Peter Kruckenberg
Peter Kruckenberg (* 5. März 1939 in Berlin; † 2. Januar 2025 in Bremen) war ein deutscher Psychiater und Psychiatriereformer. Er gilt als einer der Vordenker einer menschenrechtsbasierten, sozialen Psychiatrie. Er war Honorarprofessor an der Universität Bremen.[1] Die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP) würdigte ihn als „Pionier einer menschlichen Psychiatrie“.[2]
Biografie
Ausbildung
Kruckenberg absolvierte das Humboldt-Gymnasium (Berlin-Tegel). Er studierte an der Freien Universität Berlin zunächst Mathematik, Physik und Chemie. Er wurde Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes, wandte sich dann aber der Medizin zu. Bereits seit 1960 hat er – noch Physikstudent – als Hilfspfleger in der Psychiatrie gearbeitet, und dabei nach seinen Worten „die ganze Absurdität der Psychiatrie“ miterlebt.[2]
Nach Abschluss des Medizinstudiums war er wissenschaftlicher Assistent. Er wurde vom damaligen Universitätspräsidenten Rolf Kreibich in dessen Beraterstab berufen. Er promovierte 1968 zum Dr. med. und habilitierte 1972 in Neurophysiologie. Mit der Hinwendung zur Psychiatrie verzichtete er 1973 auf seine Lehrberechtigung in Physiologie. Er absolvierte die Facharztausbildung zum Psychiater. 1970 gehörte er zu den Mitbegründern des Mannheimer Kreises. Hier sammelten sich ab 1970 die gesellschafts- und psychiatriekritischen Kräfte, welche die Reform der psychiatrischen Versorgung forderten.[3]
Die erfahrene Notlage in der Psychiatrie und die Erkenntnis, nur im Marsch durch die Institutionen und in der Bereitschaft, sich nachhaltig einzumischen, sind die wesentlichen Gründe, die Kruckenberg auf dem Weg zur Neugestaltung der Psychiatrie geführt haben.[4]
Klinik Häcklingen
Kruckenberg trat seine erste Stelle als Facharzt für Psychiatrie in der sozialpsychiatrischen Reformklinik in Häcklingen unter der Leitung von Nils Pörksen und Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für soziale Psychiatrie (DGSP) an. Die Klinik in Häcklingen (heute Psychiatrische Klinik Uelzen) wurde zum Modellprojekt und einem der bundesweiten Vorreiter der sozial- und gemeindepsychiatrischen Reformbewegungen. Pörksen und sein Oberarzt Kruckenberg steuerten gemeinsam die Entwicklung hin zu einer „fürsorgenden regionalen Reformklinik“.[5]
Klinik in Bremen-Ost
1980 wurde Kruckenberg Chefarzt am Klinikum Bremen-Ost (KBO) und Klinikdirektor der Psychotherapeutischen Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie I. Ergänzend übernahm er später für viele Jahre dazu die Funktion des Ärztlichen Direktors des Klinikums.[6][7]
Als Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP) setze er deren Grundsätze wie De-Institutionalisierung, Einbeziehung von Psychiatrie-Erfahrenen, gemeindenahe Versorgung und ambulante Unterstützung und Krisenhilfe im Lebensumfeld um.
Die Klinik war der „Motor der Psychiatriereform in Bremen und eines der Modelle der sozialpsychiatrisch geprägten Psychiatriereform“, an der auch viele Bremer Einrichtungen teilgenommen haben, bis heute (AWO; VIA, Fokus/Genesungsbegleiter, Nachtcafé, Trialog-Gruppen).
Auflösung Kloster Blankenburg
Die Auflösung der Bremer Langzeitpsychiatrie Kloster Blankenburg mit fast 300 psychiatrischen Langzeitpatienten war Auftakt und Meilenstein der Pyschiatriereform in Bremen und gehörte bundesweit zu den ersten Projekten der Psychiatriereform im Rahmen des Bundesmodellprogramms Psychiatrie ab 1980/81.[8] Zusammen mit dem Bremer Arzt und Psychiater Klaus Pramann gehörte Kruckenberg zu den Vordenkern eines Paradigmenwechsels und damit der „De-Institutionalierung“ in der Psychiatrie seit den 1980er Jahren. Mit Unterstützung durch Bremer Politik (Senatoren Herbert Brückner und Henning Scherf, beide SPD) und finanziell ausgestattet mit Bundes- und Landesmitteln wurde zu Beginn mehr als ein Drittel der Langzeitpatienten in Bremen aufgenommen. Aufgebaut wurde für diesen Personenkreis ein gemeinschaftsorientiertes, regionales Versorgungsnetzwerk mit Tageskliniken, regionalen ambulanten Diensten sowie betreuten Wohngemeinschaften. Die begleitende Evaluation der Auflösung des Kloster Blankenburgs führte zum Ergebnis: „Wir konnten zeigen, dass die Wiedereingliederung des fälschlich sogenannten harten Kerns langzeithospitalisierter chronisch psychisch kranker und geistig behinderter Menschen langfristig gelungen ist.“[9] Erwartungsgemäß stieß dieser bis 1988 laufende Auflösungsprozess auf Vorbehalte, Widerstände und führte zu Kontroversen und Konfliken.
Kruckenbergs Zeitenwende der Psychiatrie betraf alle Bereiche einer neuen klinischen Behandlungskultur mit trialogischem Ansatz[10] und authentischer Haltung auf Augenhöhe gegenüber Patienten und Angehörigen.
Kulturambulanz
Durch Kruckenbergs Unterstützung entstand auf Initiative der Kulturwissenschaftlerin Gerda Engelbracht und Achim Tischer u. a. die KulturAmbulanz im Parkgelände am Klinikum-Ost mit dem Krankenhaus-Museum und dem Café Sophie.
Lehrauftrag
Während seiner Zeit als Ärztlicher Direktor des Klinikums Bremen-Ost war Kruckenberg auch langjähriger Lehrbeauftragter zur Sozialpsychiatrie an der Universität Bremen. Anfang 1996 ernannte ihn der Akademische Senat zum Honorarprofessor. In seiner Antrittsvorlesung zum „Beitrag der Universitäten zur Psychiatrie-Reform“ kritisierte er die medizinisch-biologische Forschung, die pharmakologisch geprägten Behandlungsstrukturen und die fehlende regionale Öffnung und die damit einhergehenden selbstreferentiellen, systemstabilisierenden Strukturen der Universitätspsychiatrie, die von Statusinteressen und Kritikabwehr gegenüber Reformideen bestimmt werden.
Verabschiedung
2004 wurde Kruckenberg im Rathaus vom Präsidenten des Senats Henning Scherf feierlich in den Ruhestand verabschiedet. Sein langjähriger beruflicher Kollege und Wegbegleiter Niels Pörksen brachte das Wirken von Kruckenberg in seinem Festvortrag auf den Punkt: „Peter Kruckenberg hat sich um die Neugestaltung der Psychiatrie in Bremen und in der BRD verdient gemacht.[11]
Kruckenberg war verheiratet mit der Dipl.-Sozialpädagogin Hiltrud Kruckenberg, die für die DGSP langjährig Fortbildungsangebote konzeptionierte und organisierte. Gemeinsam hatten sie drei Kinder.
Weiteres Wirken
Kruckenberg war danach Berater in der Politik, Psychiatrie-Experte, Gutachter, Patientenfürsprecher, Interviewpartner von Zeitungen und kritischer Begleiter der bremischen Psychiatrieentwicklung.
Er war bundesweit Experte in Fragen der adäquaten Personalbemessung, der Finanzierung der Psychiatrien und der Vergütungssysteme und dabei ein vehementer Kritiker des pauschalierenden Entgeltsystems für Psychiatrie und Psychosomatik (PEPP). Im Auftrag des Gesundheitsministeriums der Bundesregierung formulierte er die gutachterliche Stellungnahme zum PEPP zur Anhörung im Mai 2014 im Gesundheitsausschuss des Bundestages. Er forderte: „Ein neues Vergütungssystem in der Psychiatrie und Psychosomatik darf schwerst psychische Erkrankte nicht benachteiligen, muss die sektorenübergreifende Behandlung fördern und die Verweildauer verkürzen, ohne Drehtüreffekte zu erzeugen.“ (Gutachterliche Stellungnahme zum Kabinettsentwurf eines Gesetzes und zur PsychVVG)[12]
Als Patientenfürsprecher trat er für die Anliegen der Betroffenen ein. Deshalb wurde 1997 ein Landesverband Psychiatrie-Erfahrener in Bremen gegründet, und dass es ab 2012 in Bremer Kliniken einen Patientenfürsprecher geben musste.
Im Rahmen des 1999 von ihm mitbegründeten Netzwerk(s) Zukunftsgestaltung und seelische Gesundheit organisierten er und seine Ehefrau in Bremen ab 2010 Die Woche der seelischen Gesundheit Diskussionsforen aus unterschiedlichen stadtgesellschaftlichen Gruppen. 2025 fand die 14. Woche der seelischen Gesundheit statt.
Er wirkte 2006/07 in der von Detlev Albers geführten Landeskommission der SPD für die Entwicklung des Hamburger Programms der SPD mit.
Mitgliedschaften
- Mitglied der Deutschen Gesellschaft für soziale Psychiatrie (DGSP) seit 1971
- Gründungsmitglied des Vereins Zukunftsgestaltung und seelische Gesundheit seit 2000
- Vorstand der Aktion Psychisch Kranke (APK) von 1999 bis 2014
- Netzwerk Selbsthilfe Bremen
- Förderverein Pro Asyl
- Mitglied der SPD
- Mitglied im Kirchenvorstand der Trinitatis-Gemeinde Bremen
Werke (Auswahl)
- 1968: Die Freisetzung von Acetylcholin durch die motorischen Nervenendigungen Deutung experimenteller Befunde durch ein Analogmodell, Diss. FU Berlin 1968.
- 1981: Das Prinzip der Einfachheit als Orientierungshilfe für professionelles Handeln in der Psychiatrie. In: Sozialpsychiatrische Informationen 11 (63/64), S. 45–50.
- 1986: Was heißt hier eigentlich Zentrum? Nochmal: Kloster Blankenburg und die Folgen. In: DGSP-Rundbrief 19 (33), S. 28–31.
- 1991: Mit Geld die Verbundenheit fördern? In: Petra Gromann-Richter (Hg.): Was heißt hier Auflösung? Die Schließung der Klinik Blankenburg. Bonn: Psychiatrie-Verlag (Werkstattschriften zur Sozialpsychiatrie, 48), S. 89–99.
- 1993: Weltkongress für Psychiatrie 1994: Stand der Vorbereitungen und Programm. In: Soziale Psychiatrie (Rundbrief der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie) 17 (4), S. 20–23.
- 1994 mit Bernhard Jagoda, Aktion Psychisch Kranke (Hg.): Personalbemessung im komplementären Bereich – von der institutions- zu personenbezogenen Behandlung und Rehabilitation. Bonn: Selbstverlag.
- 1999 mit Heiner Kunze, Aktion Psychisch Kranke (Hg.): Personenbezogene Hilfen in der psychiatrischen Versorgung. Tagungsbericht, Bonn, 23./24. April 1997. Köln i.e. Pulheim, Bonn: Rheinland-Verlag; Habelt (Tagungsberichte, 24).
- 1999 mit Heinrich Kunze, Karl-Ernst Brill: Von institutions- zu personenzentrierten Hilfen in der psychiatrischen Versorgung. Bd. 1. Baden-Baden: Nomos (Schriftenreihe des Bundesministeriums für Gesundheit, 116).
- 2006 mit Christian Reumschüssel-Wienert, Andreas Brand, Peter Grampp: Dokumentation im gemeindepsychiatrischen Verbund. Bericht zum Forschungsprojekt Konzeption, Entwicklung und Erprobung eines integrierten und kompatiblen patientenorientierten Dokumentationssystems, Hg. v. Aktion Psychisch Kranke, Bonn.
- 2010: Perspektiven der Krankenhausbehandlung. Was macht das zukünftige Entgeltsystem aus den Kliniken für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik? In: Soziale Psychiatrie (Rundbrief der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie) 34 (1), S. 10–13.
- 2015: Steuerung der Organisation und Finanzierung des psychiatrischen Hilfesystems – eine gesundheitspolitische Aufgabe. In: Jürgen Armbruster, Anja Dieterich, Daphne Hahn und Katharina Ratzke (Hg.): 40 Jahre Psychiatrie-Enquete. Blick zurück nach vorn. Köln: Psychiatrie-Verlag, S. 180–198.
- 2016: Situation der Psychiatrie im Land Bremen, Blockaden überwinden – Krisen sind Wegweiser. Vortrag im Landesteilhabebeirat Bremen.
Einzelnachweise
- ↑ 1996 ernannte ihn der Akademische Senat zum Honorarprofessor der Universität Bremen für Psychiatrie und Psychopathologie (Beschluss 7198 v. 3. März 1996).
- ↑ a b Nachruf der DGSP vom 24. Januar 2025 zum Tod von Prof. Dr. Peter Kruckenberg.
- ↑ Renate Schernus: Vom Mannheimer Kreis zur Deutschen Gesellschaft für Sozialpsychiatrie (DGSP), Symposium zum 80. Geburtstag von Klaus Dörner, S. 1, Gütersloh 2013.
- ↑ Festschrift Prof. Dr. Peter Kruckenberg zur Verabschiedung aus dem Berufsleben: „Irr(e)-Wege und neue Wege – Zukunftsgestaltung und seelische Gesundheit in Bremen“. 6. März 2004 im Bremer Rathaus, Vortrag Dr. Niels Pörksen: Beruf und Berufung Peter Kruckenbergs Beitrag zur Neugestaltung der Psychiatrie, S. 47.
- ↑ Interview von Peter Kruckenberg vom 15. Januar 2004, S. 6, Bremen 2004.
- ↑ Interview von Peter Kruckenberg v. 15. Jan.2004, S. 6, Bremen 2004.
- ↑ Gerda Engelbracht: Von der Nervenklinik zum Zentralklinikum Bremen-Ost. Bremer Psychiatriegeschichte von 1945–1977, Bremen 2004.
- ↑ Nach der Psychiatrie-Enquête 1975 schloss Bremen eine Vereinbarung mit der Behindertenhilfe zur Einrichtung ambulanter Hilfsangebote sowie kleiner Wohneinheiten und löste die Psychiatrie ab 1980/81 schrittweise auf. Dies gilt als bundesweit einzigartiges Modellprojekt mit dem bis dahin konsequentesten Ansatz des Deinstitutionalisierens. 1988 wurde die Psychiatrie geschlossen.
- ↑ Peter Kruckenberg: Der Beitrag der Universitäten zur Psychiatriereform, Antrittsvorlesung Universität Bremen 1996, S. 13.
- ↑ Angelehnt an das Zitat einer der Gründungsväter der sozialen Psychiatrie, Klaus Dörner: „Psychiatrie ist trialogische Psychiatrie, oder sie ist keine Psychiatrie“. Der Trialog in der Psychiatrie ist ein offener, gleichberechtigter Austausch zwischen drei Gruppen: Betroffenen, ihren Angehörigen und professionellen Fachleuten (Ärzte, Pflegekräfte, Therapeuten), um gegenseitiges Verständnis zu fördern.
- ↑ Festschrift Prof. Dr. Peter Kruckenberg zur Verabschiedung aus dem Berufsleben: „Irr(e)-Wege und neue Wege – Zukunftsgestaltung und seelische Gesundheit in Bremen“ 6. März 2004, Rathaus Bremen, Vortrag Dr. Niels Pörksen: Beruf und Berufung Peter Kruckenbergs Beitrag zur Neugestaltung der Psychiatrie, S. 45 f.
- ↑ Kruckenberg, Ausschussdrucksache 18(14)0023(1), Stellungnahme zur Anhörung im Gesundheitsausschuss, S. 3, Berlin 2014 und Ausschussdrucksache 18(14)197 (39), Stellungnahme der DGSP – Einstieg in eine neue Phase der Psychiatriereform in Deutschland über das weiterentwickelte PsychVVG, 13 S., Bremen 2016