Petrus Cantor

Petrus Cantor (französisch Pierre le Chantre) († 1197 in der Abtei Longpont) war ein französischer römisch-katholischer Theologe der Scholastik und Kantor in der Kathedrale Notre-Dame de Paris. Er kommentierte das Alte und das Neue Testament und verfasste mehrere Summen über exegetische und theologische Fragen, insbesondere die Sakramente. Sein bekanntestes Werk ist das Verbum abbreviatum, das in mehreren Fassungen Verbreitung fand.

Geboren in Hodenc-en-Bray bei Beauvais, besuchte er die Domschule von Reims. Vor 1173 wurde Petrus Kanoniker an der Pariser Kathedrale, wo ab 1183 die Stelle als Kantor und Leiter der Chorschule innehatte. Seine Wahl zum Bischof von Tournai scheiterte mangels Bestätigung durch den Metropoliten, eine Wahl zum Bischof von Paris nahm er nicht an. Im Jahr 1196 war er als Kirchenrechtsexperte im Scheidungsverfahren von König Philipp II. August gegen die verstoßene Ingeborg von Dänemark beteiligt, wobei Papst Coelestin III. diese Scheidung ablehnte. Als Petrus nach seiner Wahl zum Dekan im Domkapitel von Reims 1197 dorthin reiste, erkrankte er und starb bei einem Aufenthalt in der Abtei Longpont.

Petrus’ am weitesten verbreitete Werk (etwa 90 Handschriften sind erhalten) ist als Verbum abbreviatum bekannt, von dem es vier unterschiedlich lange Fassungen gibt. Eine erste Fassung entstand zwischen 1187 und 1191. In diesem umfangreichen moraltheologischen Werk widmete sich Petrus Cantor Fragen der Seelsorge, des Bußsakraments, der Ehe und anderen theologischen und moralischen Themen. Sein Zielpublikum waren angehende Geistliche, die in der Seelsorge tätig waren.

Die Summa de sacramentis et animae consiliis ist ab 1191 aus Vorlesungen entstanden, die Petrus gehalten hat, und geht in großen Teilen auf Mitschriften seiner Hörer zurück, was teils zu inhaltlichen Unstimmigkeiten geführt hat. Die Summa diskutiert verschiedene ethische Fragen (vor allem im Zusammenhang mit Simonie) unter Anführung einschlägiger kirchlicher Autoritäten (z. B. Aussagen von Kirchenvätern, Bibelstellen, Kirchenrecht). Eine Besonderheit ist die stark kasuistische Herangehensweise, die die Summa zu einer wichtigen Quelle für kirchliche Sicht auf relativ alltägliche Probleme (z. B. Herrschaft, Steuern, Handel, Eheleben) macht, wie John Wesley Baldwin in einer grundlegenden Studie nachgewiesen hat.[1][2][3]

Petrus Cantor gilt als einer der einflussreichsten Theologen seiner Zeit. Sein Werk wird als Wendepunkt zu einer weniger spekulativen, mehr auf den christlichen Alltag ausgerichteten Theologie gesehen.[3] Auch über seinen großen Schülerkreis (u. a. Robert von Courson, Stephen Langton, Robert von Flamborough, Jacques de Vitry, Gerald von Wales) hatte Petrus Cantor langfristigen Einfluss auf die Universität Paris und die westliche Kirche insgesamt.[1] Jacques Le Goff sah in Petrus Cantor einen Urheber der Vorstellung eines Fegefeuers an, weil er mehrfach das Substantiv purgatorium (‚Fegefeuer‘) verwendete.[4]

Quellen und Literatur

Quellen zu Petrus Cantor

Ausgaben seiner Werke

Die Werke es Petrus Cantor sind in einer unzuverlässigen Ausgabe in der Patrologia Latina (Band 205, col. 9-554) abgedruckt; für die Summa und das Verbum abbreviatum liegen kritische Ausgaben vor.

  • Summa de sacramentis et animae consiliis, hg. von Jean-Albert Dugauquier. Louvain University Press, Löwen 1954–1967.
  • Verbum Abbreviatum Petri Cantoris Parisiensis. Verbum adbreviatum. Textus conflatus, hg. von Monique Boutry (= Corpus Christianorum. Continuatio Mediaevalis, 196). Brepols, Turnhout 2004[5]

Literatur

  • John Wesley Baldwin: Masters, Princes and Merchants: The Social Views of Peter the Chanter and his Circle, 2 Bände, Princeton University Press, Princeton 1970.
  • Philippe Buc: L’Ambiguïté du Livre. Prince, pouvoir, et peuple dans les commentaires de la Bible au Moyen Âge, Beauchesne, 1994, ISBN 2-7010-1298-8.
  • R. Peppermüller: Petrus Cantor. In: Lexikon des Mittelalters (LexMA). Band 6. Artemis & Winkler, München/Zürich 1993, ISBN 3-7608-8906-9, Sp. 1965 f.

Einzelbelege

  1. a b John Wesley Baldwin: Masters, Princes and Merchants. The Social Views of Peter the Chanter and His Circle. Princeton University Press, 1970.
  2. Ludwig Schmugge: Rezension zu Master, Princes, and Merchants. In: Historische Zeitschrift Band 213, 1971, S. 682–684.
  3. a b Stephen C. Ferruolo: The Origins of the University: The Schools of Paris and Their Critics, 1100–1215. Stanford University Press, 1985, v. a. S. 185-186 und 301-303.
  4. Jacques Le Goff: La naissance du Purgatoire. Gallimard, Paris 1981, S. 225.
  5. https://www.recensio.net/rezensionen/zeitschriften/sehepunkte/14/09/petrus-cantor-parisiensis