Pedrazzinibrunnen
Der Pedrazzinibrunnen (italienisch Fontana Pedrazzini) ist ein 1925 eingeweihter, monumentaler Gedenkbrunnen in Locarno im Schweizer Kanton Tessin, der dem Unternehmer, Politiker und Philanthropen Giovanni Pedrazzini (1852–1922) gewidmet ist. Er wurde von Ferdinando Bernasconi und Giacomo Alberti entworfen. Die Bronzeplastiken stammen von Fiorenzo Abbondio.
Geschichte
Der 1852 in Locarno geborene Giovanni Pedrazzini emigrierte mit 25 Jahren nach Amerika und gelangte über Unternehmungen im Bergbau in der Sonora-Wüste zu immensem Reichtum. 1900 kehrte er zusammen mit seiner mexikanischen Frau Dolores Palacio und seinen Kindern nach Locarno zurück und entfaltete hier eine rege Tätigkeit. So war er in die Gründung und Entwicklung der Elektrizitätsgesellschaft Locarno (1903, heute Società Elettrica Sopracenerina), der Standseilbahn Locarno–Madonna del Sasso (1906), der Maggiatalbahn (1907), der Strassenbahn Locarno (1908) und der Immobiliengesellschaft Locarno involviert. Ausserdem sass er in den Verwaltungsräten der Papierfabrik Locarno-Tenero und der Schweizerischen Bankgesellschaft. Er war Mitglied des Gemeindeparlaments von Locarno und des Grossen Rats, von 1914 bis 1916 war er zudem der letzte konservative Bürgermeister[1] von Locarno. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Monaco, wo er 1922 starb.[2]
Nach seinem Tod konstituierte sich unter Achille Gianella, Direktor der Locarner Filiale der Schweizerischen Bankgesellschaft,[3] ein Initiativkomitee, das dem Gemeinderat Locarnos anbot, der Gemeinde einen Monumentalbrunnen zu Ehren des Verstorbenen zu schenken. Er sollte dem Wunsche des Komitees nach auf der zentralen Piazza Grande zu stehen kommen. Die Kosten waren auf 80'000 Franken veranschlagt. Das Gemeindeparlament nahm das Anerbieten nach Anhörung einer Expertenkommission dankend an, überliess es aber dem Gemeinderat, den definitiven Aufstellungsort zu bestimmen. Dieser entschied sich gegen eine Platzierung auf der Piazza Grande, obwohl der Bürgermeister Giovan Battista Rusca dafür war, und setzte stattdessen einen noch namenlosen Platz im von Pedrazzini geförderten Quartiere Nuovo fest.[4]
Bezahlt wurde der Brunnen von «Minas Pedrazzini» in Paris, der Schweizerischen Bankgesellschaft in Locarno, der Maggiatalbahn, der Elektrizitätsgesellschaft Locarno, der Papierfabrik Locarno-Tenero und der Standseilbahn Locarno–Madonna del Sasso.[5]
Im Juni 1923 schrieb das Komitee einen Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfen aus. Zugelassen waren alle Tessiner Künstler, auch wenn sie ausserhalb des Kantons wohnten, und Schweizer Künstler aus anderen Kantonen, wenn sie seit mindestens fünf Jahren im Tessin lebten. Die ausgelobte Preissumme betrug insgesamt 2000 Franken. Einsendeschluss war der 30. September.[6] Rund fünfzig Entwürfe gingen ein,[7] die vom 14. bis 27. Oktober im Gebäude der Elektrizitätsgesellschaft Locarno (heute Palazzo della Sopracenerina) an der Piazza Grande ausgestellt wurden.[8][9] In der Jury sassen die beiden Architekten Otto Maraini und Americo Marazzi, der Maler Edoardo Berta und der Bildhauer Giuseppe Chiattone, allesamt aus Lugano, ferner Professor Giacomo Mariotti aus Locarno.[7]
Am 25. Oktober 1923 besammelte sich die Jury erstmals und diskutierte angeregt bis in die Abendstunden.[10] Da ihrer Meinung nach keines der eingesandten Projekte «allen Ansprüchen des Wettbewerbs» genügte, vergab sie keinen ersten Preis, sondern nahm lediglich eine Klassifikation vor: Als Entwürfe ersten Grades wies sie «Präludium» (Preludio) der Architekten Ferdinando Bernasconi und Giacomo Alberti und «Ländlicher Frieden» (Pace agreste) des Bildhauers Giuseppe Foglia, als Entwurf zweiten Grades «Triumph der Initiative»(Trionfo dell’iniziativa) von A. Ziegler und A. Camisasca aus. Die Jury eröffnete einen zweiten Wettbewerb, zu dem die drei genannten und vier weitere Teilnehmer eingeladen waren.[9][11] Letzten Endes entschied sie sich für das Projekt von Bernasconi und Alberti.
Im August 1924 nahm die Firma «Giuseppe Gobba» die Bauarbeiten auf.[12] Fiorenzo Abbondio modellierte die Plastiken, die bei Ambrogio Brambilla in Mailand gegossen wurden.[5] Ursprünglich sollte die Einweihung Anfang März 1925, anlässlich von Pedrazzinis drittem Todestag, stattfinden.[13] Die Bronzefiguren kamen am 12. März in Locarno an.[14]
Die bescheidene Einweihungsfeier wurde schliesslich am 26. April 1925 abgehalten. Um 11:00 Uhr versammelte sich eine geschlossene Gesellschaft im Palazzo Marcacci. Der Präsident des Denkmalkomitees Gianella übergab den Brunnen der Stadt, in deren Namen Bürgermeister Rusca ihn in Empfang nahm. Pedrazzinis Sohn Paolo bedankte sich im Namen der Familie.[5][15]
Beschreibung
Der Pedrazzinibrunnen steht auf der nach ihm benannten Piazza Giovanni Pedrazzini im Quartiere Nuovo. Er ist etwa 7 Meter hoch und hat einen Durchmesser von gut 11 Metern. Etwa 60 Kubikmeter Osogna-Granit wurden zu seiner Erbauung verwendet. Auf dem Rand des äusseren kreisförmigen Beckens, den Achsen der Via della Pace und der Via Bramantino folgend, sitzen vier allegorische Figuren, zwei Sirenen und zwei Tritonen oder Seeungeheuer. Konzentrisch dazu erhebt sich ein zweites Becken mit kleinen, bronzenen Fröschen auf dem Rand. Aus ihm ragt das zentrale Brunnenelement mit oktogonalem Grundriss, dessen zweiter Block mit vier steinernen Putten im Relief geschmückt ist. Darüber kragt ein weiteres Becken aus, in dem der abschliessende Aufbau steht, der mit vier wasserspeienden Maskaronen geschmückt ist. Aus seiner Spitze schiesst eine Fontäne, die zusammen mit den vier Maskaronen das obere Becken füllt, dessen Wasser in das zweite Becken und von hier in das Hauptbecken überfliesst. Letzteres wird ausserdem von den Fröschen und den allegorischen Figuren gespeist. Bei der Einweihung des Brunnens betrug die Wassermenge 8 Liter pro Sekunde.[16]
Siehe auch
Literatur
- Riccardo M. Varini: Piazza Fontana Pedrazzini, dedicata a Giovanni Pedrazzini (1852–1922). In: Bollettino della Società storica locarnese. Band 15. 2012, S. 155–157, doi:10.5169/seals-1034195.
- Jona Mantovan: Celebrata la centenaria Fontana Pedrazzini di Locarno. In: Corriere del Ticino. 24. August 2025.
Einzelnachweise
- ↑ Cento anni di sindacatura Plr a Locarno. In: laRegione. 11. Juni 2017 (PDF; 426 kB).
- ↑ Riccardo M. Varini: Piazza Fontana Pedrazzini, dedicata a Giovanni Pedrazzini (1852–1922). In: Bollettino della Società storica locarnese. Band 15. 2012, S. 155–157, doi:10.5169/seals-1034195.
- ↑ Jona Mantovan: Celebrata la centenaria Fontana Pedrazzini di Locarno. In: Corriere del Ticino. 24. August 2025.
- ↑ Tristamente e mestamente… In: Popolo e Libertà. 4. Oktober 1923, S. 2 (online).
- ↑ a b c La fontana Pedrazzini. In: Popolo e Libertà. 27. April 1925, S. 2 (online).
- ↑ Fontana decorativa. In: Popolo e Libertà. 21. Juni 1923, S. 4 (online).
- ↑ a b Concorso chiuso. In: Popolo e Libertà. 3. Oktober 1923, S. 2 (online).
- ↑ Fontana Pedrazzini. In: Popolo e Libertà. 12. Oktober 1923, S. 2 (online).
- ↑ a b Fontana Pedrazzini. In: Popolo e Libertà. 26. Oktober 1923, S. 3 (online).
- ↑ Per la Fontana Pedrazzini. In: Gazzetta Ticinese. 25. Oktober 1923, S. 3 (online).
- ↑ La Fontana Pedrazzini. In: Gazzetta Ticinese. 25. Oktober 1923, S. 3 (online).
- ↑ Fontana Pedrazzini. In: Popolo e Libertà. 26. August 1924, S. 2 (online).
- ↑ Locarno e dintorni. In: Gazzetta Ticinese. 24. Januar 1925, S. 2 (online).
- ↑ Fontana Pedrazzini. In: Gazzetta Ticinese. 12. März 1925, S. 2 (online).
- ↑ La consegna della fontana Pedrazzini. In: Gazzetta Ticinese. 27. April 1925, S. 2 (online).
- ↑ La fontana Pedrazzini. In: Popolo e Libertà. 13. November 1924, S. 2 (online).
Koordinaten: 46° 10′ 1,8″ N, 8° 47′ 56,6″ O; CH1903: 705069 / 113766