Leben

Politik

Pierre Louis Gustave Viénot war der Sohn von Adolphe Henry Viénot, Notar in Clermont (Oise), und Eugénie Sophie Marie Fidéline Blanche. Er besuchte das Lycée Janson de Sailly in Paris und meldete sich noch vor seinem 18. Geburtstag zum Einsatz im Ersten Weltkrieg. Während eines Fronturlaubs legte er sein Abitur ab. Am 2. Juli 1916 erlitt er in der Schlacht an der Somme eine Schussverletzung. Im Juli 1918 wurde er in Villers-Cotterêts erneut schwerer verwundet.

Nach seinem Jurastudium trat er in die Kanzlei von Marschall Lyautey ein, dem französischen Generalresidenten in Marokko. In dieser Zeit knüpfte er enge Beziehungen zum Marschall,[A 1] aber auch zu Wladimir d’Ormesson, Paul Desjardins, Félix de Vogüe[1], André Gide und Léopold Justinard[2].

Von 1923 bis 1925 unternahm Viénot mehrere Reisen nach Deutschland, um sich auf die Aufnahmeprüfung für das Außenministerium vorzubereiten. Von 1925 bis 1930 setzte er sich für eine Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland ein. Er entwickelte die Idee, einen deutsch-französischen Verein zu gründen: Es entstand das Deutsch-Französische Studienkomitee (Comité franco-allemand d’information et de documentation), das 1926 in Luxemburg gegründet wurde und unter der Schirmherrschaft des luxemburgischen Industriellen Émile Mayrisch stand. In dieser Zeit lernte er dessen Tochter Andrée Mayrisch kennen, die er am 18. Juli 1929 in Paris heiratete. Bis 1929 leitete er das Berliner Büro des Komitees, wurde dann jedoch aufgrund interner Meinungsverschiedenheiten seines Amtes enthoben.[3][4][5]

Das Ehepaar Viénot ließ sich 1930 in den Ardennen nieder und 1932 wurde Pierre Viénot Abgeordneter von Rocroi für die Parti socialiste français (Französische Sozialistische Partei, nicht zu verwechseln mit der führenden Partei der Linken, der SFIO). Nach seiner Wiederwahl 1936 wurde er Sous-secrétaire d’État für die Protektorate im Maghreb und die Mandatsgebiete im Nahen Osten. Im Herbst 1936 handelte er die Verträge aus, die dem Libanon und Syrien die Unabhängigkeit gewährten. Diese Verträge wurden aufgrund der Opposition des Senats nicht ratifiziert, dienten jedoch als Grundlage für die tatsächliche Unabhängigkeit dieser Länder am Ende des Zweiten Weltkriegs. Sein Kabinettschef war Pierre Bertaux und er stand in Verbindung mit Habib Bourguiba.[6][A 2]

Im Juni 1937, nach dem Sturz der Regierung Blum, trat er der SFIO bei. Im folgenden Jahr kritisierte er das Münchner Abkommen und leitete zusammen mit Pierre Brossolette und Daniel Mayer die Gruppe Agir (Handeln), eine sozialistische Organisation, die eine harte Haltung gegenüber Nazi-Deutschland und dem faschistischen Italien befürwortete.[7] Er selbst litt aber unter den Folgen seiner Verwundung von 1918, musste sich in einem Sanatorium behandeln lassen zund gehörte deshalb den Nachfolgekabinetten nicht mehr an.[7]

Zweiter Weltkrieg

1939 meldete er sich erneut zum Militärdienst, doch aufgrund seines Gesundheitszustands und seines Alters musste er während des Krieges gegen Frankreich hinter der Front bleiben. Dort leitete er deutschsprachige Sendungen des Nationalradios.[7] Im Juni 1940 ging er mit 27 weiteren Parlamentariern an Bord des Passagierschiffs Massilia. In Rabat wurde er von der Verwaltung unter Hausarrest gestellt. Nach seiner Rückkehr ins französische Mutterland wurde er im Dezember 1940 vom Militärgericht in Clermont wegen Fahnenflucht zu acht Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Nachdem er seine Probleme mit der Justiz des Vichy-Regimes hinter sich gelassen hatte, war er im März 1941 Mitbegründer der politischen Widerstandsbewegung CAS (Comité d’action socialiste). Er engagierte sich in dieser Widerstandsbewegung insbesondere an der Seite von Daniel Mayer und André Philip.

1942 wurde er verhaftet und inhaftiert, unter Hausarrest gestellt und dann, da er krank war, in das Sanatorium von Sancellemoz verlegt, aber im folgenden Jahr gelang ihm die Flucht.[8] Er schloss sich daraufhin General de Gaulle in London an und überbrachte ihm einen Brief von Édouard Herriot. Von da an bis zu seinem Tod war er Botschafter des freien Frankreichs bei der britischen Regierung. In dieser Funktion gehörte er zu den französischen Beamten, die erreichten, dass Frankreich nicht von der Alliierten Militärregierung der besetzten Gebiete[A 3], sondern von der am 3. Juni 1944 in Algier gegründeten Provisorischen Regierung der Französischen Republik verwaltet wurde.

Doch diese Anstrengungen waren für seinen geschwächten Körper zu viel, und einen Monat später erlag er einem Herzinfarkt. Seine Frau Andrée Viénot, ebenfalls Widerstandskämpferin, war Mitglied der Assemblée consultative provisoire (Vorläufige Beratende Versammlung) und wurde später Unterstaatssekretärin, Abgeordnete und Bürgermeisterin von Rocroi. Beide sind auf dem Friedhof von Chooz (Ardennen) begraben.

Ehrungen

Werke

  • Is Germany finished? Faber and Faber, London 1931.
    • Deutsche Ausgabe Ungewisses Deutschland : Zur Krise seiner bürgerl. Kultur, Übersetzung Eva Mertens, Societäts-Verlag 1931

Literatur

  • Guido Müller: Pierre Viénot et le bureau berlinois du Comité d'études franco-allemand. In: Gilbert Kreps, Hans Manfred Bock: Échanges culturels et relations diplomatiques. Presses Sorbonne Nouvelle, 2018, ISBN 978-2-87854-806-8, S. 51–68 (google.de).
  • Gaby Sonnabend: Pierre Viénot (1897–1944) : Ein Intellektueller in der Politik. In: Pariser Historische Studien. 2005, doi:10.1524/9783486835748.[10]
  • Pierre Viénot, in: Georg Wiesing-Brandes: Walter Benjamin. Das Pariser Adressbuch. Eine Biographie des Exils im Spiegel. Wädenswil: Nimus, 2025, S. 519–523
Commons: Pierre Viénot – Sammlung von Bildern

Anmerkungen

  1. Die französischsprachige Wikipédia erwähnt unbelegt, Lyautey habe Viénot in seinen Briefen als „mein Sohn“ bezeichnet.
  2. Die französische Sprachversion zitiert unbelegt Charles-André Julien, Viénot sei von einflussreichen Kolonisten als „Antichtrist“ bezeichnet worden.
  3. Siehe dazu weiterführend Gouvernement militaire allié des territoires occupés in der französischsprachigen Wikipédia.

Einzelnachweise

  1. Angaben zu Félix de Vogüe in der Datenbank der Bibliothèque nationale de France.
  2. Léopold Justinard. In: Deutsche Biographie (Index-Eintrag).
  3. Les Documents politiques, diplomatiques et financiers vom 1. Februar 1929 auf Gallica
  4. Siehe Literaturliste Müller 2018
  5. Pierre Bertaux: Un normalien à Berlin. Publications de l'institut d'allemand, 2001, ISBN 2-910212-16-5 (google.de).
  6. Siehe Weblink der Assemblée nationale
  7. a b c Siehe Weblink Le Maitron
  8. Comptes-rendus & mémoires de la Société archéologique et historique de Clermont-de-l'Oise; 1991 auf Gallica
  9. Siehe Weblink L’ordre de la libération
  10. Gaby Sonnabend - Pierre Viénot, die Familie Mayrisch und Luxemburg auf YouTube, abgerufen am 11. Januar 2026.