Pawel Alexandrowitsch Kruschewan

Pawel Alexandrowitsch Kruschewan (rumänisch Pavel Alexandrovici Cruşeveanu; russisch Павел Александрович Крушеван) (* 15. Januarjul. / 27. Januar 1860greg. in Ghindești, heute Rajon Florești, Republik Moldau; † 5. Junijul. / 18. Juni 1909greg. in Kischinjow) war ein Journalist, Romanschriftsteller, Herausgeber, Verleger und ein Beamter des kaiserlichen Russland, der der rechtsextremen Schwarzen Hundertschaft angehörte. Er war der Herausgeber der ersten später nicht mehr weiterverbreiteten Version der antisemitischen Schrift Protokolle der Weisen von Zion.

Leben

Pawel Kruschewan entstammte einem verarmten moldauischen Adelsgeschlecht.[1] Früh verlor er seine Mutter und sein Vater war meist abwesend. Dass dieser Vater in zweiter Ehe eine Jüdin heiratete, war ihm womöglich nicht bekannt. Bei dieser Frau und mit der Halbschwester Anastasia aus dieser zweiten Ehe des Vaters, wuchs er auf. Mit 14 Jahren begann er ein „literarisches Tagebuch“ zu führen, las Tolstoi, den er später verwarf, und lernte Französisch. Er verließ die Schule im zu 60 %[1] jüdischen Soroki mit 16 oder 17 Jahren und ging nach Odessa und von dort nach Kischinjow, wo er Büroangestellter der Stadtduma wurde und ab 1882 erste Schriften veröffentlichte.

Von 1887 bis 1896 arbeitete er als Journalist, zunächst nur für gemischte Meldungen, bei den Zeitungen Minski listok („Minsker Blättchen“), Wilenski westnik („Wilnaer Bote“) und Bessarabski westnik („Bessarabischer Bote“). In der Anfangszeit waren seine Beiträge von einem progressiven[1] Geist geprägt und er war auch noch kein Antisemit. Er begann auch Romane zu schreiben und hatte mit Delo Artabanova[1] einen gewissen Erfolg.

Zunehmend wurde er gegen Juden gehässig. Dass Anastasia ebenfalls in eine jüdische Familie heiratete, jüdisch konvertierte und den Namen Sarah[1] annahm und mit ihrem Mann Efim (Efraim) Borenstein nach Baltimore in den USA auswanderte, nahm er nicht nur persönlich, sondern stellte das Ganze in der Presse als eine von Juden in die Tat gesetzte Entführung zwecks Lösegelderpressung dar. Gegen Jacob Bernstein-Kogan, den Vorsteher der jüdischen Gemeinde von Kischinjow und ehemaligen Mitschüler am Gymnasium, führte er eine antisemitische Verleumdungskampagne.[1]

Er schrieb die Reiseberichte Schto takoje Rassija?[1] über seine Gespräche mit Menschen während Bahnreisen im Russischen Reich und verbreitete darin insbesondere die antisemitische Vorstellung, wonach Juden die Weltherrschaft erreichen wollten, die sogenannte „Jüdische Weltverschwörung“. Dieser Reisebericht hat einen anonymen Erzähler, der diese Ansichten äußert, was nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass Kruschewan diese vertrat. So hält er ihnen einen mangelnden Integrationwillen vor. Dabei lässt er auch jüdische Mitreisende zu Wort kommen, die seine Kenntniss der Lage der Juden im Ansiedlungsrayon aufzeigen. Trotz seinen Schlussfolgerungen sind es teilweise akurate Beschreibungen der Probleme dieser Gemeinschaft, die auch jüdische politische Bewegungen wie die Zionisten kritisiert haben, so spricht er die Entfremdung von der landwirtschaftlichen Arbeit an. Einen jungen jüdischen Begleiter lässt er sagen, er gebe ihm zwar in den meisten Dingen recht, doch komme dies von „der Isolation von der Familie der Menschen“.

Während er in dem Buch noch im Geist einer Art Aktivität heischender Mitleidigkeit gegenüber den Juden Russlands argumentierte, verkam sein Diskurs bald zur platten antijüdischen Propaganda. 1897 kaufte er die in finanziellen Schwierigkeiten steckende russischsprachige Kischinjower Zeitung Bessarabez[1] („Der Bessaraber“, täglich acht Seiten). Die Zeitung war zwar ein Blatt der Gesamtaktualität mit Literaturteil, kam aber obsessiv auf das Thema Juden zurück. Längst war er damit dem Zar (positiv) aufgefallen, der einen Reiseführer[1] über Bessarabien als besonders lesenswert bezeichnete, worauf die Administration seine Schriften subventionierte. Snamja sollte später 5000[1] Rubel an staatlichen Zuschüssen erhalten.

Kruschewan geriet jedoch in Geldnöte, verkaufte Bessarabez vorgeblich und meldete Privatkonkurs an. Er hatte 11.400[1] Rubel Schulden, die Liste seiner versteigerten Effekten liest sich wie die eines kleinen Mannes. Es ist unbekannt, ob er die Schulden jemals alle abzahlte. Faktisch gab er bei Bessarabez weiter die Anweisungen, wie erhaltene Briefe belegen, und bezog die Abonnenteneinnahmen, worauf der neue Besitzer ihn verklagte. Nachdem am 6. Februar 1903 etwa 25 Meilen nördlich von Kischinjow ein Junge tot aufgefunden war, wurde in seiner Zeitung Bessarabez angedeutet, dass er wohl von Juden getötet worden sei, was in der Folge Anfang April das Pogrom von Kischinjow auslöste. Kruschewan war zu dem Zeitpunkt in Sankt Petersburg, doch waren der Bauunternehmer Georgi Pronin,[1] ein gewisser Popov, der Richter Dawidowitsch, sowie ein fast analphabetischer Arbeiter namens Stepanov, alle im Umkreis eines von ihm gegründeten Vereins, aktiv beteiligt. Bei den Morden an Juden schrie der Mob den Namen Kruschewan.

Der Bürgermeister Karl Schmidt[1] sah dann auch in ihm den Hintermann. Zu einer militanten Gruppe junger sozialistischer Zionisten gehörte der Kyjiwer Student Pinchas Daschewski (1879–1934), der am 17. Juni 1903 ein Attentat auf ihn verübte und ihn mit einem Messerstich im Nacken verletzte.[2][3] Kruschewan überlebte das Attentat, aber lebte danach in ständiger Angst. Dank der Verteidigung durch den Anwalt Oskar Grusenberg musste der Attentäter nur einen Teil seiner Strafe absitzen. Kruschewan hatte inzwischen weltweite Bekanntheit erlangt, besonders in der jüdischen Diaspora. Wjatscheslaw von Plehwe[1] sollte jedoch später als der eigentliche Verantwortliche des Pogroms gelten. Ab 1903 leitete er die Sankt Petersburger Tageszeitung Snamja (auch Znamia, „Das Banner“), dort wurden erstmals die Protokolle der Weisen von Zion als Text einer angeblichen „Internationalen Union der Freimaurer und Weisen von Zion“[1] veröffentlicht. Dieser Text erschien als Feuilleton über neun Ausgaben der Zeitung. 1906 wurde er Chefredaktor der Kischinjower Tageszeitung Drug („Der Freund“). Beide Zeitungen leitete er gleichzeitig. Das Petersburger Blatt erschien 14-täglich in vier Großformatseiten und nur für Abonnenten,[1] da die Behörde jede der von antisemitischen Topoi gespickten Nummern zuerst zensurierend durchlas.

Kruschewan äußerte selbst Zweifel an der Echtheit der Protokolle der Weisen von Zion, ihr enormer Zuspruch in der Öffentlichkeit war ihm später eher unangenehm, weil die wilden Verschwörungstheorien über ihren angeblichen Ursprung wohl über sein Ziel hinausgegangen waren.[1] Jene politisch-religiösen Kreise, die den Antisemitismus bald auf die Stufe einer (Pseudo-)Wissenschaft erhoben, sahen in der Version von Kruschewan und seinem Mitstreiter G. Butmi aus Jampil einen gewissermaßen apokryphen Text.[1] Kruschewan wurde immer häufiger nur noch in rechtsextremen Splitergruppen rezipiert. 1905 organisierte er die Bessarabische Patriotische Liga und gründete den bessarabischen Zweig des Bund des russischen Volkes. Von 1906 bis 1909 diente er als Sprecher der Stadtduma von Kischinjow. 1907 wurde er als Vertreter Bessarabiens in die zweite russische Staatsduma[1] gewählt. Er druckte die Zeitungen von Hand mit zwei eigenen Maschinen, die in seiner Wohnung standen, und nahm kaum am gesellschaftlichen Leben teil.

Im Alter von 49 Jahren starb er an Krebs. Lenin hatte mit „Kruschewinern“[1] politische Gegner bezeichnet, die er als ultra-reaktionär ansah. Postum wurde Pawel Kruschewan beim Berner Prozess 1934/1935 diskutiert, als Schweizer Juden ein Verbot der Protokolle der Weisen von Zion gerichtlich zu erstreiten versuchten. In den Jahren des Zweiten Weltkriegs gab es jiddische Lieder, die Kruschewan neben den gegenwärtigen Schlächtern, als größten Feind der Juden besangen. Heute kursieren Vermutungen, Kruschewan habe die Protokolle der Weisen von Zion ganz einfach selbst geschrieben. Der Roman Delo Artabanova wurde in Russland neu aufgelegt. 2015 erschien in Moskau ein grosser Kruschewan-Sammelband, der jeden Antisemitismus-Vorwurf gegen ihn zurückweist. Er gilt im heutigen russischen Geschichtsdiskurs als pro-russischer moldauischer Intellektueller und russischer Patriot.[1]

Schriften (Auswahl)

  • Schto takoje Rassija? (Was ist Russland?), 1896–1897

Literatur

  • Michael Hagemeister: Kruschewan, Pawel, in: Handbuch des Antisemitismus, Band 2/1, 2009, S. 441 f.
  • Michael Hagemeister: Die „Protokolle der Weisen von Zion“ vor Gericht. Der Berner Prozess 1933–1937 und die „antisemitische Internationale“. Zürich : Chronos, 2017, ISBN 978-3-0340-1385-7, Kurzbiografie S. 543.
Commons: Pavel Krushevan – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v Steven J. Zipperstein: Pogrom : Kichinev ou comment l’Histoire a basculé. Traduit par Odile Demange. Éditions Flammarion, Paris 2025, ISBN 978-2-08-046064-6, S. 156 ff., 221 ff., 228 f., 234–257.
  2. Simon Dubnow: Weltgeschichte des jüdischen Volkes. Band 10: Das Zeitalter der zweiten Reaktion (1880–1914). Jüdischer Verlag, Berlin 1929, S. 375.
  3. Monty Noam Penkower: The Kishinev Pogrom of 1903: A Turning Point in Jewish History. In: Modern Judaism. Oxford University Press. Jg. 24, 2004, H. 3, S. 187–225, hier: S. 193.