Petre Ozcheli

Petre „Petja“ Grigorewitsch Ozcheli (georgisch პეტრე გრიგოლის ძე ოცხელი, Petre Grigolis dse Ozcheli; russisch Пётр Григорьевич Оцхели, Pjotr Grigorjewitsch Ozcheli; wiss. Transliteration Petre Oc̕xeli; * 25. Septemberjul. / 8. Oktober 1907greg. in Kutaissi, Russisches Kaiserreich, heute Georgien; † 2. Dezember 1937 in Moskau, Sowjetunion)[1] war ein georgisch-sowjetischer Kostüm- und Bühnenbildner. Seine Arbeiten sind der georgischen Avantgarde zuzuordnen und enthalten Elemente von Futurismus, Konstruktivismus, Surrealismus, Art déco und kaukasischer Folklore. Am bekanntesten sind seine Entwürfe für den Film Der geflügelte Maler (Крылатый маляр / Mprinawi mghebawi) von Leo Essakia.[2] Ozcheli wurde während des Großen Terrors der kommunistischen Diktatur verhaftet und von einer Troika wegen angeblichen Verrats verurteilt und erschossen.[3]

Leben

Petre Ozcheli kam 1907 in Kutaissi, der Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements (Imeretien), in einer Familie georgischer Katholiken und Händler zur Welt. Die Familie war wohlhabend und weltoffen, der Theaterbesuch gehörte ebenso zum Familienleben wie der regelmäßige Besuch des Gottesdienstes am Sonntag.[4] Seit frühester Kindheit war Petjas Leidenschaft das Malen und Zeichnen.

Aus beruflichen Gründen zog der Vater Grigori Petrowitsch Ozcheli vor dem Ersten Weltkrieg mit seiner Familie nach Moskau. Der junge Petja besuchte von 1914 bis 1918 das an die katholische Kirche angeschlossene französische Gymnasium Saint Philip Neri. Nach der Oktoberrevolution wurde die Familie von den Bolschewiki enteignet und kehrte verarmt in eine kurzzeitig unabhängige Republik Georgien zurück. Hier besuchte Petja die Realschule seiner Geburtsstadt Kutaissi und wurde von Iwane Tscheischwili im Zeichnen unterrichtet.[5]

Petre musste wegen einer Knochentuberkulose (3-45 Wirbel) lebenslang ein Korsett tragen und war auch vom Wehrdienst befreit.[6] Im Jahr 1926 wechselte er an die Akademie der Schönen Künste in Tiflis und studierte unter anderem bei Iossif Charlemagne. Die Akademie der Künste galt im 20. Jahrhundert als die beste Kunstschule der Region. Bereits 1927 erhielt Ozcheli die Gelegenheit, am Tifliser Arbeitertheater eine Inszenierung von Anatoli Lunatscharskis Stück Die Brandstifter zu gestalten. Seine Arbeit fiel dem renommierten Theaterregisseur Konstantin „Kote“ Mardschanischwili (1872–1933) auf, der die Vorstellung besuchte.[7]

Mardschanischwili vertraute dem 22-jährigen Bühnenbildner 1929 die Gestaltung des Stücks Uriel Acosta von Karl Gutzkow an. Damit begann eine fruchtbare Zusammenarbeit. Ozcheli gestaltete fast alle folgenden Inszenierungen des Regisseurs am Dramatischen Theater in Kutaissi. Ab 1931 verlagerte sich Mardschanischwilis Arbeitsschwerpunkt in die sowjetische Hauptstadt Moskau, wo er mit dem Zweiten Dramaturgischen Theater ein eigenes Haus leitete. Ozcheli wohnte bei seinen Aufenthalten in Moskau bei seinem Bruder Leon.[8] Die Skizzen für die drei Stücke von 1933 – Hamlet, Othello und Spartakus – gelangten aufgrund des überraschenden Tods von Kote Mardschanischwili im Jahr 1933 nicht mehr zur Aufführung.[9]

„Es gibt Menschen, über die nicht zu sprechen unmöglich ist … Wenn ich mir heute die erstaunlichen Bühnenbilder P. Ozchelis anschaue, kommt mir ein bescheiden und einfach gekleideter junger Mann in den Sinn, und man wundert sich, wie viel Talent und Phantasie in diesem kleinen, schmächtigen Menschen steckte. Der lebensfrohe junge Mann war bei allen beliebt. Er war unser Freund, der Beschützer aller interessanter Unternehmungen, ein Mensch, der das Leben liebte. Auch wenn er das Joch einer schweren Erkrankung trug und sich kaum bewegen konnte, verlor er nie die Lebenslust und das Interesse an der Umwelt…“

Weriko Andschaparidse: Autobiografische Aufzeichnung[10]

Im Jahr 1936 zeichnete Ozcheli Entwürfe für den Spielfilm Der geflügelte Maler von Leo Essakia. Dabei entstand auch sein markantester Entwurf, das Bild eines selbstbewussten Piloten mit drei am Himmel schwebenden Flugzeugen. Der Film handelt von einem Anstreicher, der unverhofft zum Fallschirmspringer ausgebildet wird und dabei auf eine selbstbewusste Pilotin trifft.[11]

In den 1930er Jahren wirkte Ozcheli viel in Moskau. 1937 gewann er eine Ausschreibung von Konstantin Stanislawski zum Bühnenbild der Verdi-Oper Rigoletto. Die Aufführung erlebte er jedoch nicht mehr.[12]

Tod

Am 27. November 1937, einen Monat nach seinem 30. Geburtstag, wurde Ozcheli von einer Gerichtstroika des NKWD verhört. Die Mitschriften des Verhörs und das Protokoll des Urteils vom 29. November sind in Kopien erhalten geblieben; die Originaldokumente sind 1999 im KGB-Archiv verbrannt.[13] Im Urteilsprotokoll mit der Nummer 56 heißt es:

„OTSKHELI hat in Verbindung zu Mitarbeitern einer ausländischen Botschaft gestanden, die in der UdSSR Spionage und Spionageabwehr durchgeführt hat. Er ist der Zugehörigkeit zu einer terroristischen konterrevolutionären Organisation angeklagt, die im Auftrag des Georg[ischen] Nat[ionalen] Zentrums durch den Direktor des Maly-Theaters in Moskau AMAGLOBELI, S.I., gegründet wurde (…) Hat sich nicht schuldig bekannt, wurde aufgrund von Zeugenaussagen überführt.“

Ataschjan, Vorsitzender der Troika: Protokoll Nr. 56[14]

Das auf konstruierten Anschuldigungen basierende Urteil der Troika lautete: „Erschießen. Seinen Besitz beschlagnahmen.“[15] Das Todesurteil wurde am 2. Dezember 1937 vollstreckt.[16] Der mitangeklagte Theaterdirektor Sergo Amaghlobeli wurde ebenfalls erschossen.[17] Weitere namhafte georgische Intellektuelle, die 1937 im Rahmen der sogenannten Großen Säuberung erschossen wurden, waren der Schriftsteller Micheil Dschawachischwili (1880–1937), der Maler Dimitri Schewardnadse (1885–1937), der Theaterdirektor Sandro Achmeteli (1886–1937), die Dichter Paolo Iaschwili (1894–1937) und Tizian Tabidse (1895–1937), der Dirigent Ewgeni Mikeladse (1903–1937) sowie der georgisch-abchasische Dramatiker Samson Tschanba (1886–1937).

Ehrungen

Der geflügelte Maler in Kutaissi am Tag und bei Nacht (2025)

In seiner Geburts- und Heimatstadt Kutaissi erinnert seit 2022 eine Leuchtstoffröhren-Installation in der Innenstadt an Petre Ozcheli. An der Schota-Rustaweli-Avenue ist seine ikonischste Arbeit, ein Entwurf für den Spielfilm Der geflügelte Maler von 1936, als neongelbe Leuchtröhre zu sehen.

Im Empfangsgebäude des Flughafens von Kutaissi werden ankommende Fluggäste von einer lebensgroßen Reproduktion des Fliegenden Malers inklusive einer Petre-Ozcheli-Ausstellung begrüßt.

Werke (Auswahl)

Galerie

Literatur

  • Buch der Eindrücke. Buch zur Ausstellung P. Otskheli, Kutaisi 1963.
  • George Kalandia (Hrsg.): Petre Otskheli – In Flammen der Zeit. Georgien, Theater, Moderne. Aus dem Russischen von Christiane Hauschild. Merve Verlag, Berlin 2019, ISBN 9783945867181.

Siehe auch

Commons: Petre Ozcheli – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. პეტრე ოცხელი In: Biografisches Lexikon Georgiens.
  2. Крылатый маляр (1936) Фильм Лео Эсакия auf YouTube: Der Spielfilm Der geflügelte Maler handelt von der Beziehung zwischen einer selbstbewussten Pilotin und einem Anstreicher, der zur Ausbildung als Fallschirmspringer verpflichtet wird. Der Schwarzweißfilm von 1937 enthält viele Flugszenen und auch Flugstunts.
  3. Convent of execution, NKWD, 1937 bei Kunstpalast Georgiens – Kulturhistorisches Museum.
  4. ATINATI: Petre Otskheli auf YouTube.
  5. George Kalandia (Hrsg.): Petre Otskheli – In Flammen der Zeit. Berlin 2019, S. 26–28.
  6. George Kalandia (Hrsg.): Petre Otskheli – In Flammen der Zeit: Verhörprotokoll und Beschluss der Troika 1937. Berlin 2019, S. 154.
  7. George Kalandia (Hrsg.): Petre Otskheli – In Flammen der Zeit. Berlin 2019, S. 36.
  8. George Kalandia (Hrsg.): Petre Otskheli – In Flammen der Zeit: Verhörprotokoll und Beschluss der Troika 1937. Berlin 2019, S. 158.
  9. George Kalandia (Hrsg.): Petre Otskheli – In Flammen der Zeit. Berlin 2019, S. 48.
  10. George Kalandia (Hrsg.): Petre Otskheli – In Flammen der Zeit. Berlin 2019, S. 52.
  11. Prtosani mgebav bei IMDb
    .
  12. George Kalandia (Hrsg.): Petre Otskheli – In Flammen der Zeit. Berlin 2019, S. 114.
  13. George Kalandia (Hrsg.): Petre Otskheli – In Flammen der Zeit: Verhörprotokoll und Beschluss der Troika 1937. Berlin 2019, S. 150–167.
  14. George Kalandia (Hrsg.): Petre Otskheli – In Flammen der Zeit: Verhörprotokoll und Beschluss der Troika 1937. Berlin 2019, S. 166.
  15. Convent of execution, NKWD, 1937 bei Kunstpalast Georgiens – Kulturhistorisches Museum.
  16. George Kalandia (Hrsg.): Petre Otskheli – In Flammen der Zeit: Verhörprotokoll und Beschluss der Troika 1937. Berlin 2019, S. 151.
  17. Petre Otskheli bei Art.gov.ge vom 8. September 2022.