Picardische Terz

Unter picardischer Terz versteht man in der Musik die große Dur-Terz im Tonika-Schlussakkord eines Abschnitts, der eigentlich in Moll steht. Der Molldreiklang galt bis zur Renaissance, wie zum Beispiel Zarlino (1558) ausführt, als Dissonanz, weshalb ein abschließender vollkommener Durakkord als Aufhellung galt.

Erklärung: Ein reiner Durakkord erzeugt Differenztöne, die selbst im Akkord enthalten sind, der Mollakkord dagegen erzeugt auch akkordfremde Differenztöne.

Hermann von Helmholtz schreibt in „Die Lehre von den Tonempfindungen“:[1]

„Wenn am Schlusse eines Satzes, der in einer Molltonart sich bewegt, zuletzt ein Duraccord eintritt, so klingt dies immer wie eine plötzliche und unerwartete Aufhellung des trüben Charakters der Molltonart; ein solcher Schluss erscheint nach der Sorge, dem Kummer, der Unruhe des Mollsatzes erheiternd, aufklärend und versöhnend.[2]

Jean-Jacques Rousseau führt die Bezeichnung „picardische Terz“ (Tierce de Picardie) in seinem Dictionnaire de Musique (1768) darauf zurück, dass die oben beschriebene Praxis am längsten in der Kirchenmusik gepflegt worden sei und dementsprechend insbesondere in der französischen Provinz Picardie mit ihren zahlreichen Kathedralen und Kirchen.[3]
Demgegenüber stellt Robert A. Hall die Hypothese auf, die geographische Angabe „de Picardie“ sei eine Reinterpretation des altfranzösischen Adjektivs picart, picarde (deutsch: „scharf“, „spitz“); mit tierce picarde sei demnach eine „geschärfte“ Durterz am Ende eines in Moll gehaltenen Abschnitts beschrieben worden.[4]

Die Tradition hielt sich als Konvention bis ins Barock. So enden etwa bei Johann Sebastian Bach viele Choräle, Orgeltoccaten usw., die in einer Molltonart stehen, noch mit einem Durakkord, manchmal auch schon mit einem Mollakkord (zum Beispiel in der Toccata und Fuge d-Moll BWV 565). Nach dem Barock sind Dur-Schlüsse in Mollkompositionen nur noch als ungewöhnliches Ausdrucksmittel zu betrachten und wurden damit seltener. Zu Mozarts Zeiten war der Mollschluss in den Molltonarten bereits das Übliche.

Zeitlich parallel zum Verschwinden der picardischen Terz wurden die mitteltönigen Stimmungen durch wohltemperierte Stimmungen abgelöst. Dass die Praxis des Dur-Schlussakkordes aber aufgrund der Einführung der wohltemperierten Stimmungen aufgegeben wurde, ist eine umstrittene These.

Hörbeispiel:

rein

mitteltönig

gleichstufig


Vergleich der Intervallgrößen (in Cent):

Intervall rein mitteltönig gleichstufig
große Terz {a–cis' bzw. c'–e'} 386 386 400
kleine Terz {a–c' bzw. cis'–e'} 316 310 300
Quinte {a–e'} 702 697 700

Quellen und Literatur (chronologisch)

  • Jean-Jacques Rousseau: Dictionnaire de Musique. Paris 1768 (online unter rousseauonline.ch, Volltextsuche möglich).
  • Robert A. Hall Jr.: How Picard was the „Picardy Third“?. In: Current Musicology. Nr. 19, 1975, S. 78–80 (online).

Einzelnachweise

  1. 5. Aufl. S. 482
  2. Hermann von Helmholtz: Die Lehre von den Tonempfindungen als physiologische Grundlage für die Theorie der Musik. Vieweg, Braunschweig 1863, 5. Aufl. 1896 (Nachdruck: Minerva-Verlag, Frankfurt am Main 1981, ISBN 3-8102-0715-2, (Auszug: http://kilchb.de/rein_helmholtz.php).
  3. Rousseau 1768, S. 515: „Tierce de Picardie; parce que l'usage de cette finale est resté plus longtems dans la Musique d'Église, et, par conséquent en Picardie, où il y a Musique dans un grand nombre de Cathédrales, et d'autres Églises.“
  4. Hall 1975, S. 79.