Peter Steiger (Politiker, 1804)
Peter Steiger, auch Georg Peter Friedrich Steiger-Zünd (* 4. August 1804 in Mühlehorn bei Obstalden; † 27. März 1868 in St. Gallen), war ein Schweizer evangelischer Geistlicher und Politiker.
Leben
Herkunft und Familie
Peter Steiger entstammte einem gebildeten Elternhaus. Sein Vater Jonas Steiger zog 1804 nach Mühlehorn[1] und wirkte dort seit 1805[2] als Pfarrer und seit 1808 in Ganterschwil[3]; seine Mutter Elisabeth war eine geborene Giezendanner. Diese familiäre Prägung durch das protestantische Pfarrhaus legte den Grundstein für seinen eigenen theologischen Werdegang.
Im Jahr 1834 ging Steiger die Ehe mit Anna ein, der Tochter des Johannes Zünd.
Er zog sich aus gesundheitlichen Gründen später in die Heilanstalt St. Pirminsberg (siehe Psychiatrie St. Gallen) zurück, wo er 1868 an den Folgen eines Hirnschlags starb.
Theologische Ausbildung und kirchliche Laufbahn
Von 1824 bis 1827 absolvierte Steiger ein Theologiestudium an der Universität Basel, nachdem er den Primär- und Mittelschulunterricht durch den Vater erfahren hatte. Während dieser Jahre war er zugleich Mitglied der Studentenverbindung Zofingia.
Nach Abschluss seines Studiums übernahm Steiger zwischen 1828 und 1830 eine ungewöhnliche Position als Feldprediger im Regiment Bleuler[4] in französischen Grenoble. Diese Tätigkeit war charakteristisch für die damalige Zeit, in der viele Schweizer im Militärdienst fremder Mächte standen. Als Feldprediger war er für die seelsorgerische Betreuung der Soldaten zuständig und sammelte dabei wichtige Lebenserfahrungen außerhalb der Schweiz.
Von 1830 bis 1838 amtierte Steiger als Pfarrer von Sennwald im St. Galler Rheintal.
Er wurde Mitglied der evangelischen Geistlichkeitssynode, einem wichtigen Organ der Kirchenleitung, das sich mit den Belangen der evangelischen Gemeinden befasste. Seine Fähigkeiten und sein Engagement führten dazu, dass er 1833 zum Präsidenten der Synode gewählt wurde. In dieser Rolle hatte er die Verantwortung, die Diskussionen und Entscheidungen der Synode zu leiten und die Interessen der evangelischen Gemeinschaft zu vertreten. Er war auch Mitglied im Evangelischen Grossen Rat[5] und im Zeitraum von 1833 bis 1836 deren Präsident[6]. In dieser Funktion wirkte er mit bei der Koordination zwischen den kirchlichen und staatlichen Institutionen.
Von 1846 bis 1849 hatte Peter Steiger das Amt des Präsidenten im evangelischen Collegium der Reformierten Kirche (CR) inne. Diese Position erlaubte es ihm, die Reformierte Kirche in einem entscheidenden Zeitraum zu leiten, der von gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen geprägt war. Steiger setzte sich für die Stärkung der evangelischen Glaubensgemeinschaft und die Förderung des Dialogs zwischen den verschiedenen Glaubensrichtungen ein.
Politischer Aufstieg im Kanton St. Gallen
Im Jahr 1831 wurde Steiger durch die Bezirksgemeinde Werdenberg in den Grossen Rat von St. Gallen gewählt, wo er sich vehement gegen den neuen Verfassungsentwurf für den Kanton St. Gallen engagierte und sich für die Interessen der protestantisch-liberalen Bewegung einsetzte; er gehörte dem Grossen Rat bis 1861 an. Diese dreißigjährige Zugehörigkeit zum Kantonsparlament war von außerordentlicher Kontinuität geprägt. Steiger wurde in den Jahren 1834, 1837, 1839, 1841, 1843 und 1847 jeweils zum Präsidenten des Kantonsrats gewählt.
Im Jahr 1838 wurde Steiger zum Ersten Staatsschreiber des Kantons St. Gallen ernannt, eine Position, die er bis 1849 innehatte. Als Staatsschreiber fungierte er als höchster Verwaltungsbeamter und Protokollführer der Regierung, eine Schlüsselposition in der kantonalen Exekutive. In dieser Funktion war er auch zwischen 1836 und 1847 häufig als Tagsatzungsgesandter tätig und vertrat damit die Interessen des Kantons St. Gallen auf der Ebene der damaligen Eidgenossenschaft; besonders in der Jesuitenfrage und bei der Auflösung des Sonderbundes zeichnete er sich durch leidenschaftliche Reden und eine klare Positionierung aus. Als Staatsschreiber folgte ihm 1849 Felix Helbling.
Regierungsrat und höchste kantonale Ämter
1849 wurde Peter Steiger in den St. Galler Regierungsrat gewählt, dem er bis 1861 angehörte. Er leitete das Finanzdepartement und trug damit die Verantwortung für die wirtschaftliche Steuerung des Kantons in einer Zeit des industriellen Wandels und der Modernisierung. Seine Kompetenz und sein Ansehen zeigen sich darin, dass er sechsmal zum Landammann gewählt wurde, also zum Vorsitzenden der Kantonsregierung.
Wirken auf Bundesebene
Steigers politischer Einfluss beschränkte sich nicht auf den Kanton St. Gallen. Vom 6. November 1848 bis zum 1. Juni 1850 sowie erneut vom 10. Januar bis zum 1. Juni 1853 vertrat er seinen Kanton im Ständerat, der Kantonskammer der Bundesversammlung. Diese Tätigkeit fiel in eine für die Schweiz historisch bedeutsame Phase: Die Gründung des Bundesstaates 1848 nach dem Sonderbundskrieg stellte einen fundamentalen Wandel in der Schweizer Geschichte dar.
Bei den Beratungen zur neuen Bundesverfassung von 1848 spielte Steiger eine wichtige Rolle als Verfechter des föderalistischen Zweikammersystems. Er setzte sich dafür ein, dass neben dem Nationalrat als Volksvertretung auch der Ständerat als Vertretung der Kantone mit gleichberechtigten Kompetenzen etabliert wurde. Dieses Zweikammersystem sollte die föderalistische Struktur der Schweiz sichern und verhindern, dass die kleineren Kantone von den bevölkerungsreichen dominiert würden. Steigers Engagement für dieses Prinzip war charakteristisch für seine politische Grundhaltung, die liberale Reformbereitschaft mit der Wahrung kantonaler Eigenständigkeit verband.
Journalistische Tätigkeit
Parallel zu seinen politischen Ämtern wirkte Steiger von 1842 bis 1851 als Redaktor des Wochenblatts Der Erzähler[7][8]. In dieser Funktion machte er sich einen Namen als scharfzüngiger Publizist, dessen kritische Feder gefürchtet war.[9] Die Verbindung von politischer Tätigkeit und journalistischer Arbeit war im 19. Jahrhundert durchaus üblich und ermöglichte es Steiger, seine liberalen Überzeugungen einem breiten Publikum zu vermitteln und politische Debatten aktiv mitzugestalten.
Schriften (Auswahl)
- Bedenken gegen die st. gallische Verfassungsrevision. St. Gallen, 1850 (Digitalisat).
Literatur
- Peter Steiger. In: Der Zugerbieter vom 31. März 1868. S. 3 (Digitalisat).
- Peter Steiger. In: Zürcherische Freitagszeitung vom 3. April 1868. S. 1 (Digitalisat).
- Peter Steiger. In: St. Galler Volksblatt vom 4. April 1868. S. 2 (Digitalisat).
- Peter Steiger. In: Der Bund vom 5. April 1868. S. 2 (Digitalisat).
- Alt-Landammann Steiger von Flawyl. In: St. Galler Zeitung vom 6. April 1868. S. 2 (Digitalisat) und vom 7. April 1868. S. 2–3 (Digitalisat).
- Peter Steiger. In: Die Landammänner des Kantons St. Gallen, 1. Teil (1815–1891). In: Neujahrsblatt - Historischer Verein des Kantons St. Gallen, Band 111. 1971. S. 24–25 (Digitalisat).
- Peter Müller: Peter Steiger. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
Weblinks
- Peter Steiger. In: Schweizerische Eliten im 20. Jahrhundert.
- Peter Steiger auf der Website der Bundesversammlung.
- Georg Peter Friedrich Steiger: Indexeintrag: Deutsche Biographie.
Einzelnachweise
- ↑ François Rothenflue: Toggenburger Chronik: urkundliche Geschichte sämmtlicher kath. & evang. Kirchgemeinden der Landschaft Toggenburg. Aus archiv. Sproll-Mettler, 1887 (google.de [abgerufen am 13. Oktober 2025]).
- ↑ Historischer Verein des Kantons Glarus: Jahrbuch des Historischen Vereins des Kantons Glarus. 1890 (google.de [abgerufen am 13. Oktober 2025]).
- ↑ Johann Konrad Kern: St. Gallisches Kantons-Blatt für das Jahr 1808. (google.de [abgerufen am 13. Oktober 2025]).
- ↑ Markus Bürgi: Salomon Bleuler. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 7. November 2002, abgerufen am 13. Oktober 2025.
- ↑ Hans Fehr: Staat und Kirche im Kanton St. Gallen. éditeur non identifié, 1800 (google.de [abgerufen am 13. Oktober 2025]).
- ↑ Ernst Ehrenzeller: Die evangelische Synode des Kantons St. Gallen von 1803 bis 1922. In: Neujahrsblatt / Historischer Verein des Kantons St. Gallen. Band 104, 1964, ISSN 0257-6198, S. _, doi:10.5169/seals-946443 (e-periodica.ch [abgerufen am 13. Oktober 2025]).
- ↑ Ernst Bollinger: Der Erzähler. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 14. August 2007, abgerufen am 13. Oktober 2025.
- ↑ Der Erzähler. Abgerufen am 13. Oktober 2025.
- ↑ Johann Jakob Wirth: Aufzeichnungen des Schultheissen J. J. Wirth in Lichtensteig 1789-1817. Zollikofer, 1896 (google.de [abgerufen am 13. Oktober 2025]).